Kap. 4: Zu den Motivtypen einer Diskrepanz-Dramatik ('Lächerlichkeit, Unvollkommenheit, Bösartigkeit' des Menschen).


INHALT:

1. Zur Dramatik der Diskrepanz von Norm und normverletzender Wirklichkeit im menschlichen Handeln.

2. Motivschwerpunkte antiker erzählerischer 'Diskrepanz'-Dramaturgie.

3. Beispiele für die dramaturgische Gestaltung einer Diskrepanz-Dramatik in antiken Romanen.

4. Literatur, Medien, Quellen.

1. Zur Dramatik der Diskrepanz von Norm und normverletzender Wirklichkeit im menschlichen Handeln.

Die normativen Erwartungen, mit denen das Recht, die Sitte und Moral, die Perfektionsnormen der Religion, der Ehre, der Philosophie und der Bildung jeden Menschen ständig konfrontieren, werden im faktischen Lebensvollzug ebenso ständig mißachtet und enttäuscht: Machtverhältnisse, Eigeninteressen, übermächtige Triebe und Gefühle, Leichtsinn, Unaufrichtigkeit und Unkenntnis, Mißverständnisse und Vergessen des schwer zu Erfüllenden oder schwer zu Lösenden führen nicht nur zu einer gelegentlichen, sondern zur fast gewohnheitsmäßigen faktischen Mißachtung des normativ auf unterschiedliche Weise Gebotenen, und dies selbst dann, wenn es sogar praktisch im Interesse des Mißachtenden selbst gelegen hätte, sich an ihm bekannte normative Maßstäbe zu halten. Die das menschliche Handeln beherrschende Faktizität der 'Bösartigkeit'', 'Unvollkommenheit' oder 'Lächerlichkeit', die so auffallend mit den idealen Prinzipien des 'Guten', 'Wahren' und 'Schönen' kontrastiert, fordert die menschliche Wahrnehmung als ständiges, prinzipiell unlösbares Problem heraus und erzeugt so im Denken und Handeln sowohl des 'Normverletzeres als auch seiner Umwelt eine besondere Form natürlicher Dramatik, die man 'Diskrepanz-Dramatik' nennen kann.

'Skandale', 'Verbrechen', Unsittlichkeiten', 'Unanständigkeiten', ja einfache 'Geschmacklosigkeiten', pflegen, vor allem wenn sie sozial höherstehenden oder mit besonderem Selbstbewußtsein und Geltungsbedürfnis auftretenden Menschen zuzurechnen sind, ein breites und intensives Publikumsinteresse zu finden. Das Interesse reicht dabei vom Gerechtigkeitsempfinden und sittlichen Bewußtsein über politische oder kulturelle Kritik bis zu dem, was man in heutiger Zeit als trivialen Typus eines 'Bild-Zeitungs-Interesses' bezeichnen könnte. Von Interesse ist es dabei, wie es entgegen der Erwartung zur Diskrepanz kommt, was daran Schicksal oder Eigenverschulden von Menschen ist, welche Sanktionen erfolgen, wie sich die Betroffenen mit diesen abfinden und wie die allgemeine Geltung der durch die Diskrepanz verletzt gesehenen normativen Prinzipien - wie Wahrheit, Anstand, Pflichterfüllung, Selbstbeherrschung, Lebenklugheit , Mäßigung, Bescheidenheit, Realismus, Voraussicht, Ehre, Würde, Dezenz oder Geschmack - wiederhergestellt wird.

Die menschliche Einstellung zu einer Diskrepanz von Norm und Realität kann empört, kritisch, konfessorisch, witzig oder satirisch, resignativ oder auch verzeihend sein. Immer aber gehört es wohl zu ihr, für Normverstöße - welcher Art auch immer - irgendeine Sanktion entweder zu erwarten, herbeizuwünschen oder auch aktiv herbeizuführen. Trifft den Normverletzer sei es durch Zufall, sei es geplant irgendein Übel, so neigt menschliche Erwartungshaltung dazu, dieses als 'Vergeltung des Schicksals', als gottgewollten 'Sieg des Guten' oder als 'verdiente', 'gerechte Strafe' anzusehen. Dabei gibt es ein feines menschliches Empfinden für ein 'gerechtes' Verhältnis zwischen Normverstoß und seinen als nötig erachteten Folgen, und nur wenn diese - und sei es noch so lange nach dem Ereignis - eintreten, erscheint ihm die 'Welt wieder in Ordnung gebracht'.

Eine erzählerische Dramaturgie kann eine solche natürliche 'Diskrepanz-Dramatik' aufgreifen, kunstvoll gestalten und verstärken und so - über die eher form- und ziellos verlaufende Dramatik des Alltags weit hinausführend - für ein Publikum interessant und bedeutsam machen. Sie kann dabei insbesondere weit mehr als ein alltägliches Diskrepanzbewußtsein auf tragische oder komische Aspekte einer Diskepanz hinweisen, Anteilnahme oder satirische Kritik erzeugen, anklagen und strafen, verstehend erklären und verzeihen.

2. Motivschwerpunkte antiker erzählerischer 'Diskrepanz'-Dramaturgie.

In der antiken 'Roman'-Literatur greift die Diskrepanz-Dramaturgie alle damaligen, recht verschiedenartigen Kategorien von Nomverstößen in unterschiedlicher, ihrer sozialen und kulturellen Bedeutung entsprechender Weise auf. Die allgemeinhistorische Quellenbedeutung dieser literarischen Bezugnahmen liegt dabei auch in der Erhellung der damals geltenden normativen Ordnungen 'von innen her', d. h. auf der Ebene des zeitgenössischen Erlebens. Je nachdem, ob es sich um Verstöße gegen göttliche Gebote und Gesetze, um Rechts- und Verfassungsverstöße, um Sittenwidrigkeiten und Anstandsverletzungen oder um Verletzungen von Regeln der Lebensklugheit, der Menschlichkeit oder des guten Geschmacks handelt, gibt es unterschiedliche literarische Gestaltungsgewohnheiten und -möglichkeiten ihrer dramaturgischen Bearbeitung. Die formgeschichtlichen Traditionen, die von der Tragödie in den 'antiken Roman' eingegangen sind, dienen der Darstellung der Verletzungen göttlichen und religiösen Rechts und Gebots Für die Darstellung der Verstöße gegen Recht und Verfassung gibt es die formgeschichtlichen Traditionen der politischen und der Gerichtsrede und der erzählenden oder wissenschaftlichen Historie. Für die Verletzungen von Sitte und Anstand stehen die formgeschichtlichen Traditionen der literarischen Polemik und Satire bereit. Komödie und wiederum Satire stellen ferner die literarischen Muster für die romanhafte Darstellung der Verletzungen von Regeln der Lebensklugheit, der Menschlichkeit oder des guten Geschmacks bereit.

Dieser - letztere - Teil einer der Norm-Wirklichkeit-Diskrepanz scheint in der uns bekanten antiken 'Roman-Literatur' das weitaus größte Interesse eines antiken romanlesenden Publikums zu finden. Das hängt wohl damit zusammen, daß sie auf unproblematische, effektiv wenig verletzende Weise einen größtmöglichen Unterhaltungswert für ihr antkes Lesepublikum liefern kann.

Aus dem überlieferten Bestande der antiken 'Roman-Literatur' ergibt sich demgegenüber der Eindruck , daß - zumindest aktuelle - leidenschaftserregende politische oder rechtliche oder gravierende sittliche Norm-Realität-Diskrepanzen dort nicht in demselben Maße als Motivschwerpunkte aufgegriffen werden, wie dies etwa in heute gängigen - von den Bedingungen 'demokratischer Massengesellschaft' geprägten - literarischen Formen des 'Kriminalromans', des 'Geschichtsromans' oder des kolportageartigen 'Enthüllungsomans - der Fall ist. Es kann vielmehr als für die römische Kaiserzeit, auch in ihren 'zivileren' Epochen (etwa des 'Adoptiv-Kaisertums'), üblich gelten, daß sich einerseits politische Kritik, zumindest der typischen Romanautoren und Romanleser, nur vorsichtig festlegt und bekennt und daß andererseits strafrechtliche Fragen nicht als Begleiterscheinungen eines allgemeinen bürgerlichen Alltags, sondern als solche besonderer straftatgeneigter Milieus und Sozialschichten - wie z. B. der in Romanen besonders beliebten 'Räuber'- oder 'Halbwelt'-Mileus - begriffen und dargestellt zu werden pflegen.

Wiederum gibt es aber kaum einen überlieferten antiken Roman, in dem nicht ein irgendwie gearteter menschlicher Verstoß gegen göttliches Gesetz, göttliche Bestimmung oder göttlichen Respektsanspruch , insbesondere das häufig im Mittelpunkt stehende menschliche 'Hybris'-Verhalten, als wesentliches Moment einer Diskrepanz-Dramaturgie Verwendung findet. Die im antiken 'Roman' so deutlich hervortretende, manchmal etwas oberflächlich, oft aber auch durchaus fromm wirkende allgemeinreligiöse Einstellung, daß es menschlichem Handeln als Tendenz innewohne, sich selbst zu überheben und mehr oder weniger unbedacht göttlichen Willen zu verletzen, darf in seiner außerliterarischen, mentalitätsgeschichtlichen Bedeutung innerhalb der antiken Religions- und Kulturgeschichte nicht unterschätzt werden. Es dürfte dem noch heute wirksamen, antiker Tradition entstammenden 'christlichen Sündenbewußtsein' verwandt sein.

3. Beispiele für die dramaturgische Gestaltung einer Diskrepanz-Dramatik in antiken Romanen.

Im folgenden werden einige Motivschwerpunkte aus dem angesprochenen Themenkreis exemplarisch vorgeführt. Der erste Textauszug - das berühmte 'Gastmahl des Trimalchio' aus dem 'Satyricon' des Petronius - betrifft einen Fall der dramatischen Normüberschreitung durch kumulierte Indezenz, die im allgemeinen nur durch Verspottung geahndet wird. Der zweite - aus Apuleius' 'Metamorphosen' - steht für eine antike Form des 'Kriminalromans', die 'Räubergeschichte': in ihr erhält die Normüberschreitung durch die kumulierte Begehung schwerster Gesetzesverstöße einer Gesellschaft berufsmäßiger Gesetzesbrechern ihren dramatischen Charakter. Die nötige Sanktion ist am Ende die Hinrichtung der Übeläter und völlige Auslöschung der Bande. Im dritten Textauszug - der Erzählung über 'das Ende des Peregrinus Proteus - liegt die Normüberschreitung letztlich in der Verletzung einer religiöser Traditionenund Pflicht zur Geduld gegenüber dem göttlich verordneten Lebensschicksal durch einen Wanderprediger, welcher in seiner prinzipiellen - dem Christentum etwas affinen - Weltverneinung nicht nur Lachen, sondern gehässige Ablehung erzeugt und sich nach Auffassung des Erzählers zu Recht selbst umbringt. Das vierte Textbeispiel steht für die in antiken Romanen häufiger als dramatischer Auslöser vorkommende 'Hybris' eines Menschen gegenüber irgendeiner Gottheit. Der - religiöse - Normverstoß, der das dramatische Geschehen auslöst, ist irgendein unbescheidenes oder unbedachtes Auftreten gegenüber irgendeiner Gottheit - im vorliegenden Falle Eros - , das deren scharfe Reaktion in Form einer Verwirrung und Gefährung des Lebens des Normverletzers auslöst, welche aber letztlich nur der religiösen Sühne und Läuterung dient. Die 'Hybris' ist somit die Rechtfertigung für eine dramaturgische Ausmalung irrungs- und wirrungsreicher Liebes- und Leidensgeschichten, welche im allgemeinen wohl weniger das religiöse Empfinden als vielmehr das eher grundlose Unterhaltungsbedürfnis der Leser befriedigt haben werden.

ÜBUNG 4.

AUFGABEN:

a) Aus welcher Erzählperspektive und mit welchen dramaturgischen Mitteln werden in der nachfolgend wiedergegebenen Erzählung die Charaktere des Gastgebers, seiner Frau, seiner Haussklaven und seiner Gäste gezeichnet? Inwiefern trägt dies zur Eindrücklichkeit der Erzählung und zur Verdeutlichung ihrer Kernbotschaft bei? [Die Übersetzung des Textes ins Deutsche läßt die lateinisch-sprachlichen Gestaltungsmittel leider nur unvollkommen erkennen]

b) Stellen Sie überschlägig zusammen, woran der Erzähler im einzelnen satirische Kritik übt. Welche moral-, dezenz- und bildungsbezogenen Maßstäbe liegen dieser Kritik zugrunde? Inwieweit sind diese Ihres Erachtens gerechtfertigt? Inwiefern handelt es sich um das Lächerlichmachen eines 'neureichen Emporkömmlings aus dem Sklavenstande', inwiefern aber auch auch um eine allgemeinere 'Kulturkritik' der Entstehungszeit der Erzählung?

c) Was ist aus der Erzählung über Lebensläufe und Vermögensverhältnisse geschäftstüchtiger Freigelassener aus der Zeit des Autors zu erfahren?


Die Lächerlichkeit geschmacklosen Reichtums. Aus: Petronius, Satyricon, 27 - 79 (Das Gastmahl des Trimalchio).

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Petron, Satyricon. Ein römischer Schelmenroman. Übersetzt und erläutert von Harry C. Schnur, Stuttgart 1982, S. 36 - 92.

Das verdiente klägliche Ende einer Räuberbande: Apuleius, Metamorphosen 7, 1 - 13.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Apuleius, Der goldene Esel. Aus dem Lateinischen von August Rode. Mit Illustrationen von Max Klinger zu 'Amor und Pysche' und einem Nachwort von Wilhelm Haupt, Frankfurt M. und Leipzig 1975, S. 187 - 198.

Das lächerliche Geltungsbedürfnis und Ende eines Wanderpredigers. Lukian von Somosata, Über das Ende des Peregrinus.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Lukian, Der Lügenfreund und andere phantastische Erzählungen. Übersetzt von Christoph Martin Wieland und Karl Mras. Mit einer Einleitung und Erläuterungen von Bernhard Kytzler, München 1990, S. 11159 - 178.

Herausforderung göttlichen Zorns durch menschliche Hybris und die damit ausgelöste Dramatik. Aus: Xenephon von Ephesos, Ephesiaka, Buch 1.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Xenophon, Abrokomes und Anthia. Die Liebenden von Ephesos. Mit acht Radierungen von Fritz Cremer, Leipzig 1981, S. 5 - 10.

4. Literatur, Medien, Quellen.

Literatur:

Niklas Holzberg, Der antike Roman. Eine Einführung, Düsseldorf, Zürich 2001, S. 12 ff., 26 ff., 87 ff., 105 ff.

Einleitungen zu den Gesamtausgaben der vier unten angegebenen Quellentextauszüge.

Medien:

keine

Quellen:

Petronius, Satyricon, 27 - 79 (Das Gastmahl des Trimalchio). Deutsche Übersetzung entnommen aus: Petron, Satyricon. Ein römischer Schelmenroman. Übersetzt und erläutert von Harry C. Schnur, Stuttgart 1982, S. 36 - 92.

Apuleius, Metamorphosen 7, 1 - 13. Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Apuleius, Der goldene Esel. Aus dem Lateinischen von August Rode. Mit Illustrationen von Max Klinger zu 'Amor und Pysche' und einem Nachwort von Wilhelm Haupt, Frankfurt M. und Leipzig 1975, S. 187 - 198.

Lukian von Somosata, Über das Ende des Peregrinus. Deutsche Übersetzung entnommen aus: Lukian, Der Lügenfreund und andere phantastische Erzählungen. Übersetzt von Christoph Martin Wieland und Karl Mras. Mit einer Einleitung und Erläuterungen von Bernhard Kytzler, München 1990, S. 159 - 178.

Xenephon von Ephesos, Ephesiaka, Buch 1. Deutsche Übersetzung entnommen aus: Xenophon, Abrokomes und Anthia. Die Liebenden von Ephesos. Übersetzung und Anmerkungen von Wolfgang Kytzler. Nachwort von Wolfgang Kirsch. Mit acht Radierungen von Fritz Cremer, Leipzig 1981, S. 5 - 10.


LV Gizewski WS 2004/2005

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de