Zur Dramatik der (erzählenden) Historie (I)

Seltsame und furchterregende Länder und Bräuche. Aus Herodot, Historien 3. Buch, 99 - 105.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Herodot, Historien. Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. Haussig. Mit einer Einleitung von W. F. Otto, Stuttgart (o. D., nach 1971), S. 226 - 228.


99. Weiter östlich [des Flußgebiets des Indus] wohnen Nornadenstämme, die von rohem Fleisch leben. Sie heißen Padaier und sollen folgende Gebräuche haben. Wenn ein Mitglied des Stammes krank wird, eine Frau oder ein Mann, so wird es, wenn es ein Mann ist, von den nächsten männlichen Freunden getötet. Denn, sagen sie, die Krankheit zehrt sein Fleisch auf, so d,-iß es uns verloren geht. Auch wenn ei- seine Krankheit ableugnet, töten und verzehren sie ihn, ohne auf ihn zu hören. Ist es eine Frau, die krank wird, so tun die nächsten weiblichen Verwandten dasselbe mit ihr wie die Männer mit den Männern. Und wer alt wird, den opfert man feierlich und verzehrt ihn ebenfalls. Doch bringen es nicht viele bis zum Alter. Die meisten werden schon vorher, bei Gelegenheit einer Krankheit, getötet.

100. Ein anderer indischer Stamm hat wieder eine andere Lebensweise. Da wird überhaupt kein lebendes Wesen getötet. Man bebaut auch nicht den Acker, hat keine Häuser, sondern lebt von Gras. Dort wächst nämlich eine Pflanze wild, die Hülsenfrüchte von der Größe eines Hirsekorns trägt. Mitsamt der Hülse werden diese Körner gesammelt, gekocht und gegessen. Wenn einer dieses Stammes krank wird, geht er in die Wüste und legt sich hin. Niemand kümmert sich um den Sterbenden oder Leidenden'".

101. Bei all den genannten indischen Stämmen geschieht die Begattung öffentlich wie bei dem Vieh. Sie haben auch alle die gleiche Farbe, nämlich dieselbe wie die Aithioper. Auch der Same, den sie an die Weiber abgeben, ist nicht weiß wie bei den anderen Völkern, sondern schwarz wie ihre Haut. Die Aithioper haben ebenfalls schwarzen Samen.

102.Diese indischen Stämme wohnen weiter von den Persern entfernt und südlicher als die anderen. Sie waren dem König Dareios niemals unterworfen.

102. Dagegen wohnen andere Stämme nicht weit von der Landschaft Paktyike und deren Hauptstadt Kaspatyros'°3, nördlich von den anderen Indern. Sie nähern sich in ihrer Lebensweise den Baktriern. Sie sind die kriegerischsten indischen Stämme, und sie sind es auch, die zur Gewinnung des Goldes ausziehen. In ihrer Gegend ist nämlich eine Sandwüste, und in dieser Sandwüste leben große Ameisen'", kleiner als Hunde, aber größer als Füchse. Einige solcher Ameisen, die dort gefangen sind, kann man beim König in Persien sehen. Diese Ameisen werfen beim Bau ihrer unterirdischen Wohnung den Sand auf, wie es auch die Ameisen in Hellas tun, denen sie auch im Aussehen sehr ähnlich sind. Der aufgeworfene Sand aber ist goldhaltig, und zur Gewinnung dieses Sandes ziehen die Inder in die Wüste. Drei Kamele werden zusammengebunden, zu beiden Seiten ein Kamelhengst wie ein Handpferd, in der Mitte eine Kamelstute. Auf dieser reiten sie, und zwar nehmen sie gern Stuten, die kürzlich erst geworfen haben, so daß man sie ihrem Füllen entreißen muß. Ihre Kamele sind nicht weniger schnell als Pferde und können überdies weit größere Lasten tragen.

103. Beschreiben will ich das Kamel nicht, da man es in Hellas kennt; nur das will ich anführen, was man von dem Kamel nicht weiß. Es hat nämlich an den Hinterbeinen vier Schenkel und vier Knie, und die Rute ist zwischen den Schenkeln rückwärts nach dem Schwanz hin gekehrt.

104. So ausgerüstet ziehen die Inder nach dem Gold aus, wobei sie es so einrichten, daß sie während der heißesten Tageszeit eintreffen und das Gold rauben. Vor der Hitze nämlich verkriechen sich die Ameisen in die Erde. Die heißeste Tageszeit ist für diese Völker aber der Morgen, nicht wie für die anderen Völker der Mittag. Nur bis gegen Mittag, wo bei uns der Markt aufhört, steht dort die Sonne hoch. Und zwar brennt sie dann weit mehr als in Hellas zur Mittagszeit. Man erzählt, die Leute hielten sich solange im Wasser auf. Mittags brennt die Sonne bei den Indern ebenso wie bei den anderen Völkern. Nachmittags kühlt es sich ab, wie es bei uns des Morgens ist, und dann wird es immer kälter, bis es bei Sonnenuntergang sehr kalt ist.

105. Kommen nun die Inder an den Platz, so füllen sie die mitgebrachten Sädce möglichst schnell mit Sand und machen sich wieder davon. Die Ameisen nämlich riechen sie, wie die Perser behaupten, und verfolgen sie sofort. Sie sollen schneller sein als jedes andere Tier. Wenn die Inder nicht, während die Ameisen sich sammeln, einen Vorsprung gewännen, würde keiner von ihnen lebendig davonkommen. Die männlichen Kamele, die nicht so schnell laufen könnten wie die weiblichen, binde man während der Verfolgung los und überlasse sie den Ameisen, erst das eine, dann das andere. Die Stuten aber, im Gedanken an die Füllen daheim, blieben unermüdlich. Auf diese Weise wird, wie die Perser sagen, der größte Teil des indischen Goldes gewonnen. Ein kleinerer Teil wird gegraben.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .