Zur Dramatik der Komödie (II).

Die Konterkarierung des Furchteinflößenden und Respektheischenden durch den Witz: Aus: Aristophanes, Die Frösche, 180 - 297.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Aristophanes, Sämtliche Komödien. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Hans-Joachim Newiger. Übersetzung von Ludwig Seeger (Frankfurt M. 1845 - 1848), neubearbeitet von Hans-Joachim Newiger und Peter Rau, München 1976, S.475 - 480.


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CHARON [erscheint rudernd auf dem Nachen]: Hauruck! Stopp, angelegt!

XANTHIAS; Was ist denn das?

DIONYSOS: Der See, bei Gott, von dem er [scil. Herakles, der Dionysos und Xanthias über den Weg in die Unterwelt infomierte] sprach

CHARON: Wer will zur Ruhe nach des Lebens Mühn? Zur Lethe, ins Schlaraffenland, zum Geier, zum Tainaron, ins Land der Kerberer!

DIONYSOS: Ich!

CHARON: Schnell herein!

DIONYSOS [zögert]: Wo fahren wir denn hin? Zum Geier wirklich?

CHARON: Steig ein!

DIONYSOS: Komm, Bursche!

CHARON: Sklaven fahr ich nicht, Sie hätten denn zur See mit um die Wurst gekämpft.

XANTHIAS: Ich konnte nicht, vor Augenweh!

CHARON: Dann lauf, und lauf nur um den See herum!

XANTHIAS: Wo soll ich warten?

CHARON: Dort am Dürrenstein, beim Ruheplatz!

DIONYSOS: Verstanden?

XANTHIAS: Ganz vollkommen! [Bei sich:] Was ist mir heut bloß übern Weg gerannt? [Ab.]

CHARON: Setz dich ans Ruder! Wer noch mit will, schnell! Was machst du?

DIONYSOS [auf dem Ruder sitzend]: Was ich mache? Nun, ich sitz am Ruder, ganz wie du befohlen hast.

CHARON [setzt ihn an die Ruder]: Da setz dich hin, du Fettwanst!

DIONYSOS: Sitze schon!

CHARON: So zieh die Arme vor und streck sie!

DIONYSOS: So!

CHARON: Nur Flausen! Stemm dich an, mach's kurz, nur frisch gerudert!

DIONYSOS: Guter Gott, wie soll denn ich Landratt, unsalaminisches Geschöpf, wie soll ich rudern?

CHARON: Macht sich, schlag nur mal hinein, dann hörst du Melodien

DIONYSOS: Woher?

CHARON: Von Fröschen - Schwänen, göttlich!

DIONYSOS: Kommandier!

CHARON: Hauruck, Hauruck!

[Sie rudern.]

CHOR DER FRÖSCHE [unsichtbar]: Brékekekéx koáx koáx! Brékekekéx koáx koáx. Ihr Kinder von Sumpf und Bach, laßt uns der Hymnen Flötenton anstimmen, wohltönenden Gesang nun, koáx koáx! Den wir von je dem Sohn des Zeus, dem nysischen Dionysos in Limnai zugejauchzt, wenn am Heiligen Feste des Bechers lustig schwärmend im Rausche wallfahrtet zu unserm Gefilde alles Volk! Brékekekéx koáx koáx!

DIONYSOS: Mir aber fängt zu brennen an schon das Gesäß! Koáx koáx!

FRÖSCHE: Brékekekéx koáx koáx!

DIONYSOS: Euch schiert das wenig, wie mich deucht!

FRÖSCHE: Brékekekéx, koáx, koáx!

DIONYSOS: Daß ihr zerplatzt mit dem Koáx! Denn nichts seid ihr als bloß Koáx!

FRÖSCHE: Allerdings, Herr Naseweis, du! Denn uns lieben ja die leierkundigen Musen, liebt der bocksfüßige Pan, der Pfeifenbläser, uns geneigt ist auch der Harfner Apollon; denn er braucht das Rohr zum Zithersteg, das wir ihm feucht in Sümpfen ziehn. Brékekekéx, koáx, koix!

DIONYSOS: Doch ich bin voller Blasen schon, Mein Podex schwitzt entsetzlich, und gleich zeigt er sich und quakt dann mit:

FRÖSCHE: Brékekekéx, koáx, koáx!

DIONYSOS: O sangesliebendes Geschlecht, Hör auf doch!

FRÖSCHE: Nein, lauter nur laßt's schallen noch, als wenn wir an hellen Sommertagen, aufgehüpft aus Ried und Wollgras, in melod'sche Wellen tauchten, sangesfrohe Musenjünger, oder, uns vorm Regen duckend, tief im Grund den Unkenreigen orgelten, vergnüglich sprudelnd Wasserblasenperlgequirl!

DIONYSOS [den Schenkel lüpfend]: Brekekeköx, koáx, koáx! So hab ich's ja von euch gelernt!

FRÖSCHE: Oh, da wird's uns schlimm ergehen!

DIONYSOS: Schlimmer mir noch, wenn beim Rudern ich hier noch zerplatzen soll!

FRÖSCHE: Brekekekéx, koáx, koáx!

DIONYSOS: Krepiert ihr doch - mir ist's egal!

FRÖSCHE [immer crescendo]: Jetzt erst laßt uns mächtig schreien, was vorn Morgen bis zum Abend unsre Gurgel halten will.

DIONYSOS [schreit]: Brekekekéx, koáx, koáx! Ihr sollt damit nicht Sieger sein!

FRÖSCHE: Doch auch du besiegst uns niemals

DIONYSOS: Aber ihr noch wen'ger mich! Schreien will ich, wenn es sein muß, auch tagelang, bis ich gesiegt mit dem Koáx! Brékekekéx, koáx, koáx!

[Die Frösche Verstummen.]

DIONY5OS: So hätt ich das Koax euch denn vertrieben!

CHAR0N: Halt an jetzt hier und leg die Ruder an! Steig aus! Zahl Fahrgeld!

DIONY5OS: Hier die zwei Obolen! Charon ab.

DIONYSOS suchend: He, Xanthias, wo bist du, Xanthias?

XANTHIAS: Juhu!

DIONYSOS: Komm hierher!

XANTHIAS: Sei gegrüßt mir, Herr!

DIONYSOS: Was siehst du?

XANTHIAS Nichts als Schlamm und Finsternis!

DIONYSOS Hast du die Vatermörder und Meineid'gen gesehn, von denen er uns sprach?

XANTHIAS Du nicht?

DIONYSOS zeigt ins Publikum: Wohl hab ich sie gesehn! - Ich seh sie noch! Doch sag, was tun wir jetzt?

XANTHIAS Wir gehen weiter; dies ist der Ort, da leben, wie er sagte, die wilden Tiere!

DIONYSOS: Der verfluchte Kerl! Hat aufgeschnitten, um mir Angst zu machen, aus purem Neid! Er weiß, wie keck ich bin! »So stolz ist nichts auf Erden« wie Herakles! Ich wünschte sehr, es käin etwas, ich fände ein Abenteuer, das die Fahrt verlohnt.

XANTHIAS: Bei Gott, ich höre was - es schnaubt daher!

DIONYSOS[ ängstlich]: Wo, Wo?

XANTHIAS: Dahinten!

DIONYSOS: Geh du hinter mir!

XANTHIAS: Nein, vorne!

DIONYSOS: Vorne? Geh du nur voraus!

XANTHIAS Zeus, steh uns bei, ich seh ein Ungeheuer!

DIONYSOS: Wie sieht's denn aus?

XANTHIAS: O Graus, bald so, bald so! Ein Ochse, jetzt ein Maultier, jetzt ein Weib: wie reizend

DIONYSOS: Wo? Da geh ich gleich drauflos!

XANTHIAS: Verschwunden ist das Weib, jetzt ist's ein Hund!

DIONYSOS: Ha, die Empusa?

XANTHIAS: Wirklich! - Ihr Gesicht Ist feuerrot!

DIONYSOS: Und ehern auch ihr Bein?

XANTHIAS: Beim Teufel, und das zweite Eselsmist, so wahr ich leb!

DIONYSOS: Wo flieh ich hin?

XANTHIAS: Wo ich?

DIONYSOS [zum Dionysospriiester im Publikum]: Mein Priester, hilf. Wir zechen dann zusammen!

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LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .