Zur Dramatik des Epos:

Der Untergang als Ende und Neubeginn schicksalhaften Geschehens: Vergil, Aeneis, 2. Gesang, 254 - 424.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Vergil, Aeneis. Verdeutscht von Thassilo von Scheffer, Wiesbaden (o. D., um 1960), S. 41 - 47.


... Schon auf gerüsteten Schiffen von Tenedos nahte der Griechen

Streitmacht und glitt dahin durch das freundliche Schweigen der Mondnacht

Nach dem bekannten Gestade. Da leuchtet vom Schiffe des Königs

Flammender Glanz, und, behütet durch feindlichen Ratschluß der Götter,

Öffnet Sinon den Bauch des Pferdes und macht aus der finstern

Kammer die Danaer frei; das Roß aus erschlossener Höhlung

Gibt sie ans Licht, die froh sich aus dem Gefängnis entwinden.

Sthenelus und Thessandrus, die zwei, und der grause Ulixes

Gleiten am Seil herab, und Akamas folgte mit Thoas,

Neoptolemus auch, der Pelide, vor allem Machaon

Und Menelaus, dazu der Erbauer des Truges, Epeus.

Die ergießen sich nun in die wein- und schlummerbegrabne Stadt,

erschlagen die Wächter, und durch die entriegelten Tore

Lassen sie alle herein, und sie scharen sich, wie sie beschlossen.

Noch war die Stadt, in der die ermüdeten Menschen im ersten

Schlummer lagen, erfüllt von der süßesten Gnade der Götter.

Siehe, da schien mir im Schlaf vor den Augen trauerbeladen

Hektor zu stehen, das Antlitz von strömenden Tränen beflutet,

So wie vordem vom Wagen geschleift, von blutigem Staube

Ganz geschwärzt und mit Riemen durchbohrt die blutigen Füße.

('Wehe mir, welch ein Bild! Wie anders erschien er als jener

Hektor, wie er ja einst in der Wehr des Achilles zurückkam,

Als er phrygisches Feuer in Danaerschiffe geschleudert!),

Struppig starrte der Bart, verklebt die blutigen Haare,

Zahllos mit Wunden bedeckt, wie er um die heimische Mauer

Sie empfangen. Da wähnte ich selber tränend den Helden

Anzureden, und mir entfuhren die trauernden Worte:

'O du Dardaniens Licht, du festeste Hoffnung der Teukrer,

Was verzogst du so lange von welchenGestaden, o Hektor,

Kommst du Ersehnter her? Wie können, nachdem von den Deinen

So viele starben, so viel die Stadt und die Männer gelitten,

Wir Erschöpfte dich schaun? Was hat so schmählich dein heitres

Antlitz entstellt warum erblick ich dich so voller Wunden?'

Nicht hielt jener sich auf bei meinen müßigen Fragen,

Sondern aus tiefster Brust schwer seufzend kam ihm die Stimme:

'Fliehe, du Sohn der Göttin', so rief er, 'entreiß dich den Flammen!

Feinde besetzten die Stadt, vom hehren Gipfel stürzt Troja.

Opfer fielen genug für Heimat und Priamus. Konnten

Hände Troja erretten, so hätten es meine errettet.

Dir vertraut nun Troja sein Heiligstes und die Penaten,

Nimm sie als Schicksalsleiter und such ihnen ragende Mauern

Zu erbauen, wenn endlich du irrend die Meere durchfahren.'

Sprichts und bringt in den Händen die mächtige Vesta, die Binden

Und das ewige Feuer heraus aus dem Innern des Tempels.

Hier und da durchirrten die Stadt schon Klagen und Jammer.

Lauter und immer lauter, wie weit auch des Vaters Anchises

Haus gesondert lag und hinter Bäumen verborgen,

Tönt das Getöse und drängt heran das Klirren der Waffen.

Auf aus dem Schlummer fuhr ich und steige empor zu des Hauses

Höchster Zinne und stehe nun dort mit lauschendem Ohre:

Wie wenn bei rasendem Sturm die Flamme fällt in ein Saatfeld

Oder reißend vom Berg ein Sturzbach die Äcker verwüstet,

Auch die lachende Saat verschwemmt und die Mühe der Rinder

Wieder zum Abgrund reißt: vom höchsten Gipfel des Berges

Lauscht der Hirt verwundert dem unerklärlichen Toben.

Offenkundig war nun der Danaer Treue und Tücke.

Schon im Brande Vulkans stürzt des Deiphobus weites

Haus in Trümmer, daneben sieht man Ukalegons Wohnung

Brennen, schon spiegelt die Flamme die breite Bucht von Sigeum.

Männergetöse erschallt, es tönt der Klang der Drommete.

Waffen ergreif ich betäubt, doch nun sind Waffen ja sinnlos.

Aber das Volk zum Kampfe zu sammeln und mit den Genossen

Fortzustürmen zur Burg, entbrenne ich. Zorniger Ingrimm

Treibt mich, und mich durchläufts: wie herrlich, im Kampfe zu sterben!

Siehe da, Panthus rennt, der Griechen Geschossen entronnen,

Panthus, des Othrys Sohn, ein Priester der Burg und des Phoebus,

Heilig Gerät in den Händen, besiegte Götter, den kleinen

Enkel gefaßt, so strebt er wie irr der Schwelle entgegen:

'Panthus, wo gibt es noch Rettung? Wo kann uns die Feste noch schützen?'

Kaum entfuhr mir der Ruf, schon gab er stöhnend zur Antwort:

Das ist der schreckliche Tag, das unabwendbare Ende

Trojas. Troer waren wir einst, war Ilium, strahlend

Leuchtete teukrischer Ruhm; voll Grimm hat Juppiter alles

Argos gegeben. Die Griechen sind Herren der brennenden Feste.

Mitten dort ragt das Roß und speit bewaffnete Männer

Aus in die Stadt, es schürt nun Sinon höhnisch als Sieger

Feuer und Brand, schon strömen durch doppeltentriegelte Tore

Tausende andre, soviel aus dem großen Mykenae gekommen.

Andere halten besetzt die Enge der Straßen, in Waffen

Starrend, es ragen gezückt der Schwerter blitzende Spitzen,

Lüstern nach Mord, und kaum versuchen die Wächter der Tore

Dort noch zu kämpfen und zwecklos sich wider die Feinde zu wehren.'

Durch des Panthus Bericht und von Dämonen getrieben,

Stürz ich in Flammen und Kampf, wohin mich die grause Erinnys

Und das Getöse ruft und der Jammer zum Himmel empor' schallt.

Ripheus gesellt sich dazu und auch der gewaltige Kämpfer

Epytus, uns zur Seite im Lichte des Mondes tritt Dymas,

Hypanis auch, es eilt hinzu der junge Koroebus,

Mygdons Sohn, gerade erst eben nach Troja gekommen,

Wild zu Kassandra in Liebe entbrannt, als künftiger Eidam

Hilfe dem Priamus und dem phrygischen Volke zu bringen.

Unglückseliger, der nicht achten wollte der Warnung

Seiner verzückten Braut.

Wie ich nun diese geschart und wagemutig gewahrte,

Hebe ich an: 'Ihr Männer, umsonst zum Kampfe entschlossen

Seid ihr; treibt es euch aber, das Äußerste kühn zu versuchen,

Mir zu folgen (ihr seht ja klar, wie die Dinge hier stehen:

Fort sind von den Altären und Tempeln die Götter entflohen,

Alle, auf denen das Reich beruhte; der lodernden Feste

Eilt ihr zu Hilfe), so stürzen wir denn zum Kampf und zum Tode.

Einziges Heil der Besiegten: auf keinerlei Heil mehr zu hoffen.'

So vermehrt sich die Wut der Jünglinge. RaubendenWölfen

Gleich, die bei Nebel und Nacht wie blind von den Qualen des Hungers

Fortgetrieben, indes mit lechzendem Schlunde verlassen

Ihrer die Jungen harren, so eilen durch Waffen und Feinde

Wir in den sicheren Tod und halten mitten durch Troja

Immer die Bahn. Die Schatten der Nacht umflügeln uns dunkel.

Wer vermöchte mit Worten den Mord und die Schrecken zu schildern

Dieser Nacht Wer möchte mit Tränen die Qualen ermessen

Troja, das alte, stürzt, das so viele Jahre geherrscht hat.

Zahllos bedecken die Straßen die wahllos niedergestreckten

Leiber, die Häuser sind voll und selbst der Götter geweihte

Schwellen. Doch nicht allein die Troer büßen hier blutig:

Neuer Mut erwacht zuweilen auch in den Besiegten,

Und es fallen dann auch die siegenden Danaer. Jammer

Rings und rings Entsetzen und tausend Bilder des Todes.

Unter den Danaern jetzt inmitten vieler Gefolgschaft

Treffen Androgeus wir; er hält uns für Waffengenossen

Ahnungslos und treibt uns an mit freundlichen Worten:

'Eilt euch, ihr Männer. Was seid ihr denn so säumig und träge?

Andere plündern und räumen hinweg das flammende Troja.

Seid ihr etwa erst jetzt aus euren Schiffen gekommen?'

Riefs und merkte sofort, da keine genügende Antwort

Sicherheit bot, er sei in feindliche Scharen geraten.

Staunend prallt er zurück, sucht Schritt und Stimme zu hemmen.

Wie wenn unversehens ein Mann in dornigem Buschwerk

Fest eine Natter getreten und jäh erschrocken zurückflieht,

Da sie zornig sich hebt mit wütend geschwollenem Halse:

So bei dem Anblick erschrocken, entwich Androgeus rückwärts.

Wir aber stürzen heran, sie dicht mit Waffen umzingelnd,

Strecken die Furchterstarrten und Ortsunkundigen ringsum

Nieder; so lächelt das Glück uns schon bei beginnender Arbeit.

Von dem Erfolg und der Keckheit berauscht ruft jubelnd Koroebus:

'Freunde, wo uns nun gleich das Glück die Pfade zur Rettung

Weist, laßt uns ihm folgen, wohin es so günstig uns leitet.

Tauschen laßt uns die Schilde und auch der Danaer Rüstzeug

Nehmen. List oder Trug, dem Feind gegenüber, was gilt es!

Waffen geben sie selbst.' So ruft er und stülpt den bebuschten

Helm des Androgeus auf, ergreift den herrlich geschmückten

Schild und gürtet sich dann das argivische Schwert an die Seite.

Ebenso Ripheus und ebenso Dymas und alle Genossen

Wappnen sich froh, ein jeder mit frisch erworbener Beute.

Unter die Danzer mischen wir uns, doch unlieb den Göttern,

Und in finsterer Nacht bestehen wir mancherlei Kämpfe

Und entsenden so manchen der Danaer nieder zum Orkus.

Andere eilenden Laufs entfliehn zu den Schiffen zum sichern

Strande, ein Teil sogar erklettert schmählich auf' neue

Das gewaltige Roß und birgt sich wieder im Bauche.

Ach, man sollte doch nimmer ungnädigen Göttern vertrauen!

Siehe, da wird die Jungfrau Kassandra, des Priamus Tochter,

An den Haaren geschleift aus dem innersten Tempel Minervas.

Ihre brennenden Augen erhebt sie vergebens zum Himmel,

Nur ihre Augen, sind doch die zarten Hände gefesselt.

Nicht ertrug Koroebus den Anblick in wilder Verzweiflung.

Mitten stürzt er hinein in den Haufen, dem Tode verfallen.

Alle folgen wir ihm und rennen ins dichte Getümmel.

Hier nun hageln auf uns von der obersten Zinne des Tempels

Die Geschosse der Unsern; ein grauses Gemetzel erhebt sich,

Denn es trügt sie die Form der griechischen Waffen und Helme.

Dann auch in streitender Wut um jene entrissene Jungfrau

Strömen von allen Seiten der Danaer Scharen, der wilde

Ajax, die beiden Atriden, der Doloper ganzes Geschwader,

Wie wenn gegeneinander die Winde aus berstenden Wirbeln

Toben, der West und der Süd und froh der Ost mit des Aufgangs

Rossen; es ächzen die Wälder, und Nereus tobt mit dem Dreizack

Wellenumschäumt und zerwühlt des Meeres unterste Tiefen.

Jene sogar, die wir in dunkler Nacht in den Schatten

Scheuchten durch unsere List und rings gehetzt in der Feste,

Tauchen nun auf und durchschauen die Täuschung der Waffen und Schilde

Gleich und weisen auf die befremdlich klingende Mundart.

Alles dahin! Wir erliegen der Zahl. ...


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .