Zur Dramatik der Fabel:

Der bewegende Kern pointierter Erzählung. Aus Babrios, Fabeln Nr. 6, 19 und 75 (äsopische Fabeln in Jamben).

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Herwig Görgemanns (Hg.), Die griechische Literatur in Text und Darstellung, Kaiserzeit (Bd. 5), Stuttgart 1988, S. 31 - 33; Übersetzung der griechischen Texte von H. Görgemanns.


Nr. 6

Ein Fischer, der überall am Meer entlangstreifte,

Mit leichter Rute das liebe Leben sich fristend,

Fing einmal an der Schnur aus Roßhaar ein Fischlein,

So grade recht für eine kleine Bratpfanne.

Es flehte, in der Hoffnung, ihn zu erweichen:

»Was nützt dir das? Was wird man denn für mich zahlen?

Ich bin noch nicht erwachsen, und erst vor kurzem

Hat Mutter Lippfisch mich gelaicht dort am Felsen.

Laß mich jetzt los, bring mich nicht zwecklos ums Leben.

Wenn ich gemästet bin vom Meerestang später

Und groß geworden, für der Reichen Mahl passend,

Dann kannst du nochmals kommen und mich hier fangen.«

So bettelte das Fischlein, nuschelnd' und zappelnd;

Doch konnte es den Alten nicht herumkriegen.

Der stach hindurch die scharfe Binse und sagte:

»Man muß das Kleine, aber Sichre erwischen.

Ein Narr nur wird dem Ungewissen nachjagen.«

Nr. 19

Trauben von einem dunklen Weinstock am Berghang

Senkten sich tief hinab. Ein schlauer Fuchs sah sie;

Die Fülle reizte seine Gier und er suchte

Die Purpurfrucht mit vielen Sprüngen zu schnappen:

Vollreif war sie und zeitig für die Weinlese.

Vergebene Müh', er konnte sie nicht erreichen

Er ging und sprach, um seinen Arger zu trösten:

»Sie ist noch sauer und nicht reif, wie ich dachte.«

Nr. 75

Es war einmal ein Arzt, der nichts verstand. Dieser,

Als einem Kranken alle sagten: »Nur mutig,

Hartnäckig ist die Krankheit, doch es wird besser«,

Sprach so: »Ich will nicht wie die andern dich trügen.

Jetzt regle deine Dinge all': du mußt sterben.

Uber den nächsten Tag hinaus wirst du sicher

Nicht lange leben. « Sprach's, und kam nicht mehr wieder.

Allmählich überwand nun jener die Krankheit,

Ging aus dem Haus, bleich und auf schwankenden Beinen.

Der Arzt begegnet ihm, sagt »Guten Tag«, fragt ihn,

Wie's in der Unterwelt dem Totenvolk gehe.

Jener darauf: »Ganz friedlich sind sie, weil aus der

Lethe sie trinken. Doch Persephone und Pluton,

Der große, drohten allen Ärzten jüngst Schlimmes,

Weil sie den Kranken nicht erlauben zu sterben.

Sie schrieben alle auf die Liste, und unter

Den ersten solltest du sein. Aber mir wurde

Ganz bang, gleich ging ich hin, umschlang den Stab Plutons

Und legte drauf den Eid ab, daß du in Wahrheit

Kein Arzt bist und man dich zu Unrecht verleumdet.«


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .