Satirische Version eines Schicksalsschlages. Petronius, Satyricon 131 - 135.

Deutsche Übersetzung mit gerinfügigen Modifikationen entnommen aus: Petron, Satyricon. Ein römischer Schelmenroman. Übersetzt und erläutert von Harry C. Schnur, Stuttgart 1984, S. 174 - 181.


(131) ... Da lag sie also; ihr marmorweißer Nacken ruhte auf einem goldenen Kissen, und mit einem blühenden Myrtenzweige fächelte sie sich nachlässig. Als sie mich sah, errötete sie ein wenig, ohne Zweifel well sie sich der gestrigen Beleidigung erinnerte. Dann aber, als sie alle ihre Begleiterinnen fortgeschickt hatte, lud sie mich ein, mich zu ihr zu setzen, bedeckte mir mit dem Zweige die Augen und sprach nun, als wäre eine Wand zwischen uns, mit größerer Kühnheit: »'Wie geht es dir, mein kleiner Paralytiker? Bist du heute vollständig zu mir gekommen?« Ich sagte: »Warum fragst du mich, statt mich auf die Probe zu stellen?« Und ich warf mich mit dem ganzen Leibe in ihre Umarmung hinein und genoß ihre Küsse, die diesmal nicht verzaubert waren, bis zur völligen Sättigung.

(132) Die Schönheit ihres Körpers zog mich an und lockte mich zur Liebe. Nun ertönte das Geräusch unzähliger Küsse, die unsere Lippen zusammenfügten, schon hatten unsere ineinander verschlungenen Hände jede Art des Liebesvorspiels erkundet, schon waren unsere Körper eng ineinander verschlungen und hatten auch unsere Seelen vereinigt,' [Ergänzung einer Textlücke: als trotz dieses reizenden Vorspiels plötzlich wiederum meine Kraft versagte, so daß ich die höchste Wollust nicht erreichen konnte.]

Die Dame war über solch offenkundige Verachtung so entrüstet, daß sie sich an mir rächte: sie rief ihre Kammerdiener herbei und befahl, mich gründlich auszupeitschen. Mit solch schwerer Strafe war die Frau nicht zufrieden, sondern sie rief auch alle ihre Spinnmägde und das niedrigste Gesinde ihres Haushalts zusammen und hieß sie mich anspucken. Ich hielt mir die Hände vor die Augen und bat noch nicht einmal um Schonung; denn ich wußte ja, daß ich es verdient hatte. So wurde ich unter Schlägen und Spucken zur Tür hinausgeworfen. Auch Proselenos fliegt hinaus, Chrysis bekommt Schläge, und der ganze Haushalt ist bedrückt: sie murmeln untereinander und fragen sich, was der Herrin wohl die gute Laune verdorben haben könne.

[Ich begab mich nach Hause und] erwog mein wechselvolles Geschick, wodurch ich besserer Laune wurde. Ich verbarg, so gut ich konnte, die Spuren der Peitschenschläge, damit nicht wegen der Schmach, die ich erlitten hatte, Eumolpus sich amüsierte oder Giton sich betrübte. Es gab nur eines, wodurch ich den Schein des Anstands wahren konnte: ich täuschte Krankheit vor, lag im Bett und wandte die ganze Glut meines Zornes dem Körperteil zu, der mir alle diese Leiden verursacht hatte.

Dreimal ergriff ich das grause zweischneidige Messer,
dreimal, schlaffer als zarte, sprossende Ranke,
packte ihn Furcht: er entwand sich dem drohenden Messer.
Mir versagte die Hand, ich konnt's nicht vollenden,
well sich das Ding, vor Angst so kalt wie Eis schon,
hinter tausend Runzeln verkroch und versteckte
und sein Ende ich packen und köpfen nicht konnte.
Da das elende Ding aus Todesangst mich
hintergangen, so blieb mir nur Beschimpfung.

Ich stützte mich daher auf meinen Ellenbogen und hielt ungefähr folgende Ansprache an das miserable Ding: »Was kannst du sagen, du Schande der Menschen und Götter? Denn es ist sogar ungehörig, dich unter ernsten Dingen zu erwähnen. Habe ich das um dich verdient, daß du mich, da ich schon im Himmel war, in die Hölle stürztest? Daß du die erste Jugendblüte meiner Jahre verrietest und mir die Senilität des letzten Greisenalters auferlegtest? Ich frage dich, gib mir eine ausreichende Entschuldigung!« Als ich dies zornig gesagt hatte,

wandte jener sich ab und schlug die Augen darnieder,
und so wenig verriet sein Antlitz Eindruck der Worte
wie die Trauerweide und Mohn, der welkend sich senket.

Als ich aber eine so scheußliche Beschimpfung beendet hatte, da reute es mich doch ein wenig, und ganz heimlich errötete ich über solche unanständigen Reden, die ich zucht- und ehrvergessen mit dem Teil meines Körpers geführt hatte, den seriöse Männer nicht einmal zur Kenntnis nehmen. Ich schlug mir mehrmals an die Stirn und rief dann: »Was habe ich denn Böses getan, wenn ich meinen Schmerz durch ganz natürliches Schimpfen erleichtert habe? Pflegen wir doch, was den menschlichen Körper angeht, auch unsern Bauch zu beschimpfen oder unsern Schlund oder auch unseren Kopf, wenn wir manchmal Kopfweh haben. Was denn? Streitet nicht auch Odysseus mit seinem Herzen, und hören wir nicht, wie Verfasser von Tragödien ihren Augen fluchen, als könnten diese hören? Wer an Gicht leidet, verflucht seine Füße, wer Gelenkrheumatismus hat, beschimpft seine Hände, Triefäugige beschimpfen ihre Augen und diejenigen, die sich die Zehen gestoßen haben und Schmerz empfinden, lassen ihren Unmut an ihren eigenen Füßen aus.

Warum schaut ihr mich an mit gerunzelter Stirne, ihr Catos,
und verdammet, was neu hier steht und lebensgetreu?
Hier erfreuet doch schöner Stil mit heiterer Anmut,
wenn man ehrlich beschreibt, wie es der Pöbel nun treibt.
Wer kennt nicht die Freuden des Lagers, die Wonne der Liebe?
Wer verbietet es uns, heiß zu erglühen im Bett?
Selbst Epikur, der hochgelehrte Vater der Wahrheit,
hat es empfohlen und hielt dies für das Telos des Seins.

Nichts ist falscher als die albernen Vorurteile der Menschen und nichts dümmer als Scheinheiligkeit.«

(133) Nach diesem Glaubensbekenntnis rufe ich Giton zu mir und frage ihn: »Sage mir, Liebling, und zwar ganz ehrlich: als dich mir Ascyltos damals entführte, blieb er wach und verging sich an dir, oder begnügte er sich damit, die Nacht allein und in Züchten zu verbringen?«

Da berührte der Knabe seine Augen und schwur mit größtem Nachdruck, Ascyltos habe ihm keine Gewalt angetan.

[Von dieser Aussage ganz überwältigt, war ich außer mir und wußte nicht mehr, was ich sagte. Denn wozu, dachte ich, Vergangenes wieder aufwühlen, was nur Arger schaffen konnte.

Nichts aber wollte ich unversucht lassen, um meine Manneskraft wiederzuerlangen, ja ich wollte mich selbst den Göttern weihen. So ging ich denn aus, um zu Priapus zu beten. Wie dem auch sein mochte, ich nahm eine gute Miene an, kniete auf der Schwelle [des Tempels] nieder und richtete folgendes Gebet in Versen an die mir feindlichen Gottheiten:

»Du, den Nymphen und Bacchus gesellt, den die schöne Dione
üppigen Forsten zum Gotte bestellt, dem Lesbos, das hehre,
untertan, das blühende Thasos, den Lydien verehret,
Siebenstromland, das dir in Hypaepa Tempel erbaute
stehe mir bei, des Bacchus Beschützer, du Lust der Dryaden!
Höre mein flehend Gebet: nicht komm ich, mit Mordblut beflecket,
ruchlos erhob ich als Feind nicht die Hand gegen Tempel der Götter,
sondern dürftig, von Armut erdrückt, war sündig mein Körper -
aber nicht ganz. Und fehlet ein Armer, verschuldet er minder.
Drum erhör mein Gebet, enthebe der Schuld mich, verzeihe
läßliche Sünde. Und lacht mir wieder die Stunde des Glückes,
will deiner Hoheit ich höchste Ehrung geloben. Zum Altar,
Heiliger, bring einen Bock ich, den Vater der Herde; zum Altar
kommt der Gehörnte sowie Spanferkel, grunzend, als Opfer.
Heuriger Wein soll schäumen in Schalen, und dreimal im Reigen
soll die trunkene Jugend dir deinen Tempel umtanzen.«

Während ich dies vortrage und sorglich auf meinen 'Abgeschiedenen' blicke, betrat ein altes Weib den Tempel; ihr Haar war zerzaust, und sie trug ein häßliches schwarzes Kleid; die packte mich an und führte mich zur Vorhalle hinaus.

(134) [Es war Proselenos;] sie sprach: »Was für Hexen haben deine Muskeln angefressen, oder bist du vielleicht nachts am Kreuzweg auf Kot oder eine Leiche getreten? Nicht einmal bei deinem Buben hast du etwas ausrichten könnnen, sondern schlapp bist du, schwächlich und müde wie ein Gaul am Hügel und hast Anstrengung und Schweiß vertan. Und nicht zufrieden damit, selbst zu sündigen, hast du noch die Götter gegen mich aufgebracht. [Dafür solltest du mir nicht Strafe zahlen?] « Und sie zog mich woeder einmal, ohne daß ich Widerstand leistete, in das Zimmer der Priesterin, warf mich auf das Bett und nahm dann einen Besen von der Tür, mit dem sie mich durchbleute, ohne daß ich mich wehrte. Ja, wäre nicht der Besen beim ersten Schlag gebrochen, so daß dies die Kraft der Hiebe verringerte, so hätte sie mir wohl die Arme oder den Schädel zerschlagen können. Ich ächzte auch, well sie mich unzüchtig massierte, und die Tränen flossen mir nur so herunter, wie ich mir die rechte Hand vor das Gesicht hielt, das ich im Kissen verbarg. Ihrerseits heulte sie auch fürchterlich, setzte sich auf die Seite des Bettes und beklagte sich mit zitternder Stimme darüber, daß sie schon viel zu alt sei. Da kam die Priesterin herein und rief: »Warum seid ihr hier in meinem Gemach, als kämet ihr gerade von einer Beerdigung, und das noch an einem Festtage, wo selbst Trauernde fröhlich sind?« Die alte Proselenos aber sprach zu Oenothea, der Priesterin des Priapus: »Oenothea, der junge Mann, den du hier siehst, ist unter einem bösen Stern geboren; denn er kann weder bei Knaben noch Mädchen seine Waren anbringen. Nie hast du solch einen Pechvogel gesehen: was er da hat, ist kein richtiges Werkzeug, sondern ein schlaffer Riemen, ins Wasser getaucht. Denn kurz und gut, was für ein Kerl, glaubst du, ist das, der aus Circes Bett kommt, ohne sich verlustiert zu haben?« Daraufhin setzte sich Oenothea zwischen uns beiden nieder, schüttelte mehrmals den Kopf und sagte: »Ich bin die einzige, die diese Art Krankheit heilen kann; und damit ihr nicht etwa glaubt, ich rede aufs Geratewohl, so verlange ich, daß der. Jüngling heute nacht mit mir schläft, <und es sollte mich sehr verwundern,> wenn ich ihn nicht steif kriege wie ein Horn.«

Was in der Welt man erblicket, gehorcht mir. Die blühende Erde,
wenn ich es will, verdorrt, und es stocken die Säfte der Pflanzen;
wenn ich es will, schenkt sie reiches Gedeihn: aus Felsen und Steinen
quillt's dann wie Wasser des Nils. Mir legt sich in Stille die Meerflut,
schreit ich daher, so verstummt selbst Zephyrbrise. Es folgen
meinem Gebote die Flüsse, ihm folgen hyrkanische Tiger,
schätzebewachende Drachen zugleich. Doch warum erwähn ich
Nichtiges? Kann ich den Mond herab doch zaubern durch Sprüche;
ob selbst Phoebus erbebet vor Zorn: ihn weiß ich zu zwingen,
daß seine rasenden Rosse er hemmt und rückwärts die Bahn mißt.

(135) Derart fabelhafte Versprechungen ließen mich vor Schreck erschaudern, und ich sah mir die Alte genau an. »Nun«, rief Oenothea, »gehorchet meinem Gebot!«, und sie wusch sich sorgfältig die Hände, beugte sich dann über mein Bett und küßte mich über und über.

Dann stellte Oenothea einen alten Tisch mitten auf den Altar, häufte glühende Kohlen darauf und reparierte mit erwärmtem Pech einen durch Alter schon geborstenen Napf. Einen hölzernen Haken, der aus der rauchgeschwärzten Wand gefallen war, als sie die Schale abnahm, steckte sie wieder hinein. Dann band sie sich eine vierzipfelige Schürze vor und setzte einen gewaltigen Kessel auf den Herd; gleichzeitig nahm sie mit einer Gabel einen Lumpenbeutel aus der Räucherkammer, worin zum Gebrauch bereite Bohnen sowie ein schon durch tausend Wunden verletzter, uralter Räucherschweinskopf lagen. Sie band dann den Faden des Beutels los, schüttete einen Teil der Hülsenfrüchte auf dem Tisch aus und hieß mich sie sorgfältig putzen. Ich gehorche also ihrem Gebot und befreie gewissenhaft die Bohnen von der schmutzigsten Schale. Sie aber tadelte meine Trägheit, nahm unverdrossen die Bohnen auf, riß mit den Zähnen die Hülsen ab und spuckte sie auf den Boden, als stellte sie sich Fliegen dabei vor. Ich bewunderte, wie erfindungsreich und kunstvoll Armut sein konnte. [Die Priesterin war dieser Tugend so zugetan, daß man es bei ihr auch im kleinsten Detail sehen konnte. Ihre Hütte war eine wahre Kapelle der Armut.]

Indisches Elfenbein glänzte hier nicht, von Golde umfasset,
noch betrat unser Fuß hier marmorerglänzenden Boden -
Stein, der Erde entrissen: es lag auf Flechtwerk von Weiden
leeres Ceresgehölz [scil. Stroh] und neue irdene Becher,
die das schäbige Rad des Töpfers kunstlos gebildet.
Auch ein Bottich war hier aus weichem Holze der Linde,
Weidenkörbe dazu und Schalen, von Bacchus beflecket.
Rings aus Stroh und Lehm hatte achtlos man Wände gezogen,
ländliche Nägel staken darin, von denen herabhing,
noch ganz grün, ein mickriger Besen; vom rußigen Balken
hing der niedrigen Hütte Proviant: bei Speierlingsbeeren
hing getrocknetes Saturei, Rosinen gebündelt
zwischen duftigen Zweigen, die man zum Kranze geflochten.
So hat Hecale einst in Attika gastlich gewaltet
und Verehrung erworben; die Muse des Enkels des Battus
wußte wunders davon zu sagen späterer Nachwelt.

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LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .