Eine tragische Strandszene. Aus: Heliodor von Emesa, Aithiopika, 1. Buch.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Heliodor, Aithiopica. Roman. Ins Deutsche übertragen von Horst Gasse, (Leipzig 1957) Karlsruhe 1985, S. 6 - 9.


... Da lagen sie nun [scil. ein Schiffsmannschaft, die bei einem Mahl am Heraklesarm des Nildeltas überfallen und niedergemacht wurde]; dieser mit dem Beil verwundet, jener mit einem Kiesel vom felsigen Gestade getroffen, der dritte mit einer Keule erschlagen, ein anderer von einer brennenden Fackel versengt, der eine so, der andere so: die meisten aber waren das Opfer von Pfeil und Bogen geworden. In unzähligen Formen hatte ein Dämon das Verderben über einen kleinen Raum gestreut, Wein und Blut, Mahl und Kampf, Trunk und Mord, Trankopfer und Gemetzel vereinigt und das Ganze wie ein Bühnenbild vor die ägyptischen Räuber hingestellt. Den Männern, die als Zuschauer auf dem Berge saßen, mußte die Szene unverständlich bleiben. Sie sahen zwar die Getöteten vor sich, aber nirgends ihre Überwinder; einen glänzenden Sieg, die Beute aber unberührt; das Schiff von der Mannschaft verlassen, im übrigen aber unbeschädigt, als schaukele es, von zahlreichen Matrosen bewacht, in tiefem Frieden auf den Wellen. Wenn sie auch nicht wußten, was sich hier abgespielt hatte, so stach ihnen doch die gewinnversprechende Beute in die Augen. So nahmen sie denn die Rechte des Siegers für sich in Anspruch und machten sich auf.

Schon hatten sie [scil. die schon erwähnte Gruppe von Räubern] sich dem Schiff und den Toten ein gutes Stück genähert, als sich ihnen ein Schauspiel bot, das ihnen noch größere Rätsel aufgab. Auf einem Felsen saß ein Mädchen von unglaublicher Schönheit, so daß man meinen konnte, man habe eine Göttin vor sich. Man sah ihr an, daß sie gegenwärtig ein schwerer Kummer bedrückte, und doch prägte sich auf ihren Zügen der Adel einer stolzen Gesinnung aus. Ihr Haupt war mit Lorbeer bekränzt. Über ihrer Schulter hing ein Köcher, der linke Arm war auf den Bogen gestützt, während die Hand schlaff herabfiel. Mit dem rechten Ellbogen stützte sie sich auf ihr Bein und hielt die Wange in ihrer Hand. In aufrechter Haltung, doch mit gesenktem Blick betrachtete sie einen Jüngling, der vor ihr lag. Wiewohl er von Wunden entstellt war und nur eben aus Todesnähe etwas zu sich zu kommen schien, als erwache er aus tiefem Schlaf, so lag doch auch jetzt noch auf ihm der Glanz männlicher Schönheit, und das Weiß seiner Wange wurde von dem herabrieselnden Blut, das sie rötete, noch gehoben. Die Schmerzen ließen ihn die Augen senken, doch das Bild des Mädchens zog sie zu sich empor und veranlaßte ihn immer wieder, es anzusehen. Er holte Atem, und ein Stöhnen entrang sich der Tiefe seiner Brust. Dann sagte er mit schwacher Stimme: »Süße, lebst du wirklich, oder bist auch du ein Opfer des Kampfes geworden? Vermagst du dich nur nicht von mir zu trennen, selbst nach dem Tode, und dein Geist umschwebt bangend mein Geschick?«

»Mein Leben hängt von dem deinigen ab«, erwiderte das Mädchen und wies auf das Schwert, das auf ihren Knien lag. »Siehst du dieses hier? Bis jetzt hat es geruht, denn noch atmest du.« Mit diesen Worten sprang sie von dem Felsen auf. Ihre Erscheinung traf die Männer am Berge wie ein Blitzstrahl. Staunend und bestürzt versteckten sie sich hier und dort im Gebüsch. Wie sie hochaufgerichtet dastand, erschien sie ihnen ein höheres Wesen, irgendeine Göttin. Die Pfeile klirrten von der raschen Bewegung, ihr golddurchwirktes Gewand spiegelte den Glanz der Sonne wider, ihr bekränztes Haar, das weit über den Rücken fiel, flatterte im Winde wie bei einer Bacchantin. Schrecken packte die Räuber bei diesem Anblick, mehr aber noch lähmte sie die Ungewißheit über das Vorgefallene. Die einen meinten, es sei eine Göttin, Artemis oder die einheimische Isis, die andern hielten sie für eine Priesterin, die in Verzückung dieses gewaltige Blutbad angerichtet habe. So dachten sie; hinter den wahren Sachverhalt kamen sie noch nicht.

Plötzlich warf sie sich über den Jüngling, umarmte ihn unter Tränen, küßte ihn, wischte ihm das Blut ab und wollte in ihrem Jammer nicht glauben, daß sie ihn in ihren Armen hielt. Als die Ägypter das sahen, änderten sie ihre Meinung. Würde eine Göttin so handeln? Ein göttliches Wesen einen Toten so leidenschaftlich küssen? Mit solchen Betrachtungen machten sie sich gegenseitig Mut und schlugen vor, näher heranzugehen, um der Sache auf den Grund zu kommen. So liefen sie denn den Abhang hinab und fanden das Mädchen noch bei der Pflege der Wunden, die der Jüngling aufwies. Sie blieben hinter ihr stehen, hatten aber nicht den Mut, etwas zu sagen oder zu tun. Als doch ein Geräusch zu ihr drang und der Schatten der Männer ihr in die Augen fiel, sah das Mädchen auf, senkte aber sofort wieder ihren Blick, ohne über die ungewohnte Farbe und das kriegerische Aussehen der Räuber im geringsten zu erschrecken, und wendete sich wieder ganz und gar der Pflege des vor ihr liegenden Jünglings zu. Echte Liebe achtet in ihrer Lauterkeit keiner Lust und keines Leides, das von außen kommt, und hat nur den geliebten Gegenstand im Auge und im Sinn.

Die Räuber hatten ihren Platz gewechselt, sich ihr gegenübergestellt und schienen etwas unternehmen zu wollen. Da blickte das Mädchen wiederum auf und rief, als sie die schwarzen wilden Gestalten sah: »Seid ihr die Schatten der Erschlagenen, so belästigt ihr uns zu Unrecht; denn ihr habt euch zumeist gegenseitig umgebracht. Wenn einige von unserer Hand gefallen sind, so haben wir in Notwehr gehandelt und nur den Frevel gerächt, den ihr gegen Zucht und Ehre begingt. Gehört ihr jedoch zu den Lebenden und führt, wie es den Anschein hat, ein Räuberleben, so seid ihr zur rechten Zeit gekommen. Befreit uns von dem Jammer, der uns umgibt, und schließt das Drama unseres Lebens mit unserer Ermordung ab.« So sprach sie wie eine Tragödin.

Aber die Räuber konnten ihr Griechisch nicht verstehen. Sie ließen die beiden ohne eine stärkere Wache, als es deren eigene Hilflosigkeit war, eilten zum Schiff und gingen daran, es zu entladen. ...


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .