Das lächerliche Geltungsbedürfnis und Ende eines Wanderpredigers. Lukian von Somosata, Über das Ende des Peregrinus.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Lukian, Der Lügenfreund und andere phantastische Erzählungen. Übersetzt von Christoph Martin Wieland und Karl Mras. Mit einer Einleitung und Erläuterungen von Bernhard Kytzler, München 1990, S. 11159 - 178.


Lukian an seinen Freund Kronius: So hat denn dieser heillose Mensch Peregrinus, oder wie er sich selbst lieber nannte, Proteus, die Ähnlichkeit mit seinem homerischen Namensvetter vollständig gemacht. Der ehrsüchtige Tor ist, nachdem er sich nach und nach in tausenderlei Gestalten verwandelt hatte, zu guter Letzt - so heftig brannte die Liebe zum Ruhm in ihm - noch gar zu Feuer geworden. Man könnte ihn, was diesen Punkt betrifft, einen zweiten Empedokles nennen, mit dem Unterschied freilich, daß jener, als er sich in den Krater des Ätna stürzte, von niemand gesehen sein wollte, dieser edle Held hingegen die besuchteste aller griechischen Nationalversammlungen zum Schauplatz seiner großen Tat erwählte und einen ungeheuren Holzstoß auftürmen ließ, um in Gegenwart einer unendlichen Menge von Zuschauern hineinzuspringen, nachdem er sie wenige Tage vor diesem Abenteuer durch eine öffentliche Rede sogar davon benachrichtigt hatte.

Der alberne alte Kerl! höre ich dich lachenden Mundes ausrufen. Welcher Unsinn! Das nenn' ich doch sich's heiß werden lassen, um berühmt zu werden! O des einfältigen Gecken, und was wir sonst für Worte zu brauchen pflegen, um uns in solchen Fällen Luft zu machen. Das kannst du nun freilich in so weiter Ferne tun, ohne das Geringste dabei zu wagen. Ich selbst war nicht sparsamer mit solchen Ausrufen, obwohl ich unmittelbar dem Feuer gegenüberstand und eine Menge von Leuten zuhörte, von denen manche in dem Aberwitz des alten Mannes etwas Bewunderungswürdiges fanden und mir meinen Leichtsinn sehr übelnahmen. Freilich waren auch einige da, die mir über ihn lachen halfen. Aber es fehlte doch wenig, nicht von den Kynikern, wie Aktäon von seinen Hunden oder sein Vetter Pentheus von den rasenden Mänaden, in Stücke gerissen zu werden.

Das tragische Possenspiel verdient es, dir mit allen seinen Umständen beschrieben zu werden. Was für ein Mann der Verfasser war und was für Tragödien er, trotz allem, was Äschylus und Sophokles je in diesem Fache geleistet, sein ganzes Leben hindurch spielte, ist dir nicht unbekannt. Ich brauche also nicht sehr weit auszuholen und kann meine Erzählung gleich mit dem Vorspiel anfangen, das ich unmittelbar bei meiner Ankunft in Elis zu hören bekam. Als ich nämlich bei dem dortigen Gymnasium vorbeiging, hörte ich einen Kyniker, der mit lauter und rauher Stimme auf ihrem gewöhnlichen Gemeinplatze, der Tugend, sich umhertummelte und von einem Dreiweg aus über alle Menschen ohne Ausnahme schimpfte und lästerte. Als er sich endlich ein wenig ausgeschrien hatte, kam er auf Proteus zu sprechen. Ich will mich bemühen, dir, was er sagte, so weit als möglich mit seinen eigenen Worten zu erzählen. Du hast diese Marktschreier so oft gehört, daß du den Vogel sogleich an der Stimme erkennen wirst.

»Darf man sich erfrechen«, rief er, »Proteus eitler Ruhmsucht zu beschuldigen? O ihr Götter des Himmels und der Erde, der Flüsse und des Meeres, und du, o Vater Herkules! Diesen Proteus, der in Syrien in Banden lag, der seiner Vaterstadt eine Schuld von fünftausend Talenten schenkte, ihn, den die Römer aus ihrer Stadt hinauswarfen, ihn, der unverkennbarer ist als die Sonne und der es mit dem Olympier selbst aufnehmen könnte, ihn beschuldigt man der Eitelkeit, weil er durch Feuer aus dem Leben gehen will? Tat etwa Herkules nicht dasselbe? Starb Äskulap nicht durch einen Wetterstrahl? Und stürzte sich Empedokles nicht in den Krater?«

Als Theagenes - so nannte sich der Schreier - dies gesagt hatte, fragte ich einen der Umstehenden, was er mit seinem Feuer meine, und was Herkules und Empedokles mit Proteus zu schaffen hätten. - »Du weißt also nicht«, versetzte er mir, »daß Proteus sich demnächst in Olympia verbrennen wird?« - »Sich verbrennen?« rief ich mit Verwunderung, »wie ist das gemeint? Und warum will er sich verbrennen?«

Aber wie jener mir antworten wollte, schrie der Kyniker wieder so abscheulich, daß ich kein Wort von dem andern verstehen konnte. Ich hörte also wieder den erstaunlichen Übertreibungen zu, die jener in einem Strom von Worten zum Lobe des Proteus ausgoß. Dem Diogenes von Sinope und seinem Meister Antisthenes geschehe schon zu viel Ehre, wenn man sie mit ihm nur vergleichen wolle. Dazu sei nicht einmal Sokrates gut genug. Kurz, er forderte endlich Jupiter selbst zum Kampfe mit seinem Helden heraus. Doch fand er es zuletzt für besser, die Sache zwischen ihnen wieder ins Gleichgewicht zu bringen, und schloß seine Rede folgendermaßen: »Mit einem Wort, die zwei größten Wunder der Welt sind der olympische Jupiter und Proteus. Jenen bildete die Kunst des Phidias, diesen die Natur selbst. Und nun wird dieses herrliche Götterbild auf einem Feuerwagen zu den Göttern zurückkehren und uns als Waisen zurücklassen.« - Der Mann schwitzte wie ein Braten, als er dieses tolle Zeug vorbrachte. Aber bei den letzten Worten brach er auf so komische Art in Tränen aus, daß ich mich des Lachens nicht erwehren konnte. Er machte sogar Anstalten, sich die Haare auszuraufen, nahm sich aber doch in acht, gar zu stark zu ziehen. Endlich machten einige Kyniker dem Possenspiel ein Ende, indem sie den schluchzenden Redner unter vielen Trostsprüchen davonführten.

Er war kaum von seiner Rednerbühne herabgestiegen, da kam schon ein anderer wieder hinauf und ließ die Zuhörer nicht auseinandergehen, bis er auf das noch flammende Opfer seines Vorgängers eine Spende gegossen hatte. Sein erstes war, daß er ein lautes Lachen anschlug, wodurch er, wie man wohl sah, seinem Zwerchfell eine nötige Erleichterung verschaffte. Hierauf fing er ungefähr so an: »Hat der Marktschreier Theagenes seine verwünschte Rede mit den Tränen des Heraklit beschlossen, so fange ich umgekehrt die meinige mit dem Gelächter des Demokrit an«. Gleichzeitig brach er von neuem in ein so anhaltendes Lachen aus, daß die meisten von uns Anwesenden sich nicht erwehren konnten, ihm Gesellschaft zu leisten. Endlich nahm er sich wieder zusammen und fuhr fort: >Was könnten wir auch anderes tun, meine Herren, wenn wir so lächerliches Zeug in solchem Ton vorbringen hören und sehen, wie bejahrte Männer, um eines verächtlichen kleinen Rühmchens willen auf öffentlichem Markte beinahe Purzelbäume machen? Damit ihr aber doch das Götterbild, das in den nächsten Tagen verbrannt werden soll, etwas näher kennenlernt, so hört mir zu, der schon seit langer Zeit seinen Charakter beobachtet und außerdem noch mancherlei von seinen Mitbürgern und von Personen, die ihn sehr genau kennen mußten, erfahren hat.

Dieses große Meisterstück und Wunder der Welt, dieser Kanon des Polyklet also, wurde in Armenien, als er kaum die Jahre der Mannbarkeit erreicht hatte, beim Ehebruch ertappt und genötigt, mit einem Rettich im Hintern, sich durch einen Sprung vom Dache zu retten, um nicht gar zu Tode geprügelt zu werden. Gleichwohl ließ er sich bald wieder gelüsten, einen schönen Knaben zu verführen, und bloß die Armut der Eltern, die sich mit dreitausend Drachmen abfinden ließen, war der Grund, daß er der Schande entging, vor den Statthalter von Asien geführt zu werden. Doch ich übergehe alle seine Jugendstreiche dieser Art. Denn damals war das Götterbild noch ungeformter Ton und von seiner Ausbildung und Vollendung weit entfernt. Aber was er seinem Vater getan hat, ist allerdings nicht zu übergehen, wiewohl ihr vermutlich schon alle gehört habt, daß er den alten Mann erdrosselt haben soll, weil er ihm mit seinen sechzig Jahren schon zu lange lebte. Da die Sache bald darauf ruchbar wurde, mußte er sich selbst aus seiner Vaterstadt verbannen und unstet und flüchtig von einem Lande ins andere irren.

Um diese Zeit geschah es, daß er sich in der merkwürdigen Weisheit der Christen unterrichten ließ, da er in Palästina Gelegenheit fand, mit ihren Priestern und Schriftgelehrten bekannt zu werden. Es schlug bei ihm so gut an, daß seine Lehrer in kurzer Zeit nur Kinder gegen ihn waren. Er wurde selbst Prophet, Vorsteher der Schwärmer, Versammlungsleiter, mit einem Wort alles in allem unter ihnen. Er erklärte und kommentierte ihre Bücher und schrieb selbst eine große Menge. Kurz, er brachte es so weit, daß sie ihn für einen göttlichen Mann ansahen, sich Gesetze von ihm geben ließen und ihn zu ihrem Vorsteher machten. Übrigens verehren diese Leute den bekannten Wundertäter, der in Palästina gekreuzigt wurde, weil er dort neue Mysterien in die Welt eingeführt hatte. Endlich kam es dazu, daß Proteus daraufhin ergriffen und ins Gefängnis geworfen wurde, ein Umstand, der nicht wenig dazu beitrug, ihm auf sein weiteres Leben einen sonderbaren Stolz einzuflößen und die Liebe zum Wunderbaren und das unruhige Streben nach dem Ruhm eines außerordentlichen Mannes, die seine herrschenden Leidenschaften wurden, in ihm anzufachen. Denn als er in Banden lag, versuchten die Christen, die dies als einen Unglücksfall betrachteten, der ihnen allen zugestoßen war, das Mögliche und Unmögliche, ihn dem Gefängnis zu entreißen. Als es ihnen nicht gelingen wollte, ließen sie es wenigstens nicht an der sorgfältigsten Pflege und Wartung fehlen. Mit Tagesanbruch sah man schon alte Weiblein, Witwen und junge Waisen sich um das Gefängnis lagern. Ja die vornehmsten unter ihnen bestachen sogar die Gefängniswärter und brachten ganze Nächte bei ihm zu. Auch wurden reichliche Mahlzeiten bei ihm zusammengetragen und heilige Gespräche geführt. Kurz, der teure Peregrinus - wie er sich schon damals nannte - hieß bei ihnen ein zweiter Sokrates. Sogar aus verschiedenen Städten Asiens kamen Leute, die von den dortigen Christen abgesandt waren, ihm zu helfen, seine Fürsprecher vor Gericht zu sein und ihn zu trösten. Denn diese Leute sind in allen solchen Fällen, die ihre ganze Gemeinschaft betreffen, von einer unbegreiflichen Rührigkeit und Geschäftigkeit und sparen weder Mühe noch Kosten. Daher wurde auch Peregrinus seiner Gefangenschaft halber eine große Menge Geld von ihnen zugeschickt, und er verschaffte sich auf Grund seiner Gefangenschaft ganz hübsche Einkünfte.

Denn diese armen Leute haben sich in den Kopf gesetzt, daß sie mit Leib und Seele unsterblich sind und in alle Ewigkeit leben. Daher kommt es denn auch, daß sie den Tod verachten und daß viele von ihnen sogar freiwillig ihr Leben opfern. Zudem hat ihnen ihr erster Gesetzgeber beigebracht, daß sie alle Brüder seien. Wenn sie daher den großen Schritt getan haben, die griechischen Götter zu verleugnen und ihre Knie vor jenem gekreuzigten Sophisten zu beugen und nach seinen Geboten zu leben, halten sie allen Besitz für eitel und betrachten ihn als ihnen gemeinsam gehörig, ohne einen triftigen Grund zu haben, warum sie diesen Meinungen zugetan sind. Gerat also irgendein verschmitzter Betrüger an sie, der die rechten Schliche weiß, so ist es ihm ein leichtes, die einfältigen Leute an der Nase herumzuführen und auf ihre Kosten bald ein reicher Mann zu werden.

Übrigens wurde Peregrinus - als es zur gerichtlichen Entscheidung seines Schicksals kam - von dem damaligen Statthalter in Syrien wieder in Freiheit gesetzt, einem Manne, der die Philosophie liebte, und als er merkte, wie es in dem Kopfe dieses Menschen aussah und daß er Narr genug war, aus Eitelkeit und Begierde, Nachruhm zu ernten, sogar zu sterben, schickte er ihn lieber fort, ohne ihn auch nur einer Züchtigung für wert zu halten. Peregrinus kehrte also in seine Heimat zurück, fand aber bald, daß das Gerücht von seinem Vatermord noch immer unter der Asche glühte und daß viele damit umgingen, ihm deshalb einen förmlichen Prozeß zu machen. Der größte Teil seines väterlichen Vermögens war durch seine Reisen draufgegangen. Der Rest bestand in Feldgütern im Werte von ungefähr fünfzehn Talenten. Denn die ganze Hinterlassenschaft des Alten war etwa dreißig Talente wert und nicht fünftausend, wie Theagenes lächerlicherweise geprahlt hatte, eine Summe, für die man nicht einmal das ganze Städtchen Parium und fünf andere benachbarte, mit Menschen, Vieh und anderer Habe hätte verkaufen können. Wie gesagt, war der Verdacht seines Verbrechens also noch warm, und es sah so aus, als ob in kurzem ein Ankläger gegen ihn auftreten würde. Besonders aufgebracht über ihn war das gemeine Volk, das beklagte, daß ein so wackerer Mann, wie es der Alte nach dem Zeugnis aller seiner Bekannten gewesen war, auf eine so gottlose Art ums Leben gekommen sein sollte.

Nun sehe man, durch welche schlaue Erfindung der weise Proteus sich aus diesem bösen Handel zu ziehen wußte! Er ließ sich einen großen Bart wachsen und ging gewöhnlich in einem schmutzigen Mantel, mit einem Schnappsack auf den Schultern und einem Stecken in der Hand einher. In diesem pathetischen Aufzug erschien er in einer öffentlichen Versammlung der Parianer und erklärte, daß er die ganze Hinterlassenschaft seines seligen Vaters der Allgemeinheit überlassen wolle. Diese Freigebigkeit tat auf den gemeinen Mann und einen Haufen armer, nach solchen Spenden heißhungriger Leute eine so große Wirkung, daß sie in laute Bezeigungen ihres Dankes und ihrer Bewunderung ausbrachen. Das sei ein wirklicher Philosoph, schrieen sie, ein wahrer Patriot, ein echter Nachfolger des Diogenes und Krates. Nun war seinen Feinden der Mund gestopft, und wer sich hätte unterfangen wollen, den Vatermord noch zu erwähnen, wäre auf der Stelle gesteinigt worden. Indessen blieb ihm nach dieser Schenkung nichts übrig, als sich abermals aufs Landstreichen zu verlegen, denn er konnte auf einen reichlichen Zehrpfennig von den Christen rechnen, die überall seine Trabanten machten und es ihm an nichts fehlen ließen. Auf diese Weise brachte er sich eine Zeitlang durch die Welt. Da er es aber auch mit ihnen verdarb - man hatte ihn, glaube ich, etwas essen sehen, was bei ihnen verboten ist - und sie ihn deswegen nicht mehr unter sich duldeten, geriet er in so große Verlegenheit, daß er glaubte, von der Stadt Parium die Güter zurückfordern zu müssen, die er ihr einstmals überlassen hatte. Er suchte beim Kaiser um ein Mandat dafür an. Da aber die Stadt durch Abgeordnete Gegenvorstellungen erhob, richtete er nichts aus. Die Entscheidung lautete vielmehr dahin, es bei dem zu belassen, was er einmal aus freiem Willen verfügt habe.

Nunmehr unternahm er eine dritte Reise zum Agathobulus nach Ägypten, wo er sich durch eine ganz neue und merkwürdige Art Tugendübung hervortat: er ließ sich nämlich den Kopf zur Hälfte abscheren, beschmierte sich das Gesicht mit Lehm, tat, um zu zeigen, daß dergleichen Handlungen unter die gleichgültigen Dinge gehören, vor einer Menge Volkes, was schon Diogenes öffentlich getan haben soll, geißelte sich selbst und ließ sich von andern mit einer Rute den Hintern zerpeitschen, um von vielen noch ärgeren Bubenstreichen ganz zu schweigen, durch die er sich in den Ruf eines außerordentlichen Menschen zu setzen suchte.

Nach diesen schönen Vorbereitungen schiffte er sich nach Italien ein. Er hatte dort kaum den Boden betreten, als er über alle Welt zu schimpfen und zu lästern anfing, am meisten über den Kaiser, gegen den er sich die ärgsten Freiheiten um so getroster herausnahm, weil er wußte, daß es der sanfteste und leutseligste Herrscher der Welt war. Wie man sich leicht denken kann, bekümmerte sich der wenig um diese Lästerungen und hielt es unter seiner Würde, einen Menschen, der sich hinter der Philosophie versteckte, für Worte zu strafen, zumal da er das Lästern und Schmähen als ein richtiges Handwerk betrieb. Indessen half auch dieser Umstand, seinen Ruf zu vermehren. Denn es fehlte unter dem gemeinen Volk nicht an Einfältigen, bei denen er sich durch seine Tollheit Achtung erwarb. Schließlich, als er es gar zu arg machte, wies ihn der Präfekt, ein verständiger Mann, aus der Stadt, weil man, wie er sagte, solche Philosophen in Rom nicht brauchen könne. Aber das vermehrte nur seine Berühmtheit. Jedermann sprach von dem Philosophen, der seiner kühnen Zunge und seiner allzu großen Freimütigkeit wegen aus der Stadt verwiesen worden sei. Diese Ähnlichkeit stellte ihn mit einem Musonius, einem Dion, einem Epiktet, und wer sonst ähnliches erfahren hatte, in eine Linie.

Als er nun nach Griechenland zurückkam, ließ er seine Schmähungen bald an den Bewohnern von Elis aus, bald wollte er die Griechen bereden, gegen die Römer die Waffen zu ergreifen, bald lästerte er über einen durch seine Gelehrsamkeit und seine Stellung so erhabenen Mann wie Herodes Attikus, der doch außer anderen Verdiensten in Griechenland nach Olympia auf seine Kosten eine Wasserleitung hatte führen lassen, damit die Zuschauer der Kampfspiele nicht länger vor Durst verschmachten müßten. Diese Wohltat machte ihm Peregrinus zum Vorwurf, als ob er die Griechen dadurch verweichlicht habe. Es gehöre sich, sagte er, daß Zuschauer der olympischen Spiele Durst ertragen könnten, und der Schade sei nicht so groß, wenn sie auch in Massen an den hitzigen Krankheiten draufgehen müßten, die wegen der Dürre der Gegend in großer Zahl aufzutreten pflegten. Und das alles sagte er, während er sich dasselbe Wasser wohl schmecken ließ. Diese Unverschämtheit erbitterte die Anwesenden so sehr, daß alle zusammenliefen und ihn gesteinigt hätten, wenn der Tapfere nicht zu Jupiter seine Zuflucht genommen hätte, um mit dem Leben davonzukommen.

In der folgenden Olympiade erschien er wieder vor den Griechen, und zwar mit einer Rede, an der er in den vorausgegangenen vier Jahren gearbeitet hatte, und in der er, unter Entschuldigung seiner damaligen Flucht, den Stifter des Wassers in Olympia in den Himmel erhob. Als er aber gewahr wurde, daß sich niemand mehr um ihn bekümmerte, und daß er kommen und gehen konnte, ohne das mindeste Aufsehen zu erregen - denn seine Künste waren nun etwas Altes, und etwas Neues, wodurch er Erstaunen hervorrufen und die Aufmerksamkeit und Bewunderung des Publikums hätte auf sich ziehen können, was doch von Anfang an das Ziel seiner leidenschaftlichen Bemühungen gewesen war, wußte er nicht aufzutreiben -, geriet er schließlich auf den tollen Einfall mit dem Scheiterhaufen und kündigte den Griechen während der Spiele an, daß er an einem der folgenden Tage sich selbst verbrennen werde.

Das ist nun also das merkwürdige Abenteuer, mit dessen Ausführung er, wie es heißt, beschäftigt ist. Denn er läßt bereits eine Grube graben und eine Menge Holz zusammentragen, um uns das Schauspiel einer übermenschlichen Stärke der Seele zu geben. Meines Erachtens gebührte es sich vielmehr, den Tod gelassen zu erwarten, nicht, wie ein flüchtiger Sklave, aus dem Leben davonzulaufen. Ist er aber so fest entschlossen, zu sterben, warum gerade durch Feuer und mit so tragödienhaftem Prunk? Wozu gerade diese Art des Todes, da er doch unter tausend anderen die Wahl hat? Und angenommen auch, er habe zum Feuer als zu einer herkulischen Art zu sterben eine besondere Vorliebe: warum sucht er sich dann nicht in aller Stille einen Berg mit schönen Bäumen aus und verbrennt sich da allein und, wenn er schon einen Philoktet bei sich haben will, etwa im Beisein dieses einen Theagenes? Aber das ist ihm zu unscheinbar: er will sich in Olympia, vor den Augen einer unendlichen Menge von Zuschauern, nicht auf einem gewöhnlichen Schauplatz braten und sich so selbst tun, was er, beim Herkules, wohl verdient hat. Denn was ist billiger, als daß Vatermörder und Gottesleugner für ihre Taten gestraft werden? Nur hätte er es schon früher tun sollen, er, der längst verdient hat, für seine Übeltaten in dem glühenden Stier des Phalaris die gerechte Strafe zu leiden, anstatt an einem Mund voll Feuer in einem Augenblick zu sterben. Denn ich höre von vielen, es gebe keine schnellere Todesart als durch Feuer, und man brauche nur den Mund aufzutun, um auf der Stelle tot zu sein. Aber vermutlich hat er dieses Schauspiel nur darum ausgedacht, well es den eitlen und ruhmsüchtigen Menschen kitzelt, sich an einem Orte zu verbrennen, der so heilig ist, daß andere ehrliche Tote darin nicht einmal begraben werden dürfen. Ihr habt vermutlich gehört, daß schon vor alters einer, der auch gerne hatte berühmt werden wollen, den Dianatempel in Ephesus in Brand gesteckt haben soll, da er es durch kein anderes Mittel zu werden sich zutraute. Peregrinus scheint mit einem ähnlichen Gedanken umzugehen. So tief hat sich die Liebe zum Ruhm in die Seele des armen Mannes eingefressen.

Zwar gibt er vor, er tue es zum Besten der Menschen, damit er sie den Tod verachten und auch das Schrecklichste mit Geduld ertragen lehre. Ich aber möchte nicht ihn, sondern euch fragen, ob ihr wohl wünschtet, daß Bösewichter von ihm solche Standhaftigkeit und diese Verachtung des Todes, des Verbrennens und anderer schrecklicher Strafen lernen? Ich bin gewiß, ihr seid von solchem Wunsche weit entfernt. Woher will nun Peregrinus wissen, daß er durch seine ungewöhnliche Lehre nur den guten Menschen nützt, die bösen aber nicht noch unternehmender und tollkühner machen wird? Doch gesetzt auch, es sei niemand bei diesem Schauspiel zugegen, als wer es in nutzbringender Absicht sehen will. Möchtet ihr wohl wünschen, daß eure Kinder sich reizen ließen, eine solche Tat nachzuahmen? Ihr werdet gewiß nein sagen. Aber wozu frage ich auch so etwas, da sich doch wahrlich selbst von Schülern keiner dazu hergeben wird, es ihm nachzutun? Und doch könnte man es wenigstens dem Theagenes übelnehmen, daß er, der in allen anderen Dingen diesem Manne so feurig nacheifert, sich seinem Meister auf der Reise zum Herkules, wie man es nennt, nicht zum Gefährten aufdrängt, da es doch, um in einem Augenblick der höchsten Glückseligkeit teilhaftig zu werden, weiter nichts braucht, als mit dem Kopf voran ins Feuer zu springen? Denn wahre Nacheiferung geht nicht auf Schnappsack, Stecken und Bettelmannsrock. Solche Dinge lassen sich leicht nachäffen. Das hingegen wäre eine des hohen Mutes dieser Herren würdige Tat, einen Haufen Feigenbaumklötze zusammenzutragen, so grün man sie bekommen kann, und sich vom Rauch ersticken zu lassen. Denn da das Feuer nicht nur für Herkules und Äskulap, sondern auch für Tempelräuber und Mörder da ist, die man nicht selten nach Urteil und Recht diese Strafe leiden sieht, so solltet ihr, wäre es auch nur, um etwas Eigenes zu haben, lieber durch Rauch als durch Feuer sterben wollen. Ihr hättet dann etwas Besonderes für euch allein.

Übrigens hatte Herkules, wenn er etwas Derartiges unternahm, seine guten Gründe. Er tat es, um den Qualen eines unheilbaren Leidens ein Ende zu machen. Wurde er doch, wie die Tragödie sagt, von dem Blute des Kentauren Nessus unter unsäglichen Martern aufgezehrt. Was für einen Grund hat aber Peregrinus, in die Flammen zu springen? - >Mir, beim Jupiter, beweisen, daß er den Brahmanen an Standhaftigkeit nichts nachgibt. Ist das nicht Grund genug?< - Mit diesem Vergleich glaubt Theagenes also etwas Großes gesagt zu haben, als ob es in Indien nicht ebensogut ruhmsüchtige Narren geben könnte als unter uns. Aber gut! Wenn das seine Meinung ist, dann ahme er sie im Ernst nach. Denn nach dem Bericht des Onesikritus, des Steuermanns Alexanders des Großen, der den Kalanus sich verbrennen sah, springen die Brahmanen nicht in die Flamme hinein, sondern wenn sie den Scheiterhaufen aufgerichtet haben und er zu brennen anfängt, stellen sie sich unbeweglich ganz nahe dabei hin und lassen sich eine Weile sengen, steigen dann hinauf und lassen sich verbrennen, ohne einen Augenblick zu zucken oder das Geringste an ihrer Lage zu verändern. Was wird hingegen Proteus so Großes getan haben, wenn er gleich beim Hineinspringen von der Gewalt der über ihm zusammenschlagenden Flammen erstickt wird? Es läßt sich ja auch noch hoffen, daß er allenfalls halb geschmort wieder herausspringt, falls er nicht gar, wie manche behaupten, Vorkehrungen trifft, daß der Scheiterhaufen in der Mitte hohl ist und die Grube, über der er aufgetürmt werden soll, die gehörige Tiefe hat! Andere sagen jedoch, er sei anderen Sinnes geworden und erzählen von gewissen Träumen, die ihm bedeuteten, Jupiter erlaube nicht, einen ihm geheiligten Ort zu entweihen. Aber was das betrifft, kann er ganz ruhig sein! Ich bin bereit, daß es gewiß keiner von allen Göttern übelnehmen wird, wenn Peregrinus des elendesten Todes stirbt. Es würde ihm aber nun auch schwer werden, seine Absicht wieder aufzugeben. Denn die Kyniker, von denen er umgeben ist, lassen ihm keine Ruhe und stoßen ihn sozusagen ins Feuer hinein, das sie selbst anzünden, und lassen nicht zu, daß er in seinem Entschluß wankend wird. Wenn er nur den glücklichen Einfall hätte, ein paar von ihnen mit sich ins Feuer hineinzureißen! Dann hätte er in seinem Leben doch noch etwas Sinnvolles getan.

Übrigens höre ich, er wolle nicht länger Proteus heißen, sondern habe diesen Namen mit Phönix vertauscht, weil dieser indische Vogel, wie die Sage geht, wenn er sein höchstes Alter erreicht hat, Holz zusammenträgt und sich selbst verbrennt. Auch bringt er gewisse alte Orakel unter die Leute, in denen geweissagt sein soll, es sei seine Bestimmung, ein Schutzgeist der Nacht zu werden. Man sieht also, daß er sogar nach Altären lüstern ist und vergoldet aufgestellt zu werden hofft. Auch ist es, beim Jupiter, gar nicht unmöglich, daß unter der Menge von Toren, die es in der Welt gibt, nicht einige gefunden werden sollten, die imstande wären vorzugeben, er habe ihnen vom viertägigen Fieber geholfen oder sie mit seinem nächtlichen Erschenen beehrt. Ich zweifle nicht, daß seine Jünger, diese schändlichen Buben, ihm auf der Brandstätte sogar ein Heiligtum errichten und ein Orakel zu gründen versuchen werden. War doch auch sein erster Namensvetter Proteus, der Sohn Jupiters, ein Prophet. Ja ich will voraussagen, daß man sogar Priester mit Geißeln, Brenneisen und anderen derartigen Gaukeleien für ihn ernennen und, so Jupiter will, nächtliche Mysterien und Prozessionen mit brennenden Fackeln veranstalten wird. Wenigstens hörte ich von meinen Freunden, Theagenes habe unlängst sogar von einer Weissagung der Sibylle über diese Dinge gesprochen und folgende Verse von ihr angeführt:

Aber sobald Proteus, der Kyniker größter und bester,
neben dem Tempel des Donnerers Zeus ein Feuer entzündet
und, in die Flammen springend, den hohen Olympus besteiget,
alsdann sollen sie alle, die von den Früchten der Erde
essen, den großen nächtlichen Heros, der neben Hephaistos
und Herakles, dem Könige, thront, als Schützer verehren!

So lautet das Orakel, das Theagenes von der Sibylle zu haben vorgibt. Ich aber will euch ein anderes von Bakis über dieselben Dinge mitteilen. Ihr werdet es sehr passend finden. Bakis sagt nämlich:

Aber sobald der Kyniker mit den vielerlei Namen,
von der Erinys des Ruhmes gepeitscht, in die Flammen hineinspringt,
sollen hinter ihm drein die ihn folgenden hündischen Füchse
allesamt springen, das Schicksal des fliehenden Wolfes zu teilen.
Wollte sich einer, aus Furcht, der Gewalt des Hephaistos entziehen,
diesen sollen sogleich die Achäer alle mit Steinen
decken, damit er sich, trotz seinem Froste, nicht länger
feurig zu reden vermesse und mit erwuchertem Golde
seinen Tornister füllt, wiewohl sein väterlich Erbe
ihn zum Herren von dreimal fünf Talenten gemacht hat.

Was dünkt euch, meine Herren? Sollte Bakis ein schlechterer Orakelsteller sein als die Sibylle? Diese bewunderungswürdigen Jünger des Proteus hatten also keine Zeit zu verlieren, sich nach einem bequemen Ort umzusehen, wo sie sich - um mich ihres eigenen Ausdrucks zu bedienen - in Luft verwandeln können. Denn so nennen sie die Verbrennung.«

Hier endete der Unbekannte seine Rede und machte sich lachend aus dem Staube, während die Umstehenden schrieen: »Laßt sie brennen! Sie verdienen das Feuer.« Aber dem Nestor Theagenes »blieb dieses Geschrei nicht verborgen.« Kaum war es an seine Ohren gedrungen, als er spornstreichs gelaufen kam, die Rednerbühne bestieg und eine Menge Schmähungen gegen den wackeren Mann herausbrüllte, der soeben herabgestiegen war und dessen Name mir unbekannt ist. Ich ließ ihn aber brüllen, bis er hätte bersten mögen, und ging, den Wettkämpfern zuzusehen, da ich hörte, die Kampfrichter hätten sich schon an ihrem gewöhnlichen Platze eingefunden. Alles dies, mein Freund, ging in Elis vor.

Als wir in Olympia ankamen, fanden wir die Halle hinter dem Tempel von einer Menge Menschen angefüllt, die teils übel, teils rühmlich von dem Vorhaben des Proteus sprachen, mit solcher Leidenschaft, daß die meisten miteinander handgemein wurden. Endlich erschien in Begleitung einer unendlichen Menge Volkes mein Proteus selbst und hielt hinter dem Platze, wo die Herolde ihre Wettstreite zu halten pflegen, Reden an das Volk, worin er sich über seinen ganzen Lebenslauf, über die mancherlei gefahrvollen Abenteuer, die ihm zugestoßen waren, und das viele Ungemach, das er der Philosophie zuliebe ausgestanden habe, umständlich ausließ. Er sprach lange; aber da ich der Menge und des Gedränges wegen zu weit entfernt war, konnte ich wenig davon verstehen und fand endlich, aus Furcht, in dem großen Gedränge erdrückt zu werden - was auch mehr als einem so erging -, für das sicherste, abseits zu gehen und den Sophisten seinem Schicksal zu überlassen, der nun einmal mit aller Gewalt sterben und dabei das Vergnügen haben wollte, sich selbst seine Leichenrede zu halten.

Indessen hörte ich doch, wie er sagte: Er habe vor, einem goldenen Leben eine goldene Krone aufzusetzen; denn es gebühre sich, daß ein Mann, der wie Herkules gelebt habe, auch wie Herkules sterbe und in den Äther zurückfließe, aus dem er gekommen sei. »Auch will ich«, sagte er, »dadurch ein Wohltäter der Menschen sein, daß ich ihnen zeige, wie man den Tod verachten muß. Ich darf also billigerweise erwarten, daß mir alle Menschen Philokteten sind.« Diese letzten Worte verursachten eine große Bewegung unter den Umstehenden. Die Einfältigeren brachen in Tränen aus und riefen: »Erhalte dich für die Griechen!« Die Beherzteren schrieen: »Tu, was du dir vorgenommen hast!« Dieser Zuruf schien den alten Kerl ziemlich aus der Fassung zu bringen. Denn er mochte gehofft haben, daß alle Anwesenden ihn zurückhalten und nötigen würden, wider Willen am Leben zu bleiben. Aber dies unerwartete »Tu, was du dir vorgenommen hast« schlug ihm so auf das Herz, daß er noch blasser wurde als vorher, obwohl er schon eine wahre Leichenfarbe gehabt hatte, und es wandelte ihn ein solches Zittern an, daß er aufhören mußte, zu reden.

Du kannst dir vorstellen, wie lächerlich mir das ganze Gaukelspiel vorkam. Denn einer, der noch leidenschaftlicher als alle anderen auf Ruhm aus war, verdient kein Mitleid. Indessen wurde er doch von vielen zurückbegleitet, und sein Dünkel fand eine stattliche Weide, wenn er über die Menge seiner Bewunderer hinsah, ohne daß der Tor bedachte, daß auch die Armen, die zum Galgen geführt werden oder sonst in der Hand des Henkers sind, ein sehr zahlreiches Gefolge zu haben pflegen.

Die Olympischen Spiele waren nun vorüber, die schönsten, die ich jemals sah, wiewohl ich sie viermal besucht habe. Well eine Menge Fremde auf einmal sich entfernte und deswegen kein Fuhrwerk mehr zu bekommen war, mußte ich wider Willen zurückbleiben. Peregrinus, der die Sache immer von einem Tag zum andern aufgeschoben hatte, kündigte endlich die Nacht an, in der er uns seine Verbrennung zum besten geben wollte. Ich verfügte mich also gegen Mitternacht in Begleitung eines meiner Freunde geradeswegs nach Harpine, wo der Scheiterhaufen stand. Wenn man von Olympia neben der großen Rennbahn ostwärts geht, hat man gerade noch zwanzig Stadien zu gehen. Als wir ankamen, fanden wir den Holzstoß in einer ellentiefen Grube aufgeschichtet. Er bestand großenteils aus Kienholz, mit dürrem Reisig vermischt, damit das Ganze desto schneller in Flammen gerate.

Sobald der Mond aufgegangen war - denn billigerweise mußte auch Luna Zuschauerin der herrlichen Tat sein -, erschien Peregrinus in seinem gewöhnlichen Aufzug und mit ihm die Häupter der Hunde, vornehmlich der edle Patrenser, der eine brennende Fackel in der Hand trug und bei dieser Komödie nicht übel die zweite Rolle spielte. Auch Proteus selbst hatte eine Fackel. Beide näherten sich von verschiedenen Seiten dem Scheiterhaufen und zündeten ein Feuer an, das aus Fackeln und Reisig lichterloh emporschlug. Proteus - nun hör' mir bitte aufmerksam zu! - Proteus legte den Ranzen, den kynischen Mantel und den berühmten herkulischen Knittel ab und stand nun in einem ziemlich schmutzigen Hemde da. Hierauf ließ er sich eine Hand voll Weihrauch geben, warf sie ins Feuer und rief, das Gesicht gegen Mittag gerichtet -denn auch das gehörte zu dem Schauspiel -: »O ihr mütterlichen und väterlichen Dämonen, nehmt mich freundlich auf.« Mit diesen Worten sprang er ins Feuer und wurde sogleich durch die ihn rings umgebenden, aufsteigenden Flammen dem Auge entzogen.

Ich sehe dich bei diesem Ausgang des Dramas abermals lachen, liebster Kronius. Ich selbst hatte gegen seine Anrufung der mütterlichen Dämonen nicht viel einzuwenden. Als er aber auch die väterlichen nannte, fiel mir wieder ein, was ich von seinem Vatermord gehört hatte, und da konnte ich mich des Lachens nicht erwehren. Die um den Scheiterhaufen herumstehenden Kyniker weinten zwar nicht, sahen aber mit einer gewissen feierlichen stummen Trauer auf das Feuer, bis ich es nicht länger aushalten konnte und zu ihnen sagte: »Was halten wir uns hier noch länger auf, ihr albernen Leute? Es ist doch wahrlich keine angenehme Augenweide, einen alten Kerl braten zu sehen und sich die Nase mit dem häßlichen Gestank füllen zu lassen. Oder wartet ihr etwa auf den Maler, der euch zu einem Gegenbilde der um den sterbenden Sokrates im Gefängnis herumstehenden Freunde machen soll?« Die Herren nahmen mir das sehr übel. Sie fingen an weidlich zu schimpfen, und einige erhoben sogar die Knittel gegen mich. Erst als ich drohte, etliche von ihnen zu packen und zu ihrem Meister ins Feuer zu werfen, den sie wieder ruhig und ließen mich in Frieden gehn.

Auf dem Rückwege gingen mir allerlei Gedanken über die Leidenschaft des Ruhmes durch den Kopf. Ich bedachte, wie groß ihre Macht sein müsse, wenn sogar Männer, die unsere größte Bewunderung zu verdienen scheinen, von ihr bezwungen werden, und fand es also um so weniger auffallend, daß dieser Mensch ihr nicht hatte widerstehen können, der schon so viele Proben seines wahnsinnigen und halbverrückten Kopfes gegeben hatte, dessen ganzes Leben eines solchen Endes also würdig war.

Unterwegs begegnete ich vielen, die das Schauspiel auch hatten sehen wollen, aber zu spät kamen. Sie glaubten, ihn noch lebend anzutreffen. Denn am Tag zuvor hatte man unter die Leute gebracht, er werde den Scheiterhaufen in dem Augenblick besteigen, wo die Sonne aufging, um ihr nach Art der Brahmanen seine Ehrerbietung zu bezeigen. Als ich sagte, daß alles schon vorbei sei, kehrten viele wieder um, denen nur daran gelegen war, die Brandstätte zu besichtigen und eine Reliquie aus dem Feuer mitzunehmen. Du kannst dir kaum vorstellen, lieber Freund, wieviel ich zu tun hatte, um mit meinen Antworten auf all die Fragen fertig zu werden, die man an mich tat. Die Leute wollten über alles bis auf den kleinsten Umstand unterrichtet werden. Schien mir der Fragende ein aufgeweckter Mann zu sein, so erzählte ich ihm alles so simpel und rein wie dir. Die Einfaltspinsel hingegen, die das Maul aufsperrten und etwas recht Wunderbares von mir zu hören begierig schienen, bediente ich mit einigen tragischen Ausschmückungen meiner eigenen Erfindung und erzählte ihnen mit großem Ernst: Sobald der Scheiterhaufen angezündet gewesen und Proteus hineingesprungen sei, habe die Erde angefangen, gewaltig zu beben, und unter dumpfem Gebrüll sei mitten aus den Flammen ein Geier aufgeflogen, der seinen Weg gerade nach dem Himmel genommen und mit starker menschlicher Stimme gerufen habe: »Der Erde entschwunden, steig' ich zum Olymp«. Bei dieser Erzählung wurde es den armen Leuten ganz wunderlich, sie fuhren zusammen, schickten insgeheim Stoßgebete zu dem neuen Halbgott ab und fragten mich, ob der Geier gegen Morgen oder gegen Abend aufgeflogen sei. Ich antwortete ihnen, was mir gerade einfiel.

Als ich mich kurz danach auf dem großen Versammlungsplatz einfand, hörte ich einen alten Graubart, der, dem Äußeren nach zu urteilen, ganz wie ein glaubwürdiger Mann aussah, von der Verbrennung des Proteus sprechen und unter anderem erzählen, wie er ihn nach der Verbrennung in der Galerie mit dem siebenfachen Echo gesehen habe, wo er in weißem Gewande mit einem Olivenkranz um die Stirn fröhlich auf und ab gegangen sei. Zum Schluß setzte er noch die Geschichte von dem Geier hinzu, den ich kurz vorher hatte auffliegen lassen, um mit einigen einfältigen Tröpfen meinen Spaß zu treiben, und beteuerte mit einem großen Schwur, er habe ihn mit seinen eigenen Augen aus dem Feuer emporsteigen sehen. Du kannst dir also vorstellen, was für Wunderdinge man erst in der Folgezeit von ihm erzählen wird, wie die Bienen sich beeilen werden, sich auf seiner Brandstätte anzubauen, was für Grillen da ihren Sang ertönen lassen, welche Krähen über ihr herumfliegen werden, wie einst über dem Grabe des Hesiod. Ich bin gewiß, daß sowohl die Eleer wie die übrigen Griechen, denen er sogar Zirkularbriefe geschrieben haben soll, ihm bald eine Menge Statuen aufstellen lassen werden. Denn man versichert, er habe an alle angesehenen Städte als eine Art von letztem Willen und Vermächtnis Briefe mit allerlei Vermahnungen und neuen Gesetzen abgehen und verschiedene seiner Jünger unter dem Namen von Todesboten und Totenläufern diese Episteln absenden lassen.

Das war also das Ende dieses unseligen Proteus, der, um alles in zwei Worte zusammenzufassen, niemals Sinn und Achtung für Wahrheit hatte, sondern mit allem, was er in seinem ganzen Leben sprach und tat, bloß darauf abzielte, sich einen Namen zu machen und von dem großen Haufen angestaunt zu werden, und der von dieser törichten Leidenschaft so besessen war, daß er sogar ins Feuer sprang, wenn er damit auch einen Ruhm davontrug, den er nicht mehr genießen konnte, da er nichts mehr davon merkte.

Doch bevor ich schließe, muß ich dir noch etwas erzählen, worüber du herzlich lachen wirst. Du erinnerst dich doch, wie ich dir bei meiner Ankunft in Syrien erzählte, daß ich von Troas aus mit diesem Menschen in dem gleichen Schiffe fuhr, und was ich dir von seiner üppigen Lebensart auf dieser Seereise und von dem schönen Knaben sagte, den er, um auch seinen Alcibiades zu haben, zum Kynismus verführt hatte. Was für eine armselige Figur machte er bei dem Sturm, der uns mitten in der Nacht auf dem Ägäischen Meere überfiel und die Wogen riesengroß auftürmte: wie kroch er da vor Angst zu den Weibern und heulte mit ihnen um die Wette, der große Mann, der über den Tod so erhaben scheinen wollte.

Hier hast du noch ein kleines Exempel, das hierher gehört. Ungefähr neun Tage vor seinem Tode wurde er, vermutlich weil er sich den Magen überladen hatte, in der Nacht von einem sehr starken Fieber mit heftigem Erbrechen befallen. Der Arzt Alexander wurde zu ihm gerufen, und, was ich dir erzählen werde, habe ich aus seinem eigenen Munde. Er versicherte mir, als er zu ihm gekommen, habe sich der Mensch aus Ungeduld über die Hitze, die er ausgestanden, auf dem Boden herumgewälzt und so herzzerbrechend, wie nur ein Verliebter seine Schöne um Linderung seiner Pein bitten kann, um einen Trunk kalten Wassers gefleht. Der Arzt habe es ihm abgeschlagen und zu ihm gesagt: da es ihm so ums Sterben sei, solle er froh sein, daß der Tod von selbst an seine Tür komme, er brauche jetzt nur mitzugehen und habe kein Feuer mehr nötig. Da habe Proteus geantwortet: »Eine so gewöhnliche Art des Todes würde nicht so rühmlich sein«.

Soweit der Arzt Alexander. Ich selbst fand ihn wenige Tage vor seinem Tode, wie er sich eben, um eine Augenentzündung zu vertreiben, eine Salbe in die Augen strich, die das scharfe Wasser ausziehen sollte. Äakus nimmt also, wie du siehst, keine Triefaugen auf! Es ist gerade als wenn einer, der im Begriff ist, den Galgen zu besteigen, sich vorher einen bösen Finger verbinden ließe. Was meinst du wohl, daß Demokrit getan hätte, wenn ihm solche Dinge vorgekommen wären? Er würde über den Narren gelacht haben. Und doch ist hier so viel belachenswert, daß selbst dieser große Lacher nicht damit fertig geworden wäre. Lache du also deinen Teil auch, mein Freund, zumal wenn du ihn von andern noch gar bewundern hörst.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .