Herausforderung göttlichen Zorns durch menschliche Hybris und die damit ausgelöste Dramatik. Aus: Xenophon von Ephesos, Ephesiaka, Buch 1.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Xenophon, Abrokomes und Anthia. Die Liebenden von Ephesos. Mit acht Radierungen von Fritz Cremer, Leipzig 1981, S. 5 - 10.


In Ephesos lebte ein Mann, der zu den angesehensten Familien dort gehörte, mit Namen Lykomedes. Dieser Lykomedes hatte von seiner Gattin Themisto, die auch aus demselben Orte stammte, einen Sohn, Abrokomes; der war so außergewöhnlich wohlgestaltet, daß es weder in Ionien noch sonstwo auf der Welt jemanden gab, der schöner war. Und Abrokomes wurde stets, mit jedem neuen Tage, noch schöner. Zugleich mit den blühenden Reizen seines Körpers nahmen auch die Kräfte seines Geistes zu. Er widmete sich jeder Art von Ausbildung, übte sich in den verschiedenen musischen Künsten. Jagd, Reiten, Waffenkampf waren seine täglichen Übungen. Die Ephesier waren allesamt ganz vernarrt in ihn, und nicht nur sie, sondern 'auch die anderen Bewohner Kleinasiens. Man setzte die größten Hoffnungen auf ihn, daß er einmal in der Stadt einen bedeutenden Platz einnehmen werde. Sie verehrten den Knaben fast wie einen Gott, ja es gab welche, die, wenn sie ihn nur sahen, sich zu Boden warfen und ihn anbeteten.

Das alles machte den Jüngling außerordentlich eitel auf seine Person, und er begann, mit den Gaben seines Geistes, mehr aber noch mit der Schönheit seines Körpers zu prahlen. Was sonst auch immer als schön galt, alles verachtete er als viel geringer. Nichts erschien ihm mehr der Augen, der Ohren des Abrokomes würdig. Wenn er von einem schönen Knaben hörte oder von einem hübschen Mädchen, dann lachte er die Erzähler aus, weil sie offenbar nicht gemerkt hatten, daß er, er allein wirklich schön war. Eros erkannte er nicht als Gott an, sah auf ihn geringschätzig herab, hielt ihn für ein Nichts. Niemand, so sagte er, würde je der Liebe verfallen und diesem Gotte untertan werden, wenn es ihm nicht selbst recht wäre. Sah er irgendwo einen Tempel, ein Abbild des Eros, dann lachte er nur und meinte, er selbst überträfe jeden Eros an körperlicher Schönheit wie auch an Macht über die Menschen. Und es war wirklich so: Wenn Abrokomes nur auftauchte, dann schien keine Statue mehr schön, kein Gemälde gab es mehr, das man hätte loben mögen.

Darüber geriet Eros in Zorn, ein stolzer Gott, unerbittlich gegenüber seinen Vèrächtern. Er sann darauf, wie er gegen den jungen Mann vorgehen sollte; denn selbst dem Gotte schien es schwer, ihn zu besiegen. So legte Eros schwere Waffen an, holte das stärkste Liebesgift hervor und zog in den Kampf gegen Abrokomes.

Nun wurde damals gerade das dort übliche Fest der Artemis gefeiert. Von der Stadt bis zum Heiligtum sind es sieben Stadien. Alle Mädchen des Landes mußten in ihrem besten Schmuck in feierlicher Prozession dort hinziehen und ebenso die Jünglinge, die im selben Alter waren wie Abrokomes. Dieser war etwa sechzehn Jahre alt und trat gerade ins Jünglingsalter. Er führte den Zug an.

Groß war die Menge der Zuschauer, Einheimischer und Fremder, denn es war Sitte, bei diesem Fest für diejungen Mädchen den Bräutigam auszusuchen und für diejungen Männer die Braut. Geordnet zog die Prozession vorüber, an der Spitze die Kuitgeräte, Fackeln, Körbe, Räucherwerk; danach Pferde und Hunde und auch Geräte zurJagd und zum Kriege, das meistejedoch friedliches Werkzeug. Jedes Mädchen aber war geschmückt wie für ihren Geliebten. Ihren Zug führte Anthia an, die Tochter des Megamedes und der Euhippe aus Ephesos, ein wunderschönes Kind, das die anderen Mädchen bei weitem ausstach. Sie war vierzehn Jahre alt, eine Erscheinung von blühender Schönheit, und die Art, wie sie geschmückt war, machte sie noch reizender. Blondes Haar, teilweise geflochten, das meiste aber offen im Winde wehend, lebhafte Augen, die heiter und mädchenhaft leuchteten, aber auch ihrem Anstand Respekt zu verschaffen wußten; das Gewand ein purpurner Chiton, durch den Gürtel übers Knie geschürzt, über die Arme herabfallend; ein Rehfell hatte sie umgehängt. Über der Schulter hing ein Köcher, sie trug als Waffen Bogen und Jagdspieße und war von Hunden begleitet.

Oft, wenn die Ephesier sie so im Heiligen Hain sahen, beteten sie sie als Artemis an, und auchjetzt, als sie erschien, erhob die Menge ein Freudengeschrei; man rief ihr Verschiedenes zu, die einen in ihrem Erstaunen, sie sei die Göttin selbst, andere, sie sei eine Nymphe aus ihrem Gefolge. Man betete sie an, warf ihr Kußhände zu, pries ihre Eltern, und bei allen Zuschauern gab es nur ein einziges Wort: «Die schöne Anthia.» Solange die Schar der Mädchen vorüberzog, sagte niemand etwas anderes als «Anthia».

Dann aber erschien Abrokomes mit den jungen Männern, und wie schön auch der Anblick der Mädchen gewesen war, alle, die Abrokomes sahen, vergaßen sie, wandten ihre Augen allein auf ihn, und betroffen von dem Anblick, riefen sie: «Der schöne Abrokomes!» «Dem ist keiner gleich!» - «Schön ist er wie ein Götterbild!» Und es gab natürlich auch einige, die hinzufügten: «Das wäre eine Hochzeit, Abrokomes und Anthia!» Dies aber waren des Eros erste Machenschaften; rasch hörten sie beide ein jeder von dem Ruhme des anderen; Anthia begehrte den Abrokomes zu sehen, und Abrokomes, bis dahin frei von solcher Begier, wollte Anthia schauen.

Als nun die Prozession vorüber war, strömte die ganze Menge in den Tempel zum Opfer. Die Ordnung des Zuges löste sich auf. Männer und Frauen, Jünglinge und Mädchen drängten bunt durcheinander hinein. Da erblickten die beiden einander. Anthia war hingerissen von Abrokomes, Abrokomes aber unterlag dem Eros. Er betrachtete unausgesetzt das Mädchen, und als er den Blick abwenden wollte, vermochte er es nicht: Der Gott hatte von ihm Besitz ergriffen und hielt ihn fest. Und auch Anthia erging es schlimm: Mit vollen, weit offenen Augen nahm sie die einströmende Schönheit des Abrokomes in sich auf, und schon kümmerte sie sich nicht mehr darum, was sich für ein junges Mädchen gehört: Sie redete irgend etwas, nur damit Abrokomes es hörte, sie entblößte ihres Körpers Glieder, so weit es gerade geht, nur damit Abrokomes hinsah. Er aber war ganz verloren in den Anblick, schon ganz in der Gewalt des Gottes. Als das Opfer vorüber war, schieden sie traurig voneinander, klagend über die schnelle Trennung, voll Begier, einander zu sehen. Und sie wandten sich um und blieben stehen und fanden vielfache Vorwände zu zögern.

Als sie aber nach Hause kamen, da erkannten sie erst, in welches Unheil sie geraten waren: Ein jeder trug das Bild des anderen im Sinne, die Leidenschaft loderte hoch auf in ihnen. Den Rest des Tages über wuchs nur ihre Begier, so daß sie, als sie schlafen gingen, in schlimmster Qual lagen: Beide konnten die Liebessehnsucht in ihrem Herzen kaum länger ertragen.

Abrokomes raufte sein Haar, zerriß und zerfetzte seine Kleider, rief: «Weh mir! Was für Qualen! Was muß ich Unseliger leiden! Ich, Abrokomes, standhaft bis heute, voll Verachtung für Eros, voll Hohn für den Gott - ich bin gefangen und besiegt, ich muß der Sklave eines Mädchens sein. Ja, jetzt scheint mir jemand schöner, als ich es bin, jetzt nenne ich Eros endlich einen Gott. Ach, bin ich mutlos und schwach! Ist es denn gar nicht möglich, tapfer zu bleiben? Soll ich nicht mehr schöner sein als Eros? Ich muß jetzt diesen Nicht-Gott besiegen! Das Mädchen ist schön! Und was weiter? Für deine Augen, Abrokomes, ist Anthia reizend, aber wenn du nur willst, ist sie es nicht für dich. Es bleibt dabei: Eros soll niemals mein Herr sein!»

So rief er. Der Gott aber setzte ihm noch schlimmer mit Qualen zu und riß ihn hin und her, je mehr er widerstrebte. Endlich konnte er es nicht mehr aushalten. Er warf sich zu Boden und schrie: «Du hast gesiegt, Eros: Ein großes Denkmal deines Sieges über den spröden Abrokomes wird dir errichtet. Hier hast du mich zu deinen Füßen, um Hilfe flehend, ohne andere Hoffnung: Zu dir nehme ich meine Zuflucht, Herr über alle! Verwirf mich nicht, räche nicht zu hart meinen Stolz! Ich kannte deine Macht noch nicht, Eros, als ich hochmütig war: Nun aber schenke mir Anthia! Sei nicht nur ein harter Gott gegen den Widerspenstigen, sei auch des Überwundenen Wohltäter!»

So betete er. Eros aber zürnte weiter und sann darauf, den Abrokomes für seinen Hochmut hart zu strafen.

Auch Anthia ging es übel, auch sie war am Ende ihrer Kräfte. Aber sie bezwang sich, damit ihre Umgebung nichts ahne, und seufzte nur: «Was muß ich erleiden, ich Unglückselige? Alsjunges Mädchen, viel zu früh für mein Alter, bin ich der Liebe verfallen. Ich leide Schmerzen wie nie zuvor, wie sie ein Mädchen wohl noch gar nicht kennen sollte. Ich bin von Sinnen nach Abrokomes - der ist schön aber so hochmütig. Was soll nur das Ende dieser Leidenschaft sein? Was wird aus meinen Schmerzen werden? Mein Geliebter ist stolz, und ich bin einjunges Mädchen in strenger Hut - wen soll ich mir zu Hilfe nehmen? Wem kann ich alles anvertrauen? Wo werde ich Abrokomes sehen?»

So klagten sie beide die ganze Nacht, hatten jeder die Gestalt des anderen vor Augen, hatten sein Bild tief in ihre Seele eingedrückt.

Als der Morgen kam, ging Abrokomes wieder zu seinen regelmäßigen Übungen und das Mädchen zum gewohnten Dienst ihrer Göttin. Aber ihre Körper waren von der vergangenen Nacht wie zerschlagen, ihre Augen blickten mutlos, sie hatten alle Frische verloren.

So ging es eine ganze Weile, und es gab nichts anderes mehr für sie. Sie brachten zwar ganze Tage in dem Tempel der Göttin zü und sahen einander an, aber offen zueinander zu sprechen verboten ihnen Furcht und Scheu. So seufzte denn Abrokomes und weinte und betete, und das Mädchen hörte voll Mitleid zu. Anthia aber litt dieselben Qualen, ja noch schlimmer: Wenn sie sah, wie die anderen Mädchen und Frauen nach ihm hinschauten - und die Frauen sahen sich allesamt nach Abrokomes um - , dann wurde ihre Unruhe offenbar, denn sie fürchtete, sie könnte ihm womöglich weniger gefallen. Beide richteten auf die gleiche Weise Gebete füreinander an die Göttin, im geheimen zwar, aber sie fielen doch gleich aus.

Die Zeit verging, der junge Mann verlor all seine Kraft, sein ganzer Körper verfiel, sein Sinn war niedergeschlagen, so daß Lykomedes und Themisto von großer Unruhe erfaßt wurden. Sie wußten ja nicht, was Abrokomes widerfahren war, aber sie waren voll Schrecken über das, was sie sehen mußten. In ähnlicher Angst schwebten auch Megamedes und Euhippe wegen Anthia: Sahen sie doch ihre Schönheit dahinschwinden, konnten aber die Ursache des Unheils nicht finden. Schließlich brachten sie sogar Wahrsager und Zauberpriester ins Haus, damit diese ein Heilmittel gegen das Übel fänden. Die kamen also, schlachteten Opfertiere, brachten mancherlei Trankopfer dar, murmelten dazu unverständliche Sprüche, behaupteten, das besänftige irgendwelche Dämonen, und gaben vor, das Übel rühre von den unterirdischen Göttern her. Auch für Abrokomes opferte und betete man viel im Hause des Lykomedes. Eine Heilung des Übels aber wurde keinem von beiden zuteil, im Gegenteil, das Liebesfeuer loderte nur um so heftiger empor. So lagen sie denn beide krank darnieder, waren in schlimmer Verfassung, ja, man glaubte schließlich, sie würden bald sterben. Dennoch vermochte niemand zu erklären, was ihnen zugestoßen war.

Endlich sandten die Väter der beiden zu Apollon, um das Orakel zu befragen nach der Ursache der Krankheit und nach dem Heilmittel. Nur wenig entfernt von Ephesos steht das Heiligtum des Apollon von Kolophon; die Überfahrt von der Stadt beträgt achtzig Stadien. Hierhin kamen die Boten der beiden Familien und baten

den Gott, die Wahrheit zu offenbaren. Beide waren wegen derselben Sache gekommen, und so gab der Gott ihnen dieselben Orakelverse zur Antwort. Sie lauteten:

"Wissen wollt ihr das Ende der Krankheit und ihren Anfang?
Beide befiel die nämliche Krankheit, von da kommt auch Heilung.
Schlimme Schmerzen seh' ich für sie und leidvolle Mühen:
Beide fliehn übers Meer, verfolgt von wütender Liebe.
Fesseln tragen sie auch bei meerdurchschiffenden Männern,
Beiden ist Brautbett ein Grab und das allverehrende Feuer,
Und an den Fluten des Nilstroms der Göttin, der heiligen Isis,
Die dich errettet, weihst endlich du viele glänzende Gaben.
Doch einst nach all diesem Leid werden besseres Schicksal sie haben."

Dieser Orakeispruch wurde nach Ephesos berichtet, und sogleich stürzte er die Väter der beiden in Ratlosigkeit. Was das Übel wäre, war ihnen durchaus unklar, und sie vermochten nicht zu erraten, was die Worte des Gottes bedeuteten: diese Krankheit, und diese Flucht, die Fesseln, das Grab, der Fluß, die göttliche Rettung. Nach langen Überlegungen schien es ihnen am besten, dem Spruch, was er auch besagen wolle, nach Kräften eine freundliche Deutung zu geben und ihre Kinder ehelich zu verbinden, da vielleicht dies der Gott mit seinen Orakeiworten gemeint habe. Die Heirat wurde also beschlossen, und sie vereinbarten, die Kinder nach der Hochzeit eine Weile außer Landes auf Reisen zu schicken. Und schon war die Stadt voll von Festgelagen, alles war mit Kränzen geschmückt, die baldige Hochzeit war in aller Munde. Jedermann pries die Brautleute glücklich, ihn, daß er eine solche Frau wie Anthia heimführe, sie, daß sie einem solchen Jüngling vermählt werde. Als Abrokomes nun von dem Orakel und von der Hochzeit hörte, war er wie von Sinnen vor Freude, daß er Anthia besitzen werde. Die Prophezeiungen aber fürchtete er überhaupt nicht; er dachte, die gegenwärtige Freude wiege alles Schlimme auf. Und auch Anthia freute sich so sehr, daß Abrokomes ihr gehören werde, daß sie sich nicht darum kümmerte, was die Flucht und die Unglücksfälle wohl bedeuten sollten: Hatte sie doch für alle zukünftigen Leiden Abroko mes als ihren Trost. ...


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .