Lösungshinweise zu den Übungen

des Skripts Gizewski, 'Antike Geschichte im Spiegel antiker Erzählkunst'.

Zu ÜBUNG 1.

AUFGABEN:

Lesen Sie die nachfolgenden beiden Textauszüge aus 'Romanen' antiker Autoren aufmerksam durch und beantworten Sie dann folgende Fragen:

a) Haben die Texte eine literarische Form und wie würden Sie diese ggf. einordnen und datieren?

b) Welche allgemeinhistorisch ungefähr datierbaren Zeitumstände können Sie aus den Texten für deren Abfassungszeit und Szenarien jeweils erschließen? Was ist an den Erzählungen Ihres Erachtens 'real' und was 'fiktiv'?

c) Vergleichen Sie den einen Text mit dem anderen: Welche Motive, Grundstimmungen und Details der Erzählungen sollen das Interesse der Leser erwecken? Wie sind etwa jeweils die Frauen geschildert? Was entnehmen Sie daraus für typische Gefühle und Gedanken des Autors und einer angesprochenen Leserschaft?


TEXTE:

Die unterhaltsame Ausmalung der Spannung und des Pathos in einer tragischen Strandszene. Aus: Heliodor von Emesa, Aithiopika, 1. Buch.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Heliodor, Aithiopica. Roman. Ins Deutsche übertragen von Horst Gasse, (Leipzig 1957) Karlsruhe 1985, S. 6 - 9.

Text der deutschen Übersetzung mit geringen Modifikationen entnommen aus: Apuleius, Metamorphosen oder: Der goldene Esel, Lateinisch und deutsch von Rudolf Helm, Berlin 1978 7, S. 287 - 291.


ZUR LÖSUNG:

Zu a)

Beide Texte sind in Prosa geschrieben und haben deutlich Erzählungscharakter. Die Erzählung bezieht sich jeweils auf menschliches - bei Apuleius in das Tun und Denken eines verzauberten Esels transformiertes - Handeln und hat jeweils einen außergewöhnlichen Rahmen: die erzählten Ereignisse werden außerdem nicht nüchtern-sachlich, sondern gefühlsgeladen - einmal tragisch, das andere Mal drastisch-komisch - und in lebhaften Farben dargestellt. Wegen ihres Pathos und ihrer Dramatik erinnern sie auch ein wenig an die Komödie einerseits und die Tragödie andererseits als antike Kunstformen; dies ist im Heliodor-Text sogar ausdrücklich angesprochen. Sie stellen ein künstlerisches 'Mittelding' zwischen prosaischer Erzählung im antiken Sinne (Historie) und theatralischer Dramatik (Komödie, Tragödie) dar. Sie wenden sich aber an ein lesendes, eher privates, nicht primär an ein zuhörendes, öffentliches Publikum. Dies weist für die Verbreitung dieses Literaturtypus auf eine Zeit hin, in der einerseits die beiden vorgenannten Literaturgattungen lange etabliert und in gewisser Weise weiterhin tonangebend waren, andererseits aber ein Bedarf an prosaisch-literarischer privater Unterhaltung existierte, die verschiedene litarische Kunstgattungen miteinander verband. - Diese Zeit wird mit ihrem Anfang etwa in das 1. Jh. v. Chr. datiert; 'romanartige' antike Literatur der hier exemplaruisch vorgestellten Art ist uns aber zumeist aus den späteren Jahrunderten, d. h. aus der römischen Kaiserzeit des 1. bis 4. Jhs. n. Chr. überliefert.

Zu b)

Für die Datierung beider Texte gibt es keine direkten Aussagen im Text, sowohl was das von den Autoren für ihre Erzählungen jeweils gewählte Szenario als auch was die Enstehungszeit der Texte betrifft. Beide Texte haben eine gewisse 'Zeitlosigkeit' an sich. Aus der Existenz von Räuberbanden im Nildelta (bei Heliodor) oder der Existenz einer harten Mühlensklaverei (bei Apuleius) könnte man für die Szenarien gewisse, allerdings unsichere Schlußfolgerungen ziehen. Für die Entstehungszeit könnte man die - an dieser Stelle allerdings nicht mitgeteilte - griechische bzw. lateinische Sprachform heranziehen und philologisch analysieren. Die gesuchten Angaben müssen also aus anderen Textpassagen der Erzählungen oder überhaupt aus anderen Quellen gewonnen werden. - Apuleius Erzählung entstammt dem 2. Jh. n. Chr., und spielt auch in dieser Zeit, wie man aus anderen Passagen der Erzählung entnehmen kann; die Entstehungszeit der 'Aithiopica' des persönlich nicht weiter bekannten Autors Heliodor ist umstritten; sie wird im 3. oder 4. Jh. n. Chr. angenommen.

Zu c)

Außergewöhnlichkeit der Situation, Pathos - ja Sentimentalität- oder Witz, hintergründige Lebensweisheit mit Wiederkennungswert, theatralische Ausmalung oder gar Übertreibung des Geschehens sollen den Leser in beiden Fällen faszinieren. Man merkt den Texten an, daß sie entsprechend kunstgerecht gestaltet sind. Die Personenzeichnung ist in beiden Fällen typisierend, bei Apuleius lebensnah-derb, bei Heliodor - was die Liebenden betrifft -idealisiernd bis zu einer wohl auch schon in der Antike empfundenen skrupellosen Kitschigkeit. Besonders deutlich wird dies an der Schilderung der in beiden Textpassagen auftretenden Frauenfiguren: hier die gottähnliche, junge, schöne, edle, liebevolle, aufopferungsbereite, dort die verschlagene, sittenlose, scheinheilige, machtgierige, die ihrem Manne das Leben zur Hölle macht. Beides sind offenkundige Typisierungen , die der Realität allenfalls partiell entsprechen, aber zu Unterhaltungszwecken künstlerisch 'geformt', ein wenig auch dem Pubkikumsgeschmack entsprechend für Zwecke der Phantasie 'geschönt' oder für Zwecke des Verlachens 'verformt' werden.

Zu ÜBUNG 2.

AUFGABEN:

Der nachfolgenden Textauszug enthält die kurzgefaßte Wiedergabe des Inhalts eines antiken Romans durch einen modernen, fachlich kompetenten Wissenschaftler (N. Holzberg). Beantworten Sie nach der Lektüre dieses Textes folgende Fragen:

a) Welche offenbar besonders publikumswirksamen Typen sozialer Milieus und geschichtlicher Umstände, handelnder und leidender Figuren und Figurengruppen, dramatischer Handlungsfolgen und Spannungsmomente, moralischer und religiöser Einstellungen ('Motive') setzt der antike Romanautor bevorzugt und wiederholt ein? Was ist Ihrer Einschätzung nach an diesen Typen realitätsgerecht oder gar historisch, was übertrieben oder gar verzerrt, was unecht oder gar kitschig? Warum befaßt sich Ihres Erachtens ein angesprochenes Publikum überhaupt damit?

b) Worin erinnern Sie das Schema dieser Erzählung und ihre Motive an heutige Formen gedruckter oder filmischer Erzähl- und Unterhaltungsgattungen, etwa des Fernsehens? Was ist anders?

c) Welchen Ihnen bekannten antiken Erzähl- und Unterhaltungsgattungen steht die durch den Textauszug charakterisierte Form in irgendeiner Weise nahe?


TEXT:

Niklas Holzberg, Zum Aufbau eines antiken Romans.

Text entnommen aus: Niklas Holzberg, Der antike Roman. Eine Einführung, Düsseldorf 2001, S. 12 - 16.


ZUR LÖSUNG:

Zu a)

Zu den interesserweckenden Milieus gehören mehrfach einerseits wohlhabende Hauhalte vornehmer, einflußreicher gebildetzer und auch sonst mit irdischen Glücksgütern bis zur Sättigungsgrenze ausgestatteter Stadtbürger - zum Beispiel der griechisch-kleinasiatischen Kultur- und Handelsmetropole Ephesos, aus der die beiden Protagonisten der Romangeschichte stammen -, zum anderen 'obskure' Milieus wie Räuberbanden, Sklavenmärkte, Bordelle oder ärmlichste Lebensverhältnisse oder Knechtschaftssituationen, in denen sich die Protagonisten zurechtfinden müssen.

Das geschichtliche Szenario der Erzählung wird beiläufig, wenn auch nicht genau, charakterisiert durch ihren großen geographischnen Rahmen - östlicher und westlicher Mittelmeerraum zwischen Kleinasien und Ägypten einerseits, Sizilien und Italien andererseits -, durch die nicht durch Kriege beeinträchtigten, wenn auch hin und wieder durch See- oder Landräuber gestörten Reisemöglichkeiten, durch die überall vorfindliche urbane Kultur mit den Prägungen sowohl hellenistischer und als lateinisch-sprachiger Art , sowie durch die erwähnten offiziellen religiösen Kulte (wie z. B. den des 'Sonnengottes'). Dies alles weist auf die römische Kaiserzeit ungefähr des 2. Jhs. n. Chr. hin. Es ist erkennbar, daß der Autor zwischen der Zeit des Erzählungsszenarios und seiner eigenen keinen Unterschied machen will; allerdings übertreibt er bestimmte Aspekte seiner Zeitgeschichte romanhaft-dramatisierend, etwa, wenn er das Räuberwesen immer wieder in den Mittelpunkt der Erzählung rückt.

Die Dramaturgie der Erzählung ist darauf bedacht, durch kontrastreichen und schnellen, oft unerwarteten Wechsel der Milieus und geographischen Schauplätze des Geschehens Spannung zu erzeugen. Diese wiederum wird gedehnt und angereichert durch zwischengeschaltete 'Episoden'. Die Protagonisten, aber auch andere Personen der Erzählung, werden einem fortwährenden und fast unendliczhen Wechsel fast ohnmächtig ausgesetzt. Ihre Leidensfähigkeit und Prinzipienfestigkeit wird durch immer wieder ähnlich ablaufende Gefahren- und Belastungssituationen auf äußerste erprobt: Lebendigbegrabenwerden, Fastexekuntion, Verkauf auf dem Sklavenmarkt, Leiden unter ungerechten Herren und Herrinnen oder und zudringlichen Liebhabern oder Liebhaberinnen - all dies wird variantenreich mehrfach durchexerziert und erzeugt schon als Motiv dennoch offensichtlich immer wieder Spannung und Faszination beim antiken Leser. Leiden und Gefahren der 'dramatis personae' werden darüberhinaus erkennbar in farbenfroher und plastischer Manier dargeboten. Der Leser kann also mit all seinen Gefühlen - vom Mitleid bis zur Bewunderung, von der Schadenfreude bis zur feststehendenden Hoffnung auf ein glückliches Ende - an dem Geschehen teilnehmen, er weiß dabei, jedenfalls als gewohnheitsmäßig informierter Kenner der Spielregeln der 'Dramatik', prinzipiell alles voraus, selbst wenn er sich im einzelnen überraschen läßt, und leidet selbst daher nicht wirklich. Er kann sich mit den Protagonisten nach Wahl entweder wie mit Spielkarten beschäftigen oder auch mit ihnen identifizieren und an ihrem Schicksal für ein evtl. eigenes schweres Leben Trost und Zuversicht finden.

Der Romanautor ist mit der stark effektbedachten Wahl seiner dramaturgischen Mittel an dieser Bedarfslage der Leser orientiert. Seine erkennbar erfolgs- und vermutlich absatzorientierte Darstellungsweise hat etwas Serielles, Schematisches und oftmals auch stark Unaufrichtiges, obschon sicherlich 'Unterhaltsames' an sich. Die Lektüre seines Werks ist wie ein Spiel nach bekannten Regeln und mit bekannten Ausgangsmöglichkeiten. Es 'unterhält', d. h. es befriedigt irgendwie und vertreibt die Langeweile, aber es besagt trotz vielen Aufwands wenig über das, was wirklich geschieht und was die Beteiligten wirklich sind. Der Unterhaltungscharakter, so sehr er verständlichen menschlichen Bedürfnissen entgegenkommt, hat hin und wieder etwas Kunstgewerblich-Warenmäßiges (z. B. bei den routinemäßg gehandhabten Techniken der Spannungserzeugung), intellektuell und gefühlsmäßig Skrupelloses (z. B. beim Erzeugen von Behagen an fremdem Leiden) oder Triviales (z. B. bei rein schematisch-sentinemtaler Ausmalung von Glücksphantasien) und für den Leser weitgehend Nutzloses an sich (übermäßiger Zeitaufwand, Irreleitung und Selbstbegrenzung der Erkenntnis über Mitmenschen und Zeitumstände).

Zu b)

In diesen Zügen steht die hier exemplarisch dargestellte romanartige Erzählung aus der Antike für einen bestimmten Typus weit verbreiteter, uns allerdings nur in wenigen Stücken in ausreichendem Umfang direkt überlieferter 'populärer' antiker 'Romanliteraur'. Es ist zu betonen, daß es auch andere - im engeren Sinne ästhetisch-kunstgerechtere - Typen antiker 'Romanerzählungen' gibt. Auf sie ist an anderer Stelle einzugehen.

In dem hier erörterten 'Unterhaltungscharakter' eines für den Privatgebrauch eines größeren, nicht festgelegten Leserkreises gefertigten antiken Lektürestoffs lassen sich manche Ähnlichkeiten etwa zu modernen Formen serieller Fernsehunterhaltung finden: effektbedachte Spannungskumulation nach den o. e. bewährten Mustern, wenn auch in einem anderen - nämlichen audiovisuell-filmischen - Medium: Ortswechsel, schnelle Schnitte, 'dramatis personae' mit stark vereinfacht typisiertem sympathie- oder antipathiefähigem Profil, pathosfähige Handlungsstränge mit Verwirrungen, Geheimnissen, Reisen, Abenteuern, Liebe und Leidenschaft, generell 'action' - als ungewöhnlichem dramatischem Erleben, Tun und Leiden, ausreichende Länge der Darbietung, formaler Abwechslungsreichtum der Szenarios, Situationskomik, Gespür für das Tragische im menschlichen Leben, ein wenig Alltagsweisheit und Wiederkennungswert im Geschehen.

Zu c)

Einerseits fühlt man sich wegen der fortgesetzten Irrfahrt der leidenden Protagonisten ein wenig an den 'Dulder Odysseus' und damit an die epische Form der 'Odyssee' erinnert. Zum anderen hat die Erzählung wegen ihrer in 'Irrungen und Wirrungen vor glücklichem Ende', weniger allerdings in 'Komik', bestehenden Dramatik Ähnlichkeiten mit einer Komödie. Was die unwahrscheinlichen Auflösungen schwieriger Situationen (Beispiel: Rettung eines schon am Kreuz hängenden zum Tode Verurteilten durch einen von einem Gott geschickten Wind) betrifft, so hat die 'Romangeschichte' etwas von einer Märchenerzählung an sich.

In dieser Kombination verschiedener Züge wurde die Erzählung mit ihrem Namen 'Ephesiaka' prägend für eine Reihe anderer sog. 'Ephesiaka'-Erzählungen wie z. B. die in Übung 1 erörterten 'Aithiopika' des Heliodor.

Zu ÜBUNG 3.

AUFGABEN:

a) Stellen Sie anhand der nachfolgend wiedergegebenen zwei Textauszüge aus der antiken Erzählung 'Heliodor, Aithiopika', auch wenn Sie den Roman im einzelnen nicht kennen, fest, wie sich dort ein schicksalhaftes Geschehen ankündigt - deuten Sie dabei das Orakel - und wie es sich später enthüllt.

b) Handelt es sich um ein göttlich verordnetes Schicksal, lassen sich menschliche Verfehlungen oder andere Gründe dafür vermuten, welche Prüfungen der Hauptakteure sind erkennbar und welchem Ziel könnte das Geschehen Ihres Erachtens zustreben?


TEXTE:

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Heliodor, Aithiopica. Roman. Ins Deutsche übertragen von Horst Gasse, (Leipzig 1957) Karlsruhe 1985, S. 86 - 89 und 122 - 127.


ZUR LÖSUNG:

Zu a)

Das Orakel, welches beim gleichzeitigen Auftritt der Protagonisten der Geschichte im delphischen Tempelbereich Apollos plötzlich alles folgende in kurzen Andeutungen oder symbolischen Wendungen zwar verkündet, aber dennoch unverständlich bleiben läßt, ist religiös betrachtet Ausdruck göttlicher oder schicksalshafter Determination eines in einer kosmischen Ordnung schon längst feststehenden und sich in bestimmten Offenbarungsquellen auch für Menschen vorab abzeichnenden Entwicklungsgeschehens. Dramaturgisch hat die Orakel-Episode den Zweck, die Neugier des Lesers auf den Verlauf der Geschichte durch dunkel bleibende, wenn auch wahre Andeutungen zu steigern.

Die Lektüre und Deutung eines geheimnisvollen Briefes, der die Vergangenheit der Charikleia enthüllt, durch den dazu fähigen ägyptischen Priester und Weisen Kalasiris macht eine vorchristlich-gemeinreligiös angenommene Form der 'Offfenbarung' deutlich, in der sich 'determiniertes' Schicksal plötzlich und dramatisch 'enthüllen' kann, und zwar der Intuition eines dafür besonders begabten und berufenen Menschen Dramaturgisch ist es Sinn dieser Episode, das bisherige Geschehen weiterdenkbar im Hinblick auf sein determiniertes Ende - also einen grundsätzlich feststehenden glücklichen Ausgang - zu machen. Das wirkt gleichzeitig spannungslösend und spannungssteigernd.

Zu b)

In der Liebesbindung zwischen Theagenes und Charikleia vereinigen sich nach der Denkweise des Autors nicht nur konkret zwei schöne und tugendhafte Menschen, sondern ideell griechische Heroen- und 'aethiopische' Königstradition. Das 'aethiopihsche' Moment steht dabei nach Heliodors Auffassung wohl für eine 'von Natur aus' auch bei Barbarenvölkern bestehende Disposition zu Schönheit und Menschlichkeit. Das 'griechische' Moment steht andererseits für eine traditionsreiche, kulturvolle und kräftige griechische Lebensart, die sich in glücklicher Weise mit derjenigen von kulturoffenen Barbaren zu verbinden vermöge. Diese Verbindung vollzieht sich dabei über zwei repräsentative Personen - gewissermaßen als 'Medien -', und zwar in dem 'irrungs- und wirrungsreichen', aber glücklich endenden Schicksal der beiden Protagonisten der Erzählung. Dessen Dramatik betrifft sie daher nur scheinbar persönlich, sindern stellt in Wirklichkeit einen Vorgang der Entfaltung göttlicher Vorherbestimmung dar, der auch die 'Göttlichkeit ihres Erscheinungsbildes', ihre durch noch so schwere Zumutungen, Versuchungen, Irrtümer und Gefahren nicht beirrbare Liebe zueinander und ihre endliche dauernde Vereinigung erklärt. - Der antike Leser dürfte in dieser Art 'objektiver' Schicksalsdramatik hinter einer konkret-persönlichen 'ephesischen' Liebesgeschichte auch eine Art religiösen Trostes oder ökumenisch-kulturellen Selbstverständnisses gefunden haben.

Zu ÜBUNG 4.

AUFGABEN:

a) Aus welcher Erzählperspektive und mit welchen dramaturgischen Mitteln werden in der nachfolgend wiedergegebenen Erzählung die Charaktere des Gastgebers, seiner Frau, seiner Haussklaven und seiner Gäste gezeichnet? Inwiefern trägt dies zur Eindrücklichkeit der Erzählung und zur Verdeutlichung ihrer Kernbotschaft bei? [Die Übersetzung des Textes ins Deutsche läßt die lateinisch-sprachlichen Gestaltungsmittel leider nur unvollkommen erkennen]

b) Stellen Sie überschlägig zusammen, woran der Erzähler im einzelnen satirische Kritik übt. Welche moral-, dezenz- und bildungsbezogenen Maßstäbe liegen dieser Kritik zugrunde? Inwieweit sind diese Ihres Erachtens gerechtfertigt? Inwiefern handelt es sich um das Lächerlichmachen eines 'neureichen Emporkömmlings aus dem Sklavenstande', inwiefern aber auch auch um eine allgemeinere 'Kulturkritik' der Entstehungszeit der Erzählung?

c) Was ist aus der Erzählung über Lebensläufe und Vermögensverhältnisse geschäftstüchtiger Freigelassener aus der Zeit des Autors zu erfahren?


TEXTE:

Die Lächerlichkeit geschmacklosen Reichtums. Aus: Petronius, Satyricon, 27 - 79 (Das Gastmahl des Trimalchio).

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Petron, Satyricon. Ein römischer Schelmenroman. Übersetzt und erläutert von Harry C. Schnur, Stuttgart 1982, S. 36 - 92.


ZUR LÖSUNG:

Zu a)

Die 'restringierte' Ich-Perspektive eines fiktiven Erzählers, der sich in jugendlicher Abenteuerlust und Unbefangenheit - zusammen mit seinen Gefährten oder allein - in allerlei unvorhergesehenen Situationen seltsam und lächerlich erscheinenden Menschen gegenübersieht, ist besonders geeignet für die lebendige, lebensnahe Beschreibung eines Gastmahls und seiner Teilnehmer, das sich endlos von einer 'Geschmacklosigkeit' zur nächsten fortbewegt; und zwar sowohl des sentimentalen und geltungssüchtigen Gastgebers als auch seiner anpassungsbereiten Gäste. Die Frau des Gastgebers in ihrer Derbheit und gleichzeitigen Abhängigkeit, seine Sklaven in ihrer ängstlichen Folgsamkeit und abgenötigten Reverenz gegenüber ihrem Herrn erscheinen ebenfalls lächerlich oder bemitleidenswert. All dies zu beobachten und genau zu beschreiben heißt bereits, es als Verstoß gegen wichtige Deezenznormen des menschlichen Umgangs zu kritisieren.

Zu b)

An keiner Stelle handelt es sich bei diesen Dezenzverletzungen aber um strafweise ahndungsfähige Sittenwirdrigkeiten oder gar Strafrechtsverstöße; alles ist insoweit erlaubt. Verletzt werden 'nur' die Gebote der Rücksichtnahme, der Ehrlichkeit, der Mäßigung, der auch bei Reichtum sinnvollen und im Hinblick auf die Bedürftigkeit anderer angemessenen Bescheidenheit des persönlichen Aufwandes, des verständnisvollen Meinungsaustausches, der Schonung Abhängiger, der realistischen Selbsteinschätzung im Hinblick auf eigene Fehler und Schwächen, der Vermeidung von inhaltslosem Geschwätz und kitschigsentimentalen Gefühlsäußerungen, der Vermeidung von Eitelkeiten und Aufdringlichkeiten der Selbstdarstellung u. a. Dezenzgebote, deren Beachtung einem menschlich gebildeten, rücksichts., takt- und geschmackvollen Gatsgeber selbstverständlich sind. Weil irgendeine Strafe i. e. S. dafür aber nicht vorgesehen ist, ist die einzige Ahndung eines solchen Verhaltens das Verlachen und Lächerlichmachen, und dies geschieht seits des fiktiven Ich-Erzählers.

Es ist möglich, daß der Verfasser des 'Satyricon' damit nichts weiter wollte als sich über ein vielfach zu beobachtendes und öffentlich auffälliges 'neureiches' Verhalten von Freigelassenen in seiner Zeit und Lebenswelt - des 1. Jhs. n. Chr. in Italien - lustig machen wollte, sei es , um durch feine Imitiation bloß zu unterhalten, sei es um darüberhinaus 'geschmacksbildend' tätig zu werden; letzteres läge dann nahe, wenn es sich bei dem Autor der Erzählung um Petronius Arbiter, einen für Geschmacksfragen 'zuständigen' Anghörigen des höfischen Gefolges des Kaisers Nero handelte, was allerdings nicht fetsteht. Es ist aber, vor allem wegen der feinsinnigen, fast kommentarlos ironischen und trotzdem zielgerichtet-kritischen Betrachtung indezenten menschlichen Verhaltens auch denkbar, daß wir es hier mit einem Stück allgemeiner gefaßter satirischer Zeit- und Sittenkritik zu tun haben, und zwar mit einer logisch 'umgestellten' Aussage: "Wenn ihr in der Weise Trimalchios geschmacklos agiert und euch darstellt, dann seid ihr nichts weiter als Sklaven, die mehr oder weniger zufällig in Freiheit gelangt sind."

Zu c)

Die Erzählung enthält interessante, wenn auch romanhaft-dramatisch übertriebene Einzelheiten über den Aufbau und die Verwaltung eines großen, geographisch und nach 'Branchen' der Geschäftstätigkeit in Landwirtschaft, Gewerbe und Handel weitverzweigt angelegten Privatvermögens, über die Bedeutung der verschiedenen Kategorien von Sklaven dabei, über 'glückliche' Karrieren reichgewordener geschäftstüchtiger Aufsteiger aus dem Freigelassenenstande und über Vermögensverluste mangels Geschäftserfolgs und den damit verbundenen sozialen Abstieg. Dies ist ein Beispiel für die gelegentliche Verwertbarkeit von Textpassagen aus der Romanliteratur als nützlicher, wenn auch im Hinblick auf ihre dramatische Einordnung in eine Romanerzählung kritisch zu würdigender, allgemeingeschichtlich - hier wirtschafts- und sozialgeschichtlich - interessanter Quellen. Siehe dazu auch Kap. 8, 4.

Zu ÜBUNG 5.

AUFGABEN:

a) Wer sind die Akteure der nachfolgende Liebesgeschichte, in welcher Umgebung spielt sie und warum hat der Autor sie dorthin versetzt? Worin liegt die dramatische Spannung des an sich stillen Geschehens? Was tut der Autor, um die natürliche 'Liebesdramatik' in der Erzählung dramaturgisch zu steigern?

b) Wie begegnen sich in der Geschichte 'Stadt' und 'Land', und was trägt 'die Stadt' zum Liebesglück bei? Welche mythischen und genrehaften Elemente können Sie in der Erzählung ausmachen?

c) Handelt es sich Ihres Erachtens eher um eine sittenrein-einfache oder um eine raffiniert-unterhaltsame Erzählung? Was fesselt an ihr ein antikes Publikum?

d) An welche Formen der Malerei und Poesie in der neueren europäischen Kunstgeschichte erinnern sie die Menschen- und Landschaftsbilder der Erzählung?


TEXT:

Bukolische Liebe: Longos, Daphnis und Chloe 3. 12- 24.

Deutsche Übersetzung mit gerinfügigen Modifikationen entnommen aus: Longos. Hirtengeschichten von Daphnis und Chloe. Griechisch und deutsch. Von Otto Schönberger, Berlin 1973 2, S. 125 - 135.


ZUR LÖSUNG:

Zu a) Eine junge Hirtin und ein junger Hirte entdecken ihre Liebe zu einander. Die Geschichte einer beginnenden jungen Liebe in einer 'bukolischen' Umgebung, d. h. in einem als 'natürlich-sittenrein' und 'ursprünglich-menschengemäß' vorgestellten ländlichen Lebensraum unter angenommenen mental und zivilisatorisch 'einfachsten' Umständen eines 'Hirtendaseins', verbindet die Darstellung 'reinen Gefühls' mit einer vereinfachten Idealkonstruktion menschlicher Lebensordnung, die sich von der zwiespältigen, latent immer auch unsittlichen oder sittlich verwirrenden Alltagszivilisation - zumindest in einer sowohl kulturkritischen als auch künstlerischen Vorstellungswelt - markant unterscheidet. Gedanklich steht diese Sichtweise ein wenig der kynischen Philosophie der Bedürfnislosigkeit nahe, ist aber einerseits sinnlicher und andererseits illusionsbereiter. Es geht einer 'Bukolik' nicht wirklich um gesellschaftskritische Maßstäbe, sondern um eher einerein ideale Gegenwelt zu dem, was real dominiert.

Zu b)

Lykainion ('kleine Wölfin'; auch die 'Wolfsmaske' eines Schauspielers), die junge 'Dame aus der Stadt', ist mit ihrer sexuellen Erfahrung und Freizügigkeit gewissermaßen eine freundliche Vertreterein der städtischen Kultur - und als solche für die Fortentwicklung des dramatischen Geschehens hilfreich und wesentlich.

Zu c)

Beides ist der Fall. Der 'bukolische Rahmen' läßt eine einprägsam genaue Schilderung des Liebesgeschehens in einer Idealwelt stattfinden, für die die strikten Regeln der Alltagssittlichkeit, die sonst zumindest teilweise sofort zu einer Abwehr oder Verurteilung des Erzählten führen müßten, nicht eingefordert zu werden brauchen.

Zu d)

In den Ländlichkeits-, Natur- und Landschaftsdarstellungen erinnert der Roman 'Daphnis und Chloe' an Weidetier- und Landschaftsdarstellungen der Barockmalerei, 'Schäfer-Idyllen' in Literatur und Bildender Kunst des Rokoko und auch an gefühlvolle Mensch-Natur-Schilderungen.in der romantischen Literatur und Malerei. Siehe dazu auch Kap. 9, 2 c).

Zu Übung 6.

AUFGABEN:

Prüfen Sie die nachfolgenden beiden Textauszüge aus antiken 'Romanen' antiker Autoren auf folgende Fragen:

a) Worin liegt in dem Roman 'Ephesiaka' ein Fehlverhalten der beiden Hauptpersonen gegenüber der Gottheit und welche Änderung ihres Wesens ist nötig, um die Gottheit zu versöhnen und sie zu menschlichen Menschen zu machen?

b) Inwiefern ist im 'Alexander-Roman' eine konstante Linie der biographischen Entwicklung Alexanders determiniert?


TEXTE:

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Xenophon, Abrokomes und Anthia. Die Liebenden von Ephesos. Mit acht Radierungen von Fritz Cremer, Leipzig 1981, S. 5 - 10.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Historie von Alexander dem Großen. Übersetzung aus dem Mitellateinischen, Nachwort und Anmerkungen von Wolfgang Kirsch, (Leipzig 1975) Frankfurt M. 1984, S. 7 - 16.


ZUR LÖSUNG:

Zu a)

Durch Eitelkeit und Prahlerei mit seiner Attraktivität, ja mit respektlosen Äußerungen gegenüber Eros ruft Abrokomes, einer der Protagonisten der Liebesgeschichte, den Zorn dieses Gottes hervor. Anthia, die andere Hauptbeteiligte der Geschichte, beleidigt zwar nicht willentlich die Göttin Artemis, mit der sie bei Prozessionen in der Stadt Ephesos, an denen sie teilnimmt, verglichen wird, ist aber möglicherweise zu fahrlässig, was die der Göttin objektiv geschuldete Reverenz betrifft. Beide werden daher, zur Sühne ihrer 'Hybris', d. h. ihres respektlosen Verhaltnes gegenüber einem Gotte oder einer Göttin, von der verletzten Gottheit zunächst in Liebe miteinander verbunden und dann mit langdauernden Verwirrungen und Leiden bestraft, in denen die Liebe nicht zur Entfaltung kommen kann, bis eine 'Läuterung' der Personen eingetreten ist. Die Verwirrungs- und Leidensgeschichte ist also nicht nur als Liebes- und Abenteuererzählung zu verstehen, sondern auch als eine Art Entwicklungsgeschichte zu menschlicher Reife und respektvollem Verhalten gegen den göttlichen Mächten. Insoweit haben wir hier eine antike Form des 'Entwicklungsromans' vor uns.

Zu b)

Schon in der Zeugung des späteren Köigs Alexander ist nach der Erzählung des 'Alexanderromans' eine göttliche Beteiligung und Vorherbestimmung erkennbar. Im Zeugungsakt offenbar vermittelt durch den Ammons-Priester Nektanebos wird der Gott Ammon eigentlicher Vater des Alexander. Dessen weiteres Lebensschicksal als Heros, d. h. als göttlich mitgezeugter, mit ungewöhnlichen Anlagen begabter und zu großen Aufgaben berufener Held, ist damit aus der göttlichen Sphäre determiniert. Entsprechend dieser Determination verläuft es geradlinig in ständig zunehmender Größe bis zu seinem frühen gottgewollten Ende. Auch hier läßt sich von einer Form antiken Entwicklungsromans reden, allerdings von einer, die nicht in der nicht Charakteränderung und -läuterung besteht, sondern in der Entfaltung und Verwirklichung vorgegebener, ja durch die Gottheit in die Menschennatur eingepflanzter Anlagen zur Größe.

Zu Übung 7.

AUFGABEN:

Bilden Sie sich einen Eindruck vom gesamten Inhalt der nachfolgend wiedergegebenen 'Wahren Geschichte' Lukians.

a) Stellen Sie in einer Liste zusammen, was der fiktive Erzähler erlebt zu haben vorgibt. Wo in dem der Antike bekannten Bereich der Welt des 2. Jh. n. Chr. spielt es sich ab?

b) Wo liegen bei diesen Erlebnissen motivypische dramaturgische Übertreibungen und warum sieht sich der Erzähler veranlaßt, diese gelegentlich ironisch nochmals zu übersteigern?


TEXT UND KARTE:

Zur Dramatik des Wunderbaren und Fabelhaften im phantatstischen 'Reiseroman': Lukian, Wahre Geschichte.

Deutscher Text entnommen aus: Lukian, Der Lügenfreund und andere phantastische Erzählungen. Übersetzt von Christoph Martin Wieland und Karl Mras. Mit einer Einleitung und Erläuterungen von Bernhard Kytzler, München 1990, S. 66 - 108.

Die Grenzen der bekannten Welt im 2. Jh. nach Chr.

Abb. entnommen aus: Großer Historischer Weltatlas. Hg. vom Bayrischen Schulbuch-Verlag, I. Teil: Vorgeschichte und Altertum, München 1972 5, S. 13


ZUR LÖSUNG:

Zu a)

Die ganze Geschichte spielt sich völlig außerhalb der im Mittelmeerraum des 2. Jhs. n. Chr. bekannten Oikumene ab, nämlich einmal im höheren Luftraum über dem Ozean einige Schifsstagereisen westlich von den 'Säulen des Herakles' entfernt , u. a. auf dem von menschenähnlichen, aber u. a. nicht-geschlechtlich sich fortpflanzenden Wesen bewohnten Monde, oder aber irgendwo im Ozean, im bewohnbaren Bauch eines riesigenWalfisches, der zumeist unter Wasser schwimmt, aber auch regelmäßig auftaucht und dann für die im Bauch eingeschlossenen Lebewesen den Blick auf die seltsamsten Dinge und Geschehnisse freigibt. Eine vom Autor des Romans angekündigte Fortsetzung der Erzählung, welche den Besuch der auf einer schon kugelförmig vorgestellten Erde antipodischen Gegenwelt zur 'Oikumene' schildern soll, ist zwar nicht realisiert worden; die Ankündigung läßt aber erkennen, daß auch diese Fortsetzungseschichte außerhalb der Grenzen des Bekannten entdecktes Phantastisches beschreiben sollte.

Zu b)

Die Lebensräume und Lebewesen außerhalb der bekannten Oikumene sind den Gegebenheiten der Natur und der menschlichen Gesellschaft auf dem bekannten Teil der Erdkugek ähnlich, aber doch auch markant anders. Seltsame 'Landschaften', seltsame Tiere oder menschlich-tierische Mischwesen, seltsame Weisen der Ernährung, Bekleidung und Zeugung, seltsame Formen der friedlichen Gemeinschaftsordnung oder der Kriegführung werden dabei wie in einem Reisebericht in ein fremdes Land beschrieben; als überraschend, faszinierend, teilweise unverständlich bzw. wunderbar, aber immer mit der fingierten Autorität des interessierten und nach Möglichkeit in die Tiefe dringenden reisenden Augenzeugen.

Derartige Reiseberichte waren in der Antike seit der Zeit Herodots beliebtes literarisches Unterhaltungsmittel. Der Unterhaltungswert der 'Wahren Geeschichte' Lukians liegt demgegenüber aber darin, daß er die typischen Irrtümer und Mißverständnisse, Unklarheiten und Unterstellungen und vor allem Projektionen eigener Ängste und Phantasien der Reiseberichterstatter in ihnen zunächst unbekannte, fremde Phänomene aufgreift , um sie in einer völlig fiktiven Reiseerzählung dramatisch zu übetreiben. Die Intention könnte man daher in einem antiken Sinne 'aufklärerisch' nennen. Die von Lukian in Form eines 'Reiseromans' dargebotene unterhaltsame Aufklärung über die Fehlsamkeit und Unsinnigkeit mancher menschlicher Mitteilung mit Autoritätsanspruch enthält außer den witzigen - an Sindbad-Geschichten erinnernden - Einzelheiten auch eine Reflexion über die Schwerüberschreitbarkeit von Grenzen menschlicher Erkenntnis.

Zu ÜBUNG 8.

AUFGABE:

Vergleichen Sie die beiden nachfolgenden Texte, inbesondere soweit sie etwas über die 'Göttlichkeit' des Makedonenkönigs Alexander des Großen aussagen.

a) Worin liegen die sachlichen Differenzen der Aussagen?

b) Wie unterscheiden sich historisch-biographische Berichterstattung und romanhafte Erzählung formal?


TEXTE

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Historie von Alexander dem Großen. Übersetzung aus dem Mitellateinischen, Nachwort und Anmerkungen von Wolfgang Kirsch, (Leipzig 1975) Frankfurt M. 1984, S. 7 - 16.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Plutarch, Alexander - Caesar. Übersetzt und herausgegeben von Marion Giebel, Stuttgart 2001, S. 37 - 41.


ZUR LÖSUNG:

Zu a)

Wie schon oben zu Übung 6 unter b) dargelegt, spricht die legendenhafte Geschichte von der Beteiligung des Gottes Ammon an der Geburt des späteren Königs Alexander diesem als Sohn einer Menschenmutter und eines Gottes eine göttliche, lebensbestimmende Komponente seines Charakters und eine Dtermination seines Lebens als Heroenschicksal zu. Damit sind alle späteren, im 'Roman' vorfindlichen Übertreibungen der 'Größe' Alexanders und fiktiven Unterstellungen von Fähigkeiten, die er nicht gehabt haben kann, wie z. B. immense Tugendhaftigkeit, Lebensweisheit und Gelehrsamkeit, erklärt und in gewisser - nämlich religiös-gläubiger - Weise glaubhaft gemacht.

Zu b)

Demgegenüber hebt Plutarch in seiner Alexander-Biographie immer wieder den überaus menschlichen Charakter des bei seinen militärischen Abenteuern und Erfolgen jung verstorbenen Königs hervor und stellt dabei auch heraus, daß Alexander i. J. 331 seine Expedition zur Oase Siwa unternahm, um sich im Verhältnis zu den neu gewonnenen ägyptischen Untertanen - und auch zu anderen noch zu unterwerfenden orientalischen Völkerschaften - die religiöse Legitimation eines Pharao zuzulegen, und daß er sich dessen, d. h. auch seiner reinen Menschlichkeit, im Umgang mit den ihm nahestehenden griechischen Kampfgenossenstets bewußt blieb.

Zu ÜBUNG 9.

AUFGABEN:

Untersuchen Sie das ungekürzte Vorwort des unten wiedergegebenen Textausszugs aus der 'Vita Alexandri' (auch 'Pseudo-Kallistehes' genannt) daraufhin,

a) worin der Übersetzer - als christlicher Kleriker - den Bildungswert des Werkes sieht und

b) an welchen Leserkreis er für seine Übersetzung denkt.


TEXT:

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Historie von Alexander dem Großen. Übersetzung aus dem Mittellateinischen, Nachwort und Anmerkungen von Wolfgang Kirsch, (Leipzig 1975) Frankfurt M. 1984, S. 7 - 10.


ZUR LÖSUNG:

Zu a)

Der Priester Leo bewundert einerseits zwar durchaus die historisch verbürgten großen militärischen Taten des Königs Alexander, hebt aber an ihm andererseits auch höchste Gelehrsamkeit und Weisheit, Menschlichkeit und sonstige Tugendhaftigkeit hervor, die Alexander zwar keineswegs in Wirklichkeit, wohl aber nach den legendären Passagen des im Laufe der Zeit immer legendenhafter gewordenen antiken Romans aus der Hand vieler, an ihm fortdichtend beteikigter unbekannter Autoren ('Pseudo-Kallisthenes') besessen haben kann. Eine - gewissermaßen christlich-ritterlichen Maßstäben ensprechende - Werteskala will er durch die Romanerzählung seiner geistigen Mitwelt vermittelt wissen.

Zu b)

Er denkt dabei einerseits an Kleriker, die in den Abenteueren des Heros Alexander Unterhaltung, in seinen Tugenden zugleich aber christengemäße Erbauung finden können, Andererseits denkt er an die christliche Ritterschaft als Leserkreis, die, wenn lesekundig, nicht nur Abenteuerliches - wie in der Romanliteratur des Mittelalters üblich - im 'Alexanderroman' zu finden vermöge, sondern auch Erbauliches und Versittlichendes für ihr Kriegshandwerk.

Es zeigt sich daran, daß der 'Alexanderroman' erst nach einer weitgehenden Transformation des in glaubwürdigen historischen Quellen überlieferten Stoffs ins Legendhafte interessant für eine Rezeption und Verbreitung imbendland wurde. Mit den Wiederentdeckungen der antiken Historiker - einschließlich des Plutarch - in der Zeit der Renaissance wurde das weitgehend Legendenhafte des Alexanderromans für die gebildete Welt immer deutlicher, und auch deren teilweise antikirchlicher humnistischer Geist strich den Roman deshalb aus dem Kreis der sittlich und wissensmäßig ernstzunehmenden Bildungsliteratur.


LV Gizewski WS 2004/2005

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de