Niklas Holzberg, Zum Ablaufschema eines antiken Romans am Beispiel der 'Ephesiaka' Xenophons von Milet.

Text mit gerinfügigen, der Übungsbearbeitung in einer Vorlesung dienenden Modifikationen entnommen aus: Niklas Holzberg, Der antike Roman. Eine Einführung, Düsseldorf 2001, S. 12 - 16.


Die beiden Helden des Romans sind der junge Ephesier Habrokomas und seine etwas jüngere Frau Anthia, die bald nach ihrer Hochzeit auseinandergerissen werden und erst nach längerer Irrfahrt durch den östlichen Mittelmeerraum zu einem von nun an glücklichen Eheleben zusammenfinden.

Daß zu Beginn der Handlung der als ungewöhnlich schön beschriebene, mit allen Geistesgaben und Fähigkeiten reichlich ausgestattete und von einem vornehmen Bürger abstammende Habrokomas sich in die ebenso schöne Anthia verliebt, wird als Folge seiner durch übermäßigen Stolz auf seine körperlichen und geistigen Vorzüge verursachten Verachtung der Macht des Liebesgottes dargestellt. Aus Zorn über eine solche Überheblichkeit läßt Eros den sechzehnjährigen Jüngling, als dieser bei einer Artemisprozession die vierzehnjährige Anthia zum ersten Mal erblickt, sofort in heftiger Liebe zu ihr erglühen und zusammen mit dem bald darauf ebenso heftig in ihn verliebten Mädchen eine Zeitlang seelische Qualen erleiden, bis die besorgten Eltern durch den Apoll von Kolophon von der Liebe ihrer Kinder erfahren und sie verheiraten. Nicht nur dieser Eröffnung des Orakels, sondern auch einer weiteren glaubt man durch Taten entsprechen zu müssen: In dem Spruch des Gottes ist dunkel von Irrfahrten und Heimsuchungen des Paares bis zur Wende zu einem besseren Schicksal die Rede, und deshalb werden Habrokomas und Anthia nicht lange nach ihrer Hochzeit auf eine Schiffsreise geschickt. Zu Beginn dieser Reise schwören die Liebenden einander ewige Treue, aber ihr guter Vorsatz wird schon bald zum ersten Mal auf die Probe gestellt. Nach einem kurzen Aufenthalt des Habrokomas und der Anthia auf Rhodos, wo die beiden eine goldene Rüstung im Tempel des Sonnengottes weihen, wird ihr Schiff von Seeräubern überfallen, die das Paar auf das Landgut ihres Anführers in der Nähe des phönizischen Tyros verschleppen. Dort entbrennt der Unterführer in Leidenschaft zu Habrokomas, während ein anderer Pirat Anthia begehrt. Das erste von insgesamt fünf Büchern des Romans endet ... damit, daß die gerade geschaffene Situation den Rezipienten vor eine spannende Frage stellt. In diesem Falle möchte er wissen, wie Habrokomas und Anthia, die, als sie von dem Verlangen der beiden Seeräuber erfahren, um Bedenkzeit bitten, sich in ihrer bedrohlichen Lage verhalten werden.

Zu Beginn des zweiten Buches wird die Spannung zunächst auf den Höhepunkt getrieben, weil das Paar beschließt, sich der Gefahr durch Selbstmord zu entziehen. Aber dann beansprucht der Anführer der Piraten Habrokomas und Anthia als Sklaven für sich und nimmt sie zusammen mit ihren bisherigen Dienern, dem Paar Leukon und Rhode, mit nach Tyros. Da sich dort Manto, die Tochter des Anführers, in Habrokomas verliebt, aber trotz mehrerer Anträge auf Ablehnung stößt, ergibt sich aufgrund der Rachsucht der Enttäuschten eine Situation, die die Trennung des Ehepaares herbeiführt: Wie Joseph von Potiphars Weib wird Habrokomas von Manto bei ihrem Vater der versuchten Vergewaltigung beschuldigt, deswegen ausgepeitscht und ins Gefängnis geworfen; Anthia muß Manto, die einen Syrer heiratet, als Sklavin zusammen mit Leukon und Rhode nach Antiochia folgen. Von nun an springt die Handlung in meist sehr kurzen Abschnitten zwischen den Erlebnissen der beiden Hauptfiguren ... hin und her ... . Bis zum Ende des zweiten Buches wird noch in je drei einander abwechselnden Habrokomas-und-Anthia-Abschnitten erzählt, wie Anthia von Manto gezwungen wird, einen Ziegenhirten zu heiraten, der sie jedoch aus Mitleid mit ihrem Schicksal nicht anrührt; wie sie, weil der Ehemann der Manto sich in sie verliebt, auf deren Befehl von dem Ziegenhirten getötet werden soll und dieser sie statt dessen an kilikische Händler verkauft; wie sie nach einem Schiffbruch vor der kilikischen Küste in die Gewalt der Räuberbande des Hippothoos gerät, dem Ares geopfert werden soll, von Perilaos, einem vornehmen hohen Beamten aus Tarsos, durch einen Überfall auf die Bande befreit wird und sich, als Perilaos um ihre Hand anhält, dreißig Tage Bedenkzeit ausbittet. Währenddessen wird sie von ihrem inzwischen für unschuldig befundenen Ehemann auf seiner Suche nach ihr immer nur sehr knapp verfehlt; ... Habrokomas erfährt nach seiner Befreiung aus dem Gefängnis direkt durch den Ziegenhirten von Anthias Scheinehe und erneuter Versklavung und trifft am Ende des zweiten Buches in Kilikien auf den beim Überfall auf die Räuber entkommenen Hippothoos, mit dem er Freundschaft schließt.

Unterwegs nach Kappadokien, wo Hippothoos eine neue Bande anzuwerben hofft, erzählen die Freunde einander ihre Lebensgeschichte, die der Erzähler im Falle des Räubers als in die Romanhandlung eingelegte Novelle von der tragisch endenden Liebe des Hippothoos zu einem Knaben gestaltet. Anthia hat sich inzwischen nach Ablauf ihrer Bedenkzeit von einem ephesischen Arzt Giftpulver geben lassen, ist, da es sich in Wirklichkeit um ein Schlafmittel handelt, nach ihrer »Bestattung« in der Gruft erwacht, von Grabräubern verschleppt und in Alexandria verkauft worden; dorthin lenkt der Zufall kurz darauf auch Habrokomas, nachdem dieser von der Beraubung des Grabes erfahren und sich von Hippothoos getrennt hat. In Ägypten erwartet die beiden Liebenden wieder Bedrohung ihrer Keuschheit. Während Anthia von ihrem neuen Herren, einem Inder, umworben wird und sich seinem Verlangen dadurch zu entziehen weiß, daß sie behauptet, sie sei seit ihrer Geburt und nun noch ein Jahr der Göttin Isis geweiht, wird Habrokomas, nachdem er auf dem Weg nach Alexandria im östlichen Nildelta gestrandet ist und Räuber ihn in Pelusion an einen alten ausgedienten Soldaten verkauft haben, von der Frau dieses Veteranen begehrt. Er weist ihre Anträge zurück und wird am Ende von Buch 3, als die Frau ihren Mann ermordet und den sich jetzt erst recht verweigernden Habrokomas dieses Mordes wegen verklagt hat, vor den Statthalter von Ägypten geführt.

Bereits zu Beginn des vierten Buches wird die Erweiterung des Romangeschehens durch einen dritten Handlungsstrang angebahnt. Es wird kurz erzählt, wie Hippothoos mit einer inzwischen neu angeworbenen Räuberbande auf der Suche nach Habrokomas über Ägypten nach Äthiopien gelangt. Habrokomas wird unterdessen am Ufer des Nils ans Kreuz gebunden, betet in seiner Not zum Sonnengott, woraufhin er infolge eines plötzlichen Windstoßes in den Fluß stürzt, aber an der Mündung aus dem Wasser gefischt, zum Feuertod verurteilt und zum zweiten Male durch den Fluß, der jetzt über die Ufer tritt, gerettet wird, weshalb der Statthalter ihn bis zur Klärung dieses wundersamen Geschehens vorläufig einkerkern läßt. Nach einer Fortführung des Berichtes über Anthia erfahren wir, daß Habrokomas nach seiner Freilassung beschließt, sie jetzt in Italien zu suchen. Im Gefolge des Inders ist Anthia inzwischen nach Äthiopien gelangt, dort erneut in die Hände des Hippothoos geraten, wobei aber beide einander nicht wiedererkennen, und erlebt dann in der letzten Episode des vierten Buches eine weitere Attacke auf ihre Beharrlichkeit bei der Bewahrung der ehelichen Treue, und zwar die Werbungen eines der Räuber aus der Bande des Hippothoos. Da Anthia den Mann ersticht, als er sie vergewaltigen will, wirft man sie zusammen mit zwei riesigen Hunden in eine Grube und deckt diese mit Balken und Erde zu. Aber ein weiterer Räuber, der ein Auge auf Anthia geworfen hat, verhindert, daß sie gefressen wird, indem er die Tiere heimlich durch Füttern besänftigt.

Das fünfte und letzte Buch führt die Protagonisten der drei Handlungsstränge nacheinander nach Italien, ohne sie jedoch dort schon zu vereinen, und knüpft dann einen vierten Handlungsfaden durch ein zeitweiliges Hinüberblenden nach Rhodos, wo der im zweiten Buch abgebrochene Bericht über das Schicksal des Dienerpaares Leukon und Rhode, die inzwischen freigelassen und reich wurden, wiederaufgenommen wird. Die erste Episode des Buches handelt von Habrokomas, der sich eine Zeitlang bei einem alten Fischer in Syrakus aufhält und sich dessen Lebensgeschichte - wieder schiebt Xenophon eine Novelle ein - erzählen läßt. Nachdem wir abwechselnd drei weitere Hippothoos-Episoden, drei Fortsetzungen des Geschehens um Anthia sowie den Beginn der neuen Leukon-Rhode-Handlung gelesen haben, erfahren wir, daß Habrokomas sich anschließend nach Nucerium in Unteritalien begeben hat und dort seinen Lebensunterhalt bei einem Steinmetz verdient. Hippothoos ist unterdessen mit seiner Bande wieder nach Ägypten gezogen, hat erneut als einziger einen Überfall überlebt und ist nach Sizilien gesegelt; überfallen hat die Bande diesmal die Truppe eines hohen ägyptischen Beamten, in dessen Hände kurz darauf die inzwischen von dem zweiten verliebten Räuber aus der Grube gerettete Anthia geraten ist. Zwar hat sie sich dem Werben des Ägypters durch die Flucht in einen Isistempel entzogen, und dort wurde ihr die Wiedervereinigung mit Habrokomas geweissagt, aber sie wurde erst einmal das Opfer der Eifersucht der Frau ihres neuen Verehrers, die sie nach Tarent an einen Bordellwirt verkauft hat. Bei diesem ist sie dem Ausüben der Tätigkeit einer Prostituierten einstweilen nur durch Vortäuschen einer Epilepsie ausgewichen, bis endlich - das lesen wir unmittelbar nach der Nachricht über die Steinmetztätigkeit des Habrokomas - Hippothoos, der unterdessen in Tauromenion eine reiche ältere Frau geheiratet, diese nach ihrem Tode beerbt und sich in Begleitung eines von ihm geliebten Knaben nach Tarent begeben hat, Anthia dort findet, sie wiedererkennt und ihr bisheriges Schicksal erfährt. Anschließend wird uns die Ankunft sowohl des Habrokomas als auch der Anthia und des Hippothoos in Rhodos erzählt, wo alle drei mit Leukon und Rhode zusammentreffen.

.... Das [abschließende] Geschehen auf Rhodos zerlegt der Autor nun in drei Wiedererkennungsszenen: 1. Leukon und Rhode stoßen im Heliostempel auf Habrokomas, und zwar bei einer Säule, die sie zur Erinnerung an ihn und Anthia neben der von den Liebenden einst dort geweihten goldenen Rüstung aufgestellt haben. 2. Leukon und Rhode begegnen im Heliostempel auch Hippothoos und Anthia, nachdem Anthia am Tag zuvor eine von dem ehemaligen Dienerpaar entdeckte Locke zusammen mit einer Inschrift für Habrokomas geweiht hat. 3. Habrokomas hört von dieser Wiedererkennung, rennt »Anthia« rufend durch die Stadt und trifft die anderen vor dem Isistempel. Es folgt noch eine Nacht, in der Habrokomas und Anthia einander ihre Abenteuer erzählen und dabei schwören, die einst gelobte Treue nie gebrochen zu haben. Am nächsten Tag kehren alle nach Ephesos zurück, wo sie von nun an zusammenbleiben und ein glückliches Leben verbringen.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .