Heroisches Ende im Dienste einer sinnstiftenden politischen und philosophischen Idee: Übersicht über den antiken 'Briefroman' 'Chion von Heraklea' mit dem letzten Brief (Nr. 17 - Chion an Platon).

Edition des griechisch-sprachigen Textes: Chion of Heraclea. A Novel in Letters. Edited with introduction and commentary by Ingemar Düring, Göteborg 1951, S. 76 - 79. Deutsche Übersetzung: Christian Gizewski.


[In 17 Briefen wird der Entwicklungsgang ihres fiktiven Schreibers Chion erkennbar, der sich gegen den Willen seiner Eltern aus seiner Heimatstadt Heraclea Pontica (an der südlichen Schwarzmeerküste) über eine längere Zwischenstation in Byzanz zum Studium der Philosophie bei Platon nach Athen begibt, dort einige Jahre als Schüler in Platons Gesellschaft zubringt und an sich auch noch weitere Jahre bleiben möchte, dann aber von der Etablierung der Tyrannis des Klearchos(4. Jh. v. Chr.) in Heraklea erfährt und aus Verantwortungsbewußtsein für seine Mitbürger unter Vortäuschung einer apolitisch-quietistischen philosophischen Grundhaltung gegenüber dem argwöhnischen Tyrannen in seine Heimatstadt zurückkehrt, um den Tyrannen durch ein Attentat zu beseitigen. Die Briefe sind von einem unbekannt gebliebenen antiken Autor der augusteischen Zeit so komponiert, daß sie in kurzen, gewissermaßen schlaglichtartigen Einstellungen und unter gelegentlicher Abweichung auf scheinbar Unwesentliches, d. h. in einer Art realistischer, tatsächlichen Korrespondenzsammlungen abgeschauter Manier, den Gang der Ereignisse und die innere Entwicklung des Protagonisten Chion erzählen. Von den Briefen dieses 'antiken Entwicklungsromans' wird hier nur der letzte wiedergegeben, weil in ihm am deutlichsten das dramatische Motiv der Erzählung - der sich selbst für das allgemeine Interesse aus philosophischer Überzeugung aufopfernde Philosoph - und zugleich ihr lehrhafter Kern hervortreten.]

Brief Nr. 17 (Chion an Platon)

1 Zwei Tage vor dem Dionysienfest habe ich die vertrauenswürdigsten meiner Diener, Pylades und Philokalos, zu dir geschickt. Denn während der Dionysien beabsichtige ich, den Anschlag auf das Leben des Tyrannen durchzuführen, nachdem ich lange Zeit politisch alles Mögliche ins Werk gesetzt habe, um ihm gegenüber nicht verdächtig zu werden. An diesem Tage wird [in seiner Gegenwart] eine Prozession zu Ehren des Dionysios stattfinden, und die Leibwache wird dann vermutlich nicht so achtsam sein wie sonst. Wenn nicht, wird es es wohl nötig werden, auch durchs Feuer zu gehen, und wir werden weder zögern, dies zu tun, noch werden wir uns selbst oder deine Philosophie entehren. Wir sind eine starke Gruppe von Verschwörern, stärker vielleicht durch unsere Überzeugung als durch unsere Zahl. 2 Ich weiß daß ich den Tod finden werde, und meine einzige Bitte zu Gott ist, ich möge nicht streben, bevor ich den Tyrannen beseitigt habe. Dem Apollo den Päan singend und im Besitze des Sieges als Preis werde ich dieses Leben verlassen, vorausgesetzt ich sterbe, nachdem ich die Menschheit von dieser Tyrannei befreit habe. Opfer und Vogelzeichen und alle meine divinatorischen Fähigkeiten sagen mir aber, daß ich die Sache zu einem erfolgreichen Abschluß bringen und dann sterben werde. Ich hatte im Traum eine ganz klare Vision: Ich sah eine Frau von wunderbarer Schönheit und Gestalt, die mich mit einem bebänderten Siegeskranz aus wilden Oliven bekrönte. Nach einer Weile zeigte sie mir ein wunderschönes Grab und sagte: "Wenn Dein Werk getan ist, Chion, geh und finde Ruhe in diesem Grab." Nach diesem Traumgesicht bin ich zuversichtlich, einen ehrenhaften Tod zu finden. Denn ich glaube nicht, daß irgendetwas Trügerisches in dem sein kann, was die Seele voraussieht, und das ist ja auch Deine Überzeugung. 3 Sollte nun diese Vorahnung wahr werden, dann glaube ich, so glücklicher zu werden, als wenn es mir gestattet wäre, nach der Tötung des Tyrannen weiterzuleben und alt zu werden. Nach einer heroischen Tat wird es für mich besser sein, diese Welt zu verlassen als in ihr weitere Zeit zu vertun. Wenn das, was ich durchführen will, gelingt, wird es größer sein, als das, was ich zu leiden habe, und ich werde bei denen, denen ich Gutes getan habe, in höherem Ansehen stehen, wenn ich ihnen die Freiheit um den Preis meines eigenen Lebens erkauft habe. Denn es ist ein größeres Verdienst in den Augen derjenigen, denen Freundlichkeit wiederfahren ist, wenn der, von dem sie kommt, selbst nichts davon hat. Obwohl ich also den Tod vor Augen habe, bin ich doch guten Mutes. Lebe wohl, Platon, und bleibe glücklich bis ins hohe Alter. Ich nehme an, ich werde jetzt das letzte Mal zu dir gesprochen haben.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .