Zur Dramatik der Legende:

Durch den Kampf mit der Versuchung des Teufels auf dem Weg zur himmlischen Seligkeit. Aus: Athanasios, Leben und Wandel des seligen Vaters Antonios, 2 - 5.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Herwig Görgemanns (Hg.), Die griechische Literatur in Text und Darstellung, Kaiserzeit (Bd. 5), Stuttgart 1988, S. 303 - 309; Übersetzung der griechischen Texte von H. Görgemanns.


... (2) Nach dem Tode der Eltern hinterblieb er allein mit einer einzigen, ganz kleinen Schwester; er war damals etwa achtzehn oder zwanzig Jahre alt und übernahm selbst die Sorge für das Haus und die Schwester. Es waren noch keine sechs Monate seit dem Tode seiner Eltern vergangen, da ging er nach seiner Gewohnheit aus, um die Kirche zu besuchen, er hielt Einkehr in sich und überlegte, als er so einherging, wie die Apostel alles verließen und dem Heiland nachfolgten (Mt. 4,20); wie die Gläubigen in der Apostelgeschichte ihren Besitz verkauften, den Erlös brachten und zu den Füßen der Apostel niederlegten, zur Verteilung an die, welche Not litten (Apg. 4,35), und welch große Hoffnung ihnen im Himmel bereitet sei (Kol. 1,5). In solchen Gedanken trat er in die Versammlung der Gemeinde, und es fügte sich, daß gerade das Evangelium vorgelesen wurde, und er hörte, wie der Herr zum Reichen sprach: »Wenn du vollkommen werden willst, wohlan, verkaufe all deine Habe, gib den Erlös den Armen, dann komm und folge mir nach, und du wirst einen Schatz im Himmel haben« (Mt. 19,21). Dem Antonius aber war es, wie wenn ihm von Gott die Erinnerung an diese Heiligen geworden sei und als ob um seinetwillen jene Lesung geschehen; er ging sogleich aus der Kirche und schenkte seine Besitzungen, die er von den Vorfahren hatte, den Einwohnern des heimatlichen Ortes es waren dreihundert Hufen, fruchtbar und sehr schön; denn er wollte nicht, daß sie auch nur im geringsten ihm und seiner Schwester lästig fielen. Seine gesamte übrige bewegliche Habe verkaufte er und brachte so ein schönes Stück Geld zusammen; dies gab er den Armen und legte nur eine geringe Summe mit Rücksicht auf seine Schwester beiseite.

(3) Wieder besuchte er die Kirche und hörte im Evangelium den Herrn sprechen: »Sorget euch nicht um das Morgen« (Mt. 6,34); da brachte er es nicht über sich, länger zu warten, sondern er ging hinaus und gab auch den Rest den Bedürftigen. Die Schwester vertraute er bekannten, zuverlässigen Jungfrauen an und brachte sie in einem Jungfrauenhaus zur Erziehung unter; er selbst widmete sich von nun an vor seinem Hause [scil. nn einer Einsiedlerzelle, aber noch innerhalb des Dorfes] der Askese, hatte acht auf sich (1. Tim. 4,13.16) und hielt sich strenge. Denn es gab damals in Ägypten noch nicht so zahlreiche Klöster, und von der weiten Wüste wußte der Mönch überhaupt nichts; jeder, der an seiner Vervollkommnung arbeiten wollte, übte sich darin nicht weit von seinem Heimatorte, und zwar allein. Nun lebte damals im Nachbarorte ein alter Mann, der von Jugend auf ein Einsiedlerleben führte. Diesen sah Antonius und eiferte ihm im Guten nach (Gal. 4,18); damals fing er auch zuerst an, sich außerhalb des Dorfes aufzuhalten. Von hier wanderte er, wenn er von einem trefflichen Manne hörte, zu diesem und suchte ihn auf wie eine kluge Biene; er machte sich nicht eher auf den Heimweg, als bis er ihn gesehen hatte, und kehrte dann gleichsam mit einer Wegzehrung von ihm für den Pfad zur Tugend wieder zurück. ...

(4) So lebte Antonius, und alle liebten ihn. Er selbst aber unterwarf sich gerne den würdigen Männern, die er besuchte, und suchte für sich von jedem seine besondere Stärke im Tugendeifer und in der Askese zu lernen. Bei dem einen beobachtete er die Freundlichkeit, bei dem anderen den Gebetseifer; an diesem sah er seine Sanftmut, an jenem die Menschenfreundlichkeit; bei dem einen merkte er auf das Wachen [scil. Askese durch Schlafentzug], bei dem anderen auf die Liebe zum Wort [scil. mit Wort 'philologia' des griechischennTextes ist wohl das Bibelstudium gemeint] den bewunderte er wegen seiner Standhaftigkeit, jenen wegen des Fastens und des Schlaf ens auf bloßer Erde; an dem einen beobachtete er die Milde, an dem anderen seine Langmut; an allen zusammen aber fiel ihm auf die fromme Verehrung für Christus und die wechselseitige Liebe. Erfüllt von all diesem kehrte er an seinen eigenen Asketensitz zurück. Was er von einem jeden erhalten hatte, vereinigte er dann in sich und strebte danach, in sich die Tugenden aller darzustellen. Übrigens war er gegenüber seinen Altersgenossen nicht ehrgeizig, oder doch nur so weit, als er nicht im Guten als Zweiter nach ihnen erscheinen wollte; danach strebte er so, daß er keinen kränkte, sondern daß sie sogar an ihm ihre Freude hatten [scil. Athanasios denkt an das Bestreben ehrgeiziger einsiedler, andere mit spektakulären Askese-Lesitungen in den Schatten zu stellen.]. Alle die Dorfbewohner und überhaupt die Gutgesinnten, mit denen er verkehrte, nannten ihn, wie sie ihn so sahen, einen Liebling Gottes; die einen liebten ihn wie einen Sohn, andere aber wie einen Bruder.

(5) Der Teufel aber, voll Haß und Neid gegen das Gute, konnte es nicht ertragen, einen so standhaften Vorsatz in einem so jungen Menschen zu sehen. Was er auch sonst zu tun pflegt, das versuchte er auch gegen diesen. Zuerst machte er sich daran, ihn von der Askese abspenstig zu machen, indem er die Erinnerung an seinen Besitz in ihm wachrief, die Sorge für seine Schwester, den Verkehr mit seiner Verwandtschaft, Geldgier und Ehrgeiz, die mannigfache Lust des Gaumens und all die anderen Freuden des Lebens, indem er ihm endlich vorstellte, wie rauh die Tugendübung sei und wie groß die Anstrengung dabei; er wies ihn hin auf die Schwachheit des Leibes und die Länge der Zeit. Mit einem Worte, er erregte einen gewaltigen Sturm von Gedanken in seinem Innern, da er ihn von seinem guten Vorsatz abbringen wollte. Als aber der böse Feind merkte, wie schwach er war gegenüber dem festen Entschluß des Antonius, ja daß er niedergerungen wurde durch seine Festigkeit, zur Flucht gezwungen durch seinen starken Glauben und niedergeworfen durch sein beständiges Gebet, da setzte er sein Vertrauen auf die Waffen »am Nabel seines Bauches« (Hiob 40,16), und voll Stolz darauf- denn es sind seine ersten Fallstricke für Jünglinge - stürmte er heran gegen ihn, den Jüngling; er bedrängte ihn nachts und setzte ihm am Tage so zu, daß auch andere sehen konnten, wie die beiden miteinander rangen. Der Teufel gab ihm schmutzige Gedanken ein, Antonius verscheuchte sie durch sein Gebet; jener kitzelte ihn, er aber, gleichsam errötend, schirmte seinen Leib durch den Glauben, durch Gebet und Fasten. Der arme Teufel ließ sich sogar herbei, ihm nachts als Weib zu erscheinen und in jeder Weise eine Frau zu spielen, nur um den Antonius zu verführen. Dieser aber dachte an Christus und den durch ihn erlangten Adel der Seele, an ihre geistige Art, und erstickte die glühende Kohle des teuflischen Truges.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .