Zur Dramatik der Satire.

Die befreiende Enthüllung verantwortungslosen Tuns im schonungslosen Witz. Aus Seneca, Apocolcytosis (Die 'Verkürbissung' des verstorbenen Kaisers Claudius), 10 f.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: L. Annaeus Seneca, Apocolocyntosis - Die Verkürbissung des Kaisers Claudius. Übersetzt und herausgegeben von Anton Bauer, Stuttgart 1081, S. 29 - 33.


10 (1) Da erhob sich der göttliche Augustus, um, da die Reihe an ihm war, seine Stellungnahme abzugeben, und trug mit meisterhafter Beredsamkeit folgendes vor:

»Ich rufe euch als Zeugen auf, Senatoren, daß ich noch kein einziges Wort geäußert habe, seitdem ich Gott geworden bin: immer kümmere ich mich nur um meine Angelegenheiten. Aber jetzt kann ich dieses Spiel nicht mehr länger gleichgültig mitmachen und den Schmerz, den mein gesundes Ehrgefühl noch schlimmer macht, bezwingen. (2) Dazu also habe ich zu Wasser und zu Lande Frieden geschaffen? Darum die Bürgerkriege beendet? Deshalb die Stadt auf den Boden der Gesetze gestellt, sie durch Prachtbauten verschönert," nur um - - Senatoren! Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich finde keine Worte für meine Entrüstung. Ich muß Zuflucht nehmen zu dem bekannten Ausspruch des großen Redners Messala Corvinus: 1ch muß mich für das Reich schämen!<` (3) Dieser Mensch, Senatoren, der euch den Eindruck macht, als ob er keiner Fliege was zuleide tun könne, ließ mit derselben Leichtigkeit Menschen umbringen, wie ein Hund das Bein hebt." Doch was soll ich von all den vielen und bedeutenden Männern reden? Mir bleibt gar nicht die Zeit, seine öffentlichen Scharmützel zu beweinen, wenn ich auf seine Greueltaten in meinem eigenen Haus blicke. Drum will ich jene übergehen und nur über diese sprechen. Denn mag auch meine Schwester nichts davon verstehen, ich jedenfalls kenne das griechische Sprichwort: >Das Hemd ist mir näher als der Rock<. (4) Dieser Bursche, den ihr da seht, der sich so viele Jahre hinter meinem guten Namen verschanzte, hat es mir dadurch gedankt, daß er die beiden Julien umbringen ließ, meine Urenkelinnen,' die eine mit dem Schwert, die andere durch Hunger; außerdem noch einen Ururenkel von mir, den Lucius Silanus. Du magst selbst sehen, Jupiter, ob er [scil. Lucius Silanus] in einer üblen Sache verurteilt worden ist, auf jeden Fall in einer, die auch dich angeht, wenn du künftig noch gerecht sein willst. Jetzt sag mir nur, göttlicher Claudius, warum hast du einen jeden von denen, die du hinrichten ließest, immer verurteilt, bevor du eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet, ja bevor du sie überhaupt nur angehört hast ? Wo ist so etwas denn üblich? Bei uns im Himmel bestimmt nicht. 11(1) Schau dir Jupiter an, der schon so viele Jahre regiert, er hat bisher lediglich dem Vulkan einmal ein Bein gebrochen, als er >beim Fuß ihn packend, hinab von der göttlichen Schwelle ihn warf<, [zitierende Redeweise] und einmal war er zornig auf seine Gattin und hat sie gefesselt im Äther aufgehängt - aber hat er sie denn gleich umgebracht? Du aber hast Messalina, deren Großonkel ich genauso war wie der deine, töten lassen." >Ich weiß von nichts<, sagst du? Verdammen mögen dich die Götter: daß du keine Ahnung hattest, ist ja gleich noch schlimmer, als daß du sie ermorden ließest.'. (2) Dem Kaiser Caligula machte er sogar noch nach dessen Tod ständig alles nach. Der eine hatte seinen Schwiegervater umgebracht, dieser hier auch noch den Schwiegersohn. Gaius Caligula verbot dem Sohn des Crassus, sich mit Beinamen Magnus zu nennen, der hier gab ihm den Namen wieder und - nahm ihm den Kopf. In ein und demselben Haus ließ er Crassus, Magnus und Scribonia umbringen, die zwar alle keinen roten Heller wert waren, aber immerhin alter Adel, ja Crassus war obendrein sogar solch ein Trottel, daß auch er hätte Kaiser sein können! (3) Den da wollt ihr also jetzt zum Gott machen? Seht euch bloß seinen Körper an, den die Götter nur im Zorn erschaffen haben können. Kurz und gut, drei Worte soll er rasch nacheinander sprechen, und - schafft er's - er mag mich als seinen Sklaven abführen. (4) Wer wird denn den als Gott verehren? wer an ihn glauben? Sobald ihr solche Figuren zu Göttern macht, wird kein Mensch mehr glauben, daß ihr Götter seid. Kurz und gut, Senatoren, wenn ich mich in diesem Hohen Hause stets ehrenhaft verhalten habe, wenn ich keinem je zu deutlich herausgegeben habe, so rächt das Unrecht, das ich erlitten habe. Nach meinem Dafürhalten plädiere ich für folgendes«

Und nun er verlas aus seinem Notizblock): (5) »In Anbetracht der Tatsache, daß der göttliche Claudius ermorden ließ seinen Schwiegervater Appius Silanus, seine beiden Schwiegersöhne Magnus Pompeius und Lucius Silanus, den Schwiegervater seiner Tochter, Crassus Frugi - ein Individuum, ihm so ähnlich wie ein Ei dem anderen -, Scribonia, die Schwiegermutter seiner Tochter, Messalina, seine Frau, und eine Menge anderer, deren genaue Zahl nicht ermittelt werden konnte - so stelle ich den Antrag, mit aller gebotenen Strenge gegen ihn vorzugehen, ihm auch keinerlei Prozeßaufschub zu gewähren und ihn baldmöglichst abzuschieben, und zwar mit der Maßgabe, daß er den Himmel binnen dreißig, den Olymp aber schon in drei Tagen verlassen.«

(6) Dieser Antrag wurde allgemein angenommen. Es gab keinen Aufschub, und so packte ihn Merkur am Kragen und schleppt ihn aus dem Himmel in die Unterwelt, >von wo noch keiner, sagt man, zurückkam.< [sprichwörtliche Redeweise].


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .