Orakelhafte Ankündigung, plötzliche Offenbarung eines Schicksals. Heliodor, Aithiopika. Aus Buch II und III.

Text der deutschen Übersetzung mit gerinfügigen Modifikationen entnommen aus: Heliodor, Aithiopica. Roman. Ins Deutsche übertragen von Horst Gasse, (Leipzig 1957) Karlsruhe 1985, S. 86 - 89 und 122 - 127.


[Aus Buch II]

... Während wir noch darüber nachdachten, kam ein Bote herein mit der Meldung, der Gesandtschaftsführer der Änianer warte schon lange ungeduldig vor der Tür und verlange nach dem Priester, um mit dem Opfer zu beginnen. Auf meine Frage, wer die Änianer seien und was es mit der Gesandtschaft und dem Opfer für eine Bewandtnis habe, antwortete Charikles: Sie sind der edelste Stamm von Thessalien, echte Hellenen; denn sie gehen auf Hellen, den Sohn des Deukalion, zurück. Ihr Gebiet zieht sich an dem Malischen Meerbusen hin. Stolz sind sie auf ihren Stammsitz Hypate. Nach ihrer Annahme hat er seinen Namen davon, daß er unter ihren Städten den ersten Platz einnimmt und über sie herrscht, andere meinen, er heiße so, weil er unter dem Öta liege. Den Opferzug schicken sie alle vier Jahre zur Zeit der pythischen Spiele, wie auch jetzt wieder zu Ehren des Neoptolemos, des Sohnes Achills; denn hier, an den Altären des Pythiers, wurde er von Agamemnons Sohn Orest arglistig ermordet. Die jetzige Gesandtschaft hat vor den bisherigen noch etwas voraus, denn ihr Führer rühmt sich, ein Nachkomme Achills zu sein. Ich habe den Jüngling gestern getroffen, und man konnte wirklich glauben, einen Nachkommen Achills vor sich zu haben; dafür sprach seine Gestalt und sein hoher Wuchs.' Verwundert fragte ich, wie er sich denn von Achill herleiten könne, wo er doch ein Änianer sei. Die Dichtung des Ägypters Homer nenne ja doch Phthia als Heimat Achills.

'Der junge Mann', antwortete Charikles, 'setzt sich leidenschaftlich für die änianische Herkunft des Helden ein und behauptet, Thetis sei zur Hochzeit mit Peleus aus dem Malischen Meerbusen aufgestiegen, und jener Landstrich habe einst Phthia geheißen. Alles andere seien Lügen, aufgebracht, um den Ruhm jenes Mannes für sich in Anspruch zu nehmen. Er rechnet sich auch in anderer Beziehung zu dem Geschlecht des Aiakos. Sein Ahn sei Menesthios, behauptet er, der Sohn des Spercheios und der Peleustochter Polydora, der als einer der Tapfersten mit Achill gen Ilion zog und aus Gründen der Verwandtschaft die Elite der Myrmidonen anführte. So sucht er von allen Seiten seine Abstammung von Achill zu untermauern und dessen Zugehörigkeit zu den Änianern nachzuweisen. Dazu dient ihm auch neben allem übrigen das Totenopfer für Neoptolemos. Denn sämtliche Thessaler, sagt er, hatten es den Änianern abgetreten und damit die Berechtigung ihres Anspruchs bestätigt, jenem Heros näherzustehen.' - 'Man kann ihnen dies zugute halten, Charikles', sagte ich, 'oder auch wirklich glauben. Laß doch den Jüngling hereinrufen, ich bin äußerst gespannt, ihn zu sehen.'

Charikles nickte, und jener trat ein. Von ihm ging in der Tat etwas Achilleisches aus. Das war derselbe kühne Blick, dieselbe aufrechte Haltung des Nackens, dasselbe aus der Stirn gestrichene, sich steil aufwärts sträubende Haar. Das war die Nase Achills, die jeden Augenblick den Ausbruch der Leidenschaft erwarten ließ, mit ihren Flügeln, die frei die Luft einsogen; das war das lichte Auge, das vom hellen Blau ins Schwärzliche überging und dessen Ausdruck stolz, aber doch nicht hart war, ähnlich dem Meere, das eben seine Wogen glättet und nun friedlich daliegt. Als er uns den üblichen Gruß entboten und unseren Gegengruß empfangen hatte, wies er darauf hin, daß es Zeit sei, dem Gott das Opfer darzubringen, um dann rechtzeitig zu dem Sühnopfer für den Heros und dem sich anschließenden Umzug übergehen zu können. 'Gut', rief Charikles, erhob sich und wandte sich mit den Worten zu mir: 'Solltest du Charikleia nicht schon vorher gesehen haben, wirst du heute ihre Bekanntschaft machen; denn es ist ein alter Brauch, daß auch die Priesterin der Artemis dem Festzug und dem Sühnopfer für Neoptolemos beiwohnt.' Ich hatte das Mädchen schon oft gesehen, Knemon. Sie hatte an den Opfern teilgenommen und Fragen in religiöse Gespräche eingeworfen. Aber in Erwartung des Kommenden schwieg ich. Wir begaben uns gemeinsam zum Tempel; denn die Thessaler hatten schon alles für das Opfer vorbereitet. Als wir zu den Altären gekommen waren, sprach der Priester ein Gebet, und der Jüngling wollte schon die Opferhandlung beginnen, da verkündete die Pythia aus dem Allerheiligsten laut folgenden Spruch:

'Lenke auf sie, die Anmut zuerst und am Ende den Ruhm hat,

Delphi, den Blick und auf ihn, der einer Göttin entsproß.

Fort vom Tempel werden sie ziehn und die Wogen durchschneiden,

Kommen ins dunkele Land, welches die Sonne beherrscht.

Dort erhalten sie herrlichen Preis für ihr treffliches Leben,

Auf der schwärzlichen Stirn schimmert die Binde dann weiß.'

Nach der Prophezeiung des Gottes ergriff die Umstehenden eine völlige Ratlosigkeit, da sie den Spruch nicht zu deuten wußten. Der eine las dies, der andere das heraus, und jeder legte ihm einen Sinn nach seinem Belieben unter, aber keiner traf die Wahrheit. Denn Orakel und Träume werden meist erst klar, wenn sie in Erfüllung gehen. Außerdem drängten die Delphier aufgeregt zu dem Festzug hin, für den großartige Anstalten getroffen waren, so daß ihnen die richtige Erfassung des Orakeispruchs ziemlich gleichgültig wurde. ...

[Aus Buch III]

... 'Da dir bekannt ist, daß sie liebt, könntest du auch sagen, wen?' fragte ich ihn. 'Nein, beim Apollon', erwiderte er, 'wie oder woher sollte ich das wissen? Mein Herzenswunsch wäre, daß es Alkamenes ist, der Sohn meiner Schwester, dem ich sie schon längst zugedacht habe, wenn es nach meinem Willen geht.' Als ich ihm erklärte, man könne ja einen Versuch machen, den jungen Menschen zu ihr bringen und ihr gegenüberstellen, hieß er den Vorschlag gut und verließ mich.

Um die Marktzeit traf er mich wieder. 'Ich muß dir etwas Betrübliches mitteilen', rief er. 'Das Mädchen scheint von einem Dämon besessen, so seltsam ist ihr Wesen. Auf deinen Vorschlag brachte ich den Alkamenes zu ihr und ließ ihn seine ganze Liebenswürdigkeit entfalten. Doch mit einem gellenden Schrei drehte sie sich nach der anderen Seite des Zimmers, als hätte sie das Haupt der Gorgo oder etwas noch Scheußlicheres gesehen, legte ihre Hände wie eine Schlinge um den Hals und drohte uns mit dem Schwur, sich das Leben zu nehmen, wenn wir uns nicht schleunigst entfernten. So verließen wir sie denn schneller, als man es sagen kann. Was hätten wir auch bei einem solchen absonderlichen Verhalten tun sollen? Ich wende mich nun wieder an dich mit der inständigen Bitte, nicht ruhig zuzusehen, wie das Mädchen zugrunde geht und meine Wünsche unerfüllt bleiben.'

'Charikles' erwiderte ich, 'du bist nicht fehlgegangen in der Meinung, daß sie besessen ist; denn Kräfte bedrängen sie, die ich selbst auf sie gelenkt habe, und zwar keine geringen, sondern derart, daß sie ihr sicherlich eine Handlungsweise aufnötigen, die weder ihrer Natur noch ihrem Willen entspricht. Aber ich glaube, eine feindliche Macht wirkt meinem Vorhaben entgegen und liegt im Kampf mit den Geistern, die mir untertan sind. Daher ist es höchste Zeit, daß du mir die Binde zeigst, die dem Kinde nach deiner Angabe bei seiner Aussetzung mitgegeben wurde und mit den übrigen Kennzeichen in deine Hände gelangt ist. Ich hege nämlich die Befürchtung, es sind ihr gewisse Zauberkräfte verliehen und magische Zeichen eingestickt, die den Widerstand des Mädchens verursachen. Das kann einer, der ihr von Anfang an feindlich gesinnt war, in der Absicht getan haben, daß sie ohne Liebe und Kinder durchs Leben gehe.'

Charikles pflichtete mir bei und brachte bald darauf die Binde. Ich bat ihn, mir Zeit zu lassen. Als er mir zustimmte, ging ich nachhause und machte mich sogleich an das Studium der Binde, die mit äthiopischen Buchstaben bestickt war. Es waren nicht die landläufigen Zeichen, sondern solche, die die Könige verwenden und die der heiligen Schrift der Ägypter ähneln. Der Schrift entnahm ich folgenden Bericht:

'Ich, Persinna, Königin der Äthiopier, zeichne für meine Tochter, die ich nicht einmal mit Namen nennen kann und die nur solange meine Tochter war, als ich sie unter dem Herzen trug, diese klagenden Worte auf als letzte Gabe.'

Bei dem Namen Persinna, Knemon, war ich starr: Dennoch las ich weiter:

'Daß ich kein Unrecht beging, als ich dich, mein Kind, nach deiner Geburt aussetzte und vor den Augen deines Vaters Hydaspes verbarg, mag unser Stammvater Helios bezeugen. Trotzdem will ich mich vor dir, meine Tochter, falls du am Leben bleibst, vor deinem Retter, wenn Gott dir einen sendet, und vor der gesamten Menschheit rechtfertigen und den Grund für deine Aussetzung angeben. Unsere göttlichen Ahnen sind Helios und Dionysos, von Halbgöttern sind es Perseus und Andromeda und außerdem Memnon. Mit den Darstellungen ihrer Taten schmückten seinerzeit die Erbauer den königlichen Palast, und zwar den Männersaal und die Gänge mit den Bildern der Götter und Memnons, unser Schlafzimmer mit Liebesszenen zwischen Perseus und Andromeda. Nachdem wir schon zehn Jahre ehelich verbunden waren, ohne daß uns Kinder geschenkt wurden, hatte ich mich einmal im Sommer zu einem Mittagsschläfchen hingelegt. Da nahte sich mir dein Vater infolge einer Aufforderung, die er nach seiner eidlichen Versicherung durch einen Traum erhalten hatte. Ich spürte sogleich, daß ich empfangen hatte. Die ganze Zeit bis zur Niederkunft war nun ein einziges Volksfest, und man brachte den Göttern Dankopfer dafür, daß der König einen Stammhalter erwarten konnte. Als du darauf mit einer weißen Hautfarbe zur Welt kamst, hell glänzend wie nie ein Äthiopierkind, da wußte ich sofort die Ursache. Während des Beilagers hatte ich das Bild der Andromeda angeschaut, die gänzlich nackt war - denn Perseus führte sie eben vom Felsen herunter -, und dieser unglückselige Zufall hatte sich so ausgewirkt, daß die Frucht unserer Liebe jener ähnlich wurde. Ich war überzeugt, man würde mich wegen deiner hellen Haut des Ehebruchs verdächtigen. Niemand würde mir Glauben schenken, wenn ich darlegte, wie dieses Phänomen zustande gekommen ist. So beschloß ich, mir einen schmachvollen Tod zu ersparen und über dich die Gunst oder Ungunst des Schicksals entscheiden zu lassen, ein Ausweg, der auf jeden Fall besser erschien als der gewisse Tod oder der Makel unehelicher Geburt. Ich log also meinem Mann vor, du seiest gleich nach der Geburt gestorben, setzte dich in aller Heimlichkeit aus und gab dir möglichst viel Hab und Gut zum Lohn für deinen Retter mit, allerlei anderen Schmuck und diese Binde mit dem traurigen Bericht über dein und mein Los. In sie wickelte ich dich; unter blutigen Tränen, die du, meine Erstgeborene, mich gekostet hast, habe ich sie gestickt. Du mein süßes Kind, zur Stunde noch meine Tochter, denke, wenn du am Leben bleibst, an den Adel deiner Abkunft, halte deine Reinheit, die allein die Tugend des Weibes kennzeichnet, in Ehren und lege eine königliche Gesinnung an den Tag, wie sie dir deine Eltern mitgaben, Sei mehr als auf alle anderen Kleinodien, die du mitbekamst, auf einen Ring bedacht, den dein Vater mir schenkte, als er um mich warb, und erhalte ihn dir. In ihn ist kreisförmig der Wahlspruch des Königs geprägt und der Stein Pantarbe [der Bedeutung nach whrscheinlich: die alles Fürchtende; d. Hg.] gefaßt, dem eine geheime Kraft innewohnt. Ich habe mich der Schriftzeichen bedient, um dir dies alles zu sagen, da das Verhängnis mich der Möglichkeit beraubt hat, Mund zu Mund und Auge zu Auge sprechen zu lassen. Vielleicht bleiben sie stumm und sind umsonst aufgezeichnet, vielleicht aber kommen sie dir doch noch einmal zugute. Denn der Mensch kann die dunkeln Wege des Schicksals nicht erkennen. Solltest du gerettet werden, du liebliches Wesen, an dem sich nun niemand freut und dessen Schönheit mich anklagt, so stellt diese Schrift für dich ein Kennzeichen dar, andernfalls - ach, käme es mir doch nie zu Ohren! - den Tränenerguß der Mutter, die um dich klagt, auf dein Grab.'

Als ich das las, Knemon, erkannte ich mit Bewunderung das Walten der Götter und war zugleich von Freude und Trauer erfüllt. Es war ein eigentümliches Gefühl: ich war freudig erregt und mußte doch weinen. Daß das Rätsel ihrer Herkunft gelöst und der Orakelspruch nunmehr aufgeklärt war, stimmte mich froh; anderseits bangte ich um den zukünftigen Ausgang und beklagte die Unbeständigkeit, die Unsicherheit und den Wandel der menschlichen Verhältnisse, Erscheinungen, die eben am Geschick Charikleias unverkennbar vor Augen traten. Denn ich dachte an vielerlei: an ihre wahren Eltern und ihre Väter in den Augen der Welt, wie weit sie das Geschick von ihrer Heimat weggeführt hatte, wie ihr das Los des unehelichen Kindes zuteil geworden und sie ihrer rechtmäßigen Abkunft vom Äthiopierkönig verlustig gegangen war. Lange stand ich unschlüssig; sie tat mir leid wegen ihres vergangenen Lebens, und ich wagte doch nicht, ihr zukünftiges glücklich zu nennen, bis die nüchterne Uberlegung die Oberhand gewann und ich mich entschloß, ohne Zögern zu handeln.

Ich ging zu Charikleia und fand sie allein, schon ganz entkräftet von ihrem Leid. Zwar zwang ihre Vernunft sie dazu, ruhig zu sein, aber ihr Körper befand sich in schwer leidendem Zustand. Er hatte den Stürmen der Leidenschaft nachgegeben, seine Widerstandskraft war gebrochen. Nachdem ich die Anwesenden fortgeschickt und mir jede Störung verbeten hatte, da ich mit Gebeten und Beschwörungen auf ihre Krankheit einwirken wolle, wandte ich mich an sie mit den Worten: 'Jetzt solltest du mir dein Leid bekennen, Charikleia, wie du mir gestern versprachst, und dich nicht mehr einem Manne verschließen, der dir wohlwill und in der Lage ist, auch wenn du dein Schweigen nicht auf gibst, doch von allem Kenntnis zu haben.'

Da ergriff sie meine Hand, küßte sie unter Tränen und erwiderte: 'Weiser Kalasiris, vorerst tue mir die Liebe und laß mich schweigend mein Unglück tragen,-da du ja sowieso über meine Krankheit im klaren bist. Erspare mir wenigstens, daß ich mich schämen muß, dadurch, daß ich im Busen bewahre, was schmachvoll zu leiden und noch schmachvoller auszusprechen ist. Denn wenn es mich auch schmerzt, daß die Krankheit überhandgenommen hat, so mehr noch, daß ich ihrer nicht gleich Herr geworden bin, sondern einer Leidenschaft nachgegeben habe, der ich mich bisher immer versagte und deren bloße Erwähnung für den Stolz einer Jungfrau Schande bedeutet.'

Um ihr Mut zu machen, ging ich darauf ein. 'Aus zwei Gründen tust du gut daran, mein Kind, deinen Kummer für dich zu behalten. Ich brauche nicht erst zu erfahren, was mir meine Kunst längst offenbart hat, und außerdem ist es ganz natürlich, daß du erröten müßtest, sprächest du aus, was einer Frau zu verbergen besser ansteht. Nachdem du aber doch einmal Feuer gefangen hast und es dir Theagenes auf den ersten Blick angetan hat - denn das hat mir die Stimme der Götter verkündet, so wisse, nicht du allein und nicht du als erste bist einer solchen Leidenschaft verfallen, nein, viele ausgezeichnete Frauen und viele sonst ganz keusche Jungfrauen sind es mit dir. Denn Eros ist der größte der Götter, dessen Macht, wie es heißt, auch schon selbst Götter gespürt haben. Denke darüber nach, wie du dich am besten mit der gegebenen Lage abfindest. Es mag ein großes Glück sein, von Liebe überhaupt nichts zu wissen, wer aber einmal in ihre Fänge geraten ist, tut äußerst klug daran, seine Wünsche in vernünftige Bahnen zu lenken. Du kannst mir glauben, auch du hast es in der Hand, dem schmählichen Vorwurf sinnlicher Lust vorzubeugen, lieber eine rechtmäßige Verbindung einzugehen und den krankhaften Zustand mit einer Ehe zu vertauschen.' ...


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .