Das verdiente klägliche Ende einer Räuberbande: Apuleius, Metamorphosen 7, 1 - 13.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Apuleius, Der goldene Esel. aus dem Lateinischen von August Rode. Mit Illustrationen von Max Klinger zu 'Amor und Pysche' und einem Nachwort von Wilhelm Haupt, Frankfurt M. und Leipzig 1975, S. 187 - 198.


... Sobald nach vergangener Finsternis der Tag anbrach und der glänzende Sonnenwagen alles erleuchtete, kam noch ein neuer Kamerad der Räuber an. Nach gegenseitiger freundlicher Begrüßung setzte er sich in den Eingang der Höhle hin, ließ sich ein wenig zu Atem kommen und erstattete darauf seinen Kollegen folgenden Bericht:

>Was des Hypaters Milo Haus anlangt, das wir neulich beraubt haben, so dürfen wir deshalb ganz ruhig und außer Sorgen sein. Nachdem ihr, tapfere Kameraden, alles ausgeräumt hattet und nach unserem Standquartier zurückgezogen waret, mischte ich mich, wie ihr es mir befohlen, unter die zusammengelaufenen Leute, schimpfte und klagte weidlich mit ihnen über die geschehene Untat, paßte aber wohl auf, was man wegen Untersuchung derselben beschließen möchte und ob überhaupt oder inwiefern darüber Nachsuchung angestellt werden sollte.

Hier ist, was ich eingezogen. Jedermann gibt, nicht auf Mutmaßung, sondern aus wahrscheinlichen Gründen, einen gewissen Lucius für den unzweifelhaften Täter des geschehenen Diebstahls an. Dieser Schelm habe sich vor kurzem durch falsche Empfehlungsschreiben bei dem Milo eingeschlichen und sei von diesem als Gastfreund in sein Haus aufgenommen worden. Dort habe er sich verschiedene Tage aufgehalten, während deren er die Magd des Milo durch unerlaubten Umgang auf seine Seite gebracht und alle Schlösser des Hauses und alle Behältnisse, in denen der Wirt sein Vermögen verwahrt, untersucht und ausgekundschaftet. Es wäre auch kein geringer Hinweis auf den Bösewicht, daß er mit dem Augenblick, da der Diebstahl geschehen, verschwunden und nirgend mehr anzutreffen. Auch hätt' es ihm nicht an Mitteln gefehlt, seine Flucht zu beschleunigen und den Verfolgern zu entgehen, da er gleich zu der Absicht mit einem schönen Schimmel versehen gewesen. Zwar habe man seinen Bedienten noch im Hause gefunden und diesen in Haft genommen, well man geglaubt, er würde die Anschläge seines Herrn verraten. Allein ungeachtet dieser den andern Tag lange gefoltert und fast bis auf den Tod gemartert worden, so habe er doch nicht das geringste Nachteilige von seinem Herrn bekannt. Gleichwohl habe man viele Abgesandte nach dieses Lucius' Vaterland geschickt, um dort wegen Bestrafung des Verbrechers anzusuchen.<

Derweil dieser also erzählte, verglich ich bei mir selbst meine vormalige Glückseligkeit als Lucius mit meinem jetzigen Elend als Esel und seufzte aus dem Innersten meines Herzens. Ich begriff jetzt, daß die klugen Alten nicht ohne Grund das Glück blind und völlig augenlos gebildet; da es mit seiner Gunst nur immer gegen böse und unwürdige Leute verschwenderisch ist, nie mit rechtem Urteil unter den Menschen eine Wahl trifft, vielmehr die am meisten vorzieht, vor denen es selbst weglaufen würde, wenn es sie sehen könnte, und (was von allein das ärgste ist) über unsere Meinung ebenso wunderlich als widersinnig waltet, so daß der Schurke oft fir emeti rechtschaffenen Kerl gilt, während der Biedermann wie ein Bösewicht behandelt wird.

>Dich<, sagt' ich bei mir selbst -, >den es schon in seiner schlimmsten Laune zu dem allerverächtlichsten Tier herabgewürdigt hatte, dessen Unglück auch dem verruchtesten Menschen Erbarmen und Mitleid abgelockt haben würde, dich noch mit dem Verdacht der Beraubung, ja der Ermordung deines teuren Gastfreundes zu beladen! Und du mußt es noch so mit anhören und kannst dich nicht einmal verteidigen oder die Sache nur mit einem Worte leugnen!<

Endlich überkam mich Ungeduld: >Stehst du so dabei<, dacht' ich, >und sagst nichts, so scheint's, als habest du ein böses Gewissen und sei die abscheuliche Beschuldigung wahr.< Ich wollte also wenigstens ausrufen: >Ich bin unschuldig!<

Das erste Wort kam ganz gut und laut und mehr als einmal heraus, allein die übrigen vermocht' ich auf keine Weise hervorzubringen, Ich mochte meinen unförmlichen, ungeschickten Lippen noch so viel Gewalt antun, ich mochte sie noch so sehr vorstrecken und spitzen, es blieb bei demselben Tone. »Ich! Ich!« 1-ate ich mehrmals, daß alles widerhallte.

Da alles Hadern mit dem Geschick umsonst war, blieb nichts anderes zu tun, als alles zu verschmerzen. Hatte ich mich doch schon darein ergeben müssen, daß ich mit meinem eigenen Reitgaul Dienst-, Last- und Krippengenosse geworden war. Ich versank darauf in eine wichtigere Sorge, als es die über die Verletzung meines guten Leumundes war. Das über mich gesprochene Urteil, wodurch ich zum Schlachtopfer für die Seele des Mädchens verdammt worden, kam mir wieder zu Sinne, und ich blickte so wehmütig nach meinem Bauche hin, als wäre er schon mit dem armen Mädchen trächtig.

Unterdessen holte der Räuber, der soeben die falsche Nachricht von mir mitgebracht hatte, tausend Goldstücke hervor, die er in einen Zipfel seines Kleides eingenäht hatte. Er hätte sie, sagte er, verschiedenen Reisenden abgenommen; als ein redlicher Kerl aber brächte er sie treulich zur gemeinschaftlichen Kasse. Er erkundigte sich auch sehr geflissentlich nach seiner Kameraden Befinden.

Als er hörte, daß einige von ihnen, und zwar die wackersten, bei verschiedenen gefährlichen Vorfällen draufgegangen wären, so tat er den Vorschlag: Man solle eine Weile die Landstraßen in Frieden lassen und allgemeinen Waffenstillstand beobachten; unterdessen aber sich auf Anwerbung junger Leute legen, damit ihr martialisches Heer völlig rekrutiert und wieder so vollzählig als ansehnlich würde. Die Widerspenstigen könne man ja mit Gewalt zwingen und die Unentschlossenen durch Geschenke gewinnen, davon nichts zu erwähnen, daß sehr viele herzlich gem freiwillig zu ihrer Gesellschaft übergehen würden, um sich nur dem Joche der Knechtschaft zu entziehen und bei ihnen em freies Herrenleben zu führen. Er für sein Teil sei unlängst einem großen, vierschrötigen, handfesten jungen Kerl begegnet und habe ihm angeraten und endlich ihn auch überredet, die Kräfte seines Armes nicht in steter Faulheit erschlaffen zu lassen, sondem zu etwas Besserem anzuwenden, den Vorteil einer festen Gesundheit sich noch zur rechten Zeit zunutze zu machen und nicht schüchtern nach kärglichen Almosen eine starke Faust auszurecken, mit der er gebieterisch große Geldsummen einfordern könnte.

Der Rat ward beliebt; es wurde beschlossen, sowohl den halb und halb Angeworbenen aufzunehmen, als auch aufs Rekrutieren auszugehen.

Darauf ging der Werber fort, und nach Verlauf kurzer Zeit kehrt er mit einem so schönen, großen Kerl, wie er versprochen hatte, zurück. Fast keiner von den Anwesenden konnte sich mit diesem vergleichen. Ohne von seiner übrigen stammhaften Leibesstatur zu reden, war er noch einen Kopf größer als alle insgesamt, und das Milchhaar kräuselte sich kaum erst auf seinen Wangen. Sein Anzug bestand aus lauter Lumpen von allerhand Farben, die übel zusammengefitzt waren, kaum bedeckten sie ihn halb; allenthalben strebte daraus eine breite Brust und ein mit dicker Schmutzrinde überzogener Leib hervor.

Als er hereintrat, sprach er: »Seid gegrüßt, ihr wackeren Diener des Gottes Mars, bald meine Brüder, und wollet willig unter euch einen Menschen aufnehmen, der sich freiwillig anbietet, sein Leben schon oftmals gewagt hat, lieber Wunden als Geld empfängt und dem Tode, den andere scheuen, kühn Trotz zu bieten weiß! Glaubt nicht, daß Mangel oder Verworfenheit mich zu euch treibe, und beurteilt meine Verdienste nicht aus diesen Lumpen; denn, wie ihr mich hier seht, bin ich Hauptmann der allerstärksten Bande gewesen und habe ganz Mazedonien verwüstet. Ich bin jener berühmte Straßenräuber, der thrazische Hämus, bei dessen Namen ganze Provinzen zittern. Mein Vater hieß Theron und ist gleichfalls unter den Straßenräubern namhaft. Er hat mich mit Menschenblut gesäugt und mitten unter seiner Banditenbande erzogen. Ich bin Erbe und Nacheiferer seiner hohen Eigenschaften. 6 Allein die ganze zahlreiche Gesellschaft, die er mir hinterließ, mitsamt den großen Schätzen allen, hab' ich innerhalb eines kurzen Zeitraums verloren, well ich den ersten kaiserlichen Statthalter, der in Ungnade gefallen war, im Vorbeigehen mit ziemlichem Pech angefallen hatte. Doch ich will euch die ganze Sache in ihrer Ordnung erzählen:

Es lebte am kaiserlichen Hofe ein mit vielen Würden und Ämtern bekleideter Herr in großer Gunst und in hohem Ansehen. Neid machte sich an ihn, feindete ihn an, stürzte ihn; er ward relegiert. Seine Gemahlin, eine gewisse Plotina, eine Frau von seltener Treue und Tugend, die ihrem Gatten schon zehn Kinder geboren, verschmähte und verachtete der Hauptstadt üppige Ergötzlichkeiten, teilte den Kummer ihres Gemahls und gesellte sich ihm im Elend als Gefährtin zu. Sie schor sich das Haar ab, kleidete sich wie eine Mannsperson, versteckte Juwelen, Geschmeide und Spargeld in ihrem Gürtel und ging so unerschrocken unter der Wache und unter den blanken Schwertern einher, jeglicher Gefahr teilhaftig, immer wachsam auf die Wohlfahrt ihres Gemahls und mit echtem männlichem Mut alle Mühseligkeiten erduldend.

Schon waren fast alle Beschwerlichkeiten und Gefahren der Reise zu Wasser und zu Lande glücklich überstanden, und man steuerte auf Zacynthus los, welches dem Verbannten vorderhand zum Aufenthalt war angewiesen worden, als man sich einfallen ließ, vorher am Gestade von Aktium noch anzulegen, wo wir eben, nachdem wir von Mazedonien herabgekommen waren, unser Wesen trieben. Die ganze Schiffsmannschaft verließ das Schiff, um in einem kleinen Wirtshaus nicht weit vom Meere zu übernachten. Wir überfielen sie darin und plünderen sie rein aus, wiewohl nicht ohne die allergrößte Gefahr; denn sobald nur Plotina das erste Geräusch an der Haustür hörte, stürzte sie in die Stube hinein und machte durch ihr ängstliches Geschrei alles wach. Soldaten, Bediente, die ganze Nachbarschaft rief sie zu Hilfe, und hätten sich nur die Leute nicht alle selbst gefürchtet und vor Angst verkrochen, wir wären nimmermehr so ungestraft davongekommen. Hierauf kam das treue Biederweib - denn ich muß ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen - mit ihren Bitten bei dem Kaiser ein, und da sie ihrer Klugheit und ihres guten Herzens wegen allgemein beliebt ist, so erhielt sie sowohl die schleunige Zurückrufung ihres Gemahls als auch vollständige Rache wegen der Beraubung.

Kurz, der Kaiser wollte nicht, daß des Hämus Straßenräubergesellschaft ferner bestehen sollte; den Augenblick war es auch damit aus. So viel vermag der bloße Wink eines großen Fürsten!

Als uns nun einige Kompanien Soldaten nachsetzten und alle meine Leute niedermachten, wischt' ich noch mit genauer Not und ganz allein davon. Ich entkam dem Tode, der mich gleichsam schon in seinen Klauen hielt, auf folgende Art: Ich legte ein geblümtes Weiberkleid an, das hübsch weit und lang war und recht schlotterig saß, legte eine Kopfbinde um, zog weiße dünne Schuhe an, wie das andere Geschlecht zu tragen pflegt, und also vermummt bestieg ich einen Esel, der Gerste trug, und ritt glücklich mitten durch die Haufen der mir nachstellenden Soldaten hindurch. Sie ließen mich frei und ungehindert passieren, weil sie mich für eine Eseltreiberin ansahen; denn ich hatte damals noch keinen Schein von Bart.

Inzwischen, so enge ums Herz es mir auch unter den Schnapphähnen ward, so blieb ich dennoch des Ruhms und der Tapferkeit meines Vaters eingedenk. Unter meiner Vermummung fand ich leicht in den Schlössern und Landhäusern Zugang, und war ich gleich allein, so scharrte ich dernungeachtet einen ansehnlichen Reisepfennig zusammen.«

Hiermit schnallte er sein Warns auf und schüttete zweitausend Goldstücke aus.

»Da«, sprach er, »diese Kleinigkeit biete ich von ganzem Herzen eurer Gesellschaft zum Antrittsgeld und mich selbst unmaßgeblich zum Anführer dar mit der Verheißung, diese eure steinerne Wohnung in gar kurzer Zeit in eine goldene zu verwandeln!« Ohne Anstand noch Bedenken übertrugen die Räuber ihm einstimmig die Hauptmannschaft. Sie brachten sogleich ein stattliches Kleid hervor und ließen es ihn statt des zerlumpten Kittels anziehen. Als er geputzt war, küßt' er sie reihum. Nun wurde er bei Tische auf den Ehrenplatz gesetzt und unter weidlichem Gebecher bei einem fröhlichen Schmause eingeweiht.

Unterm Tischgespräch ward er von des Mädchens Flucht und von meiner willigen Beihilfe und von dem uns zuerkannten abscheulichen Tode unterrichtet. Er erkundigte sich, wo das Mädchen wäre, und ließ sich zu ihr führen. Als er gesehen, wie sie krumm zusammengeschlossen dalag, ging er mit gerümpfter Nase wieder hinweg und sprach: »Ich bin weder so einfaltig noch so verwegen, daß ich das, was ihr beschlossen habt, geradezu aufheben sollte. Inzwischen würd' ich mir doch auch Vorwürfe machen, euch das zu verhehlen, was mir gut dünkt. Hört mich in dem Vertrauen an, daß euer Vorteil mir am Herzen liegt! Mißfállt euch meine Meinung, nun, so bleibt die Erfüllung der eurigen euch ja immer unverwehrt. Ich denke also: Räuber, die ihr Handwerk verstehen, müssen nichts in der Welt ihrem Vorteil vorziehen, selbst die Rache nicht, mit der man ohnehin nur allzuoft ebensosehr sich selbst als andern schadet. Gesetzt, ihr lasset das Mädchen im Esel umkommen, so ist's wahr, euer Mütlein habt ihr gekühlt; aber euer Vorteil, was gewinnt der?

Darum, so wäre mein unmaßgeblicher Rat: Bringen wir die Dirne lieber nach irgendeiner Stadt, und da sie verhandelt! Für solch eine Jugend kann man etwas lösen. Ich kenne Kuppler, die sie uns mit tausend Freuden für bare alte Dukaten abnehmen. Laßt denn das gnädige Fräulein eine Bordelldame werden! Die Lust zu einer anderweitigen Flucht wird ihr da schon vergehen, und bei dieser so trefflichen Versorgung seid ihr wahrhaftig nicht minder gerächt.

So wäre mein Vorschlag nach meinen besten Einsichten. Ich halt' ihn für ersprießlich, stelle ihn euch aber völlig anheim. Es ist eure Sache, ihr seid Herren und Meister, darin zu tun oder zu lassen, was ihr wollt!«

Also sprach er und erwies sich dadurch zu gleicher Zeit als einen ebenso eifrigen Plusmacher für das Geld der Räuber denn als Erretter von dem Mädchen und mir armem Grauchen.

Die anderen ratschlagten ein langes und ein breites. Mir war bei ihrer Unschlüssigkeit nicht wohl; mein Herz war in der Klemme. Endlich und endlich traten sie alle der Meinung des neuen Ankömmlings bei, und dem Mädchen wurden sogleich die Fesseln abgenommen.

Wer hätte es geglaubt? Sobald das Mädchen nur den jungen Kerl gesehen und von Bordell und Kuppler gehört, wußte sie sich vor Freuden nicht mehr zu lassen. Das empörte mich gewaltig. Ich ward auf das ganze Geschlecht ungehalten, als ich sah, wie ein junges Ding, das so viele Liebe zu ihrem Bräutigam und so großes Verlangen nach einer ehelichen Verbindung bezeugt, so ehrvergessen und bei der ersten Er wähnung eines liederlichen, unzüchtigen Hauses so über die Maßen erfreut sein konnte. >Ach, sie haben alle weder Sitten noch Charakter!< brach ich bei mir voller Unwillen aus. Das schöne Geschlecht verzeihe es! Ich sprach's als - Esel. Der neue Hauptmann nahm darauf wieder das Wort. »Jetzt«, sprach er, »laßt uns vorher unserem Beschützer, dem Mars, ein Dankfest feiern und dann auf Verkauf des Mädchens und auf Anwerbung neuer Rekruten ausziehen! Aber, mir deucht, es fehlt uns wohl an Opfervieh und an hinlänglichem Vorrat von Wein zum Trinken. So gebt mir nur ihrer zehn Gefährten zu, mehr braucht's nicht, damit ich nach dem nächsten Schlosse gehe und dort Ernte halte zu unserem Schmaus!« Das geschah, und er marschierte mit ihnen fort. Unterdessen zündeten die übrigen em großes Feuer an und errichteten aus frischem Rasen dem Gotte Mars einen Altar. Nach Verlauf kurzer Zeit kehrten jene wieder zurück, große Weinschläuche auf den Schultern und eine Herde Vieh vor sich her. Ein großer, bejahrter, langzottiger Ziegenbock ward gleich zum Opfer auserlesen und dem helfenden und schützenden Mars geschlachtet. Darauf ging es an die Zubereitung des herrlichen Gastmahls. »Nicht genug«, begann endlich der Hauptmann, »daß ich bei euren Auszügen und Räubereien euer rüstiger Anführer bin, ich will es auch bei eurem Vergnügen sein.« Und damit schickt er sich an, mit großer Geflissenheit alles zu besorgen. Er wischt, kehrt, schwenkt, deckt, kocht, richtet an, trägt auf, legt vor - es war ein Vergnügen, ihn zu sehen. Vor allen Dingen aber ließ er sich angelegen sein, die großen Humpen recht fleißig anzufüllen. Und unter dem Schein, als hole er etwas, das bei Tische fehle, ging er von Zeit zu Zeit dahin, wo das Mädchen lag. Bald brachte er ihr Essen, das er heimlich wegpraktiziert, bald ließ er sie aus seinem Becher trinken, nachdem er vorher selbst gekostet. Er war seelenvergnügt.

Das Mädchen ihrerseits nahm alles mit Freuden an, was er ihr zusteckte, und wenn er ihr zuweilen einen Kuß geben wollte, reichte sie ihm zuvorkommend den Mund hin. Das verdroß mich ungemein.

>Pfui<, apostrophiert' ich sie unwillig bei mir selbst, >bist du ein ehrliches Mädchen und kannst so der Eheverlobung und deines Geliebten vergessen? Kannst dem Bräutigam, den deine Eltern dir zugedacht, diesen wildfremden, blutdürstigen Räuber vorziehen? Du mußt ja gar kein Gewissen haben, daß du deine Liebe so mit Füßen trittst und hier unter Lanzen und Schwertern Unzucht treibst! Weißt du wohl, daß, wo es die anderen Räuber merken, du gleich wieder zur alten Strafe verurteilt werden und mir also das Leben rauben wirst? Wahrhaftig, das heißt, aus anderer Leute Leder Riemen schneiden!<

Indem ich aber noch so in meinem Herzen mit ihr haderte, merkte ich mit einmal aus einigen dunklen Reden, die aber doch für einen Esel von Verstand Sinn hatten, daß ich gegen das arme, unschuldige Kind einen gar falschen Verdacht hegte, indem der vermeinte berühmte Straßenräuber Hämus kein anderer war als Tlepolemus selbst, ihr Bräutigam. Aus der Folge ihres Gesprächs ward mir's vollends offenbar; denn nieine Gegenwart legte ihnen nicht den geringsten Zwang an.

>Nur guten Muts, süße Charite!< - sagte er etwas deutlicher zu ihr -' >bald sollst du deine Feinde alle als deine Gefangenen sehen!< Mit diesen Worten ging er und schenkte den Schwelgern bei Tische, die schon alle ihre völlige Ladung hatten, lauter ungemischten und nur etwas lau gemachten Wein ein, munterte sie dabei noch unaufhörlich zum Trinken auf, tat ihnen aber nur immer aus leeren Bechern Bescheid.

Wahrlich, ich habe ihn im Verdacht, daß er ihnen ein schlafbringendes Mittel in den Trunk getan; denn stracks lagen sie allesamt wie tot da, in Schlaf und Wein begraben.

Nun war er drüber her, sie dicht und fest zu knebeln und zu binden, und als er damit fertig war, setzte er sein Mädchen mir auf den Rücken, und sofort der Heimat zugewandert!

Wie wir uns derselben näherten, ergoß sich schier die ganze Stadt aus den Toren. Eltern, Anverwandte, Freunde, Pflegekinder, Gesinde, alles kam jauchzend uns entgegengerannt; in allen Augen blitzte die Freude des Wiedersehens. In kurzem hatten wir ein unzähliges Gefolge. Groß und klein, jung und alt, Mann und Weib wimmelte in fröhlichem Getümmel um uns her. Auch war es in der Tat ein seltenes und merkwürdiges Schauspiel, ein Mädchen im Triumph auf einem Esel einziehen zu sehen.

Was mich betrifft, um gleichfalls meinen Anteil an der gegenwärtigen erfreulichen Begebenheit blicken zu lassen und bei der allgemeinen Freude nicht gleichgültig zu scheinen: mit emporgereckten Ohren und offenen Nüstern frohlockte und jubilierte ich dermaßen aus vollem Halse, daß alles nur dröhnte. Also gelangten wir zu Charites Wohnung.

Ihre Eltern trugen sie auf ihren Händen hinein und pflegten sie mit der allerzärtlichsten Sorgsamkeit. Mich aber trieb Tlepolemus unverzüglich mit anderen Saumtieren mehr, von einer großen Menge Leute begleitet, wieder zur Räuberhöhle zurück. Ich sah es gern. Da Neugier überhaupt sehr meine Sache ist, so wünschte ich, die Räuber wiederzusehen.

Wir fanden sie nicht so sehr mehr vom Weine als von den Stricken gebunden. Man säumte nicht, die meisten, so gebunden wie sie waren, in die nahen Steinklüfte hinunterzustürzen. Den übrigen stieß man ihre eigenen Schwerter durch den Leib und ließ sie liegen.

Hierauf wurde das ganze Raubnest ausgeräumt. Man belud mich und die anderen Lastträger mit dem vorgefundenen Gold und Silber und den übrigen Sachen und zog, über die genommene Rache vergnügt und zufrieden, nach der Stadt zurück.

Die mitgebrachten Reichtümer wurden in die öffentliche Schatzkammer gelegt; dem Tlepolemus aber ward sein wiedergeholtes Mädchen gesetzmäßig zur Gattin gegeben. ...


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .