Zur Dramatik der Tragödie:

Das unabwendbare Verhängnis. Aus: Aischylos, Agamemnon 902 - 1163.

Text der deutschen Übersetzung (mit geringfügigen Modifikationen) entnommen aus: Aischlos, Sämtliche Tragödien. Übersetzt von Johann Gustav Droysen (Berlin 1832), neu bearbeitet von Wolf Hartmut Friedrich, Klaus Ries und Frieder Schönagel, München 1977, Aus der 'Orestie', I. Tragödie: Agamemnon, S. 138 - 146.


KLYTAIMESTRA: ... So selig ist es, aller Not entflohn zu sein, Und solchen Grußes [scil. der Begrüßung des aus Troja in Begleitung der Kassandra heimkehrenden Agamemnon mit ausgelegten roten Teppichen, die der Sitte nach eigentlich nur bei Prozessionen zur Ehrung von Göttern so verwendet werden dürfen] acht ich dich darum mir wert! Fern bleibe Mißgunst; haben wir doch Gram genug zuvor erduldet! - Nun, o du mein teures Haupt, steig mir von deinem Wagen; auf die Erde nicht setz deinen Fuß, Herr, den Zertreter Ilions! Was säumt ihr, Mägde, da euch aufgetragen ist, die Decken hinzubreiten über seinen Weg! So eilt, daß purpurüberdeckt ihm sei der Gang, denn wider Hoffnung Dike leitet seinen Fuß; das andre wird mein Sorgen, das kein Schlaf bezwang, Gerecht, so Gott will, bald erfüllen, wie es muß!

[Die Sklavinnen breiten Purpurteppiche bis zum Palast.]

AGAMEMNON: Du Tochter Ledas, meines Hauses Hüterin, Du sprachst der Zeit, die ich entfernt war, wohlgemäß in gleicher langer Rede; doch als echtes Lob aus fremdem Mund muß kommen uns ein solch Geschenk. Auch wolle sonst nicht mit mir zärteln nach der Art der Weiber noch am Boden liegend tief herauf, so wie's Barbaren tun, mir knechten deinen Gruß, noch mache gar mit deinem Purpur meinen Weg verhaßt: die Götter nur ist so zu ehren recht! Daß ich, ein Mensch, auf bunten Prachtgewanden soll hinschreiten, mir ist's Grund zu mehr als eitler Furcht; ich will geehrt als Menschen, nicht als Gott mich sehn; auch ohne deiner Decken, deines Purpurs Stolz erhebt der Ruf mich, und es ist, nicht argen Sinns zu sein, der Götter größt' Geschenk. Den mag beglückt man preisen, der sein Leben schließt im lieben Glück; wenn mir es stets so würde, hätt' ich frohen Mut! KLYTAIMESTRA: O sage du nicht mir das wider meinen Wunsch! AGAMEMNON: Den Wunsch bewahr ich, glaub mir, unveränderlich! KLYTAIMESTRA: Hast du gelobt aus Furcht, es irgend je zu tun? AGAMEMNON: Wenn einer, hab ich meinen Entschluß wohl bedacht! KLYTAIMESTRA: Was, meinst du, täte Priamos wohl an deiner Statt? AGAMEMNON: Ich glaube, der beträte deiner Decken Pracht! KLYTAIMESTRA: So habe nicht mehr vor der Menschen Tadel Scheu! AGAMEMNON: Und doch gewichtig ist des Volkes Stimme stets! KLYTAIMESTRA: Wer unbeneidet, ist des Neides nimmer wert! AGAMEMNON: Streit aufzusuchen ziemet für ein Weib sich nicht! KLYTAIMESTRA: Jedoch besiegt zu werden dem, der glücklich ist! AGAMEMNON: So achte du auch meinen Sieg in diesem Streit! KLYTAIMESTRA: Gib nach, gewähre willig mir die Oberhand! AGAMEMNON: Nun, wenn du gern willst, mag man schnell die Sohle mir abbinden, meines Fußes treue Dienerin, daß nicht mich fernher treffen mag, wenn ich in ihr auf Purpur wandle, eines Gottes neid'scher Blick: Denn ich fürchte sehr zu verderben meines Hauses Glück,wenn solchen Reichtum, solch Geweb' mein Fuß verdirbt! Davon genug jetzt. Dieses fremde Mädchen führ ins Haus mir freundlich; wer als Herr sich mild erzeigt, auf den herab sieht mild und gnadenreich der Gott; mit frohem Herzen trägt ja niemand Sklavenjoch. Aus vielen Beuten als die schönste Blume mir vom Heer erlesen und geschenkt mir, kam sie mit. So will ich, da ich dir zu folgen über mich gewann, ins Haus gehn, tretend auf des Purpurs Glanz!

[Geht in den Palast.]

KLYTAIMESTRA: Es ist ein Meer noch - und das Meer, wer schöpft es leer? -, das vielen Purpurs silberaufgewägten Saft erzeugt, den immerneusten, prachtkleidfärbenden, davon, den Göttern dank es, Herr, dein Haus besitzt! Zu haben, nicht zu darben hat dein Haus gelernt. Und viele Decken hätt ich zum Zertreten gern gelobt, wenn das mir ein Orakel angezeigt, als Dank, daß heim dein Leben du mir hast gebracht. Denn lebt die Wurzel, so umgrünet Laub das Dach und breitet Schatten vor dem heißen Sirius; Du, heimgekehrt mir an den heimatlichen Herd, mir kündest Frühlingswärme du in Winterszeit;und wieder, wenn in herber Traube Zeus den Wein läßt reifen, lieber Kühle gleich weht's dann im Haus, weil du vollendend wieder heimgekommen bist! Zeus, Zeus Vollender, endlich ende mein Gebet; in deine Hände leg ich, was du enden mußt!

[Ab in den Palast.]

[Erste Strophe]

CHOR: Warum ist's, daß immerfort jenes Zeichen meinem Blick, meinem ahndungsvollen Geiste vorschwebte, daß der Gesang ungelohnt, ungeboten mir weissagt? Warum nicht, vergessend sein, sein wie eines dunklen Traums, weilt auf meines Gemüts liebem Thron getroster Mut? Und doch: vorbei ist längst die Zeit, daß fern am Strand Heer und Schiffe man altern ließ, als zur See gen Ilion unser Heer gezogen war!

[Erste Gegenstrophe]

CHOR: Eigner Zeuge, eignen Augs sah ich ihre Wiederkehr; Dennoch singet drinnen harfenlos mir, willenlos mir den Trauergesang der Erinnys meine Seele, ruhig nicht durch der Hoffnung frohen Mut! Und dies Bangen, erwägt's kalter Ernst, so täuscht sich nicht mein Herz, vom Strudel nahn'der Erfüllung miterfaßt! Möcht es anders, wie ich's geahnt, möcht es ewig unerfüllt als ein Nichts in Nichts vergehn!

[Zweite Strophe]

CHOR: Denn es verzehrt, heimlich zerstört alle blüh'nde Gesundheit selbst sich; ihr Nachbar, wohnt, Mauer an Mauer ihr, lauerndes Siechtum! Mitten in glücklicher Fahrt treibet des Menschen Verhängnis auf verborgene Scheiterklippen. Wirft Besorgnis einen Teil dann hinab vom reichen Gut, einen vollgemeßnen Wurf, nicht versinkt sein Haus dann ganz, grambelastet allzusehr, noch verschlingt die See den Kiel. Wahrlich, reifende, reichliche Gabe des Zeus in den jährlichen grünenden Fluren sättigt leicht den Hungernden!

[Zweite Gegenstrophe]

CHOR: Doch in den Staub wenn das dahinsterbend dunkele Blut einmal sich gemischt hat, wer ruft es mit Zauber zurück in das Leben? Den, der vor allen verstand Tote zu wecken, diesen zwang Zeus, nicht schonend, zur Ruh des Todes. Aber wenn es kein Geschick Gottbeschieden hinderte, läng'ren Lebens froh zu sein, eilen würde da mein Herz, auszuströmen diesen Wunsch. Doch im Dunkel kummervoll pocht es zagend, im Tiefsten verzagend, das Knäuel der Gedanken zu lösen, wild umtost von dunkler Angst!

[Klytaimestra tritt eilig aus dem Palast.]

KLYTAIMESTRA: So komm hinein doch! Du, Kassandra, bist gemeint; Nicht zürnte Zeus dir, daß er in unsrem Hause dich am Opfer teil läßt nehmen, mit den übrigen Dienstboten hinzutreten an den heilgen Herd. So steig herab vom Wagen! Laß den eitlen Stolz! Denn auch Alkmenes Sohn, so sagt man, trug es einst, verkauft zu leben und gezwungen Knecht zu sein. Wenn nun ein Schicksal dieser Art jemandem wird, so ist ein altbegütert Haus am leidlichsten. Doch die sich Reichtum unerwartet ernteten, Sind ihren Sklaven immer hart und ungerecht. So weißt du also, wie's bei uns gehalten wird. CHORFÜHRER: Sie hat zuletzt dir recht ein wahres Wort gesagt, Und bist du einmal im verhängten Netz, so folg, da du ihr doch mußt folgen; oder folgst du nicht? KLYTAIMESTRA: Versteht sie nicht, gleich Schwalben, unverständliches Geschwätze der Barbaren nur, so rat ich ihr mit klaren Worten, wohlverständlich, daß sie folgt! CHOR: Geh mit! Sie rät das Beste, was dir übrig ist; Gehorche! Steig aus deinem Wagensitz herab! KLYTAIMESTRA: Nicht hab ich Muße, lange vor den Türen hier zu weilen; denn in Hauses Mitten am Altar steht unser Opfer schon am Feuer uns bereit, die wir uns niemals solche Lust erwarteten. Willst du dabeisein, nun, so zögre länger nicht, und kannst du nicht verstehn mein unvernehmlich Wort, so sag's mir statt mit Worten mit der Barbarenhand! CHOR: Ein klarer Dolmetsch scheint der Fremden not zu sein. Sie ist so schüchtern wie ein neugefangen Wild. KLYTAIMESTRA: Nein, ist von Sinnen, harrt nur in argem Trotz, weil sie entfernt von ihrer neugefang'nen Stadt herkam. Dem Zügel sich zu fügen scheint ihr fremd, eh' nicht, gepeitscht, sie blut'gen Schaum zu Boden trieft! Nicht weiter nutzlos sprech ich hier zur eignen Schmach!

[Eilig ab.]

CHOR: Und ich - mich jammert deiner -, eifern will ich nicht! So komm, du Arme; deinen Wagen laß allein; Dem Zwange weichend, weih das neue Joch dir ein!

[Erste Strophe]

KASSANDRA: Ha, Götter! Oh! Apollon! Apollon! CHOR: Was rufst du solch ein traurig Ach dem Loxias? Er ist der Gott nicht, dem des Grames Ruf gebührt!

[Erste Gegenstrophe]

KASSANDRA: Ha, Götter! Oh! Apollon! Apollon! CHOR: Von neuem rief sie mit entweihn'dem Schrei den Gott, dem nie gerecht ist, solchem Jammer nah zu sein!

[Zweite Strophe]

KASSANDRA: Apollon! O Apollon! Du Wegführer! O Abholder mir! Abhold verdirbst du gar mich ganz zum zweitenmal! CHOR: Ihr eignes Unheil will sie wohl verkündigen; Des Gottes Geist weilt auch im Sklavensinne noch!

[Zweite Gegenstrophe]

KASSANDRA: Apollon! O Apollon! Du Wegführer! O Abholder mir! Wohin geführt hast du mich, ach, in welches Haus? CHOR: Zum Hause der Atriden, wenn du nicht es weißt; Ich sag es gern dir, falsch erfindest du es nicht!

[Dritte Strophe]

KASSANDRA: Ha! Götterverhaßtes Haus! Du von unzähiger Schuld Zeuge, von Strick, von Wechselmord, von Mannes Opferbecken, Boden blutbespritzt! CHOR: Scharfspürend scheint die Fremde, wie ein Jägerhund, Zu wittern, wessen Todesblut sie spüren mag!

[Dritte Gegenstrophe]

KASSANDRA: Ha! Diese belehren mich, deutliche Zeugen sind's, Weinende Kindlein, jäher Mord, ihr Fleisch gebraten und vom Vater aufgezehrt! CHOR: Wir haben sonst schon viel von deinem Seherruf erfahren alle, suchen jetzt Wahrsager nicht!

[Vierte Strophe]

KASSANDRA: O Götter ihr! Weh, was ersinnt sie [scil. Klytaimestra]jetzt? Welch unerhörtes, neues Weh, welch gräßlich Unheil drinnen beginnt die Wilde jetzt unsagbar, unsühnbar, ein Fluch allen! Ach, und Hilfe von keiner Seite! CHOR: Mir unbegreiflich sprachst du dies Orakel aus; klar war mir jenes; denn die ganze Stadt erzählt's!

[Vierte Gegenstrophe]

KASSANDRA: Unsel'ge du! Wehe, du fuhrst's hinaus! Der an der Seite dir geruht, den du ins Bad lockst, deinen Herrn - wie sag ich's ganz? Denn gleich ist's erfüllt - frech hervor recket, ach! schon hastig sich Arm um Arm! CHOR: Ich faß es nimmer, unerklärlich Rätsel birgt Mir deiner zukunftschwangren Worte dunkler Sinn!

[Fünfte Strophe]

KASSANDRA: Ach! ach! o schau! o schau! Wieder, was sch ich da? Ist's gar ein Netz des Todes? Die Schlinge, Bettgenossin, Blutgenossin des Mordes, ist's! Jauchze, du wilder Haß dieses Geschlechtes, jetzt diesem Blutopfer zu! CHOR: Weh! Welchen Dämon rufst du auf; in diesem Haus Wild aufzujubeln? Fröhlich macht dein Wort mich nicht! Nein, in das Herz zurück stürzt mir in dumpfer Angst das Blut totenbleich, wie der Verwundeten brechendes Auge der Tod tief in Nacht hüllt; Verderben eilt gar zu schnell!

[Fünfte Gegenstrophe]

KASSANDRA: Ach! ach! o sieh! o sieh! Halt von der Kuh doch fern den Stier! Im weiten Mantel fängt sie den schwarzgehörnten ein mit arger List! Sie trifft - er sinkt, sieh, in des Beckens Flut! Von dem Geschick in mordlistgem Bad hörtest du! CHOR: Nicht großer Kunde rühm ich mich im Deuten von Orakelsprüchen; doch ein Unglück ahn' ich hier! Wo wurd' ein freundlich Wort von den Orakeln je den Sterblichen gesandt? Im Leid selber erst lassen verstehn die vieldeutigen Sprüche die gottgeweissagte Furcht!

[Sechste Strophe]

KASSANDRA: O mein, der Armen, gar zu betrübtes Los! Denn um mein eigen Leid sing ich die Klage mit drein! Warum denn hierher hast mich Arme du gebracht? Doch einzig, daß ich mit dir stürbe! Wozu sonst? CHOR: Dich hat ein Gott verwirrt, dir das Gemüt verstört, daß unselgen Sang du von dir wie die Nachtigall wehklagst, die im betrübten Sinn, ach! des Rufs nimmer satt, Itys, o Itys! seufzt; ewiger Gram umblüht Ihr Wehklageleben!

[Sechste Gegenstrophe]

KASSANDRA: O selig Schicksal singender Nachtigall! In den beschwingten Leib kleideten Götter sie und gaben süße, tränenlose Tage ihr. Doch meiner harret Mord von doppelscharfer Axt! CHOR: Aber von wannen kam, Kam dir vom Gott gestürmt der Angst eitler Wahn, daß du dir die Gefahr so tief wehklagst, wider sie jammerlaut hellen Schmerz gellend schreist? Wer hat das Ziel der weissagenden Klage dir, das Fluchziel, gesetzt?

[Siebente Strophe]

KASSANDRA: Du Ehe, Paris' Ehe, weh! Die du den Freunden Tod gebracht! O du Skamandros, meiner Väter Trank! An dem Gestade dein lebte ich Arme wohl glückliche Tage sonst! Nun glaub ich, am Kokytos, an des Acheron Felsufern werd ich singen meine Sprüche bald! CHOR: Wie du es uns mit dem Wort gar zu verständlich sagst! Und auch ein Kind verstünde dich;mich schlägt, blutig schlägt nagender Kummer mich, wie dein bittres Los wissend umsonst du beweinst.

[Siebente Gegenstrophe]

KASSANDRA: Du Gram, o Gram du meiner Stadt, die du zumal dem Tod erlagst, oh, meines Vaters fromme Opfer ihr, prangenderHerden Blut, unserer Stadt zum Heil; aber es gab kein Heil, daß unsre Stadt nicht litte, was ihr jetzt geschehn! - Ich aber sinke bald in heißem Todeskamp!

CHOR: Wie du vorher, so sprichst du wieder gar zu klar! Sag, welcher schwererzürnte Gott erfaßt überstark dich, reißt wild dich hinweg, daß Wehklage du, Jammer des Todes du singst? Wie wird das Ende sein?

...


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .