Zur Dramatik der Komödie (II).

DerWeg durch Verwirrung und Leiden zu vorherbestimmten Glück. Aus: Menander, Perikeiromene, 3. Szene.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Menander, Die Komödien und Fragmente. Eingeleitet und übertragen von Günther Goldschmidt, Zürich (o. D. , nach 1945), S. 52 f.


AGNOIA, die Göttin der Unwissenheit:

Zwei ausgesetzte Kinder fand ein altes Weib, ein Zwillingspaar, in einem Hain; ein Mädchen und ein Knabe war's, die sie zu sich nach Hause nahm. Und sie beschloß, das Mädchen selber aufzuziehn, das andre Kindchen gab sie einer reichen Frau, die dieses Haus bewohnt, und die schon lang ein Kind sich wünschte. Also ist's geschehn! Die Jahre flogen hin, es kam der Krieg - und die korinthschen Wirren mehrten sich, das alte Weib geriet in Not - herangewachsen war das junge Mädchen, das soeben ihr erblickt. Als sich nun dieser junge Mann in sie verliebt - ein Heißsporn ist es aus korinthischem Geschlecht - vertraut sie ihm dieJungfrau an, damit er sie wie ihre Tochter halte. Doch ihr selber schwindet mehr und mehr die Kraft - des Lebens Ende sieht sie schon voraus, da lüftet sie den Schleier des Geschicks, erzählt der Jungfrau, wie sie sie gefunden, händigt ihr die Windeln ein, in die sie einst gewickelt war, und schildert ihr den unbekannten Bruder von Natur, da sie im voraus an die Zwischenfälle denkt, die Menschen treffen können. Wenn die Tochter Hilfe braucht, ist dieser Eine für sie nötig: sieht sie ein, und schafft ihr für die Zukunft einen Schutz, damit nur nicht durch mich, die Agnoia, sie überfällt ein unerwünscht' Geschick; denn immer ist - sie sieht's - der Bruder, der in Reichtum schwelgt, berauscht, doch sie, ein wohlgestaltet, jugendfrisches Kind, hat nichts als eine unbeständge Zukunft. - Und die Alte starb. Dies Haus - nicht lang ist's her - erwarb sich der Soldat. So wohnt sie in des Bruders Nachbarschaft - doch tut die Sache sie nicht kund: sie weiß, er lebt im Glanz, und will ihn nicht in einen Wechsel stürzen, will, daß er genießt, was ihm das Schicksal hat verliehn. Da ward aus Zufall sie von ihm erblickt, er war von Wein erhitzt - ich sagt' es ja voraus! Geflissentlich spaziert er täglich an ihr Haus. - Da traf es sich, daß eines Abends sie die Dienerin wohin entsandt. Als er sie bei den Türen stehen sah, lief er blitzschnell herbei - umarmte, küßte sie; doch weil es ihr bewußt, daß er ihr Bruder ist, so floh sie nicht - der andre kommt dazu, er sieht's! Was dann geschah, habt ihr aus seinem Mund auf seine Weise schon gehört. Der Stutzer ging, «ich werde sie in Muße wiedersehn», rief er; sie aber stand, in Tränen aufgelöst, beklagte, daß ihr frei zu handeln sei verwehrt. Der Zukunft wegen ward nun dieser Brand entfacht, zum Jähzorn sollte er gestachelt werden - von Natur ist er nicht so geraten - doch ich lenkte ihn, damit das Weitere zu der Entdeckung führt, sich die Geschwister wiederfinden. Sollte nun ein Ärgernis hier jemand nehmen, sittenlos es finden, möge der sogleich die Meinung ändern nur: denn durch der Gottheit Wirken wandelt sich des Bösen Macht zum Guten! Lebt denn wohl und zeigt euch huldvoll uns, die ihr dies Spiel schaut -merkt vom Stück euch Wort für Wort!

[Tritt ab. Nach ihrem Prolog folgt nun die Handlung der dritten Szene]

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LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .