Zur Struktur antiken Schicksalsdenkens. Aus: Artimodoros, Kunst der Traumdeutung, Buch I, Kap. 68 und 69.

Deutsche Übersetz7ujg entnommen aus: Artemidor, Traumkunst. Aus dem Griechischen übersetzt von Friedrich S. Krauss, neubearbeitet und mit einem Nachwort versehen von Gerhard Löwe. Einleitung von Fritz Jürß, Leipzig 1991, S. 178 - 181.


KAPITEL 68

Es ist für den Träumenden günstig, in nur geringem Abstand zur Erde und in aufrechter Haltung zu fliegen. wieviel einer Abstand zur Erde hält, soviel wird er erhöht über alle, die unter ihm einhergehen; denn die Reichen nennen wir die Höhergestellten [franz.: 'hautevolée']. Gut ist es ferner, das nicht im eigenen Vaterland zu erleben, da das Umsiedlung bedeutet, weil man nicht mit den Füßen den Boden berührt; das Traumgesicht sagt nämlich gewissermaßen, daß die Heimat für den Träumenden unbetretbar ist. Mit Flügeln fliegen bringt allen gleichermaßen Glück. Sklaven werden aufgrund dieses Traumgesichts frei, weil alle fliegenden Vögel ohne Herren sind und keinen Gebieter haben. Arme werden viele Güter erwerben; denn wie das Geld die Menschen emporträgt so auch die Flügel die Vögel. Reichen und einflußreichen Leuten verschafft es Staatsämter; denn wie die Vögel sich über den Menschen auf der Erde befinden, so stehen die Regierenden über den einfachen Bürgern. Zu träumen, man fliege ohne Flügel und in großem Abstand von der Erde, bringt dem Träumenden Gefaht und Schrecken. Auch wenn man um Ziegeldächer, Häuser und Straßen herumfliegt, prophezeit das Verwirrungen und Aufregungen der Seele. Der Traum, in den Himmel zu fliegen, bedeutet für Sklaven stets den Wechsel in ein größeres Haus, oft sogar bis an den kaiserlichen Hof. Freie aber mußten nach meiner Beobachtung oft gegen ihren Willen nach Italien reisen; denn so wie der Himmel der Sitz der Götter ist, so Italien der der Kaiser. Aber Leute, die verborgen bleiben wollen und sich verstecken, spürt es auf; denn alle Dinge am Himmel sind deutlich und für jeden klar zu erkennen.

Das Fliegen mit Vögeln bedeutet den Aufenthalt unter Menschen anderer Volkszugehörigkeit und überhaupt unter Ausländern. Für Verbrecher ist es ein schlimmes Zeichen; denn es bestraft die Frevler, oft sogar mit der Kreuzigung. Fliegt man weder in zu großem Abstand von der Erde noch zu nahe, sondern so, daß man alles auf der Erde gut erkennen kann, bedeutet das eine Reise und Ortsveränderung. Man kann nun von dem, was man auf der Erde sieht, schlußfolgern, was alles dem Träumenden auf der Reise begegnen wird. Beispielsweise Ebenen, Getreidefelder, Städte, Dörfer, Gärten, alles von Menschen Geschaffene, schöne Flüsse, Seen, ruhiges Meer, Ankerplätze, mit günstigem Wind segelnde Schiffe, das alles im Traum gesehen, verkündet eine gute Reise. Dagegen prophezeien steile Täler, Schluchten, Waldgebirge, Felsen, wilde Tiere, reißende Flüsse, Berge und gefährliche Abhänge lauter unangenehme Situationen auf der Reise.

Immer ist es ein Vorteil, wenn man hinauffliegt und wieder auf die Erde zurück und dann erst erwacht. Das allerbeste aber ist, wenn man nach Belieben fliegt und nach Belieben damit aufhört; denn es bedeutet äußerst leichte und bequeme Abwicklung der Geschäfte. Dagegen ist es nicht gut, beim Fliegen von einem wilden Tier oder Menschen oder Dämon verfolgt zu werden; es bringt große Besorgnisse und Gefahren; denn die Furcht war im Traum so groß, daß man die Erde für die Flucht nicht ausreichend hielt, sondern auf den Himmel auswich.

Einem Sklaven bringt es Glück, im Hause seines Herrn zu fliegen; denn er wird viele im Hause überflügeln. Fliegt er außerhalb des Hauses, wird er nach Tagen des Glücks das Haus als Toter verlassen, falls er durch den Hof hinausflog; falls durch das Tor, als Verkaufter; falls durch ein Fenster, als Ausreißer. Nicht ungünstig ist für einen Seereisenden oder einen, der eine solche Fahrt plant, rücklings zu fliegen; denn meistens liegen die Passagiere an Bord auf dem Rücken, wenn es nicht stürmt. Den übrigen verkündet es fehlende Arbeit; denn wir sagen von untätigen Menschen, sie lägen auf dem Rücken (auf der faulen Haut). Kranke rafft es hinweg.

Am schlimmsten und unheilvollsten ist es wohl, fliegen zu wollen und nicht zu können oder, wenn man schon fliegt, mit dem Kopf zur Erde und den Füßen zum Himmel. Es prophezeit dem Träumenden viel Unglück. Ein Kranker wird sterben, unabhängig davon, in welcher Lage er fliegt; denn man sagt, daß die vom Körper getrennten Seelen mit unglaublicher Geschwindigkeit in den Himmel fliegen, sozusagen wie die Vögel. Dagegen werden Leute, die ein sitzendes Handwerk betreiben, ihre Beschäftigung aufgeben, so daß sie wegen des Fliegens leicht beweglich werden und nicht mehr auf ihren Stühlen bleiben. Gefesselte werden frei; denn ein Fliegender ist an Füßen und Händen frei. Viele wurden auch blind; denn die Blinden gleichen den Fliegenden, weil sie immer fürchten niederzufallen. Auf einem Schemel, einer Bank, einem Bett oder einem anderen ähnlichen Möbelstück beim Fliegen sitzen bedeutet schwere Krankheit oder Lähmung; man muß vielmehr in einer Sänfte getragen werden, da man nicht mehr auf der Erde sich fortbewegen kann. Dagegen verkündet dieses Traumgesicht einem, der verreisen will, gar nichts Schlimmes; denn mit seiner ganzen Familie und seiner Habe wird er die Reise antreten oder auch mit dem Wagen fahren.

KAPITEL 69

Zu den zuverlässigen Gewährsmännern, deren Worten man Glauben schenken und folgen soll, zähle ich erstens die Götter; denn das Lügen ist Göttern fremd. Zweitens die Priester, denn sie genießen bei den Menschen dieselbe Ehre wie die Götter. Drittens die Herrscher und Regierenden, denn "Herrschaft hat Gottes Macht". (Menander, Fragment 223,3. Körte.) Viertens die Eltern und die Lehrer, denn sie sind den Göttern gleich, und zwar die einen, indem sie uns das Leben schenkten, die anderen, indem sie uns zur rechten Lebensweise anleiten. Fünftens die Weissager, allerdings nur diejenigen, die nicht Betrüger oder Lügenpropheten sind. Denn alles, was Pythagoreer und Leute sagen, die aus der Physiognomie, aus Würfeln, aus Käse, aus einem Sieb, aus der äußeren Gestalt, aus den Händen, aus dem Waschbecken oder mittels Totenbeschwörung weissagen, das muß man für falsch und irreal halten; denn ihre Praktiken sind so erbärmlich, und von der Weissagekunst wissen sie selber nicht ein bißchen, aber mit Blendwerk und Betrug nehmen sie jeden aus, der ihnen in den Weg kommt. Wahr allein erweist sich das, was von Opferpriestern, Vogelschauern, Astrologen, Wunderzeichen- und Traumdeutern sowie Eingeweidebeschauern gesagt wird. Die Horoskope der Astrologen sollte man prüfen. Zu den glaubwürdigen Gewährsmännern gehören noch die Toten, da sie auf jeden Fall die Wahrheit sagen; denn die Lügner täuschen aus zweierlei Gründen, entweder aus Hoffnung oder aus Furcht. Diejenigen aber, die weder hoffen noch fürchten, sprechen natürlich die Wahrheit, und das sind besonders die Toten. Auch die Kinder sagen die Wahrheit, denn sie verstehen das Lügen und Betrügen noch nicht. Ferner die ganz alten Leute; denn sie erweisen sich durch ihr Alter als glaubwürdig. Auch die vernunftlosen Tiere sprechen auf jeden Fall die Wahrheit, denn sie kennen nicht das kunstvolle Verfahren der Rede. Die übrigen aber, um mich nicht in Einzelheiten zu verlieren, lügen, was sie auch sagen, ausgenommen diejenigen, deren Zuverlässigkeit auf der Hand liegt, und Leute von bewährtem Charakter. Schauspieler und Bühnenkünstler sind, weil sie jede Rolle spielen, allen unglaubwürdig, ebenso Sophisten, Arme, Priester der Kybele, Verschnittene und Eunuchen; diese zeigen, auch wenn sie nicht reden, trügerische Hoffnungen an, weil sie aufgrund ihrer Natur weder zu den Männern noch zu den Frauen zählen.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .