Kap. 7: Zu den Motivtypen der 'Grenzüberschreitung' ('Abenteuer', 'fremde Völker', 'ferne Zeiten', 'Wunderbares und Ungeheuerliches').


INHALT

1. Zu einer natürlichen Dramatik der 'Grenzüberschreitung'.

2. Zu den Typen dramaturgischer Berabeitung einer 'Grenzüberschreitungsdramatik' in der antiken 'Roman'-Literatur.

3. Beispiele antiker 'Grenzüberschreituns-Dramaturgie'.

4. Literatur, Medien, Quellen.

1. Zu einer natürlichen 'Dramatik der Grenzüberschreitung'.

Menschliche Vorstellungskraft und Neugier besteht in starkem Maße auch darin, über die Grenzen der jeweils gewohnten und bekannten Lebenswelt des Individuums oder der menschlichen Gruppe hinausgehend, entweder sich vorzustellen oder, wenn möglich, aktiv zu erkunden, was es in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft an Unerwartetem, Unbekanntem, Ungewöhnlichem, Seltsamem und auch Schrecklichem gegeben hat, gibt, geben wird oder geben könnte. Im Hintergrund solcher Vorstellungskraft und Neugier steht regelmäßig die Ahnung oder gar das Bewußtsein, daß gerade die Sphäre des Ungewohnten und Unbekannten für den Menschen Wichtiges, Interessantes, ja Lebensnotwendiges oder im Interesse der Lebenserhaltung zu Kontrollierendes oder Abzuwehrendes enthalte. Sowohl gedanklich als auch im Tun entwickelt sich aus solchen konkret vielfältigen Motivlagen - etwa der 'spielerischen Phantasie', des 'Abenteuers', der 'Entdeckung' und 'Enthüllung', der 'Untersuchung , Erforschung und 'Erprobung', der 'Verbotsmißachtung' und nicht zuletzt der magischen oder religiösen 'Prognose' oder 'Beschwörung' - eine natürliche 'Dramatik', die man im Hinblick auf das wesentliche Gemeinsame ihrer Motive und Abläufe als 'Grenzüberschreitungs-Dramatik' bezeichnen kann.

Als Gegenstand von Erzählungen findet diese Art einer natürlichen Dramatik - im Altertum und in der Gegenwart - Interesse bei Menschen deshalb, weil die Respektierung von Grenzen in Gedanken und Taten einerseits ein jederzeit gegenwärtiges Gebot des zivilisatorischen Alltags ist, andererseits aber eine 'Grenzüberschreitung' wenn nicht in der Tat, so doch zumindest in Gedanken, oft als dringlich und unvermeidlich, ja als, obschon 'zivilisatorisch' nicht selten in irgendeiner Weise unerlaubt, so doch als 'natürlich' berechtigt empfunden und begriffen wird. Die 'Dramatik der Grenzüberschreitung' ist so ein auch für Unterhaltung und Selbstreflexion besonders geeigneter Gegenstand, weil sie einerseits 'Ungewöhnliches' zum Inhalt hat, das andererseits aber dem Menschen gefühlsmäßig nahezuliegen und für seine Orientierung in der Welt - ob mit Recht oder nicht - besonders bedeutsam zu erscheinen pflegt.

2. Zu den Motivschwerpunkten dramaturgischer Berabeitung einer 'Grenzüberschreitungsdramatik' in der antiken 'Roman'-Literatur.

In dem Bestand überlieferter romanhafter antiker Erzählliteratur lassen sich folgende Motivschwerpunkte dramaturgischer Bearbeitung einer 'Grenzüberschreitungsdramatik' ausmachen.

Schilderungen von Reisen über die Grenzen der bekannten Welt (s. u.) hinaus zu Ländern, Völkern und Kulturen mit seltsamen, ja phantastischen Eigenheiten. Hier zeigt sich die Funktion des antiken 'Romans', das geographisch und ethnographisch Ferne und nur undeutlich Bekannte durch die fabulierende oder mythifizierende Erzählung scheinbar greifbar und zum Gegenstand einer an die Spielregeln empirischer Erkentnis nicht gebundener Unterhaltung zu machen. Nicht immer, aber zumeist wird das fiktive Erzählmoment dabei deutlich, insbesondere dann, wenn, wie in der unten wiedergegebenen 'Wahren Geschichte' des Lukian (s. u.), auch die ironische Übertreibung des bei derartigen Erzählungen üblicherweise verwendeten 'Jägerlateins' zum eigentlichen Inhalt und dramaturgischen Mittel der erzählerischen Unterhaltung wird.

Stark fiktive Erzählungen von Prominenten und dramatisch bemerkenswerten 'historischen' Begebenheiten aus fernen bzw. nicht mehr nahen Zeiten, einschließlich romanartiger christlicher Heiligen- und Wunderlegenden und der nicht wenigen antiken 'Briefromane', in denen sich fiktiv Personen der Geschichte wie etwa Sokrates, Platon oder Hippokrates selbst beschreiben. Hier erhält das in der antiken - i. e. S. - historischen, politisch-rhetorischen, philosophischen und schließlich auch christlich-religiösen Literatur allgegenwärtigen Interesse an Welt- und Vaterlandsgeschichte, beispielgebender und ordnungsstiftender Tradition und den darin prägend und berühmt gewordenen 'großen' Menschen eine fiktive und unterhaltsame - eben dramaturgisch gestaltete - Reflexionsmöglichkeit. Der Übergang von informativem zu legendenhaftem Charakter, der solchen Erzählungen eigen ist, bleibt allerdings zumeist unbestimmt; dies ist einerseits die Voraussetzung für ihren faszinierenden Charakter, dürfte aber auch schon in der Antike seine Bedeutung für eine populäre Art 'romanhaften', personalisierenden und dramaturgisch verzerrten Geschichtsbewußtseins gehabt haben, wie es in unserem heutigen, massenmedial bestimmten Zeitalter für die öffentliche Meinung nicht selten bestimmend ist. Als Beispiel dafür ist unten eine Textpassage aus dem 'Alexanderroman' präsentiert.

Antike 'Kriminal- und Sittenromane'. Das Interesse für rechtliche und sittliche Verfehlungen und die durch sie ausgelöste natürliche Dramatik findet in romanhaften antiken Erzählungen typischerweise einen anderen Ausdruck als in ihren heutigen - prinzipiell jedermann als potentiellen Täter einbeziehenden - Formen; dies wurde bereits in Kap. 4 , unter P. 2 erörtert. Kriminelles Handeln tritt als antiker, romangeeigneter Erzählstoff im allgemeinenen nur in 'Räubergeschichten' oder in Geschichten aus ähnlich obskuren, sozial ausgegrenzten Milieus hervor. Ein Textbeispiel dafür - aus Apuleius' 'Metamorhosen - ist unten wiedregegen. Ähnlich eingegrenzt wird ein Realismus der romanhaften Beschreibung sittlich bedenklichen Handelns: in 'Schelmen'-Geschichten wie dem 'Satyricon' des Petronius wird das, was bei strenger sittlicher Betrachtung als indezent oder unerlaubt erscheint, dramaturgisch in den Zusammenhang des Abenteuers, der jungendlichen Unreife, aber auch der ständigen Gefährdung und gelegentlichen Bestrafung leicht unsittlichen Verhaltens gestellt.

Romanhafte Schilderungen aus der Welt der Götter und Geister, der Zauberei und der Wunder. Trotz der schon in Kap. 3 , unter P. 2 erörterten religiösen Grundierung oder Fundamentierung der meisten überlieferten romanartigen Erzählungen aus der Antike treten Erzählungen dieser Kategorie nicht als 'ganze Romane', sondern, soweit bekannt, nur als Rahmenhandlungen oder kleinere oder größere Einschübe, im äußersten Falle als 'Novellen' - wie etwa das Märchen von 'Amor und Psyche' (s. u.) im Zusammenhang der 'Metamorphosen' des Apuleius - hervor.

Dies ist manchmal auch bei anderen hier erwähnten Motivschwerpunkte der Fall. Nicht immer bilden sie den wesentlichen Inhalt einer antiken 'Romanerzählung'; oft stellen sie nur den Stoff in eine andersartige Romanhandlung eingearbeiteter Novellen oder Rahmenerzählungen dar.

Im folgenden werden dafür einige Text-Beispiele gegeben, die naturgemäß teilweise schon in anderen Kapiteln dieses Skripts, so über die Schicksals-, die Diskrepanz- oder die Entwicklungsdramatik, erörtert wurden.

3. Beispiele antiker 'Grenzüberschreitungs-Dramaturgie'.

Übung 7.

AUFGABEN:

Bilden Sie sich einen Eindruck vom gesamten Inhalt der nachfolgend wiedergegebenen 'Wahren Geschichte' Lukians.

a) Stellen Sie in einer Liste zusammen, was der fiktive Erzähler erlebt zu haben vorgibt. Wo in dem der Antike bekannten Bereich der Welt des 2. Jh. n. Chr. spielt es sich ab?

b) Wo liegen bei diesen Erlebnissen motivypische dramaturgische Übertreibungen und warum sieht sich der Erzähler veranlaßt, diese gelegentlich ironisch nochmals zu übersteigern?


Die Grenzen der bekannten Welt im 2. Jh. nach Chr.

Abb. entnommen aus: Großer Historischer Weltatlas. Hg. vom Bayrischen Schulbuch-Verlag, I. Teil: Vorgeschichte und Altertum, München 1972 5, S. 13

Zur Dramatik des Wunderbaren und Fabelhaften im phantatstischen 'Reiseroman': Lukian, Wahre Geschichte.

Deutscher Text entnommen aus: Lukian, Der Lügenfreund und andere phantastische Erzählungen. Übersetzt von Christoph Martin Wieland und Karl Mras. Mit einer Einleitung und Erläuterungen von Bernhard Kytzler, München 1990, S. 66 - 108.

Zur Legendenbildung in einem antiken 'Historienroman'.. Aus der 'Vita Alexandri' in der mittelalterlichen, lateinischen Fassung des Leo, Vorwort und Kap. 1 - 11.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Historie von Alexander dem Großen. Übersetzung aus dem Mittellateinischen, Nachwort und Anmerkungen von Wolfgang Kirsch, (Leipzig 1975) Frankfurt M. 1984, S. 7 - 16.

Die Kriminalität einer Räuberbande im antiken Roman: Apuleius, Metamorphosen 7, 1 - 13.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Apuleius, Der goldene Esel. Aus dem Lateinischen von August Rode. Mit Illustrationen von Max Klinger zu 'Amor und Pysche' und einem Nachwort von Wilhelm Haupt, Frankfurt M. und Leipzig 1975, S. 187 - 198.

Psyche und Amor - auch ein dramatisches Geschehen in der Götterwelt: Apuleius, Metamorphosen 4, 27 - 6, 25.

Deutsche Übersetzung mit gerinfügigen Modifikationen entnommen aus: Apuleius, Der goldene Esel. Aus dem Lateinischen von August Rode. Mit Illustrationen von Max Klinger zu 'Amor und Psyche' und einem Nachwort von Wilhelm Haupt, Frankfurt M., Leipzig 1975, S. 100 -179.

4. Literatur, Medien, Quellen.

Literatur:

P. v. Moellendorf, Auf der Suche nach der verlogenen Wahrheit: LukiansWahre Geschichten, Tübongen 2000.

F. Hommel u. a., Geographie und politische Geschichte des Altertums (HdA III), Nördlingen 1883.

Wolfgang Kirsch, Nachwort zu: Historie von Alexander dem Großen. Übersetzung aus dem Mitellateinischen, Nachwort und Anmerkungen von Wolfgang Kirsch, (Leipzig 1975) Frankfurt M. 1984, S.179 - 201.

Th. Mommsen, Römisches Strafrecht, Leipzig 1899 (ND München 1992).

K. Latte. Römische Religionsgeschichte, München 1960.

R. Merkelbach, Roman und Mysterium in der Antike, München, Berlin 1962.

Medien:

keine

Quellen:

Lukian, Wahre Geschichte. Deutscher Text entnommen aus: Lukian, Der Lügenfreund und andere phantastische Erzählungen. Übersetzt von Christoph Martin Wieland und Karl Mras. Mit einer Einleitung und Erläuterungen von Bernhard Kytzler, München 1990, S. 66 - 108.

'Vita Alexandri' in der mittelalterlichen, lateinischen Fassung des Leo, Vorwort und Kap. 1 - 11. Deutsche Übersetzung entnommen aus: Historie von Alexander dem Großen. Übersetzung aus dem Mittellateinischen, Nachwort und Anmerkungen von Wolfgang Kirsch, (Leipzig 1975) Frankfurt M. 1984, S. 7 - 16.

Apuleius, Metamorphosen 7, 1 - 13. Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Apuleius, Der goldene Esel. Aus dem Lateinischen von August Rode. Mit Illustrationen von Max Klinger zu 'Amor und Pysche' und einem Nachwort von Wilhelm Haupt, Frankfurt M. und Leipzig 1975, S. 100 - 179 und 187 - 198.


LV Gizewski WS 2004/2005

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .