Kap. 6: Zu den Motivtypen 'Konstanz und Entwicklung des menschlichen Wesens'.


INHALT:

1. Zur Dramatik der 'Konstanz und Entwicklung des menschlichen Wesens'.

2. Die dramaturgische Gestaltung einer 'Konstanz- und Entwicklungs-Dramatik' in antiken 'Romanen'.

3. Beispiele antiker 'Konstanz- und Entwicklungs-Dramaturgie'.

4. Literatur, Medien, Quellen.

1. Zur Dramatik der 'Konstanz und Entwicklung' des menschlichen Wesens.

Geborenwerden, Wachsen, Sich-selbst-Erhalten und -Behaupten, Sich-Binden an andere Menschen und an 'Lebensaufgaben' - wie einen Beruf oder eine Idee -, Erzeugen und Erziehen von Kindern, Krankwerden, Altern und Sterben enthalten die typischen Anforderungen des Lebens an den menschlichen Charakter oder das menschliche 'Wesen', und damit die Momente für seine Entwicklung. Normalerweise ergeben sie sich selbstverständlich und ohne größere Dramatik aus einem vorgegebenen und erwarteten typischen Verlauf der Dinge. Doch gibt es besondere Anforderungen des Lebens und Antworten des menschlichen Wesens auf sie, die in ihrem Anlaß und in ihrem Verlauf als merkwürdig, beeindruckend, beispielhaft und lehrreich empfunden werden. Dazu gehören: besonders erschwerdende oder besonders förderliche Bedingungen oder Veranlagungen individueller menschlicher Existenz, besondere 'Prüfungen' menschlicher Leidensfähigkeit, besondere Herausforderungen der menschlichen Fähigkeit zur 'Größe', besondere intellektuelle, religiöse oder moralische Irrtümer, Verfehlungen und Fehlentscheidungen sowie die ihnen jeweils entsprechende Sinneswandlung, Bekehrung, Läuterung und Verantwortungsbereitschaft. Was sich sonst in der Entwicklung des menschlichen Charakters unspektakulär zu ereignen pflegt, bemerkt und besorgt bedacht nur von den ihm nahestehenden Menschen, erhält im Falle der o. g. untypischen Momente unter Umständen eine besondere Ausprägung, Deutlichkeit und Spannung sowohl im Inneren eines Individuums als auch in seinem Verhältnis zu anderen Menschen, die ihm einen 'natürlich-dramatischen' Charakter verleiht. Diese Art natürlicher Dramatik läßt sich als 'Entwicklungs-Dramatik' bezeichnen. Sie ist Basis eines anteilnehmenden sozialen Interesses, das weit über die üblichen Formen familiärer Anteilnahme hinausgehen kann.

2. Die dramaturgische Gestaltung einer 'Entwicklungs-Dramatik' in antiken 'Romanen'.

Für eine antike dramaturgische Gestaltung ist die menschliche Charakterentwicklung vor allem im Zusammenhang dreier Themenzusammenhänge von Interesse:

a) der dramatischen 'Biographie 'großer Menschen,

b) der Dramatik einer 'menschlichen Läuterung' nach Fehltritten und

c) der religiösen Dramatik einer menschlichen 'Erlösung' oder 'Wiedergeburt'.

Liegt es antikem Denken dabei einerseits nahe, in ihrer Entwicklung schicksalsdeterminierte oder göttlich gefügte Verwirklichungen vorhandener Anlagen oder charaktereigentümlicher willentlicher Impulse zu Gutem oder Bösem, also ein leztlich linear-kontinuierliches Geschehen in oder mit einem Individuum hervorzuheben, so ist es andererseits bei den vorgenannten Motivschwerpunkten einer 'Entwicklungsdramatik oft auch anders: es kann auch zu Abbrüchen gewohnten Verhaltens, zu Umorienteirungen oder gar zu einem 'neuen Leben' kommen, wie es bei religiösen Gesinnungsveränderungen und Initiationen in den nicht-christlichen Mysterienkulten oder in der entsprechenden 'Metanoia' und 'Taufe' der zum Christentum Bekehrten geschieht.

In den uns erhaltenen, die Entwicklung von Menschen betreffenden romanartigen Erzählungen aus der Antike ist das Schwerpunktmotiv der 'Läuterung' am häufigsten anszutreffen. Das liegt einerseits an dem Erbteil der Komödie, zum anderen am religiösen Untergrund der Darstellung in antiken Romanerzählungen. Spannungserzeugendes Ausgangsmoment der langwierigen und verwickelten Romanhandlungsstränge ist - wie schon in Kap. 4, zu P. 2 und 3 erörtert - zumeist irgendein hybrisartiges Fehlverhalten der Hauptakteure - sei es in Liebes-, sei es in anderen Dingen, dem dann - als Strafe der Gottheit - wie z. B. des Eros in 'Abrokomes und Anthia' von Xenphon aus Ephesos (s. u.) oder Apollons im 'Asop-Roman' - oder des 'Schicksals' - wie in den 'Metamorphosen' des Apuleius - das dramatische Geschehen voller Unglücksfälle, Leiden und Prüfungen folgt; an dessen Ende steht dann die zumeist glükliche Befreiung aus Prüfung und Leiden und eine ihr entsprechende charakterliche Läuterung und gläubige Gottergebenheit; eine Ausnahme ist der 'Äsop-Roman', dessen Held in der Verwirklichung seiner Anlagen an der vom Gott verhängten Strafe scheitert: seltenes Beispiel einer tragischen Entwicklungsdramatik.

Die Entwicklung 'großer Menschen' ist ein im Überlieferungsbestand nicht so häufiger, aber doch deutlich vertretener Gegenstand antiker Roman-Dramaturgie. Ein Beispiel dafür ist der 'Alexander-Roman' (s. u.), dessen tragende Idee die 'Göttlichkeit' dieses in der historischen Realität ausschließlich menschlichen Eroberungs-Machthabers ist.

Religiös motivierte Umorientierungen und Initiationen sind in überlieferten romanartigen Darstelllungen der nicht-christlichen Antike ebenfalls nicht häufig. Dadurch unterscheidet sie sich möglicherweise von einer romanähnlichen Literatur des antiken Christentums, in dem die 'Bekehrung' vom Heidentum zum Christentum eine große Rolle spielt. In Apuleius' 'Metamorphosen' (s. u.) liegt aber ein plastisch ausgearbeitetes Beispiel für die Dramatik einer nicht-christlichen Gesinnungs- und Lebensänderung vor, und zwar am Ende des Romans und im Anschluß an ein vorheriges romantypisches Entwicklungsgeschehen der Läuterung durch Prüfung, bei dem die 'Neugier' des Hauptakteurs Auslösemoment seiner vom Schicksal strafhalber vollzogenen 'Verwandlung in einen Esel' und die Gnade der großen Isis schließlich Grund für seine Rückverwandlung in einen Menschen ist. Diese Erzählung trägt daher ihren Titel 'Metamorphosen' in mehrfacher Hinicht und verdeutlicht auf ihre Weise die Möglichkeiten der Veränderung des literarischen Typus des 'antiken Romans' hin zu einer Erzählungsform, die sich mit ihrer Dramaturgie nicht primär einer sinnlichen, sondern einer religiösen oder, weiter gefaßt, einer ideellen Dramatik zuwenden will.

3. Beispiele antiker 'Entwicklungs-Dramaturgie'.

Übung 6.

AUFGABEN:

Prüfen Sie die nachfolgenden beiden Textauszüge aus antiken 'Romanen' antiker Autoren auf folgende Fragen:

a) Worin liegt in dem Roman 'Ephesiaka' ein Fehlverhalten der beiden Hauptpersonen gegenüber der Gottheit und welche Änderung ihres Wesens ist nötig, um die Gottheit zu versöhnen und sie zu menschlichen Menschen zu machen?

b) Inwiefern ist im 'Alexander-Roman' eine konstante Linie der biographischen Entwicklung Alexanders determiniert?

Herausforderung göttlichen Zorns durch menschliche Hybris und die damit ausgelöste 'Läuterungs-Dramatik'. Aus: Xenophon von Ephesos, Ephesiaka, Buch 1.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Xenophon, Abrokomes und Anthia. Die Liebenden von Ephesos. Mit acht Radierungen von Fritz Cremer, Leipzig 1981, S. 5 - 10.

Die 'göttliche Abkunft des Makedonenkönigs Alexander' als dramaturgische Klammer eines antiken 'Entwicklunsromans'. Aus der 'Vita Alexandri' in der mittelalterlichen, lateinischen Fassung des Leo, Vorwort und Kap. 1 - 11).

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Historie von Alexander dem Großen. Übersetzung aus dem Mitellateinischen, Nachwort und Anmerkungen von Wolfgang Kirsch, (Leipzig 1975) Frankfurt M. 1984, S. 7 - 16.

Wandel der religiösen Gesinnung und Beginn eines 'neuen Lebens'. Aus: Apuleius, Metamorphosen, 11. Buch, 18. - 30. Kap.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Apuleius, Metamorphosen oder Der goldene Esel. Lateinisch und Deutsch von Rudolf Helm, Berlin 1978 7, S. 377 - 393. Fortsetzung des vorhergehenden Teils des Kap. 11.

4. Literatur, Medien, Quellen.

Literatur:

Niklas Holzberg, Der antike Roman. Eine Einführung, Düsseldorf, Zürich 2001, S. 12 ff., 26 ff.,105 ff.

Einleitungen zu den Gesamtausgaben der drei unten angegebenen Quellentextauszüge.

R. Beck, Mystery Religions, Aretalogy and the Ancient Novel, in: G. Schmeling (Hg.) The Novel inn the Ancient World, Mnemosyne Suool 159, Leiden 1996.

Medien:

keine

Quellen:

Xenophon, Abrokomes und Anthia. Die Liebenden von Ephesos. Mit acht Radierungen von Fritz Cremer, Leipzig 1981, S. 5 - 10.

Historie von Alexander dem Großen. Übersetzung aus dem Mitellateinischen, Nachwort und Anmerkungen von Wolfgang Kirsch, (Leipzig 1975) Frankfurt M. 1984, S. 7 - 16.

Apuleius, Metamorphosen oder Der goldene Esel. Lateinisch und Deutsch von Rudolf Helm, Berlin 1978 7, S. 377 - 393.


LV Gizewski WS 2004/2005

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .