Zur Dramatik der Anekdote (II)

Die dramatische Eigendynamik der Polemik: Aus: Prokop, Anekdota 12, 31 - 28.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Pokop, Anekdota. Griechisch - Deutsch, ed. Otto Veh, München 1979 2, S. 109 - 113.


...Mir und den meisten von uns machten ... die beiden niemals den Eindruck von Menschen, sondern von mörderischen und, wie die Dichter sagen, menschenfressenden Dämonen. Sie berieten sich erst miteinander, wie sie alle Geschlechter und Werke der Menschen möglichst einfach und schnell vernichten könnten, dann nahmen sie Menschengestalt an und suchten als "Menschendämonen" die ganze bewohnte Erde heim. Beweisen kann uns dies neben vielem anderen auch die furchtbare Gewalt ihres Tuns. Dämonen sind ja etwas ganz anderes als Menschen. Während von jeher Menschen auftraten, schreckenerregend durch Schicksalswillen oder Naturanlage, und zu ihrer Zeit entweder Städte oder ganze Länder oder sonst dergleichen vernichteten, waren doch nur diese zwei imstande, über die gesamte Menschheit und über die ganze bewohnte Erde Unglück zu bringen. Das Schicksal selbst schien sich mit ihnen zur Vernichtung der Menschheit verbunden zu haben. Denn durch Erdbeben, Hungersnöte und Überschwemmungen ging damals sehr viel zugrunde, wie ich ... [noch] ausführen will. So verrichteten sie nicht aus Menschen-, sondern aus anderer Kraft heraus ihre Schreckenstaten.

Man erzählt sich, auch seine Mutter habe einigen Verwandten gegenüber erklärt, er sei weder ihres Mannes, des Sabbatios, noch sonst eines Menschen Sohn. Als sie ihn nämlich empfangen sollte, sei zu ihr ein Dämon gekommen, der nicht zu sehen war, sondern seine Anwesenheit nur spüren ließ, habe ihr beigewohnt und sei wie im Traum verschwunden.

Einige seiner Diener, die zu später Stunde noch bei Justinian im Palatium weilten, Männer mit ganz reiner Seele, glaubten statt seiner eine ihnen unbekannte Gespenstererscheinung zu erblicken. Der Kaiser habe sich, so erklärte einer, plötzlich von seinem Throne erhoben und sei dort herumgegangen; denn lange pflegte er nicht zu sitzen. Dann sei dessen Haupt plötzlich verschwunden und nur der übrige Körper habe, wie es schien, die ausgedehnten Wanderungen fortgesetzt. Der Beobachter selber habe, da der Anblick seine Augen völlig verwirrte, ganz ratlos dagestanden. Später sei, wie er glaube, der Kopf zum Körper zurückgekehrt, so daß sich das Fehlende überraschend ergänzte. Ein anderer Gewährsmann behauptet, er sei neben dem Sitze des Kaisers gestanden und habe gesehen, wie sein Antlitz plötzlich zu einem formlosen Fleischklumpen wurde. Es trug weder Brauen noch Augen an der entsprechenden Stelle, und auch sonst war alles verschwommen. Mit der Zeit habe indessen Justinian seine alten Züge wieder bekommen. Das schreibe ich nicht als Augenzeuge, sondern nur auf den Bericht von Leuten hin, die es damals gesehen haben wollen.

Ein sehr frommer Mönch soll von seinen Mitbrüdern in der Wüste nach Byzanz entsandt worden sein, um dort den Nachbarn Erleichterung zu schaffen, die unerträgliche Mißhandlungen zu erdulden hatten. Sogleich nach seiner Ankunft erhielt er Audienz. Wie er nun eintreten wollte, setzte er mit dem einen Fuß über die Schwelle, zog ihn aber plötzlich wieder zurück und kehrte um. Der Eunuch an der Türe und die anderen Höflinge drangen, wie man sich erzählt, in den Mann, er solle doch weitergehen. Doch der habe keine Antwort gegeben und sei wie von Sinnen in sein Quartier geeilt. Auf die Frage seiner Begleiter nach dem Grunde dieses seltsamen Gebarens habe er offen erklärt: "Ich sah den Fürsten der Dämonen im Palaste auf dem Throne sitzen. Mit dem möchte ich nicht zusammentreffen oder von ihm etwas erbitten." Wie sollte auch dieser Mensch kein verderblicher Dämon sein, wo er sich doch niemals an Trank oder Speise oder Schlaf ersättigte, sondern nur so obenhin von den Gerichten kostete und dann in tiefer Nacht im Palaste umherwandelte, obschon er auf Liebesgenuß ganz besonders begierig war!

Einige Liebhaber Theodoras berichten auch, ein Dämon habe sie, während sie noch am Theater tätig war, im Dunkeln unter Scheltworten aus dem Zimmer gejagt, in dem sie die Nacht mit ihr verbrachten. ...


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .