Maßstäbe antiker Literaturkritik aus der Sicht eines Rhetoriklehrers. Aus: Quintilian, Institutio oratoria, Buch 10, 1. Kap., 40 - 55 und 65 - 72.

Text der deutschen Übersetzung mit geringfügigen Modifikationen aus: Quintilian, Über Pädagogik und Rhetorik. Eine Auswahl aus der 'Institutio oratoria'. Übertragen, eingeleitet und erläutert von Marion Giebel, München 1974, S. 122 - 125 und 127 - 129.


40. ... Ich glaube, es gibt nur wenige oder kaum einen von den Autoren, die das Ausleseverfahren durch die Zeit bestanden haben, die einem kritischen Leser nicht irgendwie von Nutzen sein könnten, zumal selbst Cicero bezeugt, er verdanke gerade diesen Autoren längst vergangener Zeiten, die zwar Talent, aber noch keine Kunstfertigkeit besaßen, sehr viel. 41. Nicht viel anders denke ich auch über die modernen Autoren. Wer von ihnen ist als Autor schon so abwegig, daß er sich nicht wenigstens ein ganz klein wenig Hoffnung darauf machen könnte, zumindest mit einem Bruchteil ihres Werkes einen Platz einzunehmen im Gedächtnis der Nachwelt? Wenn es allerdings einen solchen [scil. qualitätslosen] Autor gibt, so wird er schon gleich zu Beginn der Lektüre entlarvt werden, und er wird schnell auf uns verzichten müssen, bevor uns das Experiment, ihn zu lesen, allzu viel Zeit gekostet hat. 42. Aber es wird ja auch nicht jede Stelle, die sich auf irgendein Wissensgebiet bezieht, ohne weiteres für die Stilbildung, die wir hier behandeln, geeignet sein. Bevor ich zu einzelnen Autoren übergehe, will ich noch einige allgemeine Bemerkungen über ihre unterschiedliche Beurteilung machen. 43. Da gibt es nämlich einige, die allein die Alten für lesenswert halten und glauben, nur in ihnen finde man ursprüngliche Beredsamkeit und männliche Kraft. Andere wieder schwelgen in dem gezierten, weichlichen Stil unserer Tage, der ganz und gar nur für das Vergnügen der ungebildeten Masse bestimmt ist. 44. Selbst von denen, die eine korrekte Redeweise erstreben, halten einige nur das für den gesunden und wahrhaft attischen Stil, was knapp-und anspruchslos und möglichst im Umgangston ausgedrückt ist. Andere wieder fesselt eine Redeweise, die mehr Erhabenheit, Leidenschaftlichkeit und Feuer hat. Und es gibt auch viele Anhänger eines ruhigen, eleganten und harmonischen Stils. Auf diese Unterschiede werde ich noch genauer eingehen, wenn ich über die einzelnen Stilarten spreche. Für den Augenblick will ich mich darauf beschränken, kurz anzuführen, was jemand, der sein rednerisches Können entwickeln will, aus seiner Lektüre gewinnen kann und was er lesen soll. Ich will nur einige wenige der hervorragendsten Autoren in Auswahl vorstellen. 45. Wer sich damit beschäftigt, wird leicht beurteilen können, welche anderen Autoren diesen am nächsten kommen; es soll sich keiner beklagen, daß ich etwa seine Lieblingsschriftsteller ausgelassen hätte. Denn ich gebe gern zu, daß noch weit mehr als die von mir Genannten es verdienen, gelesen zu werden. Doch nun will ich beginnen, die verschiedenen Gattungen der Literatur durchzugehen, die mir für künftige Redner besonders nützlich erscheinen.

46. So wie Arat es für richtig hielt, »mit Juppiter den Anfang zu machen«, so ist es wohl auch für uns das Rechte, wenn wir mit Homer beginnen. Wie dieser vom Ozean gesagt hat, er sei der Ursprungsort aller Ströme und Quellen, so ist er selbst auch Vorbild und Ausgangspunkt für alles, was mit der Rhetorik zusammenhängt. Niemand hat ihn jemals übertroffen in der Erhabenheit seiner großen Themen oder in der Natürlichkeit seiner alltäglichen Szenen. Er zeigt reiche Fülle ebenso wie Knappheit, Heiterkeit und Ernst, ist in seinem Überfluß wie in seiner Kürze gleichermaßen bewundernswert, und nicht nur seine dichterischen, sondern auch seine rednerischen Vorzüge machen ihn zum bedeutendsten Autor überhaupt. 47. Ich will gar nicht von seinen Lob-, Ermunterungs- oder Trostreden sprechen - aber zeigen nicht das neunte Buch mit der Gesandtschaft an Achill, das erste mit dem Streit der Führer und das zweite mit den Reden in der Heeresversammlung alle Kunstregeln für Streit- und Beratungsreden? 48. Was die Erregung der Gefühle angeht, und zwar der leidenschaftlichen wie auch der milden, so kann niemand so ungebildet sein zu leugnen, daß sie dieser Dichter meisterhaft beherrscht. Und hat er nicht in den wenigen knappen Einleitungsversen seiner beiden Epen die Regel, wie ein Prooemium aussehen soll, man kann nicht sagen eingehalten, nein ein für allemal festgesetzt? Durch die Anrufung der Göttinnen, die man als die Schutzgottheiten der Dichter ansah, gewinnt er das Wohlwollen des Zuhörers, indem er ihm die Größe seiner Themen vor Augen stellt, macht er ihn aufmerksam, und indem er den Inhalt in wenigen Worten umreißt, macht er ihn dafür empfänglich. 49. Wer könnte eine kürzere Erzählung eines Tatbestands bieten als der Held, der den Tod des Patroklos meldet, wer eine anschaulichere als der Mann, der den Kampf der Kureten und Ätoler beschreibt? Man beachte auch seine Gleichnisse, seine Szenensteigerung, seine Beispiele, seine Episoden, die Form seiner Beweise aus Indizien und Schlußfolgerungen sowie die übrigen Arten der Beweisführung und Widerlegung, die so zahlreich sind, daß sogar die meisten Fachautoren der Rhetorik ihre Beispiele für diese Dinge von Homer nehmen. 50. Und wo gibt es einen Epilog, der sich mit den Bitten des Priamos an Achill vergleichen ließe? Erhebt sich Homer nicht in der Wahl seiner Worte, seiner Sinn- und Redefiguren, in der ganzen Anlage seines Werkes über die Grenzen menschlichen Geistes? Daher muß man schon Geist besitzen, wenn man ihm, nicht nachahmend - denn das ist unmöglich -, sondern verstehend nachfolgen will. 51. Er hat in Wahrheit auf dem gesamten Gebiet der Wortkunst alle weit hinter sich gelassen, vor allem die Ependichter. Der Vergleich innerhalb desselben Stoffgebiets zeigt dies mit größter Deutlichkeit.

52. Nur zuweilen nimmt Hesiod einen höheren Aufschwung. Ein großer Teil seines Werkes besteht aus einer Aufzählung von Namen, dennoch sind seine Lebensregeln in Spruchform von Nutzen, und der Fluß seiner Worte und ihre glatte Fügung wirken gefällig. Er nimmt den ersten Platz unter den Autoren des mittleren Stils ein. 53. Bei Antimachos lobt man dagegen seine Kraft und Würde und seine dem Alltagston ganz ferne Ausdrucksweise. Aber obwohl so ziemlich alle Literaturwissenschaftler ihm den zweiten Rang in der epischen Dichtung einräumen, fehlt ihm doch die Kraft, auf das Gemüt zu wirken, die Anmut, ein geordneter Aufbau und überhaupt jeder Kunstcharakter. Dadurch zeigt sich klar, was für ein großer Unterschied darin besteht, einem anderen besonders nahe zu kommen oder der zweite nach ihm zu sein. 54. Panyasis, der eine Mischung der beiden letztgenannten bildet, erreicht nach allgemeinem Urteil im Stil die Vorzüge keines von beiden, er übertrifft aber Heslod, was den Stoff. und Antimachos, was den Aufbau angeht. Apollonios nimmt keinen Platz in dem von den Literaturhistorikern aufgestellten Kanon ein; denn die Kritiker der Dichtkunst, Aristarch und Aristophanes, haben keine Zeitgenossen darin aufgenommen. Er hat jedoch ein beachtliches Werk geschaffen, das sich durchweg auf der Höhe des mittleren Stils hält. 55. Der Stoff des Arat entbehrt jeder leidenschaftlichen Bewegtheit; es fehlt jede Abwechslung, jedes Pathos, jede Charakterschilderung und jede gestaltete Rede. Immerhin erfüllt er die Ansprüche der Aufgabe, der er sich gewachsen glaubte. Bewunderung verdient Theokrit in seinem Bereich, aber seine Muse des Land- und Hirtenlebens scheut nicht nur das Forum, sondern überhaupt das Stadtleben.

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65. Die alte Komödie ist ziemlich die einzige Form der Dichtung, die die berühmte Reinheit und den Reiz des Attischen bewahrt hat. Sie bietet eine überreiche Fülle freimütiger Äußerungen und tut sich hervor, indem sie das Laster anprangert, doch entfaltet sie ihre Kraft ebenso stark auch in den übrigen Partien. Sie ist erhaben, geschmackvoll und anmutig zugleich; nehmen wir einmal Homer aus, der, wie Achill unter den Helden, stets unvergleichlich ist, so gibt es vielleicht keinen Stil, der dem des Redners ähnlicher oder für seine Schulung geeigneter ist. 66. Es gibt eine ganze Anzahl von Dichtern, doch sind Aristophanes, Eupolis und Kratinos die bedeutendsten.

Die Tragödie hat Aischylos als erster zu hoher Geltung gebracht, er ist erhaben, würdig und voller Pathos, aber oft bis zum Schwulst [lat.: grandilocus saepe usque ad vitium], und häufig weist er auch mangelnde Glätte und Harmonie auf. Daher gestatteten die Athener in späterer Zeit den Dichtern, seine Stücke in revidierter Form beim Wettstreit der Dramendichter zur Aufführung zu bringen, und auf diese Weise haben viele den Siegespreis davongetragen. 67. Zu weitaus glänzenderer Entfaltung brachten Sophokles und Euripides diese Kunstform. Da sie im Stil ganz verschieden sind, ist viel darüber gestritten worden, welcher der größere Dichter sei: diese [scil. die dramatische Dichtung betreffende] Frage lasse ich, da sie mit unserm jetzigen Thema nichts zu tun hat, unentschieden. Es wird aber jeder eingestehen müssen, daß für jemanden, der sich auf die Tätigkeit als Gerichtsredner vorbereitet, Euripides bei weitem nützlicher ist. 68. Seine Sprache ist zwar von denen getadelt worden, für die die Würde, die tragische Hoheit und der volltönende Klang des Sophokles besser zum erhabenen Stil zu passen scheinen, aber er nähert sich mehr dem Stil der Rede, ist reich an Sentenzen, die beinahe denen der Philosophen gleichkommen, und was seine Rede und Gegenrede angeht, läßt er sich ohne weiteres mit einem gewandten Gerichtsredner vergleichen. In der Erregung aller Affekte verdient er Bewunderung, in der Erweckung von Mitgefühl aber läßt er sich unbedenklich als Meister bezeichnen.

69. Ein großer Bewunderer, wie er oft bezeugt, und ein Nachahmer des Euripides, freilich auf einem ganz anderen Gebiet, ist Menander, meines Erachtens der einzige, dessen gründliche Lektüre ausreicht, um alle die Fähigkeiten zu entwickeln, die ich hier zur Vorschrift mache: So vollkommen ist seine Darstellung des wirklichen Lebens, so reich ist er in der Kunst der Gedankenfindung und im sprachlichen Ausdruck, so vollkommen paßt sich seine Darstellung jedem Gegenstand, jeder Person und Gefühlslage an. 70. Wahrhaftig nicht ohne Grund haben einige die Reden, die man dem Charisios zuschreibt, für Werke des Menander gehalten. Doch ich meine, er zeigt sich in seinen Komödien noch mehr als Redner, oder können die Rechtsstreitigkeiten in seinen Stücken 'Epitrepontes', 'Epikleros', 'Lokroi' oder die Deklamationen in den Komödien 'Psophodes', 'Nomothetes' und 'Hypobolimaios' nicht auf dem ganzen Gebiet der Rhetorik als hervorragend gelten? 71. Nach meiner Meinung ist er für die Deklamationsredner noch etwas mehr von Nutzen, denn sie müssen je nach dem Thema ihrer Streitrede (lat. controversia) viele verschiedene Personen darstellen: Väter, Söhne, Soldaten, Bauern, Reiche, Arme, Zornige und Bittflehende, Sanftmütige und Polterer. Und es ist zu bewundern, wie der Dichter jeden dieser Charaktere in der ihm angemessenen Form dargestellt hat. 72. Ja, er hat die Namen aller anderen Dichter dieser Kunstgattung in Vergessenheit geraten lassen, sein Ruhm strahlt so hell, daß sie im Dunkeln bleiben. Dabei kann man auch bei anderen Komödiendichtern, sofern man kein allzu kritischer Leser ist, manches Beachtenswerte finden, so zum Beispiel bei Philemon, der es zwar nur dem schlechten Geschmack seiner Zeitgenossen zu verdanken hatte, wenn er öfter dem Menander vorgezogen wurde, der aber nach dem einstimmigen Urteil aller den zweiten Platz verdient.

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LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .