Ein von einem Gott gefördertes tragisches Ende. Aus dem antiken 'Aesop-Roman'.

Nach den erhaltenen Textfragmenten P, W, E und dem Papyrus Golenischtschew als Auszug bearbeitet in: Aesopische Fabeln. Zusammengestellt und ins Deutsche übertragen von August Hausrath. Gefolgt von einer Abhandlung 'Die Aesoplegende'. Urtext und Übertragung., München 1949, S. 126 - 135 sowie 24 - 27 und 56 f.


... Er zog nun durch die Städte von Hellas und zeigte überall in Reden seine Weisheit. So kam er auch nach Delphi. Das Volk dort hörte ihm zwar anfangs ganz gern zu, erwies ihm aber keine Ehren. Da Äsop sah, daß ihre Gesichter in der Farbe vergilbtem Gemüse ähnlich waren, sagte er zu ihnen den Homervers:

"Wie die Geschlechter der Pflanzen, so sind die der Menschen vergänglich."

Als er das zweitemal mit ihnen zusammenstieß, sagte er: ,,Delpher! ich möchte euch mit einem Holzklotz vergleichen, der im Meer schwimmt. Wenn einer aus weiter Entfernung sieht, wie der von den Wogen herangetrieben wird, so scheint er ihm sehr bedeutend. Wenn er ihn aber ganz aus der Nähe sieht, so erkennt er, daß er nichts wert ist. So ging es mir auch mit euch. Als ich von eurer Stadt noch fern war, empfand ich Ehrfurcht vor euch als vor gewaltigen Menschen. Nun aber, da ich euch als minderwertiger denn andere Menschen erkannt habe, habe ich meine frühere Meinung aufgegeben. Ihr handelt aber ganz so, wie es bei eurer Abstammung zu erwarten ist." "Von wem stammen wir denn ab?" fragten die Delpher. "Von Sklaven. Wenn ihr das noch nicht wißt, so hört zu. Es war bei den Hellenen alter Brauch, nach Einnahme einer Stadt den Zehnten von der Beute dem Apollo zu weihen, sowohl von den Rindern, Schafen, Ziegen und dem andern Getier als auch vom Geld und den versklavten Männern und Frauen. Von diesen stammt ihr ab und seid unfreies Pack."

Als Äsop so gesprochen hatte, dachte er an Abreise. Die Behörden aber überlegten, daß er vielleicht in andern Städten noch übler über sie reden werde, und beschlossen, ihn hinterlistig aus dem Weg zu räumen. Dabei half ihnen Apollo wegen der Beleidigung, die ihm Äsop in Samos zugefügt hatte, als er dort den Musen Standbilder errichtete, ohne ihnen den Apoll als Chorführer zuzugesellen. Da die Delpher gegen Äsop keinen begründeten Vorwurf erheben konnten, ersannen sie ein Schurkenstück, damit ihm nicht die anwesenden Fremden zu Hilfe kämen. Sie lauerten vor dem Tor seinem Sklaven auf, der sein Gepäck trug, und als dieser schlief, verbargen sie unter den Sachen Asops eine goldene Schale aus dem Tempelschatz Apolls. Asop, der von diesem Anschlag nichts ahnte, wollte nun nach Phokis weiterziehen. Da eilten die Delpher herbei, ergriffen ihn und schleppten ihn in die Stadt.

"Weshalb führt ihr mich in Fesseln fort?" rief Äsop. "Du hast etwas aus dem Tempelschatz gestohlen!" Asop, der sich nichts Schlimmen bewußt war, rief unter Tränen: "Ich will des Todes sein, wenn etwas Derartiges bei mir gefunden wird !" Die Delpher aber öffneten sein Gepäck, zogen die goldene Schale hervor und zeigten sie allen Leuten, indem sie ihn mit viel Lärm in der Stadt herumschleppten. Äsop, der ihre Hinterlist durchschaute, bat sie inständig, ihn freizulassen. Als sie ihm nicht willfahrten, sagte er: "Da ihr Menschen seid, überhebt euch nicht in euern Gedanken über die Götter." Sie aber sperrten ihn ins Gefängnis, um die Strafe an ihm zu vollziehen. [Zusatz in P: Da Äsop kein Mittel sah, dem schlimmen Geschick zu entrinnen, sprach er zu sich selbst: "Wie werde ich schwacher Mensch dem Verhängnis entfliehen können? Aber quäle dich nicht! ... Nicht ohne tiefern Grund handelt das Volk von Delphi so."]

Ein Freund von ihm, Demeas, bestach die Wächter und kam zu ihm ins Gefängnis. Da er ihn weinen sah, fragte er ihn: "Was jammerst du so?" Da lächelte Äsop und erzählte ihm folgende Fabel:

"Eine Frau, die vor kurzem ihren Mann begraben hatte, ging täglich zum Grabmal und klagte dort. Dies sah ein Mann, der in der Nähe pflügte, und bekam Lust, ihre Liebe zu genießen. Er ließ seine Ochsen stehen, ging zum Grabmal und klagte dort ebenso wie die Frau. Die fragte ihn, warum auch er weine, und er antwortete: "Auch ich habe eine schöne Frau begraben. Wenn ich nun weine, so fühle ich mich erleichtert." "So geht es auch mir", sagte die Frau. "Warum tun wir uns dann nicht zusammen?", sagte er. "Ich werde dich lieben, wie ich jene liebte, und du mich wie deinen Mann." Mit diesen Worten überredete er die Frau, sie taten sich zusammen, und er trieb sein Spiel mit ihr. Während dessen kam einer, spannte die Ochsen aus und trieb sie fort. Als der Mann nun aus dem Grabmal wieder herauskam und die Ochsen nicht mehr fand, begann er zu jammern und sich die Brust zu schlagen. Nun kam auch die Frau, und als sie ihn so klagen sah, fragte sie: "Warum weinst du denn wieder?" Er aber sagte: "Diesmal sind es echte Tränen."

So fragst auch du mich, warum ich klage, wo du doch selbst das schlimme Geschick siehst, das mich befallen hat. Der Freund sagte traurig: "Was fiel dir auch ein, die Delpher in ihrem eigenen Land zu verspotten? Wo blieb da deine Weisheit? Städte und Völker hast du belehrt und gegen dich selbst hast du so töricht gehandelt." Und er schied von ihm unter Tränen.

Nun drangen die Delpher zu Äsop ins Gefängnis und riefen: "Du wirst noch heute vom Felsen gestürzt werden. Denn wir haben beschlossen, dich als Frevler und Lästerer so zu töten, damit du nicht einmal ein Grab findest. Mach dich fertig!" Als Äsop ihre Drohungen hörte, sprach er zu ihnen: "Laßt mich euch erst noch eine Geschichte erzählen." Als sie ihm das gestatteten, begann er:

Als die Tiere noch alle die gleiche Sprache redeten, gewann eine Maus einen Frosch lieb. Daher lud sie ihn zum Mahle und führte ihn in die Vorratskammer eines Reichen. Da gab es Brot, Käse, Honig, Feigen und alle andern Leckerbissen. "Nun iß nach Herzenslust, lieber Frosch", sagte die Maus. Der ließ sich das nicht zweimal sagen, und alle beide schwelgten in auserlesenen Genüssen. Dann sagte der Frosch: "Nun komm auch einmal zu mir, liebe Maus, und mäste dich an meinen Schätzen! Damit du aber bei der Reise durchs Wasser keine Angst bekommst, will ich deinen Fuß an meinen anbinden." Das tat er auch und sprang in den Teich, wobei er die Maus gefesselt mit sich zog. Als diese nun merkte, daß sie ertrinken mußte, sprach sie: "Ich werde von dir getötet werden, aber von einem Stärkeren werde ich gerächt werden." So starb sie. Aber wie sie noch auf dem Wasser dahintrieb, flog ein Habicht über den Teich. Der sah die Maus, schoß herab und ergriff sie und zugleich mit ihr den Frosch. Und er verschlang sie beide.

So werde auch ich, den ihr jetzt sinnlos tötet, nach dem Gesetz gerächt werden. Denn Babylon und ganz Hellas werden für meinen Tod von euch Sühne fordern."

Die Delpher schonten seiner auch jetzt nicht und schleppten ihn weiter zum Abgrund. Äsop aber riß sich los und flüchtete zum Altar im Heiligtum der Musen. Aber die Delpher empfanden auch jetzt kein Mitleid, sondern rissen ihn vom Altar los und schleppten ihn voller Wut weiter, um ihn in den Abgrund zu stürzen. Als er aus dem Heiligtum weggeführt wurde, sagte er: "Hört auf mich, ihr Delpher.

Ein Adler verfolgte einst einen Hasen. Da dieser sonst nirgendwo einen Helfer sah, wandte er sich schutzflehend an einen Mistkäfer. Dieser sprach ihm Mut zu und bat den Adler, er möge ihn nicht seiner Kleinheit wegen verachten. Er beschwor ihn beim großen Zeus, das Schutzrecht zu ehren. Der Adler aber wurde zornig, warf den Mistkäfer mit einem Flügelschlag beiseite, raubte den Hasen und verzehrte ihn. Der Mistkäfer aber verkroch sich in das Gefieder des Adlers und ließ sich von diesem zu dessen Nest tragen. Dann kroch er hinein und wälzte die Eier des Adlers über den Rand des Nestes, so daß sie zur Erde fielen und zerbrachen. Der Adler aber nahm sich den Verlust seiner Brut zu Herzen und brütete das nächstemal an einem höher gelegenen Platz. Aber auch dorthin flog ihm der Mistkäfer nach und zerstörte wiederum die Brut. Nun war der Adler ratlos, flog hinauf zu Zeus und flehte den an: "Schon zum zweitenmal bin ich meiner Brut beraubt worden. Nun vertraue ich sie dir an, damit du sie bewachst." Sprach's und legte seine Eier auf die Knie des Zeus. Der Mistkäfer aber ballte eine Kugel aus Mist, flog in die Höhe und ließ sie auf das Antlitz des Zeus niederfallen. Zeus sprang auf, um den Schmutz abzuschütteln, und dachte dabei nicht an die Eier des Adlers. So fielen diese zur Erde und zerbrachen. Dann aber erzählte der Mistkäfer dem Zeus, wie der Adler gefrevelt habe und wie er sich vergebens bemüht habe, ihn daran zu hindern. "Und er hat nicht allein gegen mich gefrevelt", fuhr er fort, "sondern auch gegen dich. Denn obgleich ich ihn bei dir beschwor, war er auf den Tod des Schutzflehenden aus. Ich aber werde nicht ruhn, bis ich sein ganzes Geschlecht ausgerottet habe." Da ergrimmte Zeus gegen den Adler und sprach zu ihm: "Mit Recht hast du deine Kinder verloren. Das ist die Rache des Mistkäfers." Weil er aber doch nicht wollte, daß das Geschlecht der Adler aussterbe, riet er dem Mistkäfer, sich mit dem Adler zu versöhnen. Da der aber das hartnäckig verweigerte, verlegte er die Brutzeit des Adlers in die Monate, wo die Mistkäfer nicht schwärmen.

Mißachtet auch ihr, Männer von Delphi, nicht den Gott, in dessen Heiligtum ich mich geflüchtet habe, wenn es auch klein ist. Denn, wenn ihr gegen ihn frevelt, wird er es nicht ungeahndet lassen."

Aber sie ließen sich auch durch diese Worte nicht umstimmen, sondern schleppten ihn auf den Felsen und stellten ihn an den Abgrund. Als Äsop sah, daß sein Geschick besiegelt war, sprach er: "O ihr Männer, deren Wut nicht zu bändigen ist, da ich euch auf keine Weise überreden kann, so hört noch folgende Fabel:

"Ein Landmann, der auf dem Acker alt geworden war, war niemals in die Stadt gekommen. Da forderte er die Seinen auf, ihn auch einmal die Stadt sehen zu lassen. Diese schirrten minderwertige Esel an einen Wagen und sagten: "Steig nur auf, die werden dich schon selbst in die Stadt bringen." Da aber unterwegs Finsternis einfiel und ein Sturm sich erhob, kamen die Esel vom Weg ab und schleuderten den Alten in einen Abgrund. Noch im Absturz aber klagte er: "O Zeus, womit habe ich an dir gefrevelt, daß ich so sinnlos zugrunde gehen muß, nicht durch mutige Rosse oder wackere Maultiere, sondern durch elende Esel?"

Das gleiche Unheil widerfährt auch mir. Denn ich gehe zugrunde nicht durch angesehene und ruhmvolle Männer, sondern durch unnütze, elende Sklaven." Nun stießen ihn die Delpher in den Abgrund. So starb Asop.

Doch nicht viel später befiel die Delpher eine schwere Seuche, und sie erhielten von Zeus, dem Schirmer der Gastfreundschaft, einen Orakelspruch, sie sollten die Ermordung Asops sühnen. Da auch ihr eigenes Gewissen ihnen die Mordtat vorwarf, errichteten sie ihm einen Tempel und eine Säule. Als dann das Geschick Asops in Hellas bekannt wurde, kamen die führenden Geister und viele andere Lehrer der Weisheit nach Delphi, veranstalteten dort eine Untersuchung und erklärten die Tötung Asops für ungerecht.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .