Kap. 5: Zu den Motivtypen 'Liebe und Leidenschaft'.


INHALT:

1. Zur Dramatik der 'Liebe' und Leidenschaft' im menschlichen Handeln.

2. Motivschwerpunkte antiker erzählerischer 'Leidenschafts'-Dramaturgie.

3. Beispiele für die dramaturgische Gestaltung einer 'Leidenschafts'-Dramatik in antiken Romanen.

4. Literatur, Medien, Quellen.

1. Zur Dramatik der 'Liebe und Leidenschaft' im menschlichen Handeln.

Das dem Menschen im Interesse seines Lebens und Überlebens natürlicherweise eigene, handlungsleitende Prinzip der 'Fürsorge für sich selbst' wird ebenso natürlich hin und wieder durch ein völlig anderes durchbrochen, ja mehr oder weniger zeitweilig außer Kraft gesetzt, nämlich das der 'Selbsthingabe' oder gar 'Selbstaufgabe' aus 'Liebe' und aus 'Leidenschaft'. 'Liebe' und 'Leidenschaft' lassen sich - dies ist an dieser Stelle nicht nur eine Frage persönlicher, individueller Erfahrung, sondern vor allem eine Frage anthropologisch-theoretischer Begriffsbestimmung - im Hinblick auf einen Kern ihrer Motive, Gefühle und Handlungsweisen beide sinnvoll in diesem Sinne verstehen und von anderen menschlichen Strebungen und Verhaltensweisen abgrenzen. Sie pflegen sich allerdings mit diesen zu verbinden, und auch das führt zu ihrem äußerst vielfältigen Erscheinungsbild.

'Leidenschaft' ist ferner nicht notwendigerweise auf eine konkrete andere Person bezogen , wie dies bei der 'Liebe' zu sein pflegt. Der Begriff der 'Leidenschaft' ist also weiter. Es scheint aber, daß in der Entwicklungsynamik der Seele auch eine 'liebelose' Leidenschaft - wie z. B. die 'Spielerleidenschaft' oder andere 'Sucht'-Leidenschaften - mit der Liebe' als personenbezogener Leidenschaft auf verschiedenen Weise genetisch zusammenhängen kann.

Der 'Liebe' im o. a. Sinne ebenfalls benachbart, aber ebenfalls mit ihr nicht ganz identisch ist das 'Begehren'. Es gehört zur natürlichen Triebausstattung des Menschen und kann insoweit in eine verstandesmäßig kontrollierte 'Fürsorge für sich selbst' ebenso eingehen, wie es sich andererseits mit irgendeiner Form von Zuneigung zu dem begehrten Menschen zu verbinden pflegt und in in Liebe zu ihm, also in das Gegenteil,von 'Selbstfürsorge', übergehen kann. Letzteres ist anthropologisch als ein zugleich sozialer und psychodynamischer Prozeß zu verstehen, in dem der Mensch mit seiner Triebstruktur an die Existenz anderer Menschen angebunden wird, wie dies vor allem bei Ehe- und Familienbindungen geschieht..

'Selbstfürsorge' hier , 'Leidenschaft' und 'Liebe' dort, wenn sie nebeneinander auftreten, pflegen schon im Gefühlsleben des Individuums selbst in einem mehr oder weniger großen Spannungsverhältnis zueinander zu stehen: das kann schon die Gefühle des betroffenen einzelnen Menschen in sich zu spannungs- und machtvollen oder zu widersprüchlichen und ohnmächtigen, also zu glücklichen oder unglücklichen, zu erlösten oder nur mühsam verdrängten, machen. Erst recht gilt das für das Gefühlsleben im Verhältnis des Individuums zu einem anderen Menschen; passen die Gefühle der daran Beteiligten nicht zueinander, so kann aus Liebe Leiden und aus Leiden eine besondere Form der 'Leidenschaft'werden.

In 'Liebe' und 'Leidenschaft' liegt so oder so aber stets eine ungewöhnliche Situation des Erlebens vor, und dies ist auch der Grund ihrer natürlichen Dramatik. Der Mensch wird dabei ja üblicherweise machtvoll zu einem Tun veranlaßt, das sowohl in seinen Augen als auch in den Augen anderer Menschen als untypisch für sein Wesen, insbesondere als ungewöhnlich unverstellt, unbedacht, unbeherrscht, ja als völlig unsinnig erscheint.

Dies ist die Basis einer erzählerischen 'Leidenschafts'-Dramaturgie, sowohl in der Antike, als auch in der heutigen Gegenwart. Sie verstärkt und verdeutlicht jeweils die inneren und äußeren Spannungsmomente des Liebens und der Leidenschaft, gliedert und beschreibt sie kunstvoll, versetzt sie in entsprechende äußere Umgebungen und führt sie erzählerisch gewollten, zumeist ästhetisch und moralisch belangvollen Zielen zu, die man in typischen Verlaufen einer natürlichen Dramatik der Liebe und Leidenschaft nicht so oder nur partiell so vorzufinden pflegt.

Die dramaturgische Gestaltung selegiert ferner - das gilt ebenfalls für die Antike und die heutige Gegenwart - aus dem, was im Alltag dem Thema 'Liebe' und 'Leidensschaft' zuzurechnen ist, nur bestimmmte typische Abläufe und Aspekte, um sie zum Gegenstand von Erzählungen zu machen. Diese Selektion hängt von geschäftsmäßigen oder ästhetisch-intellektuelle Motiven des Autors ab, der sie vornimmt, bzw. von den Vorlieben und Abneigungen, Überzeugungen und unbewußten Erwartungen eines Publikums, das sich jeweils deshalb nur bestimmten Aspekten der 'Liebe und Leidenschaft' geistig und einfühlsam zu öffnen, anderen dagegen zu verschließen pflegt.

2. Motivschwerpunkte antiker erzählerischer 'Leidenschafts'-Dramaturgie.

Antike 'Roman'-Erzählungen und die der heutigen Gegenwart, unterscheiden sich dabei - trotz mancher wirkungsgeschichtlich zu erkärenden Ähnlichkeit - durch die typischen Motivschwerpunkte einer Liebesdramatik, die sie sie dramaturgisch verwenden, und durch jeweils zeittypische, genrehafte Züge literarischer Darstellung der Liebe.

In der heutigen Gegenwart gibt es zwar auch die - schon in der Antike vorhandenen, d. h. insoweit heute traditionsreichen - Formen der Schilderung 'reiner' oder 'junger' oder 'menschlich läuternder' oder nach Verwirrung am Ende 'glücklicher' Liebe zwischen Mann und Frau. Sie werden allerdings heute oft als 'Heile-Welt-Kitsch', d. h. als Literatur minderen Ranges - produziert oder empfunden. Literarisch tonangebend sind demgegenüber in heutiger europäischen Romanliteratur eher Motivtypen, wie z. B. der einer von Momenten des Eigennutzes durchsetzten oder sonst 'sittlich zwiespältigen' oder der einer 'resignierend-hoffnungslosen', einer 'objektiv-chancenlosen' oder sonst am Ende 'unglücklichen' oder der einer gleichgeschlechtlichen Liebe. Auch die Formen 'liebeloser' Leidenschaft werden heute im allgemeinen direkter und häufiger als in der Antike zum erzählerischen Thema gemacht. Unter literarischem oder dokumentarischem 'Realismus' kann man dabei allgemein eine Darstellungsweise verstehen, die in 'schongsloser' Offenheit oder aus anderen ethischen oder aufklärerischen Motiven von irgendeiner religiös verstandenen Schicksalsdramtik im menschlichen Leben absehen und menschliches Verhalten 'ohne Beschönigungen und unglaubhafte Sinngebung' darstellen will. Das bedeutet für Erzählungen von 'Liebe und Leidenschaft' , daß darin auch verschiedene im Alltagsleben auftretende Formen demoralisierenden und zerstörerischen Suchtverhaltens in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit eines Publikums gerückt werden können.

Demgegenüber lassen sich in den uns bekannten antiken 'Romanen', in denen 'Liebe' ein Motivschwerpunkt ist - und das ist häufig so - eigentlich nur folgende Motivschwerpunkte einer Liebesdramatik unterscheiden:

a) die 'junge', sittlich 'reine', 'dauerhafte', sich in Verwirrung und Anfechtung bewährende oder menschlich läuternde Liebe,

b) die geistig 'amüsante', modisch anspruchsvolle oder abenteuerlich-unterhaltsame Liebe',

c) die erotisch-'sinnliche' Liebe, auch in ihren drastischen und komischen Aspekten.

Ferner gibt es in der antiken 'Roman-Literatur' literarische Dezenzregeln, die die allzu offene und im Sinne der obigen Abgrenzung 'realistische' Darstellung zerstörerischen oder sonst unsittlicher 'Leidenschaft' i.w. S. zurückdämmen.

In dieser im Spektrum der überlieferten Literatur hervortretenden Schwerpunktbildung sind einerseits die schon angesprochenen Selektionsvorgänge ihrer Entstehungszeit wirksam. Hervorgehoben sei daran nur, daß die uns überkommene 'Roman'-Literatur der Antike zur Zeit ihrer Entstehung noch in starkem Maße unter den formgeschichtlichen Traditionen steht, die vor ihr von der Tragödie und der Komödie entwickelt werden, und damit auch von deren für ein öffentliches Theatterpublikum entwickelten Motivtypen und Dezenzregeln geprägt ist. In der antiken romanhaften Dramatik von 'Liebe' und 'Leidenschaft' sucht darüber hinaus ein eher 'privates' Lesepublikum aber auch, offenbar aus eigenem Antrieb und abseits aller in Komödie und Tragödie wirksamen offiziösen Darstellungsbeschränkungen, eher das Belebende, Hoffnungsvolle, Witzige und Durchtragende als das Zerstörerische, Traurige, Verzweifelte, Entmutigende und Chancenlose, wie es einem dokumentarischen oder literarischen 'Realismus' unserer Zeit im ganzen näher zu liegen scheint. Diese Züge im Erscheinungsbild des antiken literarischen Überlieferungsbestandes scheinen durch eine christlich dominierte Überlieferungsselektion - unter dem Vorzeichen eines moralischen Akzeptanz-Gebots für alle Kunst - noch verstärkt worden zu sein.

3. Beispiele für die dramaturgische Gestaltung einer 'Leidenschafts'-Dramatik in antiken Romanen.

Die oben zu 2. forrmulierten Motivschwerpunkte einer antiken 'Leidenschaftsdramaturgie' werden im folgenden exemplarisch vorgestellt. Der Textauszug aus 'Daphnis und Chloe' von Longos gibt ein Beispiel für die Dramatisierung einer 'reinen', 'einfachen', 'harmonischen', 'natürlichen' Liebe, wie sie auf dem Hintergrund einer 'bukolischen' Art antiker 'Naturzuwendung' und 'Zivilisationskritik' in der römischen Kaiserzeit immer wieder einmal künsterisch vorgestellt wird. Die romanartige Behandlung des Themas Liebe auf diesem Hintergrund erlaubt dem Autor einerseits die Verbindung eines Standpunktes prinzipieller Sittenreinheit mit der Beobachtung und anschaulichen Schilderung lebhaftester Liebesgefühle aller Art; andererseits ist sie aber auch eine Art bewußt angefertigter und hingenommenerIllusionsmalerei, die 'häßliche', komplizierte, konfliktuöse und 'unnatürliche' Aspekte des Liebesgeschehens auszublenden bestrebt ist. Dies berührt die schon in Kap. 1, zu 3. a) angesprochene Frage einer 'kitschigen' antiken Romanliteratur.

Der zweite Textauszug - das berühmte Märchen von 'Amor und Psyche' aus Apuleius' 'Metamorphosen - betrifft unterhalb der mythologisierenden Erzählebene die innere Gefühlsdynamik der Liebe und des Leidens an ihr, welches zu einer schweren Prüfung, allmählichen Läuterung und endlich gottgesegneten dauerhaften Erlösung der leidenden Seele in Verbindung mit dem Eros führen könne. Hier wird das Liebesgeschehen fast ein wenig 'theologisiert'; die ideelle Grundhaltung hat mit der in Platons 'Symposion' von Sokrates vertretenen Position Gemeinsamkeiten. Dennoch konnte ein 'Märchen' mit diesem Inhalt offenbar eine Romanleserschaft fesseln.

Demgegenüber zeigen Apuleius' Metamorphosen auch, an anderer - unten ebenfalls wiedergegebenen - Stelle, eine ideell unprätentiöse Form rein sinnlicher Geschlechtsliebe, die neben einer ideell tiefsinnigen Erotik offenbar das Interesse desselben Lesebublikums fand.

Der vierte Textauszug - aus 'Leukippe und Kleitophon' von Achilleus Tatios - beleuchtet die körperlichen und seelischen Aspekte der Homsexualität im Vergleich mit der Herterosexialität, auch dies offenbar ein faszinierendes Thema, das bei einem breiteren antiken Lesepublikum ein kulturelles oder gefühlsmäßiges Interesse fand.

ÜBUNG 5.

AUFGABEN:

a) Wer sind die Akteure der nachfolgende Liebesgeschichte, in welcher Umgebung spielt sie und warum hat der Autor sie dorthin versetzt? Worin liegt die dramatische Spannung des an sich stillen Geschehens? Was tut der Autor, um die natürliche 'Liebesdramatik' in der Erzählung dramaturgisch zu steigern?

b) Wie begegnen sich in der Geschichte 'Stadt' und 'Land', und was trägt 'die Stadt' zum Liebesglück bei? Welche mythischen und genrehaften Elemente können Sie in der Erzählung ausmachen?

c) Handelt es sich Ihres Erachtens eher um eine sittenrein-einfache oder um eine raffiniert-unterhaltsame Erzählung? Was fesselt an ihr ein antikes Publikum?

d) An welche Formen der Malerei und Poesie in der neueren europäischen Kunstgeschichte erinnern sie die Menschen- und Landschaftsbilder der Erzählung?


LÖSUNGSHINWEISE.

Bukolische Liebe: Longos, Daphnis und Chloe 3. 12- 24.

Deutsche Übersetzung mit gerinfügigen Modifikationen entnommen aus: Longos. Hirtengeschichten von Daphnis und Chloe. Griechisch und deutsch. Von Otto Schönberger, Berlin 1973 2, S. 125 - 135.

Das Leiden der Seele an der Liebe bis zum guten Ende: Apuleius, Metamorphosen 4, 27 - 6, 25 (Das Märchen von 'Amor und Psyche').

Deutsche Übersetzung mit gerinfügigen Modifikationen entnommen aus: Apuleius, Der goldene Esel. Aus dem Lateinischen von August Rode. Mit Illustrationen von Max Klinger zu 'Amor und Psyche' und einem Nachwort von Wilhelm Haupt, Frankfurt M., Leipzig 1975, S. 100 -179.

Sinnliche Liebe. Aus Apuleius, Metamorphosen, 2, 7 - 11 und 15 - 17.

Deutsche Übersetzung mit einigen Modifikationen entnommen aus: Apuleius, Der goldene Esel. Aus dem Lateinischen von August Rode. Mit Illustrationen von Max Klinger zu 'Amor und Psyche' und einem Nachwort von Wilhelm Haupt, Frankfurt M., Leipzig 1975, S. 34 - 42.

Sexuelle Lust aus homosexueller und heterosexueller Sicht: Achilleus Tatios, Leukippe und Kleitophon 2. 35 - 38.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Achilleus Tatios, Leukippe und Kleitophon,. Eingeleitet, übersetzt und erläutert von Karl Plepelits, Bibliothek der griechischen Literatur, hg. von Peter Wirth und Wilhelm Gessel, Bd. 11, Stuttgart 1980, S. 110 - 113.

4. Literatur, Medien, Quellen.

Literatur:

T. Hägg, Eros und Tyche. Der Roman der antiken Welt (engl.: The Novel in Antiquity, Oxdord 1983), Mainz 1987.

H. Gärtner (Ug.), Beiträge zum griechischen Liebesroman, Hildesheim u. a. O. 1984.

G. Binder, R. Merkelbach (Hg.), Amor und Psyche, Darmstadt 1968.

D. Konstan, Sexual Symmetry: Love in the Ancient Novel and Related Genres, Princeton, N. J. 1994

F. Létoublon, Les lieux communs du roman: stéréotypes grecs s'aventure et d'amour, Mnemosyne Suppl. 123, Leiden 1993.

Rudolf Helm, Einführung zu: Apuleius, Metamorphosen oder Der goldene Esel. Lateinisch und Deutsch von Rudolf Helm, Berlin 1978 7, S. 9 - 41.

Otto Schönberger, Einführung zu: Longos. Hirtengeschichten von Daphnis und Chloe. Griechisch und deutsch. Von Otto Schönberger, Berlin 1973 2, S. 9 - 59.

Karl Plepelits, Einführung zu: Achilleus Tatios, Leukippe und Kleitophon,. Eingeleitet, übersetzt und erläutert von Karl Plepelits, Bibliothek der griechischen Literatur, hg. von Peter Wirth und Wilhelm Gessel, Bd. 11, Stuttgart 1980, S. 1 - 71.

Medien:

keine

Quellen:

Longos. Hirtengeschichten von Daphnis und Chloe. Griechisch und deutsch. Von Otto Schönberger, Berlin 1973 2, S. 125 - 135.

Apuleius, Der goldene Esel. Aus dem Lateinischen von August Rode. Mit Illustrationen von Max Klinger zu 'Amor und Psyche' und einem Nachwort von Wilhelm Haupt, Frankfurt M., Leipzig 1975, S. 34 - 42 und 100 -179.

Achilleus Tatios, Leukippe und Kleitophon,. Eingeleitet, übersetzt und erläutert von Karl Plepelits, Bibliothek der griechischen Literatur, hg. von Peter Wirth und Wilhelm Gessel, Bd. 11, Stuttgart 1980, S. 110 - 113.


LV Gizewski WS 2004/2005

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .