Die Lächerlichkeit geschmacklosen Reichtums. Petronius, Satyricon, 27 - 79 (Das Gastmahl des Trimalchio).

Deutsche Übersetzung mit gerinfügigen Modifikationen entnommen aus: Petron, Satyricon. Ein römischer Schelmenroman. Übersetzt und erläutert von Harry C. Schnur, Stuttgart 1982, S. 36 - 92.


(27) Inzwischen spazierten wir herum.. . oder amüsierten uns vielmehr damit, uns den Gruppen von Ballspielern zu nähern. Da bemerkten wir auf einmal einen kahlköpfigen älteren Herrn, der eine rote Tunika trug und, umgeben von Knaben mit langen Locken, Ball spielte. Es waren aber nicht so sehr die jungen Sklaven, die unsere Aufmerksamkeit anzogen (obwohl es sich gelohnt hätte), sondern ihr Herr, der Pantoffeln anhatte und mit grünen Bällen spielte. Hatte ein Ball den Boden berührt, so hob er ihn nicht wieder auf, sondern ein Diener, der einen Beutel voller Bälle trug, reichte den Spielern neue. 'Wir bemerkten noch etwas anderes, das uns originell vorkam: zwei Eunuchen standen an den Enden des Spielfeldes einander gegenüber: der eine hielt einen Nachttopf aus Silber, während der andere die Bälle zählte - nicht diejenigen, die im Spiel von Hand zu Hand flogen, sondern die, welche zu Boden fielen. Während wir noch diese feine Eleganz bewunderten, kam Menelaus eilends herbei und sagte: »Das ist der Mann, bei dem ihr diniert: ihr seht gewissermaßen schon den Auftakt zum Mahl.«

Während Menelaus noch sprach, schnalzte Trimalchio mit den Fingern: auf dieses Signal hielt ihm der Eunuch die Nachtvase vor, ohne daß Trimalchio dabei mit dem Ballspiel aufhörte. Als er so seine Blase erleichtert hatte, verlangte er Wasser zum Händewaschen, tauchte die Fingerspitzen ein und trocknete sie dann an den Haaren der Knaben ab.

(28) Alle Einzelheiten zu berichten wäre langweilig. Wir gingen daher ins Innere des Bades, ließen uns durch die Hitze in Schweiß bringen und gingen dann eilig unter die kalte Dusche. Trimalchio hatte sich bereits mit Salböl übergießen lassen und wurde abgetrocknet nicht mit Leinentüchern, sondern mit überwürfen aus ganz weicher Wolle. Inzwischen tranken drei Heilmasseure vor seinen Augen Falernerwein: als sie sich rauften und dabei den meisten Wein verschütteten, sagte Trimalchio: »Die trinken auf mein Wohl.« Dann ließ er sich in einen scharlachroten Schlafrock aus Flausch wickeln und in eine Sänfte setzen. Vier Kuriere mit Epauletten gingen ihm voran sowie ein Handwagen, in dem man seinen Favoriten zog - ein nicht mehr junger, triefäugiger Bursche, noch häßlicher als sein Herr Trimalchio. Während man Trimalchio wegtrug, lief ein Musikant neben dem Kopfende der Sänfte und spielte ihm während des ganzen Weges auf der Miniaturflöte auf, als pfiffe er ihm ein Geheimnis ins Ohr.

Wir folgten ihm, schon ganz voller Bewunderung, und erreichten die Haustür zusammen mit Agamemnon. Dort hing ein Plakat mit folgender Aufschrift: »Jeder Sklave, der ohne Befehl des Chefs das Haus verläßt, kriegt hundert Hiebe.« Direkt am Eingang stand ein Portier, in einem grünen Gewands mit einem kirschroten Gürtel, und enthülste Erbsen über einer Silberschüssel. Über der Tür aber hing ein goldener Käfig mit einem Buntspecht, der uns beim Eintreten begrüßten.

(29) Während ich dies alles mit offenem Mund bestaunte, wäre ich um ein Haar rücklings hingefallen und hätte mir die Beine gebrochen; denn links vom Eingang, unweit der Portiersloge, war ein riesiger Kettenhund an die Wand gemalt, und in großen Buchstaben stand darüber: VORSICHT - HUND. Meine Begleiter lachten nur; als ich mich aber von dem Schreck erholt hatte, sah ich mir die ganze Wand gründlich an. Da war ein Sklavenmarkt abgemalt mitsamt den Reklameplakaten: Trimalchio selbst, mit dem Heroldstab Merkurs in der Hand und mit lockigem Haar, betrat unter Minervas Führung die Stadt. Der Maler hatte dann mit großer Sorgfalt und mit entsprechender Beschriftung dargestellt, wie er erst Rechnen lernte und dann zum Buchhalter avancierte. Ganz am Ende der Säulenhalle sah man, wie Merkur ihm unters Kinn griff und ihn auf das Podium hob. Da stand auch Fortuna dabei, mit einem riesigen Füllhorn, sowie die drei Parzen: die sponnen goldene Fäden. In der Säulenhalle bemerkte ich auch eine Gruppe von Läufern, die mit ihrem Trainer übten. Außerdem sah ich in der Ecke einen großen Schrein: in seiner Nische standen silberne Laren, eine marmorne Venusstatue und eine ziemlich große Golddose, in der man, wie es hieß, die ersten Barthaare6 des Chefs aufbewahrte.

Ich fragte nun den Haushofmeister, was für Bilder im Salon wären. »Die Ilias und die Odyssee«, sagte er, »und ein von Laenas veranstaltetes Gladiatorenspiel.«

(30) Uns blieb keine Zeit, alle Fresken zu betrachten, denn wir hatten schon den Speisesaal erreicht, wo in einem Vorraum ein Zahlmeister Abrechnungen entgegennahm. Was mich besonders erstaunte, waren Rutenbündel mit Beilen, die an den Türpfosten befestigt waren; ihr Unterteil lief in eine Art Schiffsschnabel aus Bronze aus, und darauf stand geschrieben: »C. Pompeius Trimalchio, dem Sevir Augustalis, von seinem Zahlmeister Cinnamus.« Von der Decke hing eine Doppelampel mit derselben Widmung, und an jedem der zwei Türflügel war ein Schild. Das eine, wenn ich mich recht erinnere, trug diese Inschrift: »Am 30. und 31. Dezember diniert unser Herr Gajus außerhalb«; auf der anderen Tafel waren die Mondphasen und die sieben Planeten abgemalt und günstige und ungünstige Tage mit Knöpfen von verschiedener Farbe markiert.

Als wir uns an diesen entzückenden Dingen satt gesehen hatten und im Begriff waren, den Speisesaal zu betreten, rief uns ein junger Diener zu - dies war sein Amt -: »Mit dem rechten Fuß!« Wir waren richtig für einen Augenblick betreten, vor Furcht, es könne einer von uns die Schwelle der Vorschrift zuwider überschreiten. Kaum hatten wir aber mit dem rechten Fuß Tritt gefaßt, als ein Sklave, den man schon zum Verprügeln ausgezogen hatte, sich uns zu Füßen warf und uns anflehte, wir möchten ihn der Bestrafung entreißen. Das Vergehen, dessen er sich straffällig gemacht habe, sei ja nicht so arg gewesen. Man habe ihm nämlich im Bade die Kleider des Zahlmeisters entwendet, und die seien kaum zehn Sesterzen wert gewesen. Wir traten also wieder mit dem rechten Fuß zurück und baten den Zahlmeister, der im Salon Goldmünzen zählte, er möge doch dem Sklaven die Strafe erlassen. Mit arroganter Miene blickte er von seiner Arbeit auf und sagte: »Es kommt mir weniger auf den Verlust an als auf die Unzuverlässigkeit dieses nichtsnutzigen Sklaven. Er hat mein Bankettgewand verloren, das mir ein Klient zum Geburtstag geschenkt hat. Es war zwar mit tyrischem Purpur gefärbt, aber immerhin schon einmal gewaschen. Na schön: ich schenk ihn euch.«

(31) Wir waren ihm für diese großzügige Gunstbezeugung sehr verbunden und betraten den Speisesaal: da stürzte sich der Sklave, den wir losgebeten hatten, auf uns, bedeckte uns zu unserer Uberraschung mit einem Schauer von Küssen und dankte uns für unsere Menschenfreundlichkeit. »Ihr werdet bald merken«, sagte er, »an wem ihr eine gute Tat getan habt; der Wein des Herren ist des Schenken Dank.«

Schließlich legten wir uns zu Tisch; Sklaven aus Alexandrien gossen uns Schneewasser über die Hände, während andere, die ihnen folgten, uns außerordentlich geschickt die Niednägel an den Zehen beschnitten. Selbst bei diesem unappetitlichen Geschäft blieben sie nicht still, sondern begleiteten es mit Gesinge. Ich wollte feststellen, ob die ganze Dienerschaft aus Sängern bestände, und verlangte zu trinken. Der Bursche, der mich prompt bediente, nahm den Auftrag mit ebenso schrillem Singsang entgegen, und jeder andere, bei dem man etwas bestellte, tat dasselbe. Man kam sich vor wie in der Operette statt in einem herrschaftlichen Speisesaal.

Man servierte uns sehr gepflegte Vorspeisen; denn alle waren schon bei Tisch außer Trimalchio selbst, für den man originellerweise den Ehrenplatz freihielt. Auf dem Tablett mit Vorspeisen stand ein Esel aus korinthischer Bronze mit zwei Sattelkörben, wovon einer grüne, der andere schwarze Oliven enthielt. Den Esel überdachten zwei Silberplatten, auf deren Rand der Name Trimalchio sowie ihr Gewicht eingraviert war, und auf angelöteten Stegen lagen mit Honig und Mohn bedeckte Haselmäuse'. Heiße Würstchen lagen auf einem silbernen Rost, und unter ihm syrische Pflaumen mit Granatapfelkernen.

(32) Während wir mit diesen Delikatessen beschäftigt waren, trug man Trimalchio unter Musikbegleitung herein und setzte ihn inmitten ganz kleiner Kopfkissen nieder. Nur mit Mühe unterdrückten wir das Lachen: denn aus einem scharlachroten Mantel guckte sein kahlrasierter Kopf heraus, und um den Hals, den sein Gewand eng einschloß, hatte er sich eine Serviette mit breiten Purpurstreifen gebunden, von der beiderseits Fransen herunterhingen. Dazu trug er am linken kleinen Finger einen großen, leicht vergoldeten Ring und am vorderen Glied des Ringfingers einen kleineren Ring, der mir wie echtes Gold vorkam, aber ganz mit angelöteten Sternchen aus Eisen verziert war; und um uns auch andere Pretiosen zu zeigen, machte er seinen rechten Arm frei: der war verziert mit einem goldenen Armband und einem Reif aus Elfenbein, dessen Verschluß ein blankes Metallplättchen bildete.

(33) Er stocherte sich die Zähne mit einem silbernen Zahnstocher und sagte dabei: »Liebe Freunde', eigentlich paßte es mir noch gar nicht, zum Essen zu kommen; aber ich habe mir jedes Vergnügen versagt, um euch nicht durch längere Abwesenheit aufzuhalten. Ihr werdet mir aber gestatten, meine Partie zu Ende zu spielen.« Ein Diener trug ihm ein Spielbrett aus Terpentinholz mit Würfeln aus Kristall hinterher; und da sah ich nun etwas ganz besonders Geschmackvolles: statt weißer und schwarzer Steine hatte er nämlich Gold- und Silbermünzen.

Während er weiterspielte und dabei allerlei Handwerkerausdrücke gebrauchte, waren wir noch bei den Vorspeisen. Da brachte man uns ein Tablett mit einem Korb: darin saß eine Henne aus Holz mit den Flügeln um sich herum gefaltet, wie es Vögel beim Brüten tun. Alsbald kamen zwei Diener, durchsuchten zu kreischender Musik das Stroh, holten Pfaueneier heraus und verteilten sie unter die Gäste. Bei diesem Schauspiel blickte Trimalchio vom Spiel auf und sagte: »Freunde, ich ließ Pfaueneier unter die Henne legen, und, bei Gott, ich glaube, sie sind schon angebrütet. Versuchen wir aber doch mal, ob man sie noch ausschlürfen kann.« Man gab uns Löffel, die mindestens ein halbes Pfund wogen, und wir machten die in Mehl und Fett gebackenen Eier auf. Meines warf ich beinahe fort, denn es schien mir, als ob sich darin schon ein Küken gebildet hätte; als ich aber einen, der schon öfter hier zu Gast gewesen war, sagen hörte, »Hier gibt's sicher was Lekckeres«, langte ich mit der Hand in die Eierschale und zog eine sehr fette, in gepfeffertes Eigelb gehüllte Feigendrossel' hervor.

(34) Trimalchio hatte nun seine Partie beendet, ließ sich von allem nachservieren und hatte uns mit lauter Stimme Erlaubnis erteilt, uns, wenn wir wollten, zum zweitenmal Honigwein einschenken zu lassen, als die Musik plötzlich einen Tusch blies und der erste Gang von einer Sängergruppe blitzschnell abserviert wurde. In diesem Wirbel fiel einem Sklaven ein Schüsselchen aus der Hand: als er es vom Boden aufheben wollte, bemerkte Trimaichio dies, ließ den Diener ohrfeigen und befahl, die Schüssel wieder hinzuwerfen. Sogleich erschien auch der Hausratsverwalter und fegte mit einem Besen die Silberschale zusammen mit dem anderen Abfall hinaus. Es erschienen auch alsbald zwei Negersklaven mit kleinen Schläuchen, ähnlich denen, womit man im Amphitheater den Sand sprengt, und spritzten uns Wein über die Hände: denn Wasser bot uns niemand an.

Als wir unserem Gastherrn über seinen guten Geschmack Komplimente machten, sagte er: »Mars hat gern gleiche Chancen für alle: daher habe ich jedem sein Einzeltischchen vorsetzen lassen, und außerdem werden es uns die stinkenden Sklaven mit ihrem Hin- und Herlaufen nicht so heiß machen.«

Gleich brachte man auch gläserne Henkelflaschen, sorgfältig mit Gips versiegelt; um den Hals trugen sie Etiketten mit der Aufschrift Falerner, abgefüllt unter Opimius, hundert Jahre alt. Während wir die Etiketten lasen, klatschte Trimalchio in die Hände und sagte: »O weh, so hat denn der Wein ein längeres Leben als ein Menschlein. Drum wollen wir uns einen antütteln: Wein ist Leben. Ich serviere euch echten Opimier-Wein: gestern ließ ich nicht so guten Wein auftragen, wo ich doch viel anständigere Leute zu Gaste hatte.«

Wir tranken also aus und musterten diesen Luxus voller Bewunderung, als ein Sklave ein silbernes Skelett hereintrug; es war so konstruiert, daß Gelenke und Wirbelsäule in jeder Richtung beweglich waren. Nachdem er das Skelett mehrmals auf den Tisch hatte fallen lassen, wobei es dank seiner Gelenkigkeit verschiedene Stellungen einnahm, bemerkte Trimalchio:

»Ach, wir Armen: wie doch das ganze Menschlein ein Nix is:
So schaun alle wir aus, sobald uns der Teufel geholt hat:
Wohl sein wollen wir's uns lassen, solange es geht.«

(35) Auf diese Grabrede folgte ein Gericht, dessen Größe zwar unserer Erwartung nicht entsprach, das aber wegen seiner Originalität alle Blicke auf sich zog. Auf einer runden Schüssel waren nämlich die zwölf Zeichen des Zodiakus kreisförmig angeordnet, und auf jedes davon hatte der Konstrukteur eine ihm entsprechende Speise gelegt. Auf dem Widder lagen also Schöpsenerbsen, auf dem Stier ein Stück Rindfleisch; auf den Zwillingen Hoden und Nieren, auf dem Krebs ein Kranz, auf dem Löwen eine afrikanische Feige, auf der Jungfrau die Gebärmutter einer Jungsau, auf der Waage zwei Waagschalen, ein Käsegebäck in der einen, ein Honigkuchen in der anderen, auf dem Skorpion der gleichnamige Seefisch, auf dem Schützen ein Rabe, auf dem Steinbock ein Hummer, auf dem Wassermann eine Gans, auf den Fischen zwei Barben. In der Mitte lag eine Sode mit Gras darauf, das eine Honigwabe aufrecht hielt. Ein ägyptischer Sklave reichte in einer Wärmpfanne Brot herum.., und quetschte sich mit widerlicher Stimme ein Chanson aus der Operette »Teufelsdreck« ab. Als wir uns recht deprimiert an solchen Fraß heranmachten, sagte Trimalchio: »Laßt uns speisen: das schreibt der Komment beim Diner vor.«

(36) Als er das sagte, kamen unter Musikbegleitung vier Diener im Walzertakt hereingehüpft und räumten den oberen Tafelaufsatz ab. Daraufhin sahen wir unter ihm Platten mit Masthühnern, Saueutern und in der Mitte einem Hasen, dem man Federn angesteckt hatte, damit er wie Pegasus aussähe. An den Ecken dieses Tafelaufsatzes bemerkten wir vier Marsyasfiguren mit kleinen Schläuchen, aus denen pikante Fischsauce auf Fische hinabfloß, die geradezu in einem Teich von Sauce schwammen. Wir klatschten alle Beifall die Dienerschaft begann damit - und machten uns lächelnd über diese Leckerbissen her. Trimalchlo war nicht minder ergötzt über den Erfolg seines neuen Ganges und rief: »Schneid!« Gleich kam ein Vorschneider her und zerlegte, zu Musikbegleitung tänzelnd, die Speisen so, daß man hätte glauben mögen, hier kämpfe ein Streitwagenlenker bei Orgelbegleitung. Indessen wiederholte Trimalchio mit gedehnter Stimme: » Schneid, schneid!« Ich vermutete, daß in der häufigen Wiederholung des Wortes ein Witz läge, und genierte mich nicht, den Gast, der neben mir lag, danach zu fragen. Der hatte Witze dieser Art schon oft gesehen und sagte: »Sieh den Kerl dort, der vorschneidet: er heißt Schneid. Jedesmal wenn Trimalchio ihm zuruft: 'Schneid', nennt er ihn mit demselben Wort beim Namen und gibt ihm gleichzeitig einen Befehl.«

(37) Ich konnte schon nichts mehr herunterkriegen, sondern wendete mich diesem Nachbarn zu, um soviel wie möglich in Erfahrung zu bringen, selbst wenn er mit seinen Geschichten weit ausholen würde. Ich fragte ihn, wer die Frau sei, die ich hin und her laufen sah.

»Das ist Trimalchios Frau«, sagte er', »sie heißt Fortunata, und sie mißt das Geld mit Scheffeln. Und noch ganz vor kurzem, was war sie? Mit Verlaub gesagt, du hättest nicht ein Stück Brot aus ihrer Hand angenommen. Jetzt, man weiß nicht wie, lebt sie im siebten Himmel und ist Trimalchios rechte Hand. Kurz, wenn sie ihm am hellen Mittag sagte, es ist duster - er würde es glauben. Er weiß gar nicht, was er besitzt, so stinkreich ist er, aber das Mensch hat seine Augen überall, auch wo man's nicht vermutet. Sie ist sparsam, trinkt nicht, ist gewitzt: Goldes wert, wie du wohl siehst. Hat aber ein böses Maul, hält Gardinenpredigten. Wen sie mag, den mag sie; wen sie nicht mag, der spürt's. Tnmalchio selber hat Grundbesitz, soweit wie ein Habicht fliegt; Zaster über Zaster. In seiner Portiersloge liegt mehr Silber als ein Wohlhabender besitzt. Und sein Gesinde - oje! Ich glaube, keine zehn Prozent von ihnen kennen ihren Boß. Kurz und gut: er kann jeden von diesen Playboys ins Mauseloch hauen.

(38) Du mußt auch nicht glauben, daß er irgendwas kauft. Alles ist Eigenproduktion: Wolle, Zitronen, Pfeffer'; verlang von ihm Hühnermilch - du kriegst sie. Um es kurz zu machen: seine Wolle war ihm nicht gut genug: er ließ in Tarent Böcke kaufen und seine Herde von ihnen bespringen. Um attischen Honig im Haus zu erzeugen, ließ er sich Bienen aus Athen kommen: von den Griechlein werden auch seine einheimischen Bienchen verbessert werden. Dieser Tage schrieb er nach Indien, man soll ihm Champignonsamen schikken. Auch Maultiere hat er keine, wo nicht von Wildeseln stammen. Sieh die vielen Kissen: nicht eins, das nicht mit Purpur- und Scharlachwolle gestopft ist. So schwer reich ist er.

Seine Kollegen, auch Freigelassene, verachte ja nicht! Die sind recht saftig. Schau mal auf den am untersten Platz: der hat heute seine Achthunderttausend. Mit nichts hat er angefangen. Vor kurzem noch trug er Holz in der Hucke herum. Aber wie man sagt - ich weiß es nicht, ich hab's nur gehört -, hat er einem Heinzelmännchen die Kappe abgerissen und daraufhin einen Schatz gefunden. Ich bin auf keinen neidisch, wenn's ihm Gott geschenkt hat. Dabei kommt er frisch von der Maulschelle, aber er gönnt sich was. Neulich bot er seinen Saal mittels dieser Annonce an:

C. Pompeius Diogenes vermietet sein oberes Stockwerk ab 1. Juli, da er ein Haus gekauft hat.

Na, und der dort auf dem Platz für Freigelassene. Der hat Fettlebe gemacht. Ich nehm's ihm nicht übel. Eine Million Sesterzen hat er gehabt, aber er hat sie verplempert. Ich glaube, er hat schon seine Haare verpfändet; aber weiß Gott, er kann nicht dafür: es gibt keinen anständigeren Kerl als ihn, seine verdammten Freigelassenen, die haben krumme Finger gemacht. Es stimmt schon: >Mit Kompagnons kocht der Pott nicht gut<, und wenn's erst schiefgeht, sind die Freunde futsch. Und doch betrieb er, wie du ihn dort siehst, so 'n anständiges Geschäft! Er war Begräbnisunternehmer. Er aß wie ein König: Wildschwein >im Schlafrock<, Pasteten, Geflügel; [er hatte] Köche, Bäcker. Unterm Tisch wurde mehr Wein verschüttet, wie jemand im ganzen Keller hat. Ein Traum von einem Menschen. Wie es nun schiefging, hatte er Angst, daß seine Gläubiger glaubten, er ginge pleite. So veranstaltete er eine Auktion mit folgender Ankündigung:

C. Julius Proculus läßt überschüssige
Effekten versteigern.«

(39) Trimalchio unterbrach dieses nette Geplauder, denn man hatte den ersten Gang schon abserviert, und die bereits angeheiterten Gäste sprachen dem Wein zu und unterhielten sich laut miteinander. Er lehnte sich also auf seinen Ellenbogen und sprach: »Ihr selbst müßt diesen Wein würzen. Der Fisch muß schwimmen. Glaubt ihr wirklich, ich würde mit den Gerichten vorliebnehmen, die ihr in den Fächern des Aufsatzes gesehen habt? >So kennt ihr Odysseus?<

Was will ich also? Man muß auch bei Tisch Wissenschaft treiben. Mein früherer Herr ruhe sanft: er wollte, daß ich ein gebildeter Mensch werde, und mir kann man nichts Neues erzählen - was jenes Tablett ja auch schon bewiesen hat. Dieser Himmel, den zwölf Götter bewohnen, verteilt sich in ebenso viele Zeichen; und zuerst kommt der Widder. Wer daher unter diesem Sternbild geboren wird, hat viel Vieh, viel Wolle; außerdem hat er einen harten Schädel, eine freche Stirn, ein scharfes Horn. In diesem Zeichen werden die meisten Prof essoren geboren und die Bockigen.«

Wir applaudierten diesem Witz unseres Sterndeuters, und er fuhr fort: »Dann wird der ganze Himmel zum Stierchen. Da werden dann die geboren, die nach hinten ausschlagen, und die Rindviehzüchter und diejenigen, die sich selbst ernähren. Unter den Zwillingen aber entstehen Zweispänner, das heißt solche, die wie Pferde oder Ochsen sich zu zweit gesellen; solche, die ihre Hoden anstrengen, und Menschen, die auf beiden Achseln Wasser tragen.

Ich wurde im Zeichen des Krebses geboren: drum steh ich fest auf vielen Füßen und habe viel Besitz zu Land und See, weil nämlich der Krebs in beiden Elementen heimisch ist. Drum hab ich auch schon lange nichts auf dieses Zeichen legen lassen, weil ich meine Nativität nicht beengen will.

Im Zeichen des Löwen werden Fresser und Herrschsüchtige geboren; unter der Jungfrau weibische Männer, entlaufene Sklaven und solche, die Fußfesseln tragen; unter der Waage Schlachter, Parfümhändler und alle, die etwas abwägen; unter dem Skorpion Giftmörder und Messerstecher; unter dem Schützen die Schielenden, die aufs Kraut schauen und sich den Speck herausholen. Im Zeichen des Steinbocks die armen Teufel, wo das Pech haben, daß ihnen Hörner aufgesetzt werden; unterm Wassermann Kneipwirte und Wasserköpfe; unter den Fischen Feinschmecker und Rhetoren. So dreht sich der Tierkreis wie eine Mühle und bewirkt immer irgendeinen bösen Zauber, so daß Menschen entweder geboren werden oder sterben. Wenn ihr aber in der Mitte eine Rasenscholle seht und auf der Rasenscholle eine Honigwabe, so tue ich nichts ohne Grund. In der Mitte ist Mutter Erde, rund wie ein Ei, und enthält alle guten Dinge, so wie eine Honigwabe.«

(40) »Bravo«, riefen wir alle wie aus einem Munde; wir hoben die Hände zur Decke und schworen, daß sich Hipparchus und Aratus nicht mit ihm vergleichen könnten. Nun kamen Diener und deckten Behänge über die Polster; darauf waren Jagdnetze eingestickt und Jäger auf der Pirsch mit Jagdspießen und Jagdgeräte aller Art. Noch wußten wir nicht, was wir vermuten sollten, als sich außerhalb des Speisesaals ein Heidenlärm erhob, und schon begannen lakonische Jagdhunde auch um den Tisch herumzurennen. Sogleich trug man eine Platte herein; auf der lag ein enormes Wildschwein, das noch dazu eine phrygische Freiheitskappe trug. An seinen Hauern hingen zwei aus Palmblättern geflochtene Körbchen, wovon das eine mit nußförmigen Datteln, das andere mit Datteln aus Theben gefüllt war. Herumgelegt waren kleine Schweinchen aus Kuchenteig, so angeordnet, als ob sie an den Eutern lägen, womit angedeutet war, daß es sich um eine Bache handelte. Diese Schweinchen waren Geschenke zum Mitnehmen.

Zum Tranchieren der Wildsau kam nicht jener Carpus herein, der das Geflügel zerhackt hatte, sondern ein Riesenkerl mit Bart, die Beine mit Binden umwunden; er trug einen kurzen Jagdmantel aus buntgewebtem ägyptischem Damast. Er zog einen Hirschfänger und stieß ihn mit aller Gewalt dem Wildschwein in die Flanke: da flogen Drosseln aus der Wunde heraus. Vogelfänger standen schon mit Leimruten bereit und fingen die durch den Saal flatternden Vögel sogleich ein. Trimalchio ließ jedem Gast seinen Anteil davon servieren und fügte hinzu: »Nun könnt ihr sehen, was für prima Eichelmast diese Waldsau gefressen hat.« Gleich gingen auch Burschen an die von den Hauern herabhängenden Körbchen heran und verteilten zum Takt der Musik die beiden Dattelarten unter die Gäste.

(41) Inzwischen saß ich ungestört in meinem Eckchen und zerbrach mir den Kopf, warum das Wildschwein wohl mit einer Freiheitsmütze hereingekommen sei. Als ich mir so die abgeschmacktesten Uberlegungen hatte durch den Kopf gehen lassen, faßte ich den Mut, meinen früheren Gewährsmann nach diesem Rätsel, das mir keine Ruhe ließ, zu befragen. Er antwortete: »Selbst dein gehorsamer Diener kann dir das ganz einfach erklären; denn es ist kein Rätsel, sondern liegt auf der Hand. Dieses Schwein war das Hauptgericht beim gestrigen Diner und wurde von den Gästen >freigegeben<; drum kommt es heute gewissermaßen als Freigelassener zum Bankett zurück.« Ich verfluchte meine Dummheit und stellte keine Fragen mehr, damit es nicht so aussehe, als hätte ich nie bei feinen Leuten gespeist.

Während wir hierüber sprachen, kam ein hübscher Junge herein; der war mit Rebenlaub und Efeu bekränzt und mimte abwechselnd Bacchus Bromius, den Grollenden, Bacchus Lyaeus, den Sorgenbefreier, und Bacchus Euius, den Ekstatischen; dabei trug er Trauben in einem Korb herum und sang mit schriller Stimme die Gedichte seines Herrn. Trimalchio wandte sich dem Sänger zu und sagte: »Dionysus, du sollst frei sein.« Der Knabe nahm darauf dem Schwein die Freiheitsmütze ab und setzte sie sich auf. Da wiederholte Tnmalchio: »Ihr werdet nicht bestreiten können, daß ich einen Liber Pater, einen freien Vater, habe.« Wir lobten diesen geistreichen Scherz Trimalchios und küßten den Knaben tüchtig ab, wie er so herumging.

Nach diesem Gang erhob sich Trimalchio, um auf die Toilette zu gehen. Als wir so von unserem Tyrannen befreit waren, forderten wir die anderen Gäste auf, sich ungeniert zu unterhalten.

Dama war der erste; er verlangte größere Humpen und sprach dann: »Der Tag ist gar nichts. Kaum dreht man sich um, wird's duster. Drum gibt's nichts Besseres als direkt aus dem Bett ins Eßzimmer. 'ne ganz schöne Kälte haben wir gehabt. Kaum hat mich das Schwitzbad aufgewärmt. Ein heißer Grog ist besser als ein dicker Rock. Ich hab mir die Hucke vollgesoffen und bin richtig blau. Das Weins ist mir ins Oberstübchen gestiegen.«

(42) Seleucus schwätzte weiter: »Ich geh nicht täglich ins Bad. So 'n Bad walkt einen richtig durch; das Wasser hat Zähne, und jeden Tag wird das Herz schwächer. Aber wenn ich mir 'n Pott Honigwein einverleibe, kann mich das kalte Wetter am Arsch lecken. Heute konnte ich überhaupt nicht baden: ich war auf eine Leich gegangen. Chrysanthus so 'n netter, so 'n feiner Kerl, hat seinen letzten Schnaufer getan. Grade noch hat er mit mir gesprochen: es kommt mir vor, als ob ich noch mit ihm rede. Ach und Weh! Wir laufen herum wie aufgeblasene Schläuche. Wir taugen weniger als die Fliegen. Die sind doch wenigstens zu was gut, aber wir sind nichts als Luftblasen. Und wenn er nun nicht Diät gehalten hätte? Fünf Tage lang nahm er kein Wasser und nicht ein Krümchen Brot ins Maul; trotzdem ist er zur großen Armee gegangen. Den haben die Arzte ruiniert, oder vielmehr sein böses Geschick; mit 'm Doktor macht man sich nur selbst was vor. Aber ein feines Begräbnis hat er gehabt, auf seinem eigenen Bett wurde er rausgetragen, mit guten Decken. Beweint wurde er erstklassig - ein paar Sklaven hat er freigelassen -, wenn ihn auch seine Frau unaufrichtig beweinte. Was wäre erst geschehen, wenn er sie nicht hochanständig behandelt hätte? Aber was so 'n richtiges Weib ist, das ist ein wahrer Aasgeier. Man soll niemand nichts Gutes tun: man kann's gleich in den Brunnen schmeißen. Aber alte Liebe frißt wie ein Krebs.«

(43) Er wurde schon langweilig; da rief Phileros mit lauter Stimme: »Um die Lebendigen wollen wir uns kümmern. Er hat seinen Teil, wie's ihm zukam: anständig gelebt, anständig gestorben. Worüber kann er sich beklagen? Mit nichts hat er angefangen; mit den Zähnen hätte er einen Pfennig aus der Scheiße geholt. Darum hat er zugenommen, wie er zugenommen hat ganz wie eine Honigscheibe. Bei Gott, ich glaube, er hat volle Hunderttausend hinterlassen, und er hatte alles in bar. Ich will aber zur Sache selbst die Wahrheit sprechen, wo ich ja eine Hundezunge gegessen habe: er hatte ein böses Maul, ein Angeber, kein Mensch, sondern die Unverträglichkeit selbst. Sein Bruder - das war ein ganzer Kerl, ein guter Kumpel, mit offener Hand und gab gut zu essen. Anfänglich war er ein Pechvogel, aber die erste 'Weinernte hat ihm wieder auf die Beine geholfen, denn den Wein verkaufte er, so teuer er wollte. Und was ihn noch über Wasser hielt: er machte eine Erbschaft und stahl aus dem Nachlaß noch mehr als ihm hinterlassen wurde. Aber jener Klotz war böse mit seinem Bruder und hinterließ seine Erbschaft irgendeinem ganz unbedeutenden Unbekannten. Weit weg läuft der, der von seiner Familie wegläuft. Er hatte aber Sklaven, das waren Ohrenbläser, die seinen Bruder bei ihm anschwärzten. Es ist nie gut, wenn man ohne weiteres Glauben schenkt - besonders nicht als Geschäftsmann. Jedenfalls hat er sein Leben genossen, solange wie es eben dauerte. Wer hat, der hat, und nicht der, dem man's versprochen hat. Ein wahres Glückskind. In seiner Hand wurde Blei zu Gold. Das ist ja leicht, wenn alles nach Wunsch geht. Wieviel Jahre, glaubst du, hatte er auf dem Buckel? Ober siebzig. Aber fest wie Horn war er und trug sein Alter gut: sein Haar war noch rabenschwarz. Ich kannte den Menschen noch von Anno dazumal; der war immer noch scharf. Bei Gott, ich glaube, er hat selbst die Hündin nicht in Ruhe gelassen; außerdem ging er auch auf Buben: ein sehr vielseitiger Mann. Da mach ich ihm auch keinen Vorwurf: das ist das einzige, was er mitgenommen hat.«

(44) Soweit Phileros; nun ergriff Ganymedes' das Wort: »Der redet über Sachen, die nichts mit dem Himmel oder der Erde zu schaffen haben, und inzwischen macht sich keiner darüber Sorgen, wie die Lebenshaltungskosten steigen. Bei Gott: ich konnte heute keinen Mundvoll Brot auftreiben. Und wie die Dürre anhält! Schon ein Jahr lang ist Hungersnot. Zum Teufel mit denn Magistrat: die stecken mit den Bäckern unter einer Decke - >hilf du mir, so helf ich dir<. So ist der kleine Mann in Not, aber die Großkopfeten machen immer Fettlebe. Hätten wir doch die Löwen, die ich hier vorfand, als ich zuerst aus Kleinasien herkam. Wenn damals das feine Weizenmehl aus Sizilien minderwertig war, dann ohrfeigten sie diese Schwächlinge so, daß sie die Englein zwitschern hörten. Ich denke gerade an Safinius; damals - ich war noch ein Kind - wohnte er beim Alten Triumphbogen. Der war kein Mensch, sondern der reine Pfeffer. Wenn der irgendwo hinging, sengte er den Boden an. Aber aufrecht, zuverlässig, ein guter Freund, mit dem man getrost im Dunkeln Morra spielen konnte. Und wie er sie alle im Rathaus drannahm! Er sprach nicht nach Schema F, sondern frei von der Leber weg. Wenn er vor Gericht plädierte, schwoll seine Stimme an wie eine Posaune. Niemals mußte er schwitzen oder ausspucken: ich glaube, die Götter hatten ihm eine trockene Natur verliehen. Und wie höflich grüßte er zurück, redete jeden mit Namen an, ganz wie einer von uns. Drum kostete Getreide damals 'nen nassen Schmutz: ein Brot, das man um ein As kaufte, konnte man nicht zu zweien auffressen. Heutzutage hab ich Ochsenaugen gesehen, die waren größer als eine Semmel. Ach und Weh: täglich wird's schlimmer! Mit dieser Stadt geht's zurück, so wie 'nem Kalb der Schwanz nach hinten wächst. Aber warum haben wir auch einen Bürgermeister, der- keinen Pfifferling wert ist - für den wir verrecken können, wenn er einen Groschen dran verdiente? So läßt er sich's zu Hause wohl sein und steckt täglich mehr Geld in die Tasche, wie ein anderer im Vermögen hat. Ich weiß schon, von woher er tausend Golddenare bezogen hat. Wenn wir nicht Schlappschwänze wären, wäre er nicht so zufrieden mit sich selbst. Aber das Volk jetzt - Löwen zu Haus, feige Hunde draus. Was mich angeht, so hab ich meine Lumpen schon aufgefressen, und wenn die Dürre anhält, werde ich meine Häuschen verkaufen. Denn wie soll's werden, wenn sich weder Götter noch Menschen dieser Stadt erbarmen? So wahr meine Kinder gesund sein sollen, glaube ich, daß hinter all dem die Götter stecken. Niemand glaubt mehr an den Himmel, niemand hält die Fasten4, niemand kümmert sich um Jupiter, sondern alle machen die Augen zu und zählen nur ihren Zaster. Früher, da kletterten die feinen Damen barfuß den Hügel hinauf, mit aufgelöstem Haar und reinen Herzens, und beteten zu Jupiter um Wasser. So goß es dann auch gleich mit Kannen - jetzt ging's aufs Ganze -, und alle lachten, naß wie die Ratten. Aber well wir nicht fromm sind, haben die Götter gichtische Füße. Der Ackerbau liegt darnieder -«

(45) Echion, der Lumpenhändler, unterbrach ihn: »Schwätz doch nicht so saublöd daher! >Mal geht's so, mal so<, wie der Bauer sagte, als er sein geschecktes Schwein verlor. Was heut nicht ist, kann morgen sein so geht's halt im Leben. Bei Herkules, ich könnt mir kein schöners Ländle wünschen, wenn's richtige Männer hier hätte. Jetzt geht's ihm schlecht, aber es ist nicht das einzige. Wir dürfen nicht zu anspruchsvoll sein: der Himmel ist überall gleich weit. Wenn du anderswo wohntest, würdest du sagen, daß hier die Schweine gebraten herumlaufen. Hier werden wir bald drei Tage lang erstklassige Gladiatorenspiele haben - eine Truppe, nicht Profis, sondern zumeist Freigelassene. Und mein Freund Titus ist großzügig und hitzköpfig: so oder so - es muß was Rechtes werden. Denn ich bin ganz intim mit ihm: der weiß, was er will. Er wird uns die besten Fechter geben: kein Pardon, und die Kampfunfähigen werden in aller Offentlichkeit abgestochen, daß es das ganze Publikum sehen kann. Er kann sich's leisten. Er hat dreißig Millionen geerbt, nachdem sein Vater leider verstorben ist. Soll er vierhunderttausend dranwenden - sein Erbteil spürt das gar nicht, und man wird ihn immer rühmen. Er hat schon ein paar Fechter von altem Schrot und Korn und ein Weib, das vorn Streitwagen kämpft, und Glycos Rechnungsführer, den man erwischt hat, wie er es mit seiner Herrin trieb. Du wirst sehen, wie man sich im Volk streiten wird, nämlich die eifersüchtigen Ehemänner mit den Liebhabern. Also Glyco, ein Mensch, der keinen Heller wert ist, hat seinen Rechnungsführer den wilden Tieren vorwerfen lassen. Mit so etwas blamiert man sich nur selber. Was kann der Sklave dafür, wenn man ihn zu etwas zwingt? Vielmehr hätte es dieser Nachttopf von Weib verdient, vom Bullen auf die Hörner genommen zu werden. Aber wer den Esel nicht hauen kann, haut den Sattel. Aber wie konnte Glyco auch glauben, daß dies Unkraut, die Tochter von Hermogenes, jemals ein gutes Ende nehmen würde? Der konnte einem Habicht im Flug die Klauen beschneiden, und der Apfel fällt nicht weit vorn Roß. Aber Glyco - Glyco hat schon das seine weg: solang er lebt, trägt er ein Schandmal, und das wird erst die Hölle auslöschen. Aber jeder muß für seine Sünden aufkommen.

Doch ich kann schon schnuppern, daß Mammea ein öffentliches Bankett geben wird, mit zwei Denaren für mich und alle meine Kollegen. Wenn er das tut, wird er Norbanus alle Stimmen wegnehmen: du mußt wissen, er wird ihn völlig überflügeln. Und tatsächlich: was hat der denn schon für uns getan? Gladiatoren hat er uns vorgeführt, die waren keinen Groschen wert, schon so abgekämpft, daß man sie umblasen konnte; ich hab schon bessere Kämpfe gesehen, wenn man welche den wilden Tieren vorwarf. Die Reiter, die er umbringen ließ, waren die reinen Pappfiguren; man konnte sie für Hühner halten. Der eine schleppte sich wie ein Maulesel unterm Packen, der andere war ein Hinkebein, der dritte, der für den Toten einsprang, war selbst halb tot, als hätte man ihm alle Muskeln durchgeschnitten. Der einzige, der etwas Format hatte, war ein Thraker, aber auch der focht nur wie auf der Mensur. Kurz, hinterher ließ man sie alle auspeitschen, so sehr schrie die Menge immer wieder: >Haut sie tüchtig!< Das waren nichts als Kneifer. >Aber ich hab dir doch ein Schauspiel dargeboten<, sagte er. >Und ich<, sage ich, >klatsche dir Beifall. Rechne nach, und ich gebe dir mehr, als ich von dir gekriegt habe. Eine Hand wäscht die andere.< (46) Agamemnon, du siehst aus, als wolltest du sagen: >Was plappert der langweilige Kerl da?< Weil du, wo schwätzen kannst, nix sagst. Du bist ja nicht von unserem Schlag und machst dich deshalb drüber lustig, wie wir armen Leute reden. Wir wissen, daß du vor lauter Bildung ein Depp bist. Na und? Einmal werd ich dir schon überreden, daß du aufs Land kommst und mein Häuschen besuchst. Wir werden schon was zum Knabbern finden - ein Hühnchen, Eier; wir werden es uns wohl sein lassen, wenn auch dies Jahr das schlechte Wetter alles verdorben hat. Also, wir werden schon was finden, um uns satt zu essen. Und mein kleiner Bub: da wächst schon ein Student für dich heran. Er kann schon durch vier dividieren; wenn er am Leben bleibt, wirst du einen guten kleinen Burschen an ihm haben. Denn wenn er freie Zeit hat, guckt er nicht von seiner Schiefertafel auf; er ist begabt und hat gute Anlagen, wenn er auch ganz verrückt auf Vögel ist. Ich hab ihm schon drei Stieglitze totgemacht und gesagt, daß ein Wiesel sie gefressen hat; aber er findet immer andere Allotria, und er malt sehr gerne. übrigens hat er schon ein bischen Griechisch hinter sich und ganz gut mit Latein angefangen; allerdings ist sein Lehrer sehr eigenwillig: er kommt nicht regelmäßig, sondern nur selten: er ist gebildet, aber will nicht arbeiten. Ich hab noch einen anderen, der ist nicht so gelehrt, aber gibt sich Mühe: der unterrichtet mehr, als er selbst weiß. Der kommt also an Feiertagen in mein Haus, und was man ihm gibt, damit ist er zufrieden. Jetzt hab ich dem Buben ein paar Bücher mit juristischen Rubriken gekauft, weil ich will, daß er zum Hausgebrauch etwas Jus schmeckt. Das ist ein Broterwerb; mit Literatur hat er sich schon genug bekleckert. Wenn's damit schiefgeht, hab ich beschlossen, ihm ein Handwerk zu lernen, Barbier oder Aukzionator oder wenigstens Affokat': das kann ihm nur die Hölle wegnehmen. Darum sag ich ihm täglich: >Primigenius, glaub mir, was du lernst, lernst du für dich selbst. Schau dir den Phileros an, den Rechtsanwalt: wenn er nichts gelernt hätte, hätte er heute nichts zu beißen. Noch gar nicht lange, da trug er Hausierkram auf dem Buckel herum, und jetzt kandidiert er schon gegen Norbanus. Bildung ist ein Schatz, und ein Handwerk nährt seinen Meister.<«

(47) Solche Reden gingen hin und her, als Trimalchio wieder hereinkam. Er wischte sich die Stirn ab, wusch sich die Hände mit Parfüm und sagte nach kurzer Pause: »Verzeiht mir, liebe Freunde: schon seit vielen Tagen will mein Bauch nicht mehr, und die Arzte sind ratlos. Aber Granatapfelschale hat mir schließlich geholfen, dazu ein Absud von Kienspan in Essig; so hoffe ich, daß mein Bauch wieder wie früher gehorsam wird, denn sonst kollert's mir im Bauch, wie wenn ein Ochse brüllt. Wenn also einer von euch sein Geschäft verrichten will, braucht er sich nicht genieren: keiner von uns ist ohne tl5ffnungen geboren. Ich glaube, es gibt keine größere Qual, als es einzuhalten. Das ist das einzige, was selbst Jupiter nicht verbieten kann. Du lachst, Fortunata, wo du mich nachts mit so was aufweckst? Selbst bei Tisch verbiete ich keinem, zu tun, was ihn erleichtert; die Arzte sagen ja, man soll's nicht einhalten. Und wenn ihr ein größeres Geschäft habt, steht draußen alles bereit: Wasser, Nachttöpfe und sonstige Kleinigkeiten'. Glaubt mir: wenn der Dunst ins Gehirn steigt, leidet der ganze Leib am Fluß. Viele, das weiß ich, sind umgekommen, weil sie etwas Natürliches nicht wahrhaben wollten.«

Wir danken ihm für sein großzügiges Entgegenkommen und ersticken unser Lachen alsbald in häufigen Bechern; wir wußten aber noch nicht, daß wir, wie man sagt, noch nicht auf halber Höhe seiner geschmackvollen Darbietungen angekommen waren. Man räumte nämlich mit Musikbegleitung die Tische ab und brachte dann drei weiße Schweine in den Speisesaal. Sie waren mit Zaumzeug und Glöckchen geschmückt, und der Ansager verkündete, daß das eine zwei Jahre alt sei, das zweite drei Jahre, das dritte aber sechs Jahre. Ich glaubte, daß Schausteller hereingekommen seien und daß die Schweine Kunststücke vorführen würden, so wie das geschieht, wenn eine Zuschauermenge herumsteht. Aber Trimalchio trieb uns diese Erwartung gleich aus. Er fragte: »Welches von diesen wollt ihr sofort zum Essen zubereitet haben? Denn ein Huhn oder ein Ragout a la Pentheus kann jeder Bauer herrichten und andere solche Dummheiten; aber meine Köche können gleich ein ganzes Kalb im Kessel kochen.«

Sogleich ließ er auch den Koch rufen, gebot ihm, ohne unsere Wahl abzuwarten, das älteste Schwein zu schlachten, und fragte ihn mit lauter Stimme: »Aus welcher Kompanie' bist du?« - »Aus der vierzigsten«, sagte jener. - »Habe ich dich gekauft, oder bist du im Haus geboren?« - »Keines von beiden«, antwortete der Koch, »sondern Pansa hat mich dir testamentarisch hinterlassen.« - »Sieh dich nur gut vor«, sagte Trimalchio, »daß du alles sorgfältig ausführst; sonst lasse ich dich in die Abteilung Botenläufer versetzen.« Den Koch, der so an seines Herrn Macht erinnert worden war, führte das Gericht, <das er zubereiten sollte,) in seine Küche zurück.

(48) Trimalchio wandte sich wieder zu uns - sein Gesicht war freundlich - und sagte: »Wenn euch der Wein nicht schmeckt, lasse ich anderen holen; ihr müßt ihn angenehm machen. Gott sei Dank brauche ich nichts zu kaufen, sondern das, was einem das Wasser im Mund zusammenlaufen läßt, wächst auf einem meiner Güter, das ich noch gar nicht kenne. Man sagt mir, daß es an Terracina und Tarent angrenzt. Jetzt will ich meine Ländereien mit Sizilien arrondieren, damit ich ganz durch mein eigenes Gebiet schiffen kann, wenn ich einmal Lust habe, nach Afrika zu reisen.

Aber sag mir doch, Agamemnon, was für eine Kontroverse hast du heute vorgetragen? Was mich betrifft, so plädiere ich zwar nicht, aber ich habe doch Literatur für den Hausgebrauch gelernt. Und damit du nicht glaubst, daß ich nichts von Bildung halte: ich habe drei Bibliotheken - eine griechische und eine lateinische. Sei also so freundlich und nenne den Tatbestand deines Vortrags.«

Agamemnon sagte: »Ein Armer und ein Reicher waren verfeindet - , da unterbrach ihn Trimalchio mit den Worten: »Was ist ein Armer?« - »Sehr witzig«, sagte Agamemnon und zitierte irgendeine Kontroverse; aber sofort sagte Trimalchio: »Wenn dies eine Tatsache ist, gibt es keine Kontroverse; und wenn es keine Tatsache ist, existiert es nicht.«

Als wir solche und ähnliche Geistesblitze mit dem übertriebensten Beifall aufgenommen hatten, sagte er: »Mein lieber Agamemnon, bitte, weißt du die zwölf Arbeiten des Herkules auswendig, oder kennst du die Geschichte vom Odysseus, wie dem der Zyklop mit der Zange den Daumen abgekniffen hat? Als Bub las ich das im Homer. Ja, ich habe sogar selbst mit eigenen Augen die Sibylle gesehen: in Cumae hing sie in einer Flasche, und wenn die Kinder sie auf Griechisch fragten, >Sibylle, was willst du?<, antwortete sie, >Sterben will ich.<«

(49) Er hatte noch nicht alles von sich gegeben, als ein Tablett mit einem riesigen Schwein den ganzen Tisch besetzte. Wir bewunderten die Schnelligkeit des Kochs und schwuren, man hätte noch nicht einmal ein Huhn in so kurzer Zeit zubereiten können - um so mehr, als uns dieses Schwein viel größer vorkam, als das Wildschwein vor kurzem gewesen war. Trimalchio aber beschaute es mit immer steigender Aufmerksamkeit und rief schließlich: »Was heißt das? Dies Schwein ist nicht ausgenommen? Bei Gott, es ist nicht ausgeweidet? Den Koch - sofort vorführen!« Als der Koch gedrückt vor dem Tisch stand und zugab, er habe vergessen, das Schwein auszunehmen, schrie Trimalchio: »Was, vergessen? Man möchte meinen, er sei nie mit Pfeffer und Kümmel umgegangen. Zieht ihn aus!«

Unverzüglich wird der Koch ausgezogen und steht niedergeschlagen zwischen zwei Folterknechten'. Alle aber begannen, ihn loszubitten; man sagte: »So etwas kann schon einmal vorkommen; bitte, laß ihn laufen. Wenn er's wieder tut, wird sich keiner von uns für ihn einsetzen.« Ich aber war unbarmherzig und streng; ich konnte mich nicht enthalten, Agamemnon ins Ohr zu flüstern: »Das muß doch ein ganz nichtswürdiger Sklave sein: jemand soll vergessen, ein Schwein auszunehmen? Bei Gott, ich würde es ihm nicht verzeihen, wenn er's bei einem Fisch vergessen hätte.« Trimalchio aber war gar nicht so: sein Gesicht entspannte sich, und ganz heiter sagte er: »Nun, weil du so ein schlechtes Gedächtnis hast, nimm es vor unseren Augen aus!« Man gab dem Koch sein Gewand zurück, er ergriff ein Messer und begann den Bauch des Schweins mit vorsichtiger Hand hier und da einzuschneiden. Alsbald erweiterten sich diese Wunden durch den Druck von innen, und ein Schwall von Bratwürsten quoll heraus.

(50) Nach dieser Darbietung klatschte die ganze Dienerschaft und schrie: »Hoch Gajus!« Auch der Koch wurde mit einem Trunk geehrt sowie mit einem silbernen Kranz; den Becher reichte man ihm auf einer Schale aus korinthischer Bronze1. Als Agamemnon die Schale eingehend betrachtete, sagte Trimalchio: »Ich bin der einzige, der echte Korintherware hat.« Ich erwartete, er werde mit seiner gewöhnlichen Frechheit behaupten, man schicke ihm Gefäße aus Korinth; aber er zog sich besser aus der Affäre, als ich gedacht hatte. »Vielleicht fragst du«, sagte er, »wieso ich als einziger echte Korinthergefäße besitze? Nun, der Metallarbeiter, von dem ich sie kaufe, heißt Corinthus, und was ist Korintherware, wenn nicht die, die man von Corinthus hat? Und damit ihr mich nicht für unwissend haltet: ich weiß es recht gut, wie Korintherbronze zuerst entstanden ist. Nach der Einnahme von Troja ließ Hannibal, ein schlauer Bursche und großer Gauner, alle Statuen aus Bronze, Gold und Silber auf einen Holzstoß häufen und anstecken, und die verschiedenen Metalle verschmolzen zu einem. Die Fabrikanten nahmen sich von dieser Masse und machten daraus Teller, Platten und Statuetten. So entstand Korintherbronze, alles vermischt und weder Fisch noch Fleisch. Verzeiht mir, wenn ich euch sage, ich mag lieber Glas: das riecht wenigstens nicht. Wenn es nicht so zerbrechlich wäre, hätte ich es lieber als Gold; aber in Wirklichkeit hat es wenig Wert. (51) Einmal aber gab es einen Handwerker, der machte ein unzerbrechliches Glasgefäß.' Er wurde also mit seinem Geschenk beim Kaiser vorgelassen; er bat den Kaiser, ihm das Glas zurückzugeben, und warf es auf den Steinfußboden. Der Kaiser war höchst erschrocken; aber jener hob die Flasche vom Boden auf: sie war nur eingebeult, wie ein Metallgefäß. Darauf holte er ein Hämmerchen aus der Tasche und reparierte die Flasche aufs beste, ohne sich zu beeilen. Jetzt glaubte er wirklich, Jupiter bei den Eiern gepackt zu haben, besonders als der Kaiser ihn fragte: >Kennt noch jemand diese Art der Glasfabrikation? Wartet nur: als er nein sagte, ließ ihn der Kaiser köpfen. Wäre es nämlich bekanntgeworden, so wäre das Gold bei uns einen Dreck wert. (52) In Silber kenne ich mich sehr gut aus. Ich habe an die hundert Riesenpokalel; [ich habe auch Silberschüsseln mit getriebenem Werk; auf einer sieht man, wie] Kassandra ihre Kinder umbringt; die toten Buben liegen da so natürlich, man möchte meinen, sie leben. Auch einen Henkeikrug habe ich, den mir einer meiner Patrone- hinterließ: da sieht man, wie Dädalus Niobe im trojanischen Pferd einschließt. Ich habe auch Becher mit den Kämpfen von Hermeros und Petraites, alles massiv und schwer: denn meine Kennerschaft würde ich um kein Geld verkaufen.«

Während er dies sagte, ließ ein Sklave einen Becher fallen. Trimalchio sah ihn an und sagte: »Schnell, verhaue dich selber, well du so ein Tölpel bist!« Der Bursche ließ seine Lippe kläglich herabhängen und bat um Gnade. Jener aber sprach: »Was bittest du mich, als ob ich es wäre, der dir Unannehmlichkeiten macht? Ich rate dir, sieh dich vor, keine Flausen im Kopf zu haben.« Schließlich aber ließ er sich von uns erbitten und verzieh dem Knaben; der lief daraufhin um den Tisch herum [und bedeckte uns aus Dankbarkeit mit Küssen.

Trimalchio] rief mit lauter Stimme: »Wasser hinaus, Wein herein!« [...] Wir klatschten diesem geistreichen Witz Beifall; Agamemnon tat es dabei allen zuvor, denn er wußte wohl, wie man sich eine erneute Einladung verdient.

Dieses Lob erheiterte Trimalchio; er trank kräftig und sagte, schon fast volltrunken: »Warum fordert niemand von euch meine Fortunata auf, uns etwas vorzutanzen? Glaubt mir: keine tanzt den Cordax besser.«

Dabei hob er selbst die Hände über seinen Kopf und machte den Pantomimentänzer Syrus nach; die ganze Dienerschaft begleitete seine Gesten mit Gesang: »madeja perimadeia.« [scil. wohl Phantasiewort des Trimalchio] Er hätte sich mitten in den Saal gestellt, wenn ihm nicht Fortunata ins Ohr geflüstert hätte - das glaube ich wenigstens -, daß so vulgäres Getue unter seiner Würde sei. Und nichts war so unbeständig wie seine Launen: manchmal hatte er Angst vor Fortunata, manchmal ließ er sich gehen.

(53) Die Tanzlust wurde aber durch die plötzliche Ankunft eines Buchhalters unterbrochen; der las vor wie aus dem Staatsanzeiger:

»Am 26. Juli, geboren auf dem Gut bei Cumae, 30 Knaben, 40 Mädchen.

Von der Tenne in den Speicher überführt: 500 000 Scheffel Weizen.

500 Ochsen eingefahren.

Am selben Tage: der Sklave Mithridates wurde gekreuzigt, weil er den Schutzgeist unseres Herrn Gajus gelästert hatte.

Am selben Tage: mangels Anlagemöglichkeit auf Reservekonto übergebucht, 10 Millionen Sesterzen.

Am selben Tag: Brand in den Gartenanlagen bei Pompeji; das Feuer brach aus im Haus des Gutsverwalters Nasta.«

»Was?« sagte Trimalchio, »wann hat man denn die Gartenanlagen bei Pompeji für mich angekauft?« »Vergangenes Jahr«, antwortete der Buchhalter, »deshalb sind sie noch nicht in den Büchern eingetragen.«

Trimalchio wurde wütend und schrie: »Wenn man in Zukunft Grundstücke, die man für mich kauft, mir nicht innerhalb von sechs Monaten zur Kenntnis bringt, verbiete ich, daß man sie in meine Bücher einträgt.«

Schon las man die Verfügungen der Ortsverwalter vor sowie von Förstern [scil. von Sklaven des Trimalchio rechtlich unzulässig] errichtete Testamente, in denen Trimalchio mittels Kodizill enterbt wurde; ferner eine Liste von Vorarbeitern; den Namen einer Freigelassenen, die ein Flurwächter verstoßen hatte, weil er sie bei Intimitäten mit einem Bademeister überrascht hatte; den Namen eines Haushofmeisters, der nach Baiae verbannt worden war; eines Kassiers, gegen den Anklage erhoben wurde, und eine Entscheidung von Streitigkeiten zwischen Kammerdienern.

Jetzt aber kamen Akrobaten herein. Ein ganz dämlich aussehender Kraftprotz balancierte eine Leiter: auf der ließ er einen Knaben hochklettern, der oben singen und tanzen, durch Feuerreifen springen und eine Amphora mit den Zähnen festhalten mußte. Nur Trimalchio hatte Spaß an so etwas. »Das ist ein undankbares Gewerbe«, sagte er; die zwei Arten von Artisten, die er am liebsten sähe, wären Akrobaten und Hornbläser; alles andere, Dressurakte oder Konzerte, wären bloß Possen. »Auch Komödianten habe ich gekauft«, sagte er, »aber ich lasse sie lieber italienische Possen aufführen, und meinem griechischen Flötenbläser habe ich befohlen, auf Lateinisch zu pfeifen.«

(54) Gerade als er das sagte, fiel der Knabe herunter, und zwar direkt auf Trimalchio. Die Dienerschaft erhob ein lautes Geschrei, und ebenso die Gäste - nicht wegen des widerwärtigen Menschen, der sich von uns aus das Genick hätte brechen können, sondern weil wir befürchteten, daß das Bankett übel ausgehen könnte und wir einen Toten betrauern müßten, der uns nichts anging. Trimalchio brüllte und legte sich auf seinen Arm, als ob dieser verletzt sei; Ärzte eilten herbei, allen voran aber Fortunata mit einer Schüssel in der Hand, laut ach und weh schreiend. Der Knabe, der heruntergestürzt war, lief inzwischen um die Fußenden unserer Sofas herum und bat um Gnade. Mir war ganz komisch zumute, denn ich argwöhnte, dies könnte auf irgendeinen lächerlichen Theaterstreich abzielen: ich dachte nämlich immer noch an den Koch, der angeblich »vergessen« hatte, das Schwein auszunehmen. Ich schaute mich daher im ganzen Speisesaal um, ob nicht etwa irgendein ausgetüftelter Trick aus der Wand zum Vorschein kommen würde; besonders machte es mich stutzig, daß man einen Sklaven auszupeitschen begann, weil er den gequetschten Arm seines Herrn mit weißer statt mit Purpurwolle verbunden hatte. Mein Verdacht erwies sich auch als gar nicht so unbegründet; denn anstatt Bestrafung des Knaben dekretierte Trimalchio dessen Freilassung, damit man nicht sagen könne, ein so hoher Herr sei von einem Sklaven verletzt worden.

(55) Wir billigten diese Maßnahme. [Agamemnon verbreitete sich] über die Wechselfälle menschlichen Geschicks, und es entstand ein allgemeines Geplauder darüber. »Jaja«, sprach Trimalchio, »wir dürfen diesen Vorfall nicht ohne ein Verslein vorbeigehen lassen«; und sogleich verlangte er ein Schreibtäfelchen und las uns nach kurzer Uberlegung die folgenden lahmen Verse vor:

»Wenn man's gar nicht erwartet, wird's stets mit Sicherheit schiefgehn:
Mit uns schaltet das Schicksal und fragt nicht, was wir uns wünschen.
Darum schenke uns ein, Bursche, falernischen Wein.«

Nach diesem Epigramm wandte sich das Gespräch den Dichtern zu [...] und lange hat Mopsus aus Thrazien den ersten Rang eingenommen [...] bis Trimalchio fragte: »Bitte, Herr Professor, worin liegt der Unterschied zwischen Cicero und Publilius? Ich halte jenen für beredter, aber diesen für moralischer. Denn wie kann man's besser ausdrücken als in diesen Versen:

Die Stadt des Mars verkommt im Wohlstandsrülpsen:
für deinen Gaumen mästet man im Käfig
den Pfau, im goldnen Federkleide Babels.
In deinem Kochtopf nistet Rebhuhn jetzt,
Kapaun aus Gallien, und der fromme Storch
dürrbeinig-klappernd hochwillkommner Gast,
verbannt im Winter, Künder warmen Lenzes -,
er ist dein Opfer. Perlen und Korallen,
wozu verführen sie? Auf fremdem Lager
spreizt ihre Beine so geschmückte Dame.
Wozu Smaragdgrün? kostbares Kristall?
Wozu das Feuer punischer Rubine?
Wohl daß die Ehrbarkeit aus ihnen funkle?
Schickt sich's, daß Ehefraun so gut wie nackt
in dünnster Gaze frech zur Schau sich stellen?

(56) Aber was halten wir nach der Literatur für das schwierigste Geschäft? Ich glaube, Arzt und Geldwechsler: der Arzt, well er weiß, was die armen Menschenkinder im Bauch haben und wann das Fieber kommt - obwohl ich diese Menschen hasse, weil sie mir so oft Aniswasser verordnen -, und der Geldwechsler, weil er durch die Versilberung das Kupfer sieht. Was das stumme Vieh angeht, so arbeiten die Ochsen und die Schafe am härtesten: die Ochsen, well wir dank ihnen Brot kauen, und die Schafe, weil ihre Wolle uns großtun läßt. Es ist ja eine Schande, daß man das Schaf ißt und ihm außerdem seinen Rock abzieht. Na und die Bienen - das sind mir himmlische Tierchen, well sie Honig kotzen, wenn es auch heißt, sie hätten ihn von Jupiter. Deswegen stechen sie auch; denn wo es was Süßes gibt, findet man auch Bitteres.«

Schon wollte er auch die Philosophen arbeitslos machen, als man Tombolabillete in einer Schüssel herumtrug und ein mit diesem Amt betrauter Sklave die Geschenke zum Mitnehmen ausrief:

»Quecksilber« - man brachte ein Büschel Quecken und einen silbernen Denarius;

»Goldlack« - eine Goldmünze in einem kleinen Tiegel mit Lack;

»Almosen« - auf einer Silberschale brachte man einen Aal, der in Moos gebettet war;

»Unterkleidung« - unter einem silbernen Schälchen voll Kleie eine Bronzeschale voll Pferdemist.

Wir lachten lange; unzählige Witze dieser Art wurden vorgeführt, aber ich kann mich nicht mehr an alle erinnern.

(57) Jetzt aber konnte Ascyltos nicht mehr den Anstand bewahren: mit erhobenen Händen machte er sich über alles lustig und lachte, bis ihm die Tränen kamen. Da regte sich mein Nebenmann, einer von Trimalchios Mit-Freigelassenen, auf und schrie: »Was lachst du, du Schafskopf? Mißfällt dir der geschmackvolle Luxus unseres verehrten Gastgebers? Du bist wohl reicher und tafelst besser zu Hause? So helfe mir der Schutzheilige dieses Ortes: wenn ich neben dem läge, hätte ich ihm schon längst sein Meckermaul gestopft! Ein schönes Früchtchen, wo sich über andere lustig macht! Irgend so ein Ausreißer, einer der sich nachts herumtreibt und wertloser ist als seine eigene Pisse! Jawoll - wenn ich um ihn rumpissen würde, wüßte er nicht, wohin. So wahr ich lebe, ich koche so leicht nicht über, aber wo faules Fleisch ist, bilden sich Würmer. Er lacht! Was hat er zu lachen? Hat sich vielleicht sein Papa diesen Sprößling für sein Gewicht in Gold gekauft. Du bist ein römischer Ritter? Dann bin ich ein Prinz. Warum diente ich dann als Sklave? Weil ich mich selbst als Sklave verdingt habe und lieber römischer Bürger werden als tributpflichtiger Untertan bleiben wollte. Und jetzt lebe ich hoffentlich so, daß sich keiner über mich lustig machen kann. Ich habe Gleichberechtigung, ich kann den Kopf hoch tragen, ich schulde niemandem einen roten Heller, nie habe ich mich verpflichten müssen, eine Schuld abzuzahlen; niemand hat mir am Marktplatz gesagt: Berappe, was du schuldest! Ein Stückchen Land hab ich mir gekauft, ein paar Groschen habe ich auf die hohe Kante gelegt; ich füttere zwanzig Bäuche sowie einen Hund. Meine Braut hab ich freigekauft, damit niemand sich an ihrem Haar seine Pfoten abwischen kann; mich selbst hab ich für tausend Denare losgekauft; man hat mich in die Sechserkommission gewählt, ohne daß ich was blechen mußte; ich hoffe, daß ich mich nach meinem Tod nicht schämen brauche. Aber du hast wohl so wichtige Geschäfte, daß du dich nach anderen nicht umguckst? Den Floh siehst du bei anderen, aber nicht deine eigene Filzlaus. Nur du machst dich über uns lustig: sieh dir deinen Professor an, einen älteren Herrn: der fühlt sich wohl bei uns. Du Milchschnabel: keinen Muckser kriegst du raus, du Pott, du Schlappschwanz, wie'n eingeweichter Riemen, schlapper, nicht besser. Du bist wohl reicher: iß zweimal Frühstück, nachtmahle zweimal! Mir ist mein Kredit lieber als Schätze. Kurz: hat mich wer zweimal mahnen müssen? Vierzig Jahre hab ich gedient, aber niemand konnte sagen, ob ich ein Sklave oder ein Freier war. Und ich bin in diese Stadt gekommen noch als ein Junge mit langem Haar, da war die Börse noch nicht gebaut. Ich gab mir aber Mühe, meinen Chef zufriedenzustellen: das war ein feiner Mann und hochangesehen: dem sein kleiner Finger war mehr wert als du. Dabei gab's im Haus Kerle, die mir ein Bein stellen wollten, aber -Dank sei seinem Schutzgeist - ich konnte mich freischwimmen. Das ist wirkliche Leistung: denn frei geboren zu werden ist kein Kunststück. Was glotzt du mich an wie der Ochs vorm Scheunentor?«

(58) Bei diesen Worten brach Giton, der an unserem Fußendel stand und sich schon lange das Lachen verbissen hatte, in ebenso ungehöriges Gelächter aus. Als Ascyltos' Widersacher dies bemerkte, lenkte er seine Schimpfreden auf den Jungen ab. »Auch du«, rief er, »auch du lachst, du Zwiebelkopf mit deinen Löckchen? Haben wir jetzt Fasching, sag mal: sind wir im Dezember? Wann hast du deine fünf Prozent bezahlt?

Was will dieser Galgenvogel, dies Rabenaas? Ich werde schon sorgen, daß Gott dir's heimzahlt und deinem Herrn, der dich nicht im Zaum hält. So wahr ich von Brot satt werden will, ich nehme nur Rücksicht auf meinen Kollegen, sonst hätte ich dir's auf der Stelle besorgt. Hier sitzen wir so gemütlich, und dann haben wir so 'ne Windbeutel, die dich nicht bei der Stange halten. Aber natürlich: wie der Herr, so 's Gescherr. Ich kann mich kaum beherrschen; dabei bin ich nicht jähzornig von Natur, aber wenn ich so richtig in Fahrt bin, geb ich nicht einen Heller um meine eigene Mutter. Sehr schön: ich werde dich auf der Straße treffen, du Ratte, du Knollengewächs. Nicht nach oben, nicht nach unten will ich wachsen, wenn ich nicht deinen Herrn in die Pfanne haue; und du kommst auch dran. Ich werde schon dafür sorgen, daß dir deine Viergroschenperücke und dein Achtgroschenjunge von Herr nichts nützen. Jawohl, ich kriege dich in die Zähne: wie ich mich kenne, wird dir das Lachen vergehen, auch wenn du so ein Goldkäferchen bist. Ich sorge dafür, daß dir Athana zürnt und dem, der dir zuerst gesagt hat, >Komm mal her, Kleiner!«

[Dann fiel er über Ascyltos her. »Und du aufgeblasener Akademiker:] Ich hab nicht Geometrie und Viehlosofie [unverständig verformt aus 'Philosophie'] und solchen Quatsch studiert; aber ich kann Großbuchstaben lesen, ich kann Prozente rechnen nach Maß, Gewicht und Geld. Kurz, wenn du willst, wollen wir eine Wette machen, ich mit dir. Komm nur her: hier ist mein Einsatz. Du wirst schon merken, daß dein Vater dein Lehrgeld vertan hat, wenn du auch Reederei [unverständig verformt aus 'Redekunst'] studierst. Also: >Wer bin ich? Weit komme ich, breit komm ich: jetzt löse mich!< Ich kann dir sagen: >Wer läuft schnell und bleibt doch stehn?<, oder: >Wer von uns nimmt zu und ab? < [Drei nicht eindeutig erklärbare Rätsel des Hermeros] Ja, da läufst du rum, da sperrst du's Maul auf, da hast du dich schwer, wie die Maus im Nachttopf. Deshalb halt's Maul und belästige nicht bessere Leute, für die du gar nicht existierst. Glaub nicht, daß mir deine hölzernen Ringe imponieren, die du deiner Freundin geklaut hast. Heiliger Profitius, steh mir bei! Laß uns zum Markt gehen und Geld borgen: da wirst du schon sehen, daß mein Eisenring Kredit hat. Gut schaust du aus, du begossener Hund, du! So will ich gute Geschäfte machen, so soll das Volk sagen, >der hat ein gutes Ende genommen<, wenn ich abkratze, wenn ich dir nicht auf den Hacken bleibe, bis ich dich erwische. Dein Lehrer ist auch ein feiner Herr - ein Brotfresser' und kein Professor. Uns hat man's besser gelernt; da sagte der Herr Lehrer: >Habt's ihr eure sieben Zwetschen beieinand? Direkt nach Haus; nicht umschauen; nicht frech sein zu Erwachsenen!< Aber jetzt: bloßes Geschwafel; was jetzt aus der Schule kommt, ist keinen Sechser wert. Aber ich, so wie du mich hier siehst, ich danke Gott für alles, was ich gelernt habe.«

(59) Ascyitos wollte auf diese Schimpfreden antworten; aber Trimaichio war über die Beredsamkeit seines Kollegen belustigt und sagte: »Na laßt doch diese Zänkereien! Seien wir doch gemütlich, und du, Hermeros, laß den jungen Mann in Ruhe. Er hat heißes Blut: zeige, daß du vernünftiger bist. Der Klügere gibt nach. Du warst auch einmal so ein Hähnchen - kikeriki, und ebenso unreif. Es ist viel netter, wenn wir wieder vergnügt sind, so wie vorher, und uns die Homeristen ansehen.«

Es kam auch gleich eine Schauspielertruppe herein und schlug Lanzen und Schilde zusammen. Trimalchio setzte sich auf ein Polster, und während die Homeristen, wie es ihre unleidliche Art ist, [ihren Scheinkampf] mit Dialog in griechischen Versen begleiteten, las er aus einem Buch die lateinische Übersetzung und trällerte sie laut mit. Als es dann still wurde, sagte er: »Wißt ihr, was für ein Stück sie aufführen? Diomedes und Ganymedes waren zwei Brüder; denen ihre Schwester war Helena. Agamemnon hat sie entführt, und Diana hat dafür eine Hirschkuh untergeschoben. So erzählt Homer jetzt, wie sich die Trojaner und die Tarentiner bekämpfen. Agamemnon hat natürlich gesiegt und seine Tochter Iphigenie dem Achilles zur Frau gegeben. Deshalb wird Ajax verrückt und wird uns gleich den Sachverhalt erklären.«

Wie Trimalchio das sagte, erhoben die Homeristen ein Geschrei, und während die Dienerschaft durcheinanderlief, brachte man auf einer Platte, die ihre zweihundert Pfund wog, ein ganzes gekochtes Kalb herein, das noch dazu einen Helm aufhatte. Ihm folgte ein Ajax und hieb es wie ein Rasender in Stücke, ging bald in Terz-, bald in Quartauslage und spießte schließlich Fleischstüdce auf, die er den staunenden Gästen servierte; auf diese Weise tranchierte er das Kalb.

(60) Nicht lange konnten wir solch elegante Surprise bewundern; denn plötzlich begann die Decke zu krachen, so daß der ganze Speisesaal erbebte. Voller Bestürzung stand ich auf: ich hatte Angst, daß irgendein Akrobat vom Dach herabkommen würde. Nicht weniger erstaunt schauten auch die anderen Gäste nach oben und erwarteten die neueste Überraschung aus Himmelshöhn. Da tat sich die Deckentäfelung auf und ein riesiger Reifen wurde heruntergelassen, an dem rundherum goldene Kränze mit Parfümflaschen hingen. Während man uns auffordert, diese Geschenke mitzunehmen, blicke ich auf den Tisch [...]

Da hatte man schon ein Tablett mit Kuchen aufgestellt; in der Mitte stand ein vom Konditor verfertigter Priapus, der in üblicher Weise in seinem geräumigen Schurz allerlei Früchte und Trauben trug. Als wir begierig unsere Hände nach diesem pompösen Gericht ausstreckten, stellte eine neue Uberraschung unsere frühere Heiterkeit wieder her. [Die meisten dieser Früchte waren nämlich Attrappen,] und bei der leisesten Berührung verspritzten die Kuchen und das Obst Safranwasser, so daß uns die widerliche Flüssigkeit ins Gesicht sprühte.

In der Meinung, daß ein so rituell ausgestattetes Gericht eine religiöse Bedeutung haben müsse, erhoben wir uns und riefen: »Heil seiner Majestät, dem LandesVater!« Als wir aber nach diesem patriotischen Festakt sahen, daß andere Gäste sich Obst einsteckten, füllten auch wir unsere Servietten und besonders ich selber, da mir nichts zu gut schien, um Gitons Taschen zu füllen.

Derweil kamen drei Knaben in hochgeschürzten weißen Tuniken herein: zwei von ihnen stellten Statuetten von Hausgöttern, mit Kapseln um den Hals, auf den Tisch; [zu den zwei Laren fügte man eine dritte Statue, und außerdem eine wächserne Porträtbüste, die dem Genius des Hausherrn geweiht war.] Der dritte Knabe trug einen Kelch voll Wein herum, rief: »Mit Gottes Segen!«, [und sprenkelte Trankopfer. Man küßte die Statuetten,] und da alle auch Trimalchios Porträtbüste küßten, genierten wir uns, dies nicht mitzumachen.

(61) Nachdem wir uns alle gegenseitig geistige und körperliche Gesundheit zugetrunken hatten, wendete sich Trimalchio zu Niceros und sagte: »Früher warst du vergnügter bei Tisch; aus irgendeinem Grund hältst du jetzt den Mund und gibst keinen Mucks von dir. Wenn du mir einen Spaß machen willst, dann erzähl doch bitte dein Abenteuer, von dem du uns immer berichtest.« Niceros war begeistert über die Leutseligkeit seines Freundes und sagte: »Ich will Pleite gehen, wenn ich nicht einen Heidenspaß daran habe, dich so guter Laune zu sehen. Da wollen wir denn unsere Geschichte erzählen, wenn ich auch etwas Angst habe vor diesen gebildeten Herrn, sie könnten über mich lachen. Na sollen sie lachen, ich erzähl's trotzdem. Was kostet's mich schon, wenn mich einer auslacht? Immer noch besser, daß man mit mir, als über mich lacht.«

Sprach's' und erzählte folgende Geschichte: »Als ich noch Sklave war, da wohnten wir im Haus zur Engen Gasse, das jetzt Gavilla gehört. Dort fügten es die Götter, daß ich mich in die Frau des Kneipwirts Terentius verliebte. Ihr kanntet sie ja, Melissa aus Tarent, ein sehr hübsches Dickerchen. Aber weiß Gott, ich machte mir was aus ihr, nicht wegen dem Zusammenschlafen und so, sondern besonders, weil sie so ein gutherziges Mensch war; wenn ich was von ihr wollte, sagte sie nie nein, wenn sie einen Groschen verdiente, kriegte ich 'nen Sechser. Ich hab ihr mein Geld anvertraut, und niemals wurde ich beschissen. Nun wurde der Mann, mit dem sie auf dem Lande zusammenlebt, ins Jenseits abberufen. Da setzte ich alles daran, so oder so, auf irgendeine Weise zu ihr zu kommen: denn, wie man so sagt, in der Not zeigt sich, wer ein Freund ist. (62) Zufällig war mein Herr nach Capua gegangen, um da seinen Kram zu verhökern. So benutzte ich die Gelegenheit und überredete einen Gast, der bei uns eingekehrt war, er sollte mich bis zum fünften Meilenstein begleiten. Das war ein Soldat, stark wie der Teufel. Wir machen uns also auf die Socken, so zur Zeit des ersten Hahnenschreis, der Mond schien wie am hellen Mittag. Wir kommen zum Friedhof, mein Freund macht sich an die Grabmäler heran, ich hocke mich nieder, dabei sing ich mir ein Liedchen und zähle die Grabsteine. Wie ich mich aber nach meinem Gefährten umsehe, da hat er sich ausgezogen und alle seine Kleider an den Straßenrand gelegt. Na, mir blieb beinahe die Puste weg: ich stand da wie eine Leiche. Der pißte um seine Kleider herum, und im Nu hatte er sich in einen Wolf verwandelt. Glaubt nicht, daß das einWitz ist: um kein Geld der Welt möchte ich eine Lüge erzählen. Also, wie ich schon gesagt habe, er wurde ein Wolf, dann fing er an zu heulen und rannte in den Wald hinein. Ich wußte zuerst gar nicht, wie mir geschah, dann ging ich heran und wollte seine Kleider aufheben, aber die waren zu Stein geworden. Wenn je einer vor Schrecken starb, das war ich. So zog ich denn meine Plempe raus und schlug die ganze Zeit wie ein Verrückter um mich: ich hieb auf die Schatten ein, bis ich schließlich zu dem Gutshaus kam, wo meine Freundin wohnte. Ich kam rein wie eine Leiche, beinahe hatte ich meinen letzten Schnaufer getan, der Schweiß lief mir nur so zwischen den Beinen runter, meine Augen waren ganz abgestorben, und ich konnte kaum zu mir kommen. Meine Melissa wunderte sich, daß ich so spät unterwegs war, und sagte: >Wärst du etwas eher gekommen, hättest du uns wenigstens helfen können; denn ein Wolf kam in den Gutshof und hat alles Vieh gerissen: wie ein Schlächter hat er ihnen das Blut abgelassen. Aber er konnte uns doch nicht zum Narren halten, wenn er auch entkommen ist,; denn unser Knecht hat ihm mit einem Spieß durch den Hals gestochen.< Wie ich das hörte, kriegte ich kein Auge mehr zu; sobald es hell war, rannte ich zurück zu dem Haus unseres Herrn Gajus wie ein betrogener Schenkwirt, und als ich an den Platz kam, wo die Kleider versteinert waren, da fand ich nichts als Blut. Wie ich aber nach Hause komme, da liegt mein Soldat steif im Bett, steif wie ein Ochs, und ein Arzt behandelt seinen Hals. Ich sah also wohl, daß er ein Werwolf war, und konnte mit ihm danach nie wieder ein Stück Brot brechen, selbst ums Verrecken nicht. Denkt darüber, was ihr wollt, aber wenn ich lüge, so will ich eure Schutzengel zu Feinden haben.«

(63) Uns allen gruselte es, und Trimalchio sagte: »Ich will deine Erzählung nicht anzweifeln; nein, ihr könnt mir glauben, mir standen die Haare zu Berge; denn ich weiß, daß Niceros kein Schwätzer ist. Im Gegenteil: was er sagt, hat Hand und Fuß. Auch ich will euch was Grausliches erzählen - >der Esel auf dem Dach<, [wie man sagt: die unnatürlichsten Dinge können geschehen.] Also, wie ich noch ein Knabe im lockigen Haar war, [denn von Jugend auf hab ich gelebt wie der Herrgott in Frankreich], da starb der Lieblingsknabe von unserem Chef. Bei Gott, das war eine wahre Perle, ein wunderschöner Jüngling und perfekt in jeder Hinsicht. Als ihn nun sein armes Mütterchen beweinte und mehrere von uns Mitsklaven das Getrauer mitmachten, da begannen plötzlich die Hexen draußen zu heulen wie Hunde, die hinterm Hasen her sind. Wir hatten damals einen Kappadozier, einen Riesenkerl, der vor nichts Schiß hatte; und stark war der - er hätte einen wilden Bullen hochheben können. Der hatte Mumm: gleich zog er sein Schwert, wickelte sich vorsichtigerweise seinen Mantel um den linken Arm, raus aus der Tür, und draußen stieß er einer von den Hexen das Schwert durch und durch an dieser Stelle - nicht auf mich soll's gesagt sein! Wir hörten was stöhnen, aber - ich will nicht lügen - sehen taten wir nichts. Wie aber unser Kraftmensch wieder reinkam, warf er sich aufs Bett; er war am ganzen Leib braun und blau, als ob man ihn verdroschen hätte, denn die böse Hand hatte ihn berührt. Wir machten die Tür zu und kehrten zu unserer Leichenwache zurück, aber wie die Mutter die Leiche ihres Sohnes umarmt und anfaßt, sieht sie, daß es ein Bündel Stroh ist. Da war kein Herz, keine Eingeweide, gar nichts: offenbar hatten die Hexen den Knaben gestohlen und eine Strohpuppe untergeschoben. Ihr müßt mir bitte glauben: es gibt Weiber, die geheimen Zauber kennen, es gibt Nachtunholdinnen, die kehren das Oberste zuunterst. Übrigens hat sich der große Kraftkerl nach diesem Vorfall nie wieder erholt, sondern nach wenigen Tagen wurde er irrsinnig und starb.«

(64) Auch diese Schauergeschichte glauben wir; wir küssen den Tisch, und beten zu den Nachtunholdinnen, sie möchten zu Hause bleiben, wenn wir vom Mahl heimgehen [...]

Und schon sah ich die Lampen doppelt, und der ganze Speisesaal schien sich mir im Kreise zu drehen, als Trimalchio ausrief: »Na und du, Plocamus - ja, dich meine ich: du erzählst nichts? Du willst uns nicht unterhalten. Du warst doch sonst amüsanter, wie du uns aus Operetten was vorgesungen hast. Ach ja, die schönen Tage von dazumal sind vorbei.« Plocamus antwortete: »Bei mir flutscht's nicht mehr so recht, seit ich die Gicht habe. Ja wie ich noch jung war: da hab ich mir vor lauter Singen beinahe die Schwindsucht geholt. Wie konnte ich da tanzen! Wie Lustspiele deklamieren! Wie einen Barbier nachmachen! Wer war mir ebenbürtig außer Apelles?« Und er hielt sich die Hand vor den Mund und pfiff irgend etwas Scheußliches, was, wie er nachher behauptete, Griechisch war.

Trimalchio machte seinerseits Trompeter nach, und dann blickte er sich nach seinem Favoriten um, den er Croesus nannte. Das war jener triefäugige Bursche, mit ganz verschmutzten Zähnen; der umwickelte ein schwarzes, abscheulich fettes Schoßhündchen mit einer grünen Binde, legte ein halb aufgegessenes Brot auf sein Polster und stopfte das Tier damit, obwohl es sich weigerte und ihm schon übel war. Als Trimalchio dies sah, brachte es ihn auf eine Idee: er hieß Scylax hereinführen, »des Hauses und der Hausbewohner Schutz«. Sofort wurde auch ein riesiger Hund an der Kette hereingebracht, der Portier gebot ihm mit einem Fußtritt, sich zu kuschen, und er legte sich vor dem Tisch nieder. Trimalchio warf ihm ein Weißbrot zu und sagte: »Niemand in meinem Haus liebt mich mehr.«

Den Jungen ärgerte es, daß er Scylax so übertrieben lobte; er setzte seinen Hund auf den Boden und hetzte ihn auf den anderen. Scylax, wie es Hundeart ist, füllte den ganzen Saal mit lautem Gebell und riß Croesus' »Perle« beinahe in Stücke. Es blieb auch nicht bei der Hunderauferei, sondern ein auf dem Tisch stehender Kandelaber wurde umgeworfen, zerbrach alle Kristallgefäße und bespritzte einige Gäste mit brennendem Öl. Trimalchio wollte nicht zeigen, daß dieser Verlust auf ihn Eindruck machte: er küßte den Jungen und hieß ihn auf seinen Rücken klettern. Der bestieg auch gleich sein Pferd, schlug ihm mit den Fäusten auf die Schultern und schrie lachend: »Backe, Backe, wie viele sind's? «

Als sich Trimalchio nach einer Weile beruhigt hatte, ließ er in einem großen Trinkgefäße Wein mischen und an alle Sklaven verteilen, die den Gästen zu Füßen saßen, mit dieser Ausnahme: »Wenn's einer nicht will, gießt ihm's übern Kopf. 'Tages Arbeit, abends Gäste'.«

(65) Nach dieser leutseligen Handlung brachte man Delikatessen herein: glaubt mir, noch wenn ich drandenke, wird mir schlecht. Jedem von uns servierte man nämlich statt Krammetsvögeln fette Poularden sowie Gänseeier »mit einer Filzmütze«; Trimalchio ersuchte uns mit äußerstem Nachdruck, sie zu essen: es seien, sagte er, 'ausgebeinte Hennen'.

Auf einmal klopfte ein 'Amtsdiener' an die Tür des Speisesaales, und ein weißgekleideter Mann, der offenbar schon schwer geladen hatte, trat mit großem Gefolge ein. Sein hoheitsvolles Auftreten erschreckte mich: ich glaubte, ein Prätor sei gekommen, und daher versuchte ich aufzustehen, obwohl ich barfuß war. Agamemnon aber machte sich über meine Bestürzung lustig und sagte: »Beruhige dich, du Dummkopf. Dies ist Habinnas, ein Mitglied des Sechserkollegiums und zugleich ein Steinmetz, der die besten Grabsteine fabrizieren soll.«

Erleichtert legte ich mich wieder nieder und betrachtete Habinnas, wie er hereinkam, mit größter Bewunderung. Er war schon ganz betrunken; mit beiden Händen stützte er sich auf die Schultern seiner Frau, während ihm von seinem mit Kränzen beladenen Kopf das Parfüm über seine Stirne und sein ganzes Gesicht tropfte. Er ließ sich auf dem für den Prätor reservierten Ehrenplatz nieder und verlangte sofort Wein und warmes Wasser. Trimalchio, erfreut über Habinnas' gute Laune, verlangte seinerseits einen größeren Becher und fragte ihn, wie er [bei dem Gelage, von dem er kam,] aufgenommen worden sei. »Es fehlte nichts«, sagte er, »außer dir; denn in Gedanken war ich hier. Bei Gott, es war großartig. Scissa gab einen prächtigen Leichenschmaus für seinen armen Sklaven, den er noch auf dem Totenbette freigelassen hatte. Ich glaube, er muß den Steuereinnehmern noch eine tüchtige Nachzahlung machen; denn sie veranschlagen den Wert des Verstorbenen mit 50 000. Aber es war wirklich nett, wenn wir auch die Hälfte unseres Weines über seine armen Knochen schütten mußten.«

(66) »Aber was gab's zu essen?« fragte Trimalchio. »Ich will dir's gerne sagen, wenn ich kann«, sagte Habinnas, »aber ich habe so ein schlechtes Gedächtnis, daß ich manchmal meinen eigenen Namen vergesse. Als ersten Gang hatten wir ein mit Würsten behangenes Schwein, umlegt mit Blutwurst und Hühnerklein - also ganz erstklassig; und dann Rüben und hausgebackenes Vollkornbrot'. Das mag ich lieber als weißes; denn es macht einen kräftig, und wenn ich mich ausmachen muß, brauche ich nicht zu drücken. Das nächste Gericht war eine To-To-Torte und Honig, mit prima spanischem Wein übergossen. So nahm ich mir nichts von der Torte, aber in den Honig hab ich mich ordentlich reingekniet. Rundherum lagen Erbsen und Bohnen, Bartnüsse, soviel man wollte, und ein Apfel für jeden. Ich habe mir zwei genommen und habe sie hier in meiner Serviette eingepackt; denn wenn ich meinem kleinen Sklaven nich was mitbringe, dann gibt's Krach.

Aber meine Frau Gemahlin erinnert mich ganz richtig: man setzte uns Bärensteak vor. Scintilla war unvorsichtig genug, davon zu kosten, und hat sich beinahe die Seele aus dem Leib gekotzt. Ich dagegen habe über ein Pfund davon gegessen; denn es schmeckte ganz so wie Wildschwein. So wie ich sagte: wenn der Bär das arme Menschlein frißt, um wieviel mehr soll das Menschlein den Bären fressen. Zuletzt hatten wir Weichkäse, in Wein eingelegt, und jeder eine Schnecke und Kuttelflecke und Schüsselchen mit Leber und Eier 'mit Mützen' und Rüben und Senf, und so'n zusammengeschissenes Ragout - Potztausend! In einer Schale reichte man auch eingesalzene Oliven herum, und manche waren so unverschämt, daß sie drei Hände voll nahmen. Auf den Schinken hatten wir schon verzichtet.

(67) Aber sag mir doch, mein lieber Gajus, warum liegt Fortunata nicht mit bei Tisch?« - »Du kennst sie doch«, sagte Trimalchio, »ehe sie nicht das Silberzeug weggepackt und den Sklaven das übriggebliebene Essen ausgeteilt hat, läßt sie keinen Tropfen Wasser über ihre Lippen.« - Habinnas antwortete: »Mag sein, aber wenn sie nicht zu Tisch kommt, kannst du meinem Hintern nachsehen.« Und er machte Miene, aufzustehen, wenn nicht die Dienerschaft auf einen Wink Trimal chios sie viermal und noch öfter gerufen hätte. So kam sie denn herein, ihr Oberkleid mit einem gelben Gürtel hochgeschürzt, so daß darunter eine kirschrote Tunika zu sehen war sowie gewundene Knöchelspangen und vergoldete weiße Schuhe. Mit einem Taschentuch, das sie im Ausschnitt trug, wischte sie sich die Hände ab; dann ließ sie sich auf demselben Divan nieder, auf dem Habinnas' Frau Scintilla lag, und während jene in die Hände klatschte, küßte Fortunata sie und sagte: »Wie nett, dich zu sehen!«

Schließlich ergab es sich, daß Fortunata die Armreifen von ihren sehr dicken Armen abstreifte und sie Scintilla zeigte, die sie bewunderte. Dann nahm sie auch ihre Knöchelspangen ab und ein goldenes Haarnetz, das, wie sie sagte, aus sechzehnkarätigem Gold war. Als Trimalchio das sah, ließ er sich den ganzen Schmuck bringen und sagte: »Seht ihr, wie man Frauen fesselt? So werden wir Pantoffelhelden hochgenommen. Das wiegt mindestens sechseinhalb Pfund. Aber ich habe auch einen Armreifen, der wiegt seine zehn Pfund und hat so viel gekostet, wie das eine Promille meiner Einnahmen, das ich Merkur gelobt hatte.« Um zu zeigen, daß er nicht lüge, ließ er schließlich eine Waage bringen und herumreichen, so daß jeder das Gewicht kontrollieren konnte. Scintilla benahm sich nicht besser: sie löste sich ein goldenes Medaillon vom Halse; das nannte sie ihr Glücksamulett. Sie öffnete die Kapsel und nahm zwei Ohrringe heraus, die sie ihrerseits Fortunata zum Ansehen gab; dabei sagte sie: »Dank meinem Herrn Gemahl hat niemand schöneren Schmuck als ich.« - »Was?« sagte Habinnas, »schön hast du mich hochgenommen und mir zugesetzt, bis ich dir diese Kinkerlitzchen gekauft habe. Wahrhaftig, wenn ich eine Tochter hätte, würde ich ihr die Ohren abschneiden. Wär's nicht um die Weiber, so könnten wir mit einem bischen Dreck auskommen, aber so heißt's >heiß pissen und kalt trinken<.«

Die Frauen, anfänglich beleidigt, kicherten; bald waren sie betrunken und küßten einander, und die eine prahlte, was für eine gute Hausfrau sie sei, während die andere sich beklagte, daß ihr Mann sie über seinem kleinen Lieblingssklaven vernachlässige. Wie sie sich so umarmten, stand Habinnas unbemerkt auf, packte Fortunata an den Füßen und warf sie rücklings auf das Sofa. Sie schrie laut: »Igittigitt«, denn ihr Rock rutschte bis über die Knie hoch. Sie brachte sich wieder in Ordnung, verbarg ihr hochrotes Gesidn an Scintillas Busen und wischte es mit ihrem Tuch ab.

(68) Kurz darauf hieß Trirnalchio den Nachtisch hereinbringen. Die Diener nahmen alle Tische fort und ersetzten sie durch andere; gleichzeitig streuten sie mit Safran und Zinnober gefärbte Sägespäne sowie - was ich noch nie zuvor gesehen hatte - Marienglas, das zu Pulver zerrieben war. Alsbald sagte Trimalchio: »Ich hätte mich ja mit diesem Gang begnügen können; denn jetzt habt ihr ja Nach-Tische. Aber wenn du was Gutes hast, trag's auf!«

Inzwischen machte ein Knabe aus Alexandrien2, der das warme Wasser servierte, die Nachtigall nach, woraufhin Trimalchio rief: »Was anderes!« So begann denn eine andere Vorführung. Der zu Habinnas' Füßen sitzende Sklave, den sein Herr, wie ich glaube, dazu anstiftete, begann zu singen:

»Schon auf hoher See war jetzt mit der Flotte Aeneas.«

Niemals hat mir ein schrilleres Geräusch in die Ohren gegellt: er entstellte nicht nur den Text in barbarischer Weise, brüllte oder murmelte, sondern er schob zwischen den Zeilen obszöne Possenverse ein, so daß mir zum erstenmal sogar Vergil verekelt wurde. Als er aber müde war und ein Weilchen aufhörte, sagte Habinnas: »Er hat nie Unterricht genommen, sondern ich habe ihn nur unter die Marktschreier geschickt und ihm so Bildung beigebracht. Drum hat er nicht seinesgleichen, ob er nun Maultiertreiber oder Marktschreier nachmacht. Er ist verdammt begabt: er kann schustern, kochen, backen - kurz, ein Bursche, der alles kann. Er hat nur zwei Fehler - ohne die wäre er perfekt: er ist nämlich beschnitten, und er schnarcht. Daß er schielt, stört mich nicht; denn Venus schaut einen ja auch von der Seite an. Deswegen redet er auch immerzu und schließt kaum jemals die Augen.8 Dreihundert Denare hab ich für ihn gezahlt - «

(69) Da unterbrach ihn Scintilla: »Du zählst nicht alle Kunststücke von diesem Nichtsnutz auf. Ein Kuppler ist er, und ich werde dafür sorgen, daß er einen Denkzettel kriegt.« Trimalchio lachte und sagte: »Daran erkenn ich meine Kappadozier. Der läßt sich nichts abgehen, und bei Gott, ich geb ihm Recht; denn wenn man tot ist, wird einem nichts nachgeliefert. Aber du, Scintilla, sei nicht eifersüchtig. Glaube mir, über euch Weiber wissen wir auch Bescheid. So will ich gesund sein, wie es wahr ist, daß ich die Frau von meinem Chef so oft durchgezogen habe, daß der Boß schließlich was vermutete und mich deshalb als Gutsverwalter aufs Land schickte. Doch Zunge, schweige still: ich geb dir Brot.«

Der elende Sklave, der das alles als Kompliment auffaßte, holte eine tönerne Lampe aus der Tasche und machte über eine halbe Stunde lang einen Flötenbläser nach, während Habinnas seine Unterlippe mit den Fingern herabdrückte und die zweite Stimme mitsang. Schließlich trat der Bursche gar in die Mitte des Saales: bald imitierte er durch das Anschlagen von Schilfrohren die Musik eines Flötisten, bald zog er sich einen Mantel an, nahm eine Peitsche und machte Maultiertreiber nach. Schließlich rief ihn Habinnas zu sich, küßte ihn, gab ihm zu trinken und sagte: »Erstklassig! Massa, ich schenke dir ein Paar Stiefel.«

Das Elend hätte kein Ende genommen, wenn man nicht das Nachgericht hereingetragen hätte: Krammetsvögel aus feinem Weizenteig, gefüllt mit Rosinen und Nüssen. Es folgten Quitten, die man mit Dornen besteckt hatte, damit sie wie Seeigel aussähen. Das wäre noch erträglich gewesen, hätte man nicht noch eine Platte hereingebracht, so ekelhaft, daß wir lieber Hungers gestorben wären [, als sie anzurühren.] Denn als man das Gericht niedergesetzt hatte und wir glaubten, wir hätten vor uns eine Mastgans, umgeben von Fischen und diversem Geflügel, da sagte Trimalchio: »Liebe Freunde, alles, was ihr hier vor euch seht, ist aus ein und derselben Substanz verfertigt.« Ich Schlaukopf glaubte gleich zu wissen, worum es sich handelte, wandte mich Agamemnon zu und sagte: »Es sollte mich nicht wundern, wenn das alles aus Menschenkot oder wenigstens Schlamm und Lehm gemacht ist. Beim Karneval in Rom habe ich gesehen, wie man solche Attrappen herstellte.«

(70) Ich hatte noch nicht ausgesprochen, als Trimalchio sagte: »So will ich zunehmen - an Vermögen, nicht am Bauchumfang -, so wahr mein Koch dies alles aus Schweinernem gemacht hat. Keiner ist so wertvoll wie er. Wenn du willst, macht er dir aus Saueuter einen Fisch, aus Schmalz eine Taube, aus Schinken eine Turteltaube, aus einer Schweinshaxe ein Huhn. Daher habe ich mir für ihn auch einen sehr hübschen Namen ausgedacht, denn er heißt Dädalus. Und weil er so begabt ist, habe ich ihm aus Rom Messer aus Stahl von Norikum mitgebracht.« Die ließ er auch gleich hereinbringen, beschaute sie mit Bewunderung und erlaubte uns dann, an unseren Backen auszuprobieren, wie scharf sie waren [...].

Auf einmal kamen zwei Sklaven herein, die taten, als ob sie sich am Brunnen gestritten hätten: jedenfalls trugen sie die Wasserkrüge noch um den Hals. Trimalchio wollte ihren Streit schlichten, aber keiner von beiden gab sich mit der richterlichen Entscheidung zufrieden, sondern jeder zerschlug den Krug des anderen mit einem Knüppel. Wir waren über die Frechheit der Betrunkenen ganz entsetzt, aber als wir der Rauferei genau zusahen, bemerkten wir auf einmal, wie aus den Bäuchen der Gefäße Austern und Kammuscheln herausfielen, die ein Bursche in einer Schüssel auffing und herumreichte. Der erfindungsreiche Koch ließ es seinerseits an Kunstfertigkeit nicht fehlen: in einem Silberkörbchen brachte er nämlich Schnecken herein und sang dabei in einem scheußlichen Tremolo.

Das weitere zu berichten, geniere ich mich: denn es war sozusagen der Gipfel. Lockige Knaben brachten Parfüm in einem silbernen Becken und salbten damit die Füße der Gäste, nachdem sie zuvor ihre Beine bis zur Ferse mit Girlanden umwickelt hatten. Dann goß man von demselben Parfüm in den Weinbehälter und in die Lampen. Schon schickte sich Fortunata an zu tanzen; schon klatschte Scintilla in die Hände [reden konnte sie kaum noch], da sagte Trimalchio: »Philargyrus und du, Cario, obwohl du ein berüchtigter >Grüner< bist - ich erlaube euch, Platz zu nehmen, und sag deiner Braut Menophila, sie darf es auch.« Was soll ich noch sagen? Wir wurden beinahe von den Sofas heruntergestoßen, so sehr hatte sich der ganze Speisesaal mit Dienern gefüllt. Meinerseits bemerkte ich, wie sich neben mir der Koch niederließ, der die Gans aus Schweinefleisch gemacht hatte: er stank nach Salzlake und Gewürzen. Er war auch nicht damit zufrieden, nur bei Tisch zu liegen, sondern er imitierte sogleich den Tragödienschauspieler Ephesus und versuchte darauf, seinen Herrn zu einer Wette zu verlocken, daß »ein Grüner bei den nächsten Zirkusspielen die erste Siegespalme erhalten werde«.

(71) Erheitert durch diese Herausforderung sagte Trimalchio: »Freunde, auch Sklaven sind Menschen und wurden mit demselben Milch gesäugt wie wir, auch wenn ein böser Los sie bezwungen hat.! Aber solange ich lebe, und zwar bald, sollen sie die Freiheit schmecken: ich lasse sie nämlich alle in meinem Testament frei. Dem Philargyros hinterlasse ich außerdem ein Grundstück sowie seine Lebensgefährtin; dem Cario ein Mietshaus und ein Bett mit Ausstattung, und außerdem werden ihm die fünf Prozent erlassen. Meine liebe Fortunata aber setze ich zur Universalerbin ein und lege sie allen meinen Freunden ans Herz. Und das mache ich alles schon jetzt bekannt, daß mein Haushalt mich liebhaben soll, als sei ich schon tot.«

Alle dankten ihrem Herren für seine Huld; er aber machte Ernst, ließ sein Testament hereinbringen und las es von Anfang bis Ende vor, während das ganze Gesinde laut flennte. Dann wandte er sich Habinnas zu und sagte: »Nun, mein lieber Freund, wirst du mein Grabmal so bauen, wie ich's bestellt habe? Ich bitte dich sehr, bilde zu Füßen meines Standbildes mein Hündchen ab und Kränze und Parfüm und alle Kämpfe des Petraites, so daß es mir deine Kunst ermöglicht, nach meinem Tod weiterzuleben. Außerdem möchte ich das Monument mit hundert Fuß Fassade und zweihundert Fuß lang haben. Alle Sorten Obst sollen meine Aschenurne umgeben und Reben in großer Menge. Es ist nämlich grundfalsch, sich bei Lebzeiten sein Haus gut einzurichten, aber dasjenige zu vernachlässigen, in dem wir länger wohnen müssen. Daher will ich vor allem, daß du draufschreibst: >Dies Grabmal soll nicht vererbt werden.<

Außerdem will ich mich testamentarisch davor schützen, nach meinem Tode belästigt zu werden. Ich werde nämlich einen meiner Freigelassenen bestallen, mein Grab zu bewachen, damit das Volk nicht zu meinem Monument läuft, um dort zu kacken. Ich möchte auch, daß du an den Seitenwänden Segelschiffe in voller Fahrt abbildest und mich selbst, wie ich mit der Toga praetexta bekleidet auf dem Podium sitze, mit fünf goldenen Ringen, und aus einem Beutel Geld unter das Volk werfe: du weißt ja, daß ich ein öffentliches Bankett gegeben habe, wo jeder zwei Denare bekam. Du kannst auch, wenn du willst, einen Speisesaal darstellen lassen, und da wirst du abbilden, wie sich's das ganze Volk wohl sein läßt. Zu meiner Rechten stelle eine Büste meiner Fortunata auf, wie sie eine Taube in der Hand hält, und sie soll eine kleine Hündin an der Leine führen; und dann meinen kleinen Liebling und große Fässer, aber gut vergipst, daß der Wein nicht ausläuft; und meißele eine zerbrochene Urne und darauf einen weinenden Knaben. In der Mitte soll eine Uhr sein, so daß jeder, der wissen will, wie spät es ist, nolens volens meinen Namen lesen muß. Sieh auch zu, ob dir die folgende Inschrift angemessen erscheint:

Hier ruht
C. Pompeius Trimalchio Maecenatianus
er wurde zum Sevir ernannt, ohne zu kandidieren.
In Rom hätte er jeden Beamtenposten
haben können, doch schlug er's ab.
Pflichtbewußt - energisch - zuverlässig.
Mit wenig fing er an, hinterließ
dreißig Millionen,
und hat nie eine Vorlesung gehört.
Vale - et tu [gehab dich wohl - auch du ].

(72) Wie Trirnalchio das sagte, schluchzte er laut; es flennte Fortunata, es flennte Habinnas und mit ihnen das ganze Gesinde: als wären sie auf eine Leich geladen, füllte ihr Lamentieren den Saal. Ja sogar ich hatte schon angefangen zu weinen, da sagte Trimalchio: »Nun, wo wir wissen, daß wir sterben müssen, warum genießen wir nicht das Leben? So wahr ich euch alle glücklich sehen möchte - alle Mann rin ins Bad, auf meine Verantwortung, niemand wird's leid tun. Heiß ist es wie ein Ofen.« - »Ganz recht, ganz recht«, sagte Habinnas, »aus einem Tag zwei machen: nichts täte ich lieber«, und er stand auf und folgte barfuß Trimalchio, der wieder vergnügt war.

Ich sah mich nach Ascyltos um und sagte: »Was meinst du? Wenn ich das Bad nur sehe, ist's aus mit mir.« - »Wir wollen scheinbar mitmachen«, sagte er, »und während sie ins Bad gehen, werden wir uns in dem Wirbel verdrücken.« Das schien uns eine gute Idee, und unter Gitons Führung schlichen wir durch die Säulenhalle an die Tür: dort aber empfing uns ein Kettenhund mit solchem Gebell, daß Ascyltos vor Schrecken in den Fischteich fiel. Ich, der ich nicht weniger betrunken war als er und mich schon vor dem gemalten Hund gefürchtet hatte, wurde von meinem Schwimmer, als ich ihm heraushelfen wollte, mit ins Wasser gerissen. Es rettete uns der Pförtner: er kam, beruhigte den Hund und zog uns, die vor Kälte schlotterten, aufs Trockene. Giton hatte sich aber schon vorher sehr klug von dem Hund losgekauft, denn alles, was wir ihm an Speisen mitgegeben hatten, hatte er dem bellenden Köter vorgeworfen, so daß dieser, vom Fressen angelockt, seine Wut vergaß. Als wir aber nun völlig durchfroren den Pförtner baten, uns durchs Tor hinauszulassen, sagte er: »Du irrst, wenn du meinst, du kannst dort herausgehen, wo du hereingekommen bist. Kein Gast wurde jemals zur selben Tür herausgelassen: zur einen kommt man herein, zur anderen geht man hinaus.«

(73) Was konnten wir armen Teufel tun? Wir befanden uns in einem neuartigen Labyrinth als Gefangene; zudem war uns, [naßkalt wie wir waren,] ein heißes Bad höchst erwünscht. Wir baten daher von uns aus den Pförtner, uns ins Bad zu führen. Am Eingang legten wir unsere Kleider ab, die Giton zu trocknen begann, und betraten das Bad. Es war recht eng und glich mehr der Zisterne eines Kaltwasserbades; drinnen stand Trimalchio aufrecht, und auch hier konnten wir seiner widerlichen Protzerei nicht entgehen. Nichts sei besser, sagte er, als ohne Gedränge zu baden; an dieser Stelle habe einst ein Backofen gestanden. Als er sich dann ermüdet hinsetzte, veranlaßte ihn die volltönende Akustik des Gewölbes, sein besoffenes Maul zur Decke zu erheben: er mißhandelte Lieder des Menecrates, wie diejenigen behaupteten, die Trimalchios Sprache verstanden. Andere Gäste liefen um den Rand des Beckens herum, wobei sie einander an den Händen hielten und laut »Ringel, Ringel, Reihe« brüllten. Andere versuchten, mit den Händen hinter dem Rücken Ringe vom Boden [mit den Zähnen] aufzuheben oder, auf den Knien liegend, mit rückwärts gebeugtem Körper ihre Zehen zu berühren. Während die anderen sich so vergnügten, stiegen wir in die Wanne hinunter, in der man Wasser für Trimalchios Bad heiß gemacht hatte.

Als wir so unseren Rausch losgeworden waren, führte man uns in einen anderen Speisesaal, wo Fortunata alle ihre Prachtstücke zur Schau gestellt hatte, so daß ich über Lampen [...] sowie Bronzestatuetten von Fischern bemerkte und Tische ganz aus Silber und drum herum Becher aus vergoldetem Steingut und Wein, den man aus einem Filtersack fließen sah. Da sagte Trimalchio: »Freunde, heute hat einer meiner Sklaven sein Bartfest gefeiert - ein Bursch, wenn ich so sagen darf, der sparsam ist und seine paar Kröten zusammenhält. Drum wollen wir das begießen und bis Tagesanbruch zechen.«

(74) Wie er das sagte, krähte ein Hahn. Durch dieses Omen erschreckt, ließ Trimalchio Wein unter dem Tisch ausgießen und auch die Lampe mit ungemischtem Wein besprengen. Ja, er steckte auch einen Ring von der linken Hand an die rechte und sagte: »Nicht ohne Grund hat dieser Trompeter geblasen; denn entweder muß es irgendwo brennen, oder jemand in der Nachbarschaft haucht den Geist aus.Unberufen! Wer mir daher diesen Unglückspropheten bringt, bekommt ein Trinkgeld.« Gesagt, getan: man brachte sogleich einen Hahn aus der Nachbarschaft, den Trimalchio in einem Bronzekessel zu kochen befahl. Er wurde daher von dem höchst geschickten Koch, der kurz zuvor aus Schweinefleisch Geflügel und Fische gemacht hatte, zerlegt und in den Kochtopf geworfen. Während der Koch Dädalus einen heißen Grog trank, mahlte Fortunata Pfeffer in einer Pfeffermühle aus Buchsbaumholz.

Man aß Appetithappen; dann sah sich Trimalthio nach dem Gesinde um und rief: »Was, ihr habt noch nicht gegessen? Fort mit euch, und laßt andere euer Amt übernehmen!« Es kam also ein neuer Haufen herein; die Abmarschierenden riefen: »Vale, Gajus«, die Neuen: »Ave, Gajus.« Hier kam es zu einem ersten Zwischenfall, der die Gemütlichkeit störte; denn als zusammen mit den neuen Dienern ein sehr hübscher Junge hereinkam, stürzte sich Trimalchio auf ihn und küßte ihn gründlich ab. Um ihre Gleichberethtigung unter Beweis zu stellen, fing Fortunata an, Trimalchio zu beschimpfen: sie nannte ihn einen Dreckskerl und einen Wüstling, der seine Gelüste nicht beherrschen könne. Zum Schluß nannte sie ihn gar einen Hund. Trimalchio war wütend über diese Beschimpfung und warf Fortunata einen Becher ins Gesicht. Sie kreischte, als hätte man ihr ein Auge ausgeschlagen, und betastete ihr Gesicht mit zitternden Händen. Scintilla war ihrerseits bestürzt und nahm die Zitternde schützend an ihre Brust. Gleichzeitig hielt ihr ein beflissener Sklave ein Glas Eiswasser gegen die Backe: Fortunata beugte sich darüber, stöhnte und weinte. Trimalchio dagegen schrie: »Weiß diese Tingeltangelvohse nicht, wo sie herkommt? Vom Verkaufsstand [für Sklaven] habe ich sie runtergeholt und erst einen Menschen aus ihr gemacht. Aber sie bläst sich auf wie ein Frosch und spuckt nicht in ihren Busen - ein Klotz und nicht ein Weib. Aber wer in der Gosse geboren ist, träumt nicht von Palästen. So wahr mir Gott helfe, ich werde schon sorgen, daß diese gestiefelte Kassandra kuscht. Und ich blöder Kerl hätte eine mit zehn Millionen kriegen können. Du weißt, ich lüge nicht. Erst gestern hat mich Agatho der Parfümier beiseite geführt und gesagt: >Ich rate dir, laß deine Familie nicht aussterben.< Aber well ich ein gutmütiger Dummkopf bin und nicht flatterhaft erscheinen will, hab ich mir ins eigene Fleisch geschnitten. Recht so herauskratzen wirst du mich aus der Erde mit den Fingern - dafür will ich sorgen. Und damit du gleich merkst, was du dir selbst angetan hast: Habinnas, ich will nicht, daß du ihre Büste auf meinem Grabmal anbringst, damit ich nicht noch nach meinem Tode Zank und Streit habe. Mehr noch: damit sie weiß, daß ich sie bestrafe, verbiete ich ihr, meine Leiche zu küssen.«

(75) Nach dieser Explosion begann Habinnas ihn zu bitten, er möge doch von seinem Zorn ablassen. »Keiner von uns«, sprach er, »ist ohne Fehl: Menschen sind wir, nicht Götter.« Scintilla sagte unter Tränen dasselbe, nannte ihn Gajus und flehte ihn bei seinem Schutzengel an, sich zu beruhigen. Trimalchio konnte die Tränen nicht zurückhalten und sagte: »Ich bitte dich, Habinnas, so wahr ich dir wünsche, daß du dein Vermögen genießest: [sag mir,] ob ich was Böses getan habe, dann magst du mir ins Gesicht spucken. Den Buben hab ich geküßt, weil er sparsam, und nicht, weil er hübsch ist. Er ist brav, kann schon Zehntel ausrechnen, kann vom Blatt lesen; von seinen täglichen Rationen hat er sich eine thrakische Tunika abgespart, und von seinem Geld hat er sich einen Sessel mit gebogener Lehne sowie zwei Töpfe gekauft. Verdient er nicht, daß ich ihn gern habe? Aber die gnädige Frau ist dagegen! Das ist wohl deine Ansicht, du hochnäsiges Mensch? Ich rate dir, iß aus, was du dir eingebrockt hast, du Raubvogell, und bring mich nicht zum Knurren, mein Liebchen: sonst wirst du mich mal richtig kennenlernen. Aber du kennst mich ja: was ich mir einmal in den Kopf gesetzt habe, das sitzt wie festgenagelt. Doch gedenken wir der Lebenden. Freunde, laßt's euch bitte wohl sein. Ich war nämlich auch mal so wie ihr, aber durch meine Tüchtigkeit hab ich's so weit gebracht, wie ihr sehen könnt. Grips muß der Mensch haben: alles andere ist Quatsch. >Gut kaufen, gut verkaufen< - der eine sagt dies, der andere das, aber ich platze vor Glück. Aber du Schnarchliese, du flennst immer noch? Ich werde schon dafür sorgen, daß du Grund zum Heulen hast. Aber, wie ich gerade im Begriff war zu sagen: zu diesem Vermögen hat mir meine Sparsamkeit verholfen. Wie ich aus Asien kam, war ich nicht größer als dieses Kandelaber; ja, ich hab mich täglich daran gemessen, und um schneller einen Bart am Schnabel zu kriegen, hab ich mir Lampenöl auf die Lippen gerieben. Trotzdem war ich vierzehn Jahre lang der Lustknabe meines Herrn. Was der Herr befiehlt, ist ja keine Schande. Aber auch die Frau vom Chef befriedigte ich - ihr wißt, was ich sagen will; ich schweige, weil ich nicht zu denen gehöre, die protzen.

(76) Dann wurde ich mit Gottes Hilfe der Herr im Haus: der Chef hatte nichts anderes im Köpfchen als mich. Kurz und gut, er setzte mich zum Miterben mit dem Kaiser ein, und ich bekam das Vermögen eines Senators. Aber niemand hat nie genug: ich wollte Geschäfte machen. Um es kurz zu machen: ich baute fünf Schiffe, belud sie mit Wein - der war damals sein Gewicht in Gold wert - und schickte sie nach Rom. Man möchte glauben, ich hätte es beabsichtigt: alle Schiffe gingen unter - Tatsache, nicht Geschwätz. An einem Tag schluckte Neptun dreißig Millionen Sesterzen. Aber glaubt ihr, ich hätte aufgegeben? Weiß Gott, den Verlust nahm ich kaum zur Kenntnis. Ich ließ neue Schiffe bauen, größer, besser und glücklicher, damit keiner sagen könnte, ich sei kein tüchtiger Unternehmer. Du weißt, ein großes Schiff ist ein starkes Schiff. Ich lud wieder Wein, Speck, Bohnen, Parfüm von Capua und Sklaven. Bei dieser Gelegenheit hat sich Fortunata sehr anständig benommen, denn sie verkaufte ihr ganzes Gold sowie ihre ganze Garderobe und gab mir hundert Goldstücke in die Hand. Das war die Hefe, die mein Vermögen hochbrachte. Mit der einen Reise brachte ich's auf gute zehn Millionen. Sogleich kaufte ich alle Ländereien auf, die meinem früheren Herrn gehört hatten. Ich bau mir ein Haus, ich kauf Sklavenhandelsgeschäfte zusammen, Lasttiere - kurz, was ich immer anfaßte, wuchs wie eine Bohnenranke. Sobald ich reicher war als meine ganze Heimatstadt zusammen - aus mit dem Spiel: ich zog mich vom Geschäft zurück und begann, durch Vermitttlung meiner Freigelassenen Geld auf Zinsen auszuleihen. Und wie ich nicht mehr selbst mein Geschäft betreiben wollte, so bestärkte mich in diesem Vorsatz ein Astrologe, der gerade in unsere Stadt gekommen war: ein Griechlein, Serapa geheißen, der im Rate der Götter hätte sitzen können. Der erzählte mir Dinge, die ich längst vergessen hatte, und legte mir alles nach Strich und Faden aus. Er konnte in mein Innerstes blicken: beinahe hätte er mir sagen können, was ich am Tag zuvor gegessen hatte. Man hätte meinen können, daß er immer mit mir zusammen gewohnt hätte.

(77) Bitte, Habinnas, du warst ja dabei, wie er sagte: >Du hast dir deine Herrin durch die bewußte Methode günstig gestimmt. Du hast wenig Glück in der Freundschaft: niemand erweist dir den gebührenden Dank. Du hast großen Grundbesitz. Du nährst eine Schlange am Busen!< Und weiter sagte er - warum soll ich's euch vorenthalten? -, daß ich noch dreißig Jahre, vier Monate und zwei Tage zu leben habe. Außerdem bekomme ich bald eine Erbschaft. Das steht in meinem Horriskop. Wenn mir dann noch beschieden ist, meine Ländereien mit Apulien zu verbinden, dann hab ich zu Lebzeiten genug erreicht. Inzwischen - heiliger Merkur, steh mir bei! - hab ich dies Haus gebaut. Wie ihr wißt, war es eine Bruchbude: jetzt ist es ein wahrer Tempel. Es hat vier Speisezimmer, zwanzig Zimmer, zwei Säulenhallen aus Marmor, ein Oberstübchen, wo ich selbst schlafe, dann das Boudoir dieser Schlange hier, eine sehr gute Portiersloge und Gästezimmer genug für alle meine Freunde. Sogar wenn Scaurus hierher kam, stieg er nirgendwo lieber ab, und dabei hat er am Meer Gastfreunde noch von seinem Vater her. Ich hab noch vieles andere, das ich euch gleich zeigen werde. Glaubt mir: 'Haste Geld, so haste was, haste was, so biste was.' So ist euer Freund, der früher ein Frosch war, jetzt ein Prinz geworden. Stichus, bring mir inzwischen die Leichengewänder, in denen ich bestattet werden will. Bring uns auch ein Salbenfläschchen mit kosmianischem Parfüm, und laß uns einen Schluck aus der Flasche kosten, womit ich meine Gebeine gewaschen haben will.«

(78) Stichus ließ nicht auf sich warten, sondern brachte ein weißes Leichentuch und eine Amtsrobe in den Speisesaal; Trimalchio hieß uns sie befühlen, ob sie nicht aus erstklassiger Wolle seien. Dann sprach er lächelnd: »Sieh du dich vor, Stichus, daß nicht die Mäuse oder die Motten hier rankommen, sonst laß ich dich lebendig verbrennen. Ich will mich pompös begraben lassen, so daß das ganze Volk mir einen guten Nachruf gibt.« Gleich öffnete er auch ein Fläschchen Nardenbalsam, betupfte uns alle damit und sagte: »Ich hoffe, daß mir das nach meinem Tod ebensoviel Freude macht wie bei Lebzeiten.« Den Wein dagegen ließ er in den gemeinsamen Weinmischkrug gießen und sprach: »Stellt euch vor, daß ihr zu meiner Leichenfeier eingeladen seid!«

Es war nun wirklich schon zum Kotzen, wie Trimalchio, stinkhagelvoll, eine neue Kapelle, nämlich Hornbläser, hereinführen ließ. Dann streckte er sich, auf viele kleine Kissen gebettet, lang aus und sagte: »Jetzt tut mal so, als ob ich tot bin. Sagt was Nettes über mich!« Die Bläser bliesen einen Trauermarsch mit vollen Lungen; einer besonders - ein Sklave des Begräbnisunternehmers, der unter ihnen der angesehenste war - blies so laut, daß er die ganze Nachbarschaft aufweckte. Daher glaubte die Stadtwache2 dieses Quartiers, daß es bei Trimalchio brenne: sie brachen das Tor auf und tobten mit Wassergüssen und Axten, wie es so ihre Art ist. Hier bot sich uns eine treffliche Gelegenheit: wir schlugen Agamemnon ein Schnippchen und flüchteten Hals über Kopf, als ob es wirklich brennte.

(79) Wir hatten keine Fackel, die uns beim Herumirren, den rechten Weg zu finden, hätte helfen können, und die allgemeine Stille - es war schon Mitternacht ließ es unwahrscheinlich erscheinen, daß uns andere Leute mit Beleuchtung entgegenkommen würden. Zu all dem waren wir noch betrunken und kannten uns in den Gäßchen, die selbst bei Tage dunkel waren, nicht aus. Nachdem wir eine ganze Stunde lang uns über scharfe Kiesel und die hervorstehenden Ecken von Pflastersteinen geschleppt hatten, rettete uns schließlich Gitons Voraussicht. Klug wie er war, hatte er schon am Tage zuvor, als es noch hell war, befürchtet, daß wir uns verirren könnten, und deshalb alle Vorsprünge und Säulen mit Kreide markiert. Diese Striche waren auch in finsterer Nacht sichtbar, und ihre leuchtende Weiße wies uns Verirrten den Weg. Trotzdem hatten wir nicht weniger zu schwitzen, auch als wir unsere Bleibe erreicht hatten; denn das alte Weib hatte mit den Herbergsgästen so lange gesoffen, daß man unter ihr ein Feuer hätte anzünden können, und sie würde es nicht gemerkt haben. Wir hätten vor der Tür übernachten müssen, wäre nicht ein Bote Trimalchios erschienen, der einen Wagen fuhr. Er sprang ab, hielt sich nicht lange mit Klopfen auf, sondern brach die Tür der Herberge ein und ließ uns so schließlich hinein.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .