Die romantypische glückliche Wendung des Schicksals. Aus: Apuleius, Metamorphosen, 11. Buch, 1. - 17. Kap.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Apuleius, Metamorphosen oder Der goldene Esel. Lateinisch und Deutsch von Rudolf Helm, Berlin 1978 7, S. 360 - 377.


Um die erste Nachtwache etwa fahre ich in plötzlichem Schreck empor; da sehe ich eben aus den Meeresfluten das volle Rund des Mondes auftauchen, der in großer Helle schimmert. Die stillen Geheimnisse der Nacht umfangen mich, ich fühle auch die Gewißheit, daß die hehre Göttin besondere Macht genießt und Menschenlos völlig durch ihre Fürsorge gelenkt wird, daß auch nicht nur das zahme und wilde Getier, sondern auch das Unbeseelte durch das Gegleiß und Geheiß ihres göttlichen Waltens beseelt wird, daß auch die Körper selber auf der Erde, im Himmel und im Meer bald ihrer Zunahme entsprechend wachsen, bald ihrem Abnehmen gemäß verkümmern; und da offenbar das Schicksal nunmehr durch meine vielen und großen Leiden gesättigt war und mir, wenn auch spät, die Hoffnung auf Rettung gewährte, so beschloß ich, die majestätische Erscheinung der anwesenden Göttin anzuflehen. Sogleich schüttelte ich die träge Ruhe ab, munter erhebe ich mich, und im Eifer, mich zu reinigen, vertraue ich mich stracks dem Meeresbad an. Siebenmal tauchte ich das Haupt unter in den Fluten, well der göttliche Pythagoras diese Zahl vornehmlich für religiöse Handlungen als geeignet erklärt hat. Dann betete ich die allgewaltige Göttin mit tränenüberströmtem Antlitz also an:

"Himmelskönigin, magst du nun die gütige Ceres sein, die Urmutter der Früchte, die, froh über die Auffindung der Tochter, die tierische Nahrung der in alter Zeit verwendeten Eichel beseitigt hat, um milde Speise zu weisen, und jetzt die Scholle von Eleusis bewohnt, oder die himmlische Venus, die mit Hilfe des von ihr geborenen Amors am Uranfang der Dinge die verschiedenen Geschlechter vereint und das Menschengeschlecht durch ewig erneuten Nachwuchs fortgepflanzt hat und jetzt in dem meerumfluteten Heiligtum von Paphos verehrt wird, oder des Phöbus Schwester, die, mit lindernden Mitteln die Niederkunft der Schwangeren erleichternd, so viel Völker hat gedeihen lassen und jetzt im herrlichen Tempel von Ephesus angebetet wird, oder die durch das nächtliche Geheul Schauder erregende Proserpina, die in der Dreigestalt den Ansturm der Gespenster bändigend und die Riegel der Erde verschließend, in verschiedene Haine sich verliert und an mannigfachen Kultstätten um Gnade angefleht wird, du, die du mit deinem fraulich sanften Schimmer alle Städte erhellst, mit feuchter Glut die fröhlich keimenden Samen nährst und nach dem Umlauf der Sonne dein wechselnd Licht richtest, unter welchem Namen, nach 2-4. Kapitel 363

welchem Brauch, in welcher Erscheinung auch immer man dich anrufen muß, hilf du mir jetzt in meiner äußersten Trübsal, laß du mein zusammengebrochenes Glück wieder erstarken, und nach Erduldung der grimmen Schläge gib du mir nun Rast und Ruh! Sei's nun genug der Mühsal, sei's genug der Gefahren! Nimm diese häßliche Tiergestalt von mir, gib mich dem Anblick der Meinen wieder, gib mich meiner Gestalt als Lucius zurück! Und wenn ich irgendeine Gottheit gekränkt habe, daß sie mich mit unerbittlicher Strenge verfolgt, dann sei mir wenigstens zu sterben vergönnt, wenn es mir nicht vergönnt ist zu leben."

Als ich auf diese Weise inbrünstig gebetet und dazu jämmerliche Klagen erhoben hatte, befiel meine matte Seele an derselben Lagerstätte wieder ein mich umfangender tiefer Schlaf. Und kaum hatte ich die Augen völlig geschlossen, siehe, da taucht mitten aus dem Meere, ihr auch den Göttern ehrwürdiges Antlitz erhebend, die göttliche Erscheinung empor, und allmählich, so war mir, trat ihr leuchtendes Bild, wie sie das Meer von sich geschüttelt hatte, in ganzer Gestalt vor mich. Ich will versuchen, ihr wunderbares Aussehen auch euch zu berichten, wenn anders die Armut menschlicher Sprache mir das Vermögen zur Beschreibung vergönnt oder ihre göttliche Macht selber mir die Fähigkeit des Ausdrucks in reichlicher Fülle zuteil werden läßt. - Zunächst floß üppiges, langes und sanft gewelltes Haar, rings sich ausbreitend, weich über den göttlichen Nacken. Oben auf dem Scheitel lag ein bunter Kranz aus mannigfaltigen Blumen; in dessen Mitte über der Stirn strahlte ein flaches Rund nach Art eines Spiegels oder richtiger als Abbild des Mondes ein helles Licht aus, rechts und links eingefaßt von Schlangen, die sich in ihren Windungen aufrichteten, während Ähren der Ceres sich von oben darüberbreiteten. Das Gewand war vielfarbig schillernd, aus feinem Leinen gewebt, bald in blendender Weiße schimmernd, bald von Safranblüten goldgelb leuchtend, bald in Rosenröte flammend. Und was meinen Blick gar sehr verwirrte, das war der Mantel; tiefschwarz, in dunklem Glanze strahlend, lief er ringsherum und kehrte unter der rechten Achsel zur linken Schulter zurück mit einem buckelförmigen Wulst, während ein Teil des Stoffes, in vielfacher Fältelung herabhängend, niederfiel; am äußersten Saum wogten an ihm zierlich die geknoteten Fransen. Über die angewebte Verbrämung und auf der Fläche des Mantels selber verstreut funkelten Sterne, und in ihrer Mitte hauchte der Vollmond flammendes Feuer. Überall jedoch, wo der Saum des herrlichen Mantels herumlief, da war in ununterbrochener Folge ein Gewinde aus Blumen aller Art und Früchten aller Art angebracht. Und dann die ganz verschiedenartigen Geräte, die sie trug! Denn in der Rechten hielt sie eine eherne Klapper, durch deren schmales, nach Art eines Gürtels gebogenes Blech in der Mitte einige wenige Stäbe gesteckt waren, und wenn der Arm die drei zugleich im Schwung erzittern ließ, so gaben sie einen hellen Klang. Von der Linken aber hing ein goldenes Gefäß, auf dessen Griff, wo er sichtbar, eine Schlange sich aufrichtete, hoch den Kopf erhebend, mit breit geschwollenem Nacken. Die ambrosischen Füße deckten Sandalen, aus den Blättern der Siegespalme geflochten. So war sie, so gewaltig, als sie, die seligen Wohlgerüche Arabiens hauchend, mich ihrer göttlichen Anrede würdigte:

"Da bin ich, Lucius, durch dein Gebet gerührt, die Mutter der Schöpfung, die Herrin aller Elemente, der Ursproß der Jahrhunderte, die höchste der Gottheiten, die Königin der Geister, die erste der Himmlischen, die Erscheinung der Götter und Göttinnen in einer Gestalt, die ich des Himmels lichtvolle Höhen, des Meeres wohltätiges Wehen, der Unterwelt vielbeweinte Stille durch meinen Wink leite, deren einzigartiges Walten in vielgestaltigem Bilde, in mannigfachem Brauch, unter vielerlei Namen der ganze Erdkreis verehrt. Dort nennen mich die Erstgeborenen der Menschen, die Phryger, die pessinuntische Göttermutter, hier die Urbewohner ihres Landes, die Attiker, die kekropische Minerva, dort die meerumfluteten Kyprier die paphische Venus, die pfeiltragenden Kreter die diktynnische Diana, die dreisprachigen Sikuler die stygische Proserpina, die Eleusinier die alte Göttin Ceres, andere Juno, andere Bellona diese dort Hekate, jene Rhamnusia, und die von den beginnenden Strahlen der aufgehenden Sonne beleuchtet werden, die Äthiopier beider Länder und die durch uralte Weisheit ausgezeichneten Ägypter, durch eigene Bräuche mich ehrend, mit meinem wahren Namen Königin Isis. Hier bin ich aus Mitleid mit deinem Geschick, hier bin ich voller Gnade und Güte. Laß nun Weinen und Klagen, verscheuche den Kummer. Schon bricht für dich durch meine Fürsorge der Tag der Rettung an. Also richte achtsam deinen Sinn auf meine Gebote jetzt! Den Tag, der aus dieser Nacht geboren wird, hat mir seit ewigen Zeiten religiöser Sinn bestimmt. An ihm weihen meine Priester, da nun die Unwetter des Winters zum Schweigen gebracht und die stürmischen Meereswogen besänftigt sind, dem wieder befahrbaren Meer einen noch neuen Kiel und spenden so die Erstlingsgabe des Verkehrs. Diese Feier mußt du erwarten, nicht aufgeregten, doch auch nicht ungeweihten Herzens.

Denn auf mein Geheiß wird der Priester bei der Ausrüstung für den Festzug in der rechten Hand einen Rosenkranz um die Klapper tragen. Ohne Zaudern durchbrich also die Scharen und geh frisch auf den Zug los im Vertrauen auf meine Gnade, und aus nächster Nähe pflücke sanft, als wolltest du des Priesters Hand küssen, die Rosen ab und sofort befreie dich damit von der Haut dieses garstigen Tieres, das ich seit langem verabscheue. Fürchte auch nichts von dem, was ich dir aufgebe, als zu schwer. In demselben Augenblick nämlich, da ich zu dir komme, bin ich zugleich auch dort gegenwärtig, um meinem Priester im Traume das Weitere zu gebieten, was zu tun ist. Auf mein Geheiß werden die enggedrängten Massen des Zuges dir Platz machen. Niemand wird unter den heiteren Bräuchen und dem festlichen Schauspiel vor dem häßlichen Aussehen, das du zeigst, Schauder empfinden oder, wenn du plötzlich deine Gestalt wechselst, das falsch auslegen und dich boshaft beschuldigen. Nur wirst du entschieden daran denken und es immer tief im Herzen geborgen halten, daß mir der fernere Verlauf deines Lebens bis zu dem Ziele des letzten Atemzuges verpflichtet ist. Nicht mit Unrecht schuldest du derjenigen, durch deren Wohltat du wieder zu den Menschen zurückgekehrt bist, die ganze Zeit, die du noch leben wirst. Leben aber wirst du glücklich, leben wirst du ruhmvoll in meinem Schutze, und wenn du die Spanne deines irdischen Daseins durchmessen hast und zu den Unterirdischen hinabwanderst, so wirst du auch dort in der Wölbung unter der Erde mich, die du jetzt siehst, strahlend in der Finsternis des Acheron und gebietend in den stygischen Räumen finden und, selber die elysischen Gefilde bewohnend, stetig in mir deine huldvolle Beschützerin anbeten. Wenn du also durch emsige Folgsamkeit und gewissenhafte Dienstbarkeit und beharrliche Enthaltsamkeit dir unsere Gnade erwirbst, so wirst du erfahren, daß es nur mir allein freisteht, über die von deinem Schicksal bestimmte Zeitspanne hinaus auch dein Leben zu verlängern."

So endete die unbesiegbare Gottheit ihren ehrwürdigen Spruch; darauf zerfloß sie wieder in sich. Unverzüglich erhebe ich mich, vom Schlafe flugs befreit, in Angst und Freude, dann auch reichlich von Schweiß übergossen, voll höchsten Staunens über die deutliche Gegenwart der mächtigen Göttin. Ich bespülte mich mit dem Naß des Meeres, und eifrig auf ihre erhabenen Befehle bedacht, ließ ich die Reihenfolge ihrer Ermahnungen an mir vorüberziehen. Unverzüglich erhebt sich die goldene Sonne, nachdem sie das Gewölk der schwarzen Nacht verscheucht, und sieh, da füllen die Scharen in frommem und geradezu siegeszugartigem Getümmel die ganzen Straßen, und alles schien mir so viel Fröhlichkeit zu äußern, ganz abgesehen von meiner eigenen, daß ich es empfand, wie sogar die Tiere jeder Art, die ganzen Häuser und der Tag um mich heiteren Aussehens Freude fühlten. Denn dem Reif der vergangenen Nacht war plötzlich ein sonniger und milder Tag gefolgt, so daß auch die sangeslustigen Vögelein, durch das Laue des Lenzes gelockt, ihr liebliches Konzert anstimmten, der Mutter der Gestirne, der Schöpferin der Zeiten und Herrin des ganzen Weltkreises mit schmeichelndem Klange huldigend. Ja, sogar die Bäume, die von obsttragenden Zweigen strotzenden wie die unfruchtbaren, die sich begnügen, Schatten zu spenden, lassen, durch das Wehen des Südwinds von der Starre befreit, mit ihren Blattknospen prangend, durch das sanfte Bewegen ihrer Arme ein süßes Säuseln vernehmen. Und nachdem das gewaltige Brausen der Stürme beschwichtigt war und der unruhige Wogenschwall sich gelegt hatte, spülte das Meer ruhig ans Ufer, der Himmel aber strahlte, da der dunstige Nebel verscheucht war, in dem baren und klaren Glanz seines eigenen Lichtes.

Schau, da kommt auch allgemach das Vorspiel des großen Festzuges, aufs schönste ausstaffiert nach Wunsch und Neigung eines jeden. Der eine, mit dem Wehrgehenk umgürtet, trat als Krieger auf, den andern, mit dem Mantel ausgerüstet, hatten die derben Stiefel und die Spieße zum Jäger gemacht, ein anderer wieder, mit vergoldeten Schuhen angetan, gab sich durch sein seidenes Gewand, den kostbaren Schmuck und das dem Kopf angesteckte Haar in wiegendem Schreiten als Frau aus. Bei einem anderen ferner, der durch Beinschienen, Schild, Helm und Schwert ausgezeichnet war, hätte man glauben 8.-lO. Kapitel 369


können. er komme aus der Gladiatorenkaserne. Einen gab es auch, der mit Fackeln und Purpurverbrämung den hohen Beamten spielte, oder der mit Mantel und Stab, Sandalen aus Palmblättern und dem Bocksbart den Philosophen vorspiegelte, andere, die mit verschiedenen Ruten, der eine mit dem Leim die Rolle des Vogelstellers, der andere mit dem Angelhaken die des Fischers übernahm. Ich sah auch eine zahme Bärin im Frauengewand, die in einer Sänfte getragen wurde, und einen Affen mit geflochtener Mütze und phrygischem, gelbem Prachtkleid, der nach Art des Hirten Ganymed einen goldenen Becher hielt, sowie einen Esel mit angeklebten Flügeln, der neben einem schwachen Greise einherwandelte, so daß man diesen als Bellerophon, jenen aber als Pegasus erklären konnte lachen jedoch mußte man über beide. Unter diesen spaßigen Belustigungen der Bevölkerung, die allenthalben sich zeigten, setzte sich schon der eigentliche Festzug der göttlichen Retterin in Bewegung: Frauen, schimmernd in weißer Gewandung, prunkend mit mancherlei Ausstattung, prangend in Frühlingsbekränzung, die aus ihrem Schoße auf dem Weg, den der heilige Zug dahinschritt, den Boden mit Blüten bestreuten, andere, die mit glänzenden, nach hinten gewandten Spiegeln der nachkommenden Göttin ihre gefällige Dienstbeflissenheit zeigten und die, elfenbeinerne Kämme in den Händen, durch Gebärden mit den Armen und Bewegungen mit den Fingern das Schmücken und Kämmen des königlichen Haares nachmachten, auch solche, die mit sonstigen Salben wie auch mit festlichem Balsam, der tropfenweise ausgeschüttet wurde, die Straßen besprengten; eine große Zahl beiderlei Geschlechts außerdem, die mit Lampen, Fackeln, Kerzen und künstlichem Licht anderer Art dem Ursproß der himmlichen Gestirne huldigte. Dann liebliche Weisen: Pfeifen und Flöten erklangen in süßer Melodie. Ihnen folgte ein reizender Chor erlesener Jugend in schneeweißem Staatskleid strahlend, ein anmutiges Lied immer wieder singend, das mit gnädiger Hilfe der Musen ein begabter Dichter in Töne gesetzt und eingeübt hatte; den Inhalt bildete einstweilen ein Vorgesang für die feierlichen Gebete. Es zogen auch die dem großen Sarapis geweihten Flötenspieler einher, welche nach dem rechten Ohr zu die Querpfeife hielten und darauf eine dem Tempel und dem Gott vertraute Weise bliesen, und die vielen, die geboten, dem heiligen Zug Platz zu machen. Dann strömen die in den Dienst der Göttin eingeweihten Scharen heran, Männer und Frauen jedes Standes und jedes Alters, leuchtend im reinen Weiß des Leinenkleides, diese das salbenfeuchte Haar mit lichtem Tuche verhüllt, die Männer das Haar geschoren bis auf die Haut, mit glänzendem Scheitel, irdische Sterne der erhabenen Religion, mit ehernen und silbernen, ja, mit goldenen Klappern ein helles Klingen weekend, und die vornehmen Priester des Kultes, die, mit einem um die Brust eng anliegenden Gewand aus weißem Leinen bis zu den Füßen angetan, die herrlichen Sinnbilder der mächtigen Götter trugen. Der erste von ihnen hielt eine mit hellem Licht leuchtende Lampe, nicht eben ähnlich den unseren, die das abendliche Mahl beleuchten, sondern ein goldenes Schifflein, das aus einer Öffnung in seiner Mitte eine stärkere Flamme
emporsandte. Der zweite war zwar an Kleidung ähnlich, aber er trug in beiden Händen Altäre, d. h. die "Hilfen", denen der hehren Göttin helfende Fürsorge den eigenen Namen gegeben hat. Es kam ein dritter, der eine zierlich mit Goldblättern versehene Palme trug und einen Hermesstab. Der vierte wies das Zeichen der Gerechtigkeit, eine nachgebildete linke Hand mit ausgestreckter Handfläche; da diese eine angeborene Schwerfälligkeit, aber keine Gewandtheit, keine Geschicklichkeit zeigt, schien sie passender für die Gerechtigkeit als die Rechte. Derselbe führte auch ein goldenes Gefäß mit, rundgefornt nach Art einer Frauenbrust, aus dem er Milch spendete. Der fünfte trug eine goldene Getreideschwinge, mit Lorbeerzweigen ganz gefüllt, und ein anderer einen Krug.

Unmittelbar darauf schreiten die Götter, die sich herablassen, mit Menschenfüßen einherzuwandeln; hier der schauerliche Bote der Überirdischen und der Unterwelt, der bald ein schwarzes, bald ein goldenes Antlitz weist, den Hundenacken hoch erhebend, Anubis, in der Linken den Heroldsstab tragend, in der Rechten einen grünen Palmzweig schüttelnd. Seiner Spur folgte anschließend ein Rind in aufrechter Haltung, ein Rind, der allgebärenden Göttin fruchtbares Abbild, das einer aus der Dienerschar in seligem Dahinschreiten mit allerlei Gebärden auf seinen Schultern trug. Von einem andern wurde die Truhe getragen, die Verborgenes faßte und in der Tiefe die geheimen Kultgegenstände der erhabenen Religion umschloß. Ein anderer hielt in seinem beglückten Schoße der hohen Gottheit ehrwürdiges Bildnis; dies war nicht einem Herdentier noch Vogel noch Wild und selbst nicht einem Menschen ähnlich, sondern wegen der tiefsinnigen Erfindung schon infolge seiner Seltsamkeit anbetenswert, jedenfalls inniger, mit strengstem Schweigen zu umgebender Gottesverehrung unaussprechlich heiliges Symbol; aber geformt war es aus leuchtendem Golde ganz in folgender Weise: Es war ein kunstvoll gehöhlter kleiner Krug mit möglichst rundem Boden, außen mit wunderbaren Götterbildern der Ägypter figürlich geschmückt; das Mundstück, nicht wesentlich hoch ragend, lief in einer Tülle mit langer Röhre aus; auf der anderen Seite aber war ein Henkel daran, der in beträchtlicher Breite weit auslud: darauf saß in zusammengerolltem Knoten eine Schlange, die sich mit aufgeblähtem Nacken voll streifiger Schuppen emporreckte.

Und schau, da naht auch die uns verheißene Wohltat der hilfreichen Gottheit und meine Schicksalsstunde: meine Rettung selber bringend, schreitet der Priester heran. Genau gemäß der Vorschrift in der göttlichen Verheißung hält er in der Rechten die geschmückte Klapper für die Göttin, für mich den Kranz - und weiß Gott, den Kranz mit Recht, weil ich nach Überwindung so vieler, schwerer Mühsal, nach Bestehen so vieler Gefahren durch die Fürsorge der großen Göttin das mit mir so grimmig ringende Schicksal überwand. Doch stürzte ich nicht vor jäher Freude in heftigem Laufe vorwärts - mußte ich doch fürchten, durch das plötzliche Anstürmen eines Vierfüßers könnte die ruhige Ordnung der Feier gestört werden -, sondern mit gemessenem und geradezu menschlichem Schritt dränge ich nur zögernd, den Körper seitwärts hindurchschmiegend, mich allmählich ein, während das Volk auf göttliche Eingebung hin mir Platz macht.

Aber der Priester, wie ich in der Tat erkennen konnte, in Erinnerung an den nächtlichen Spruch und voller Staunen über das Zusammentreffen mit dem ihm aufgetragenen Dienst, blieb sofort stehen, streckte von selbst die Rechte aus und hielt mir den Kranz unmittelbar vor das Maul. Da packte ich ängstlich, während mein Herz von heftigen Schlägen zuckte, mit gierigem Munde den Kranz, der, mit lieblichen Rosen durchflochten, leuchtete, und verschlang ihn im Verlangen, der Verheißung teilhaftig zu werden. Und die himmlische Verheißung trog mich nicht: Sofort gleitet das garstige, tierische Äußere von mir ab, und zunächst fällt das schmutzige Haar, und dann wird die dicke Haut wieder dünn, der feiste Bauch ist eingeschrumpft, die Fußflächen laufen durch die Hufe hindurch in Zehen aus, die Hände sind keine Füße mehr, sondern strecken sich zum Dienst bei aufrechter Haltung, der lange Hals zieht sich zusammen, Maul und Kopf runden sich, die riesigen Ohren nehmen ihre frühere kleine Form an, die steinharten Zähne erhalten die menschliche Zierlichkeit zurück, und, der mich vorher am meisten quälte, der Schwanz ist nirgends mehr zu sehen! Es staunt das Volk. Die Frommen verehren die so augenscheinliche Macht der großen Gottheit, ihre Wunderkraft, wie sie nur in Traumbildern vorkommt, und die Leichtigkeit der Verwandlung, und laut und einstimmig preisen sie, die Hände zum Himmel erhebend, die so offenbar gewordene Wohltat der Göttin.

Doch ich stand, vor gewaltigem Staunen starr, in Schweigen da, well mein Herz die plötzliche große Freude nicht zu fassen vermochte, und wußte nicht, was ich gerade als erstes vorbringen, womit ich den Anfang zum Gebrauch der neuen Stimme machen mit welchem Spruch ich da mir jetzt die Sprache zurückgekehrt war, ein günstiges Vorzeichen schaffen, mit welchen und mit wie vielen Worten ich der großen Göttin Dank sagen sollte. Aber der Priester, der jedenfalls durch göttliche Andeutung all meine Leiden von Anbeginn erfahren hatte, obschon selber durch das unerhörte Wunder erregt, gibt durch ein Zeichen einen Wink und gebietet zunächst, man solle mir ein Leinengewand geben, mich zu bedecken. Denn sobald mich die Beseitigung der Eselsgestalt von der unheiligen Hülle befreite, hatte ich mich durch enges Zusammenpressen der Schenkel und sorgsames Vorhalten der Hände, soweit das einem Nackten möglich war, mit dieser natürlichen Bedeckung rechtschaffen geschützt. Da zog aus der Schar der Frommen einer ohne weiteres sein Obergewand aus und deckte es schnell über mich. Darauf spricht der Priester mit feierlicher und wahrhaft übermenschlicher Miene, erschüttert auf meine Erscheinung blickend, also:

"Viele und mannigfache Leiden hast du überstanden, und von großen Unwettern und mächtigen Stürmen des Schicksals bist du umhergetrieben worden, um nun endlich zum Hafen der Ruhe und zum Altar der Barmherzigkeit zu kommen, Lucius. Deine Herkunft und selbst deine Stellung oder die Bildung, durch die du dich auszeichnest, hat dir nirgendwo genützt, sondern infolge der Haltlosigkeit deines jugendlichen Alters bist du in sklavische Lüste verfallen und hast für deine unglückselige Neugier einen traurigen Lohn erhalten. Aber jedenfalls hat dich das blinde Schicksal, während es dich mit den schlimmsten Gefahren peinigte, mit seiner nichtsahnenden Bosheit zu dieser frommen Glückseligkeit geführt. So mag's denn jetzt gehen und mit grimmer Wut toben und sich für seine Grausamkeit einen andern Gegenstand suchen. Denn bei denen, deren Leben unsere erhabene Göttin zu ihrem Dienst erkoren, hat der feindliche Zufall keine Stätte. Was haben Räuber, was wilde Tiere, was Knechtschaft, was Irrfahrten hin und her auf rauhen Wegen, was tägliche Todesfurcht dem ruchlosen Schicksal genützt? Du bist nun aber in das schützende Schicksal aufgenommen, in das sehende, welches mit dem Glanz seines Lichtes auch die übrigen Götter erleuchtet. Mach nun ein fröhlicheres Gesicht, wie es deinem weißen Gewande entspricht, begleite den Festzug der helfenden Göttin mit frohlockendem Schritt. Schauen mögen die Unfrommen, schauen und ihren Irrtum erkennen: Sehet, da triumphiert, von der früheren Mühsal durch die Fürsorge der großen Isis befreit, Lucius fröhlich über sein [scil. böses] Schicksal. Damit du jedoch noch sicherer und geschützter bist, so melde dich an zu diesem heiligen Kriegertum, für das du auch kürzlich aufgefordert wurdest dich zu verpflichten. Weihe dich schon jetzt dem Gehorsam gegen unsere Religion und nimm freiwillig das Joch des Dienstes auf dich! Denn wenn du begonnen hast, der Göttin zu dienen, dann wirst du erst recht den Genuß deiner Freiheit spüren."

Also sprach begeistert der treffliche Priester, und mühsam Atem schöpfend verstummte er. Darauf schritt ich, unter die fromme Schar gemischt, weiter und begleitete das heilige Symbol, dem ganzen Volk nun bekannt und auffallend, während die Menschen mit Fingern und Winken auf mich wiesen. Alle Leute unterhielten sich über mich: "Der ist es, den die erhabene Macht der allgewaltigen Göttin heute wieder entzaubert hat, daß er zu den Menschen zurückkehrt. Glücklich, weiß Gott, und dreimal selig er, der sich durch die Unschuld und Ehrenhaftigkeit seines früheren Lebens offenbar einen so herrlichen Schutz vom Himmel verdient hat, daß er, gewissermaßen wiedergeboren, sofort zum Dienst des Heiligtums verpflichtet wurde."

Während solcher Reden und des Lärms festlicher Gelübde rücken wir allmählich vor und nähern uns schon dem Meeresstrand, und so gelangen wir gerade an die Stelle, an welcher am Abend vorher meine Eselsgestalt sich niedergelassen hatte. Ebendort wurden die Bilder ordnungsgemäß aufgestellt. Dann weihte der Hohepriester der Göttin als ihr Eigen ein kunstvoll gefertigtes, mit wunderbaren Bildern der Ägypter ringsum bunt bemaltes Schiff, das nach einem feierlichen Gebet aus keuschem Munde mit leuchtender Fackel, mit Ei und Schwefel fromm entsühnt war. Das blendende Segel dieses glückhaften Schiffes trug eingewebte Buchstaben. Diese Buchstaben enthielten das Gebet um günstige Seefahrt bei dem neubeginnenden Verkehr. Schon erhebt sich der Mast, eine runde Pinie, hochragend in seinem Glanzz, weit sichtbar durch das herrliche Segel; derVordersteven, der sich zu einem Gänsehals wand, leuchtete, mit Goldplättchen belegt, und das gesamte Schiff strahlte ganz und gar, aus hellem Citrusholz fein hergestellt. Da trägt alles Volk, die Frommen wie die Ungeweihten, um die Wette Körbe herbei voll von Spezereien und derartigen Weihgaben, und über die Fluten gießen sie als Spende eine aus Milch hergestellte Mischung, bis dann, mit reichlichen Gaben und Glückwünschen beladen, das Schiff nach Lösung der Ankertaue. während ein eigener, heiterer Wind blies, dem Meer übergeben wurde. Als es infolge der weiten Fahrt am Horizont mehr und mehr vor unserem Blick verschwamm, nehmen die Träger der Heiligtümer ein jeder, was er hergetragen hatte, wieder auf, und fröhlich beginnen sie unter ähnlicher Anordnung des Festzuges in angemessener Weise den Rückweg zum Tempel.

Aber wie wir nun beim Tempel selbst anlangen, begeben sich der Hohepriester, die Träger der Götterbilder und die vordem in den ehrwürdigen Geheimkult Eingeweihten in das Gemach der Göttin und stellen innerhalb desselben ordnungsgemäß die Leben atmenden Bildwerke auf. Dann tritt einer von ihnen, den alle als Schriftgelehrten bezeichneten, vor das Tor, berief die Gemneinde der Pastophoren - so heißt dies hochheilige Kollegium - gleichsam zur Versammlung, sprach von einer dort erhöhten Kanzel nach einem heiligen Buch Segensworte für den großen Kaiser, den Senat, die Ritterschaft und das ganze römische Volk, für Schiffer und Schiffe und für alles, was der Herrschaft unserer Welt unterliegt. Darauf verkündet er mit griechischem Wort und Brauch die Eröffnung der Schiffahrt. Daß diese Formel allen Glück verheißen möge, drückte das nachfolgende Rufen des Volkes aus. Dann küßt die Bevölkerung die Füße der Göttin, die, aus Silber gebildet, auf den Stufen stand, und geht freudetrunken, Reiser, Zweige, Kränze tragend, heim. Doch mich ließ mein Herz keinen Finger breit von dort fortgehen, sondern gespannt auf der Göttin Bild blickend, gedachte ich meiner früheren Abenteuer. ....


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .