Zur Dramatik der erzählenden Historie (II):

Das Wesen der Persönlichkeit als Triebkraft ihrer Lebensgeschichte. Aus: Aelian, Poikile Historia, 12. Buch, 1 - Über Aspasia.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Claudius Aelianus, Bunte Geschichten (Poikile Historia), Übersetzung aus dem Griechischen, Nachwort und Register von Hadwig Herms, Leipzig 1990, S. 145 - 150.


Aspasia aus Phokaia, die Tochter des Hermotimos, wuchs ohne Mutter auf, da diese bei ihrer Geburt gestorben war. Deshalb wurde Aspasia zwar in Armut, doch sittsam und züchtig erzogen. Immer wieder aber hatte sie einen Traum, der ihr Glück verhieß und ihr als ihr künftiges Schicksal dunkel andeutete, daß sie mit einem schönen und edlen Mann zusammen leben werde. Als sie noch ein Kind war, bekam sie im Gesicht, genau am Kinn, ein Geschwür. Es war häßlich anzusehen und bereitete dem Vater und dem Mädchen Kummer. Der Vater stellte das Mädchen einem Arzt vor. Der versprach, es zu heilen, wenn er drei Statere bekomme. Die habe er nicht, sagte der Vater, worauf der Arzt erwiderte, er habe ebenfalls keinen Uberfluß an Medikamenten. Darüber war Aspasia verständlicherweise betrübt, ging hinaus und weinte. Wenn sie in den Spiegel schaute, den sie auf den Knien hielt, wurde sie sehr traurig. Vor Kummer hatte sie nichts gegessen, da überfiel sie gerade zur rechten Zeit der Schlaf; und im Schlaf erschien ihr eine Taube, die sich in eine Frau verwandelte. "Faß Mut", sprach sie, "und sag Ärzten und Medikamenten Lebwohl. Nimm die Rosenkränze für Aphrodite, die schon trocken sind, zerreibe sie und streue sie auf das Geschwür." Gehört, getan - und das Geschwür war verschwunden. Aspasia war wieder die schönste unter den jungen Mädchen ihres Alters; denn die schönste der Göttinnen hatte ihr ihre Schönheit zurückgegeben.

Aspasia hatte eine solche Fülle von Reizen wie kein anderes junges Mädchen damals. Ihr Haar war blond und sanft gewellt, sie hatte große Augen, eine schwach gebogene Nase und ganz kleine Ohren. Ihre Haut war zart, wie Rosen die Farbe ihres Antlitzes. Deshalb nannten die Phokäer sie schon als Kind ,,Milto" (= "Rosa"). Rot waren auch ihre Lippen und ihre Zähne weißer als Schnee. Sie hatte schlanke Fesseln so wie die schönsten Frauen bei Homer, die er mit dem ihm eigenen Ausdruck ,,schönfüßig" nennt. Ihre Stimme war lieblich und zart; wenn sie sprach, hätte man meinen können, man höre eine Sirene. Von aller weiblichen Sucht nach Neuem und Überflüssigem war sie frei. Dazu verleitet nämlich gern der Reichtum; sie aber, arm und vom Vater, der selbst arm war, erzogen, besorgte sich keine überflüssigen und unnützen Dinge für ihre Schönheit.

Einst kam Aspasia zu Kyros, dem Sohn des Dareios und der Parysatis, dem Bruder des Artaxerxes, gegen ihren Willen und obwohl ihr Vater sie ungern gehen ließ. Doch man hatte sie gezwungen, wie dies ja oft geschieht, wenn Städte eingenommen werden oder Tyrannen oder Satrapen Gewalt ausüben. Einer der Satrapen des Kyros brachte sie also zusammen mit anderen jungen Mädchen zu Kyros. Wegen ihrer schlichten Art und ihres sittsamen Wesens und ihrer ungekünstelten Schönheit wurde sie sehr bald den anderen Nebenfrauen vorgezogen. Daß sie so sehr geliebt wurde, lag auch daran, daß sie klug war. Oftmals fragte Kyros sie in wichtigen Angelegenheiten um Rat und bereute es nicht, wenn er dem Rat folgte.

Als Aspasia zum erstenmal vor Kyros trat, war dieser gerade mit dem Mahle fertig und dabei, nach persischem Brauche zu trinken. Wenn sich die Perser nämlich an den Speisen satt gegessen haben, widmen sie sich ganz dem Wein und dem Trinken und machen sich an den Trunk wie an einen Gegner. Mitten während des Gelages wurden Kyros vier griechische Mädchen vorgeführt, unter ihnen auch die Phokäerin Aspasia. Sie waren aufs schönste zurechtgemacht. Dreien hatten nämlich die Dienerinnen, die mit ihnen gekommen waren, die Haare kunstvoll geflochten und die Wangen mit Schminken und Salben gefärbt. Auch waren sie von den Erzieherinnen unterwiesen worden, wie sie sich bei Kyros einschmeicheln, auf welche Weise ihm schöntun müßten, daß sie seine Annäherungen nicht abweisen, über seine Berührungen nicht unwillig werden und seine Küsse dulden sollten: Ratschläge und Lehren, die für Huren passen, Praktiken von Frauen, die mit ihrer Schönheit Geschäfte machen. Eine wollte schöner sein als die andere. Nur Aspasia weigerte sich, den kostbaren Chiton anzuziehen und den bunten Umhang umzulegen, ließ sich auch nicht baden, sondern rief klagend zu allen Göttern Griechenlands, den Beschützern der Freiheit. Sie rief den Namen des Vaters und verfluchte sich und ihn, überzeugt, sie nehme mit dieser ungewohnten Kleidung und übertriebenen Aufmachung die sichere und unabwendbare Sklaverei auf sich. Als man sie schlug, kleidete sie sich notgedrungen an und gab den Forderungen nach, wenn auch unter Qualen, weil sie gezwungen war zu tun, was Huren-, aber nicht Jungmädchenart ist. Die anderen sahen, als sie vor Kyros traten, ihm gerade ins Gesicht, lächelten und gaben sich heiter. Aspasia aber blickte zu Boden, und ihr Gesicht war von flammender Röte übergossen, die Augen voll Tränen, und ihr ganzes Wesen verriet ihre Scham. Als Kyros den Mädchen befahl, sich neben ihn zu setzen, gehorchten die anderen ihm sehr bereitwillig, die Phokäerin jedoch dachte nicht daran, Folge zu leisten, bis der Satrap, der sie hergebracht hatte, sie mit Gewalt zum Hinsetzen zwang. Die anderen nahmen es hin, daß Kyros sie anfaßte und sich ihre Augen, Wangen und Finger genau ansah, sie aber duldete es nicht. Als Kyros sie nur mit den Fingerspitzen berührte, schrie sie auf und sagte, er werde sein Tun bereuen. Das gefiel Kyros sehr; und als sie aufstand und zu fliehen suchte, sobald er gar ihre Brüste berührte, da riß diese würdevolle Haltung den Sohn des Dareios - ganz gegen Perserart - zu grenzenloser Bewunderung hin. An den Einkäufer gewandt, meinte er: "Diese hier ist die einzige von denen, die du gebracht hast, die frei und unverdorben ist. Die übrigen sind käuflich, schon nach ihrem Aussehen, mehr noch aber nach ihrem Benehmen." Dies also war der Grund, daß Kyros sie mehr als alle anderen Frauen achtete, mit denen er je zusammen war. Später wurde bei ihm daraus eine heiße Liebe, doch wurde seine Liebe auch von ihr erwidert. Die Zuneigung der beiden wurde so stark, fast wie zwischen Gleichgestellten, und in Eintracht und Treue nicht von einer griechischen Ehe zu unterscheiden.

Der Ruf von Kyros' Liebe zu Aspasia drang bis nach Ionien und ganz Griechenland. Auch die Peloponnes war voll von Geschichten über Kyros und diese Frau; selbst zum Großkönig gelangte der Ruf. Man glaubte nämlich, daß Kyros nach ihr keine andere Frau mehr habe berühren wollen. Da fielen Aspasia die alten Traumbilder ein, jene Taube und ihre Worte und die Prophezeiungen der Göttin. Überzeugt, daß Aphrodite sie von Anfang an beschützt habe, brachte sie ihr feierliche Dankopfer dar. Erst ließ sie ein goldenes Standbild von beträchtlicher Größe anfertigen. Dieses Bild sollte Aphrodite darstellen, und so gab sie ihr an die Seite eine mit Edelsteinen verzierte Taube. Und jeden Tag flehte sie mit Opfern und Gebeten um ihre Gnade. Sie schickte auch ihrem Vater Hermotimos viele schöne Geschenke und machte ihn zu einem reichen Manne. Ihr Lebenswandel war sittsam, wie sowohl die griechischen als auch die persischen Frauen bezeugen.

Einst wurde Kyros aus Thessalien eine Kette überbracht, die Skopas der Jüngere geschickt hatte. Skopas hatte die Kette als Geschenk aus Sizilien erhalten. Die Kette galt als eine Arbeit von bewundernswerter technischer und künstlerischer Ausführung. Hocherfreut über das Kleinod - denn alle, denen er die Kette zeigte, bewunderten sie -, begab sich Kyros sofort in Aspasias Zimmer; es war Mittag. Als er sie schlafend vorfand, kroch er unter ihre Decke, schmiegte sich sanft an sie und blieb dort, ohne einen Laut und ohne eine Bewegung; und Aspasia schlief. Als sie erwachte und Kyros erblickte, umarmte sie ihn wie üblich und liebkoste ihn. Er nahm die Kette aus dem Kästchen und zeigte sie ihr mit der Bemerkung, sie sei einer Tochter oder Mutter des Großkönigs würdig. Das bestätigte Aspasia. "Hier, ich gebe sie dir", meinte er, "du sollst sie behalten. Lege sie dir um den Hals und zeige mir, wie sie dir steht!" Doch Aspasia wurde von dem Geschenk nicht schwach, nein, klug und verständig gab sie zur Antwort: "Wie könnte ich wagen", sagte sie, "ein Geschenk, das deiner Mutter Parysatis würdig ist, selber anzulegen? Nein, Kyros, schicke es ihr! Ich werde für dich auch ohne dies einen schönen Hals haben." Großherzig und königlich über Frauenart hinaus, tat sie das Gegenteil von dem, was Frauen sonst tun; Frauen lieben den Schmuck nämlich sehr. Erfreut über diese Antwort, gab Kyros Aspasia einen zärtlichen Kuß. Jede Einzelheit des Geschehenen und Gesagten schrieb er in einem Brief an seine Mutter und schickte ihn ihr samt der Kette. Als Parysatis das Geschenk erhielt, freute sie sich über den Bericht nicht weniger als über das Gold, und sie vergalt es Aspasia mit großen und königlichen Gaben. Besonders freute es sie nämlich, daß Aspasia, obwohl sie von Kyros doch so verehrt wurde, nicht wollte, daß die Mutter von ihrem Sohne weniger geliebt werde als sie. Aspasia lobte die Geschenke, erklärte aber, sie brauche sie nicht. Und weil zusammen mit den Geschenken auch viel Geld übersandt worden war, schickte sie es Kyros mit den Worten: "Für dich, der du viele Menschen ernährst, wird dies von Nutzen sein. Mir genügt es, wenn ich dich lieben kann und du mein Schmuck bist." Es ist verständlich, daß die Frau Kyros damit in Erstaunen versetzte, und unbestreitbar genoß sie seine Bewunderung wegen ihrer äußeren Schönheit, aber mehr noch wegen des Adels ihrer Seele.

Als Kyros im Kampf gegen seinen Bruder gefallen und sein Lager eingenommen war, wurde zusammen mit anderer Beute auch Aspasia gefangen. Es war kein Zufall, daß sie in die Hände der Feinde gefallen war, sondern König Artaxerxes hatte sie sehr sorgfältig suchen lassen, denn er kannte den Ruf ihrer Tugend. Als man sie ihm in Fesseln vorführte, wurde er zornig und ließ die, die das getan hatten, ins Gefängnis werfen; ihr aber ließ er kostbaren Schmuck geben. Doch sie weigerte sich unter Flehen und Tränen, wurde jedoch schließlich nach langem Sträuben gezwungen, das Gewand des Königs anzulegen; sie war nämlich in tiefer Trauer um Kyros. Damit angetan kam keine Frau ihr an Schönheit gleich, und Artaxerxes war sofort entflammt und entbrannte in leidenschaftlicher Liebe. Er ehrte sie als erste seiner Frauen und brachte ihr durch seine Gunstbeweise ungewöhnliche Achtung entgegen, in dem festen Vertrauen, er werde sie dazu bewegen, Kyros zu vergessen, und ihr beweisen, daß er sie nicht weniger liebe als jener. Und seine Hoffnung wurde erfüllt, wenn auch spät und langsam; bildete doch die große Zuneigung zu Kyros, von der Aspasia durchdrungen war, ein Liebesband für Aspasia, das nur schwer zu lösen war.

Einige Zeit später starb der Eunuch Tiridates, der schönste und anmutigste in Asien. Er starb in ganz jungen Jahren, gerade dem Knabenalter entwachsen. Der König hatte ihn, wie es heißt, leidenschaftlich geliebt; deshalb war er in tiefer Trauer und litt bittersten Schmerz. Und in ganz Asien trauerte jeder im Volke seinem König zuliebe ebenfalls. Doch keiner wagte sich vor ihn, um ihn zu trösten; war man doch der Meinung, er sei über den erlittenen Verlust untröstlich. Nach drei Tagen legte Aspasia Trauerkleidung an, und als der König ins Bad gehen wollte, stand sie weinend, den Blick zu Boden gesenkt, da. Bei ihrem Anblick fragte dieser bestürzt nach dem Grund ihres Kommens. "Dich in deinem Kummer und in deinem Schmerz zu trösten, mein König", sprach sie, "bin ich gekommen, wenn du es wünschst. Wenn es dir jedoch unangenehm ist, so gehe ich wieder." Diese Fürsorge gefiel dem Perserkönig sehr, und er hieß sie, ins Zimmer zu gehen und ihn zu erwarten. So tat sie. Nachdem er zurückgekommen war, legte er Aspasia das Gewand des Eunuchen über ihr schwarzes Kleid. Irgendwie ging von ihr auch der Glanz des Knaben aus, doch mehr noch blendete den Liebenden ihre eigene Schönheit. Da es ihm aber einmal seine Sinne gefangen hatte, bat er sie, bis der größte Kummer versiegt sei, in dieser Kleidung zu ihm zu kommen. Ihm zu Gefallen gehorchte sie. Und sie als einzige in ganz Asien, nicht nur von den Frauen, wie man sagt, auch von seinen Söhnen und Verwandten, spendete Artaxerxes Trost und stillte den Schmerz seiner Trauer. Denn der König gab ihrer liebevollen Fürsorge nach und hörte einsichtig auf ihren Zuspruch.


Zur Dramatik der Komödie (III):

Enthüllte Lebensweisheiten. Menander, Fragmente (Fragmentsammlung aus Menanders Komödien)

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Menander, Die Komödien und Fragmente. Eingeleitet und übertragen von Günther Goldschmidt, Zürich (o. D. , nach 1945), S. 130 ff.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .