Zur Dramatik in der (erzählenden) Buntgeschichte

Die Botschaft der Musen im zufällig Gefundenen und aufmerksam Studierten. Aus Aulus Gellius, Noctes Atticae (Vorwort und aus dem Kap. 'Zwangslagen').

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Aulus Gellius, Attische Nächte. Aus einem Lesebuch der Zeit des Kaisers Marc Aurel. Herausgegeben und aus dem Lateinischen Übertragen von Heinz Berthold. Mit Erläuterungen und einem Nachwort, Frankfurt M, 1988, S. 9 - 14 und 120 f.


[Vorrede]

Schwerlich wird man angenehmere Lektüre finden können, wenn es darum gehen sollte, auch meinen Kindern Entspannung zu schaffen, wann immer sich ihr Geist in einer Arbeitspause würde ausspannen und auflockern können.

Dieselbe zufällige Reihenfolge, die ich zunächst beim Abschreiben walten ließ, habe ich dann auch beibehalten. So wie ich ein griechisches oder lateinisches Buch in die Hände bekam oder etwas Wissenswertes hörte, machte ich mir meine Notizen: ein ungeordnetes Durcheinander, ganz wie's mir beliebte, und unbekümmert um die Art der Gegenstände. So legte ich mir gewissermaßen als Gedächtnisstütze einen gewissen Wissensvorrat an, um notwendiges Sach- und Wortwissen jederzeit auffindbar zu haben, wenn ich's einmal vergessen haben sollte und die Bücher, aus denen ich's wußte, nicht zur Hand waren. So herrscht denn auch in diesen 'Skizzen' ein den ursprünglichen Niederschriften vergleichbarer Abwechslungsreichtum; hatte ich sie doch knapp, ungeordnet und kunstlos zusammengestellt, so unterschiedlich, wie ich eben etwas hörte oder las. Da ich aber - wie ich schon erwähnte - diese skizzenartigen Ausarbeitungen in Winternächten auf dem Attischen Land zu meiner Entspannung zusammenzustellen begonnen hatte, gab ich ihnen den Titel 'Attische Nächte'. Hochtrabende Überschriften, wie sie die meisten anderen lateinischen und griechischen Verfasser ihren ähnlich angelegtenWerken gegeben haben, wollte ich nicht nachäffen. Da der von ihnen zusammengesuchte Wissensstoff eine abwechslungsreiche, bunte, ja gleichsam wirre Mischung darstellte, wählten sie auch dazu passende, recht anspruchsvolle Titel. So wählten die einen die Überschrift 'Musen', andere 'Wälder', einer 'Ausgangsmantel', der 'Füllhorn der Amaltheia', wieder ein anderer 'Honigwaben', zuweilen auch 'Wiesen', einer 'Selbstgelesenes', ein anderer 'Alte Ausdrücke', dann wieder einer 'Blüten' und ein weiterer 'Funde'. Es gibt auch Leute, die als Überschrift 'Nachtfackeln' wählten, dann auch 'Teppiche', 'Umfassende Sammlungen', 'Saitenspiel', 'Knobelfragen' oder 'Handbüchlein' und 'Dolche'! Einer fand den Titel 'Denkschrift', 'Nebensächlichkeiten', 'Wissenswertes'; einer 'Naturgeschichte', ein anderer 'Vielgestaltige Geschichte'; dann noch 'Wiesen' oder 'Tuttifrutti' und 'Beweismaterial'. Viele wiederum schrieben 'Notizbücher', und es gibt sogar welche, die ihren Büchern die Überschrift 'Moralische Briefe' gaben oder 'Briefliche Untersuchungen' oder 'Zerstreutes' und was der ausgeklügelten Buchtitel mehr sind, die ja geradezu nach Künstelei riechen. Ich hingegen wählte den Titel meines Buches meinen Fähigkeiten entsprechend, sorglos, in keiner Weise ausgetüftelt, sogar etwas ungelenk, nach Ort und Zeit der schlaflosen Winternächte: 'Attische Nächte'! Allen übrigen gestehe ich auch in der Titelwahl den Ruhm zu, Sorgfalt und Geschmack in Stilfragen sowieso!

Doch habe ich beim Auswählen und Anmerken mit den meisten dieser Autoren nicht einmal die Zielstellung gemeinsam. Haben sie doch alle, und die Griechen besonders, je nachdem, womit sie gerade beschäftigt waren, vielerlei unterschiedliches Zeug gelesen, wie man sagt "mit nicht wahrnehmbarer Schnur", also unterschiedslos allein auf die Stoffmenge geachtet und zusammengerafft. Wenn man das liest, wird ja der Geist vor Ärger und Überdruß müde, ehe er das eine oder andere Stück findet, das zu lesen Spaß macht, das gelesen zu haben Bildung, daran sich zu erinnern Nutzen verspricht. Ich freilich hatte immer das Wort des hochedlen Ephesiers Heraklit im Sinn, das in der Tat so lautet: "Vielwisserei lehrt nicht Verstand haben". Wenigstens habe ich mich in allen 'Dienst'-Pausen, wo ich mir ein wenig innere Ruhe stehlen konnte, beim Wälzen wie beim Liegenlassen der vielen, vielen Bände abgekämpft und abgeschlafft. Doch habe ich nur Angemessenes und vor allem nur das übernommen, was entweder aufgeschlossene, unabhängige Geister leicht und schnell auf gehörige Bildung begierig und mit nützlichen Kenntnissen vertraut machen oder zumindest Menschen, die das Leben vor andere Aufgaben stellt, vor dem gewiß argen Schimpf bäurischer Unerfahrenheit in Sachkunde und Wortwissen bewahren könnte.

Wenn sich in den vorliegenden 'Skizzen' auch einmal Anstößiges und Befremdliches - sei es aus dem Gebiet der Grammatik, der Dialektik, oder auch der Geometrie - und gleicherweise auch, wenn sich ein wenig Abseitiges über das Auguren- und das Priesterrecht vorfindet, so muß man dem nicht ausweichen, als sei es unnütz kennenzulernen oder schwierig zu begreifen. Habe ich doch gerade in diesen Fächern keine allzu hohen und verwickelt-dunklen Fragestellungen aufgegriffen, sondern nur gewisse Anfangsgründe und gewissermaßen die Lockspeise der höheren Bildung angeboten.

Für einen ordentlich Gebildeten wäre dieses Wissen recht nützlich, zumindest aber wäre es ungehörig, von derlei Dingen weder gehört zu haben noch je mit ihnen in Berührung gekommen zu sein. Wenn Leser ein wenig Zeit haben und Vergnügen daran finden, meine bescheidenen 'Nachtgedanken' näher kennenzulernen, so wünsche ich mir, ja fordere inständig, daß sie beim Lesen das, was sie bereits wissen, trotzdem nicht verschmähen wie Bekanntes und allerorts Verbreitetes. Gibt es denn in der Wissenschaft überhaupt so Entlegenes, daß es nicht doch einigen immer schon bekannt ist? So mag als Empfehlung genügen, daß sich hier nichts findet, was im Schulbetrieb abgeleiert und in den Kommentaren breitgetreten wurde. Wer aber nun andererseits das Neuartige und Unbekannte anstößig findet, der sollte billig ohne nichtige Widerrede bedenken, ob nicht meine wenigen bescheidenen Mahnungen vielleicht doch zu dürftig sind, um Studienstoff zu vermitteln, oder zu fad, um das Gemüt zu ergötzen und anzufeuern, sondern ob sie nicht von ihrer Anlage her so beschaffen sind, daß sie uns helfen, den menschlichen Geist kräftig gedeihen zu lassen, das Gedächtnis zu festigen, die Rede gepflegter, den stilistischen Ausdruck sauberer und das Vergnügen an Freizeit und Schule gefälliger zu gestalten. Alles aber, was nicht recht verständlich oder nicht recht gelungen und geordnet scheint, sollen sich die Leser bitteschön nicht so sehr als um der Belehrung als um der Ermahnung willen geschrieben denken, und wenn sie mögen, können sie sich mit dem Spurennachweis begnügen und eine Sache später weiterverfolgen, sei's, daß sie auf Bücher stoßen oder Lehrer finden. Was sie aber glauben tadeln zu müssen, sollen sie, wenn sie den Mut haben, mit denen ausmachen, von denen ich's selbst entlehnt habe. Denn wenn man etwas bei anderen anders liest, soll man nicht gleich Kritik anmelden, sondern die Sachgründe und das persönliche Ansehen der Quellen genau prüfen, denenjene folgten und denen ich gefolgt bin.

Ansonsten wird es freilich das allerbeste sein, diese 'Nächte' zu meiden und sich andere Vergnügungen zu suchen, wenn man voller Unruhe, Hast und Geschäftigkeit steckt und überhaupt niemals so recht Freude verspürte beim Lesen, Forschen, Schreiben, Erklären, sich nie richtig anstrengen mochte, niemals die Freude durchstudierter Nächte kennenlernte, nie mit gleichgesinnten Musensöhnen in Streit und Auseinandersetzung geriet.

Ein altes Sprichwort sagt: "Was soll die Krähe mit dem Saitenspiel, das Schwein mit der Pomade?" Und um nun die Verworfenheit und Mißgunst gewisser ungebildeter Zeitgenossen noch mehr anzureizen, will ich mir einige Anapäste aus einem Chorgesang des Aristophanes ausborgen und die Bedingung, die dieser geistsprühende Dichter für das Anschauen seines Bühnenstückes stellte, auch für die Lektüre dieser meiner 'Skizzen' gelten lassen. Nicht antasten und nicht nähertreten soll das Alltagsvolk, die heillose Menge, denen musisches Spiel etwas Fremdes ist! Und so lauten diese Gesetzes-Zeilen:

Andächtig schweige und halte sich fern
von unsern geheiligten Chören,
wem fremd ein solches Geheimnis ist,
wer ungeläuterten Sinnes,
wer nie die Orgien der Musen gesehn,
noch mitgetanzt ihre Reigen.
Euch allen sag ich's zum ersten Mal,
zum zweiten und dritten Mal sag ich's,
hebt all euch hinweg vor dem mystischen Chor!
Ihr andern beginnt die Gesänge,
beginnt die heilige Feier der Nacht,
geziemend dem Fest der Geweihten!

Bis zum heutigen Tag liegen bereits zwanzig Bücher meiner 'Skizzen' vor. Der Rest der mir von den Göttern noch vergönnten Lebenszeit, die nicht durch die Sorge um Familie und Erziehung meiner Kinder in Anspruch genommen wird - diese gewissermaßen gestohlenen und eingesparten Minuten -, will ich darauf verwenden, weiter so köstliche kleine Erinnerungsstücke der vorliegenden Art zusammenzutragen. Möge also mit Götterhilfe die Zahl der Bücher mit der meiner Lebensjahre, auch wenn's vielleicht nur noch wenige sind, weiter anwachsen. Ich will ja auch gar nicht länger leben, als ich weiter auf diese Weise schreiben und erläutern kann.


[Ein Beispiel aus dem Kapitel über 'Zwangslagen', Abschnitt: 'Teure Weisheit'.]

Dies die in alten Jahrbüchern festgehaltene Kunde von den 'Sibyllinischen Büchern': Kam einst ein altes Weib zum König Tarquinius dem Hochmütigen, eine Auswärtige, die keiner kannte. Neun Bücherrollen trug sie mit sich. Göttliche Weissagungen seien das, die sie zum Kauf anbieten wolle, behauptete sie. Tarquinius erkundigte sich nach dem Preis. Die Frau forderte eine übertrieben hohe, ja ungeheure Kaufsumme. Spottete der König wie über Faseleien einer Altersschwachen. Vor aller Augen rückt nun die Alte eine mit Glut gefüllte Kohlenpfanne heran, verbrennt drei der neun Bücher und fragt dabei den König, ob er denn nun die restlichen sechs zum selben Preis erwerben wolle. Tarquinius spottet noch viel derber und erklärt, die Alte sei ja ganz offensichtlich von Sinnen. An gleicher Stelle übergibt die Frau sofort drei weitere Rollen dem Feuer, und ganz freundlich verlangt sie erneut dasselbe: nämlich, er solle die verbliebenen drei Bücher zum gleichen Preis kaufen. Nun wird des Tarquinius Miene ernst, seine Aufmerksamkeit ist geweckt; begreift er doch, daß eine derartige Ausdauer und Beharrlichkeit nicht von ungefähr stammen könne. Er kauft die drei übriggebliebenen Bücher um nichts unter dem Preis, der ursprünglich für alle neun gefordert war. Unmittelbar danach verließ die Frau den Tarquinius. Auch später tauchte sie nirgendwo wieder auf. Soviel steht fest.

Die drei dem Staatsschatz anvertrauten Bücher nannte man 'die Sibyllinischen'. Das 'Fünfzehn-Männer-Kollegium<'befragt sie wie Orakel, wann immer die Unsterblichen in allgemeinen Angelegenheiten befragt werden müssen.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .