Wahrnehmungen eines Mühlenesels. Aus: Apuleius, Metamophosen, 9. Buch, Kap. 10 - 14.

Text der deutschen Übersetzung mit geringen Modifikationen entnommen aus: Apuleius, Metamorphosen oder: Der goldene Esel, Lateinisch und deutsch von Rudolf Helm, Berlin 1978 7, S. 287 - 291.


... Mich führen sie am nächsten Tage hinaus und bieten mich wieder durch die Stimme des Ausrufers zum Verkauf: und für sieben Nummi mehr, als vordem Philebus für mich als Preis entrichtet hatte, erstand mich ein Müller aus dem nächsten Gehöft. Der führt mich stracks, nachdem er noch ein bißchen Getreide zusammengekauft hatte, reichlich beladen auf einem wegen der Steine mühsamen und durch Baumwurzeln aller Art erschwerten Weg zu der Mühle, die er betrieb.

Dort bewegten mehrere Tiere, auf endlosem Wege herumwandelnd, Mühlen mit verschieden großem Umlauf, und nicht nur bei Tage, sondern auch die ganze Nacht hindurch stellten sie durch Drehung der nie stillstehenden Mühlsteine, immer wachend, das Mehl her. Doch mir gewährte mein neuer Herr, offenbar damit ich nicht gleich vor der ersten Probe des Dienstes einen Schauder bekäme, in reichlichem Maße gastliche Aufnahme; denn diesen ersten Tag gab er mir frei und versah meine Krippe im Überfluß mit Futter. Leider dauerte jedoch dies Glück der Muße und der Mast nicht länger, sondern am folgenden Tage stellt man mich in aller Frühe an die Mühle, anscheinend die größte, und sofort treibt man mich mit verbundenem Gesicht zu der runden Bahn des gewundenen Ganges, um dort in dem ringsum abgegrenzten Kreis, mit immer wiederkehrendem Schritt in die eigene Spur tretend, nach einer doch fest bestimmten Regel herumzuirren. Doch vergaß ich meiner Schlauheit und Erfahrung nicht ganz und gar. So stellte ich mich bei der ersten Unterweisung in dem Betrieb nicht gelehrig an sondern, obwohl ich oft genug Mühlsteine in gleicher Weise hatte herumdrehen sehen, als ich noch Mensch war, so stand ich doch wie unkundig und unerfahren in der Arbeit da, an den Boden geheftet in angeblichem Staunen, weil ich mir nämlich einbildete, als weniger geeignet und zu einem Dienst dieser Art reichlich ungeschickt, zu irgendeiner anderen, jedenfalls leichteren Arbeit bestimmt oder auch bei voller Muße auf alle Fälle durchgefüttert zu werden. Aber da hatte ich umsonst eine recht gefährliche Klugheit geübt. Denn flugs stellten sich mehrere mit Knüppeln bewaffnete Kerle um mich auf, und wie ich mit verdeckten Augen noch ganz unbekümmert dastehe, versetzen sie mir plötzlich auf ein gegebenes Zeichen mit vereintem Geschrei haufenweise Schläge und bringen mich durch das Getöse derart in Aufregung, daß ich alle schlauen Pläne beiseite werfe, mich geschickt mit aller Kraft in den hanfenen Gurt lege und munter dem Herumlaufen unterziehe.

Aber mit meiner plötzlichen Sinnesänderung hatte ich bei der ganzen Gesellschaft nur Gelächter erregt. Und schon war der größte Teil des Tages vergangen, da nimmt man mir, der ich im übrigen erschöpft war, den hanfenen Halsgurt ab, befreit mich von der Verbindung mit dem Mühlstein und bringt mich an die Krippe. Aber obschon ich recht ermüdet und der Wiederherstellung meiner Kräfte sehr bedürftig, auch vor Hunger geradezu tot war, nahm ich doch, durch meine übliche Neugier in Spannung und rechte Unruhe versetzt, ohne auf das reichliche Futter zu achten, mit einem gewissen Interesse die Einrichtung dieser unerwünschten Arbeitsstätte in Augenschein. Ihr guten Götter! Was für armselige Menschlein gab's da, die ganze Haut mit blauangelaufenen Striemen bemalt und den wundgeschlagenen Rücken mit zerrissenen Lumpen mehr beschattet als verhüllt, einige mit einem kleinen Lappen noch gerade die Scham bedeckt, alle jedoch nur soweit bekleidet, daß der Körper durch die Fetzen hindurchsah. Auf der Stirn ein Brandmal, das Haar halbgeschoren, die Füße in Ringe geschlossen, das Antlitz von Blässe entstellt, die Augenlider in dem räucherigen Dunkel mit seinen dunstigen Dämpfen durch Entzündung angefressen, und sogar die Sehkraft übel geschwächt. Manche waren sogar wie Faustkämpfer, die mit Staub bestreut ihre Gefechte austragen, vom Mehlstaub mit schmutzigem Weiß bedeckt.

Und weiter von meinen Kameraden unter den Tieren was oder wie soll ich da berichten'? Was für alte Maultiere oder schwächliche Klepper! Rings um die Krippe, die Köpfe hineingesteckt. kauten sie Massen von Spreu, den Hals aufgedunsen von schwärend faulenden Wunden, die schlaffen Nüstern weit offen von beständigen Hustenanfällen, die Brust durch das fortgesetzte Reiben des hanfenen Stricks vereitert, die Rippen durch das ununterbrochene Prügeln his auf die Knochen bloßgelegt, die Hufe von dem vielen Herumlaufen zu ungeheuren Klumpen ausgetreten und die ganze Haut rauh von altem Schmutz und räudiger Dürre. Das unheilvolle Beispiel einer solchen Gesellschaft erregte auch in mir Angst; ich mußte an die glückliche Lage des alten Lucius denken, und da ich mich so auf die äußerste Stufe des Daseins hinabgestoßen sah, so ließ ich den Kopf sinken und war tiefbekümmert. Kein Trost in meinem jammervollen Leben war da irgendwo zu sehen, nur daß ich in meiner angeborenen Neugier eine Erholung fand, da ja alle, ohne auf meine Gegenwart zu achten, ganz frei nach Herzenslust handelten und redeten. Nicht ohne Grund hat der göttliche Sänger der alten Dichtung bei den Griechen, wo er den Mann von höchster Klugheit aufzuzeigen wünscht, von ihm verkündet, er habe die höchste Tüchtigkeit dadurch gewonnen, daß er viele Städte aufgesucht und mannigfache Völker kennengelernt habe. Denn ich selber weiß meinem Esel aufrichtigen Dank dafür, daß er mir, der ich unter seiner Hülle in manchen Schicksalsschlägen geübt worden bin, wenn auch nicht geradezu Klugheit, so doch vielerlei Wissen verschafft hat. Eine Geschichte, die vor andern gut, nett und gefällig ist, habe ich da gedacht vor eure Ohren zu bringen, und somit fange ich an.

Der Müller, der mich für sein Geld zu eigen bekommen hatte, im übrigen ein braver und überaus ehrbarer Mann, hatte eine böse und vor allen Weibern besonders schlimme Frau bekommen und hatte die ärgste Pein in Ehe und Haus zu ertragen, so daß auch ich, weiß Gott, für ihn im stillen häufig seufzte. Denn auch nicht ein einziges Laster fehlte dem ruchlosen Weibe, sondern alle schlechten Eigenschaften waren, gerade wie in einer dreckigen Kloake, in ihrem Herzen zusammengeströmt: sie war herrisch und närrisch, mannstoll und weintoll, zänkisch und störrisch, bei schnödem Raub raffgierig, bei schmutzigen Ausgaben wieder verschwenderisch, abhold der Treue und feind der Sittsamkeit. Dann verachtete und verhöhnte sie das Walten der Götter und setzte an die Stelle einer sicheren Religion zum Schein die verruchte Annahme eines, wie sie behauptete, einzigen Gottes, und während sie mit vorgespiegelter Einhaltung leerer Gebräuche alle Leute täuschte und ihren armen Ehemann betrog, hatte sie sich dem Trunk am frühen Morgen und andauernder Unzucht hingegeben.

Dies böse Weib verfolgte mich mit einem seltsamen Haß. Denn schon vor Tagesgrauen, während sie noch lag, schrie sie, man solle den neuen Esel an die Mühle spannen, und sofort, sobald sie nur aus ihrer Schlafkammer gekommen war, drängte sie darauf und gebot, vor ihren Augen mir tüchtige Schläge zu versetzen, und wenn die anderen Tiere zur entsprechenden Zeit zum Füttern abgespannt wurden, dann ließ sie mich erst weit später an die Krippe bringen. Durch diese Grausamkeit hatte sie meine angeborene Neugier gegenüber ihrem Treiben noch vergrößert. Ich merkte nämlich, daß ganz regelmäßig ein junger Mensch in ihre Schlafkammer ging, dessen Gesicht ich gar zu gern gesehen hätte, wenn nur die Kappe über meinem Kopf einmal meinen Augen einen freien Blick gestattet hätte. Denn an Geschicklichkeit, die Schandtaten des bösen Weibes auf jede Weise aufzudecken, hätte es mir nicht gefehlt. ....


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .