Zur Dramatik des Epos (I).

Der Ratschluß des Götter als undurchsichtiger Kern des Geschehens. Aus: Homer, Odyssee, Erster Gesang, 1 - 114.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Homer, Odyssee. Verdeutscht von Thassilo von Scheffer. Neu gestaltete Ausgabe, Wiesbaden o. D. (um 1955), S. 1 - 4.


Nenne mir, Muse, den Mann, den vielgewandten, der vielfach

Irrte umher, nachdem er die heilige Troia zerstörte.

Vieler Menschen Städte und Wesen schaute sein Auge,

Vielerlei Leiden ertrug sein Herz auf den Fluten des Meeres,

Ringend ums eigene Leben und um die Heimkehr der Freunde.

Aber er konnte die Freunde trotz aller Mühe nicht retten;

Gingen sie doch zugrunde durch ihre eigenen Frevel,

Da sie des Hellos Rinder, des Hyperionen, verblendet

Schlachteten; ihnen versagte der Gott die Stunde der Heimkehr.

Davon erzähle ein Teil auch uns, o Tochter Kronions.

Damals saßen, soviele dem jähen Verderben entkommen,

Alle glücklich daheim, dem Krieg und den Fluten entronnen.

Ihn nur, der nach Weib und Heimat sehnend verlangte,

Hielt Kalypso zurück, die hehre, göttliche Nymphe,

In gewölbter Grotte und wollte zum Gatten ihn küren.

Als nun das Jahr im kreiscnden Wechsel der Zeiten gekommen,

Da ihm die Götter gesponnen, zurückzukehren zur Heimat

Heim nach Ithaka, drohten ihm dort inmitten der Seinen

Auch noch weitere Kämpfe. Nun faßte Erbarmen die Götter

Alle außer Poseidon, da er dem erlauchten Odysseus

Unablässig zürnte, eh dieser die Heimat erreichte.

Aber Poseidon besuchte gerad die entlegen behausten

Aithiopen, die zwiefach geteilten, entferntesten Völker,

Die da wohnen, wo Hyperion nieder- und aufgeht,

Um ein Opfer von Stieren und Widdern entgegenzunehmen.

Froh auf seinem Sitz genoß er des Mahles. Die andern

Waren in dem Palast des olympischen Vaters versammelt.

Und zu ihnen begann der Vater der Götter und Menschen,

Denn sein Sinn gedachte gerade des hehren Aigisthos,

Den der berühmte Orestes, der Sohn Agamemnons, erschlagen.

Dessen gedachte er grad, und zu den Unsterblichen sprach er

»Seltsam, wie halten die Menschen doch nur die Götter für schuldig!

Sagen sie doch, von uns käm alles Übel, doch tragen

Leiden sie selbst wider das Schicksal durch eigene Frevel;

Wie nun Aigisthos auch wider das Schicksal die ehliche Gattin

Agamemnons gefreit und ihn bei der Heimkehr erschlagen.

Wußte er doch sein jähes Verderben; wir hatten ja vorher

Ihm den leuchtenden Boten Hermeias zur Warnung gesendet

Jenen nicht zu töten, noch seine Gattin zu freien.

Käme doch einst Orestes, den Mord des Atriden zu rächen,

Wann er, zum Jüngling erblüht, nach seiner Heimat sich sehnte.

So verkündete Hermes, und doch, so gut er es meinte,

Folgte Aigisthos ihm nicht. Nun büßte er alles auf einmal.«

Ihm erwiderte drauf mit leuchtenden Augen Athene:

»O, unser Vater Kronion, du höchster, herrlichster Herrscher!

Freilich ist Aigisthos verdientem Verderben erlegen,

Wie ein jeder erleide, der so wie jener gefrevelt.

Aber mir bricht das Herz um den so klugen Odysseus,

Jenen Unglücksmann, der fern von den Lieben so lang schon

Leiden erträgt auf umflossener Insel inmitten des Meeres.

Baumreich ist die Insel, und auf ihr haust eine Göttin;

Sie ist die Tochter des grimmigen Atlas, der sämtliche Tiefen

Drunten im Meere kennt. Er hält die riesigen Säulen

Ganz allein, die Himmel und Erde trennen und sondern;

Dessen Tochter hemmt den Klagenden, bitter Betrübten.

Immer kost sie ihn mit weichen, schmeichelnden Worten,

Daß er betört der Heimat vergäße, aber Odysseus

Sehnt sich nur, den Rauch von Ithaka steigen zu sehen,

Und erfleht den Tod. Wird denn, Olympier, niemals

Dir das Herz gerührt? Hat denn Odysseus nicht allzeit

Fromm im Gefilde von Troja dir bei den Schiffen von Argos

Heilige Opfer verrichtet Warum denn zürnst du ihm also?

Ihr erwiderte drauf der Lenker der Wolken, Kronion:

»Liebes Kind, welch Wort ist deinem Munde entflohen!

Wie denn könnte ich je des erlauchten Odysseus vergessen,

Der doch klüger als alle Menschen und größere Opfer

Immer den Himmlischen brachte, die weit den Himmel bewohnen.

Aber der Länderumstürmer zürnt ihm noch immer entsetzlich

Wegen des Kyklopen, den jener des Auges beraubte,

Polyphemos, den hehren, der unter allen Kyklopen

Weit am stärksten. Thoosa, die göttliche Nymphe, gebar ihn,

Phorkys' Tochter, des Herrn der ruhelos stürmenden Meerflut,

Sie, die in wölbiger Grotte sich einst Poseidon ergeben.

Seitdem will den Odysseus der Erdumstürmer Poseidon

Zwar nicht töten, doch treibt er ihn fern vom Lande der Väter.

Drum wohlan, so wollen wir alle hier sinnend erwägen,

Wie er zur Heimat gelange. Dann wird Poseidon sein Zürnen

Meistern müssen; denn er allein vermöchte doch niemals,

Wider alle ewigen Götter gewaltsam zu streiten.«

Ihm erwiderte drauf Athene mit leuchtenden Augen:

»O unser Vater Kronion, du höchster, herrlichster Herrscher,

Wenn denn wirklich solches den seligen Göttern beliebe,

Daß sein heimatlich Land der kluge Odysseus erreiche,

Wollen wir Hermes entsenden, den leitenden, leuchtenden Boten,

Nach der ogygischen Insel, damit er der lockigen Nymphe

Dort aufs schnellste den festen Beschluß der Götter verkünde,

Daß der beharrliche Dulder Odysseus die Heimat erreiche.

Aber ich selber werde nach Ithaka eilen, damit ich

Heißer den Sohn ihm sporne und Mut in die Seele ihm gieße,

Die gelockten Achaier zur Ratsversammlung zu rufen,

Um den Freiem ihr Treiben zu untersagen; denn ständig

Schlachten sie seine gedrängten Schafe und glänzenden Rinder.

Werde nach Sparta ihn schicken und fern in das sandige Pylos,

Ob er vielleicht die Rückkehr des lieben Vaters erkunde

Und ihm herrlicher Ruhm im Kreise der Menschen erblühe.«

Sprachs und umband die Füße mit den ambrosischen, goldnen

Schönen Sandalen, die sie im Hauch der wehenden Winde

Über das Wasser tragen und über die Weiten der Erde.

Dann ergriff sie die spitze und schwere, eherngeschärfte,

Starke, wuchtige Lanze, womit sie die Reihen der Helden

Lichtet, denen sie zürnt, die Tochter des mächtigen Vaters.

Eilig stürmte sie fort vom Scheitel des hohen Olympos,

Trat in Ithakas Stadt und stand an dem Tor des Odysseus

Vorn auf der Schwelle des Hofes, die eherne Lanze in Händen

Und sie glich einem Gast, dem König der Taphier Mentes.

Drinnen fand sie die Freier voll Übermut, wie sie gerade

Vor des Hauses Tür sich floh am Brettspiel ergötzten,

Und sie saßen auf Häuten von selbstgeschlachteten Rindern.

Herolde waren im Kreis mit hurtigen Dienern beschäftigt;

Einige mischten Wasser und Wein im Innern der Krüge,

Einige reinigten Tische mit vieldurchlöcherten Schwämmen,

Setzten sie reihweis vor und teilten die Menge des Fleisches

Aber zuerst gewahrte der edle Telemachos Pallas,

Denn er saß inmitten der Freier bekümmerten Herzens. ...


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .