Sexuelle Lust aus homosexueller und heterosexueller Sicht: Achilleus Tatios, Leukippe und Kleitophon 2. 35 - 38.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Achilleus Tatios, Leukippe und Kleitophon,. Eingeleitet, übersetzt und erläutert von Karl Plepelits, Bibliothek der griechischen Literatur, hg. von Peter Wirth und Wilhelm Gessel, Bd. 11, Stuttgart 1980, S. 110 - 113.


... Da ich nun sah, daß Menelaos durch die Erinnerung an sein Geschick ganz niedergeschlagen war und Kleinias im Gedenken an Charikles still in sich hinein weinte, brachte ich, um sie von ihrem Schmerz abzulenken, die Rede auf den Liebesgenuß; auch Leukippe war nämlich gerade nicht dabei, sondern schlief unter Deck. So sagte ich zu ihnen mit einem leichten Lächeln:

»Wie sehr mir doch Kleinias jetzt überlegen ist! Er wollte ja gegen die Frauen sprechen, wie er es stets gewohnt war. Jetzt wird er sich darin zweifellos leichter tun, nachdem er einen gefunden hat, der seine erotischen Neigungen teilt. Ich weiß nicht, wieso, aber die Liebe zu Knaben ist ja heutzutage in Mode gekommen!« »Ist denn nicht diese weit besser als die andere?« sagte Menelaos. »Die Knaben sind doch viel natürlicher als die Frauen und ihre Schönheit viel würziger für die Sinnenlust!« »Wieso würziger«, sagte ich, »wo sie doch gerade nur ein wenig hervor guckt und schon wieder dahin ist und dem Liebenden gar keine Zeit läßt, sie zu genießen, sondern dem Trank des Tantalos gleicht? Denn oft geschieht es, daß sie, während man eben von ihr trinkt, entflieht und der Liebhaber fortgeht, ohne Zeit gefunden zu haben, sie auszutrinken; was noch zu trinken bleibt, wird dem Trinkenden entrissen, ehe er satt geworden ist. Und es ist nicht möglich, als Liebhaber von einem Knaben zu scheiden, ohne eine von Schmerz ungetrübte Lust genossen zu haben: er läßt einen immer noch durstig zurück. «

Da sagte Menelaos: »Du kennst das Wesentliche an der Lust nicht, mein lieber Kleitophon! Begehrenswert ist stets dasjenige, was keine Übersättigung hervorruft. Denn ein zu lange dauernder Genuß bringt durch Übersättigung den Reiz zum Verwelken; was einem hingegen entrissen wird, ist immer neu und viel frischer und saftiger, da es keine gealterte Lust enthält. So ist es auch mit der Schönheit: je geringer ihre Dauer, umso größer das Verlangen, das sie wachruft. Aus diesem Grund ist auch die Rose schöner als alle anderen Pflanzen, weil sich ihre Schönheit so schnell verflüchtigt. Es gibt nämlich, so meine ich, unter den Menschen zwei Arten von Schönheit, eine himmlische und eine vulgäre, entsprechend den göttlichen Schutzherrinnen der Schönheit`. Nun, die himmlische erträgt es kaum, an eine sterbliche Schönheit gefesselt zu sein und strebt danach, möglichst schnell in den Himmel zu flüchten, die vulgäre hingegen liegt kraftlos auf der Erde und bleibt immerzu in ihrer körperlichen Umgebung. Falls es noch eines Dichters als Zeugen für den Aufstieg der Schönheit in den Himmel bedarf, so höre die Worte Homers:

>Ihn in den Himmel entführten die Götter, Zeus' Becher zu füllen,

wegen der schönen Gestalt, den Unsterblichen zugesellet<"

Nie ist eine Frau ihrer Schönheit wegen in den Himmel aufgestiegen - schließlich hat Zeus ja auch Frauen beigewohnt -, sondern Alkmene wurde Trauer und Verbannung zuteil, Danaë Kiste und Meer, und Semele wurde vom Feuer verzehrt. Verliebt er sich jedoch in einen phrygischen Jüngling, so schenkt er ihm den Himmel, um mit ihm zusammenzuleben und außerdem in ihm einen Mundschenk für den Nektar zu haben. Die aber diesen Dienst bis dahin versehen hatte, verlor ihr Ehrenamt; der Grund - so glaube ich -: sie war eine Frau. «

»Ganz im Gegenteil!« erwiderte ich hierauf. »Himmlisch ist, wie es scheint, die weibliche Schönheit, insofern sie nicht so rasch vergeht! Denn das Unvergängliche ist dem Göttlichen nahe. Was sich hingegen im Bereich der Vergänglichkeit bewegt, ahmt die sterbliche Natur nach und ist daher nicht himmlisch, sondern vulgär. Er hat sich in einen phrygischen Jüngling verliebt, er hat den Phryger in den Himmel emporgeführt - doch die weibliche Schönheit hat ihn, Zeus höchstpersönlich, vom Himmel herabgeführt! Wegen einer Frau gab Zeus einst Stiergebrüll von sich, wegen einer Frau tanzte er einst den Satyrtanz, und in Gold hat er sich wieder für eine andere Frau verwandelt. Soll doch Ganymedes die Becher füllen und Hebe im Kreis der Götter zechen, damit eine Frau einen Jüngling zum Mundschenk hat! Bemitleidenswert finde ich aber auch die Art seiner Entführung: ein Raubvogel stößt auf ihn herab, und er, gepackt und davongetragen, muß Schmach und Gewalt über sich ergehen lassen und unterscheidet sich in nichts von einem Opfer brutalen Terrors. Und es ist ja ein zutiefst schmachvoller Anblick: ein Jüngling in den Fängen eines Raubvogels! Doch Semele hat nicht ein Raubvogel in den Himmel emporgeführt, sondern Feuer. Und wundere dich nicht, wenn jemand durch Feuer in den Himmel aufsteigt! Auf diesem Weg ist Herakles aufgestiegen! Wenn du über Danaës Kiste lachst: wie kannst du nur Perseus verschweigen? Und Alkmene genügte dieses eine Geschenk, daß ihretwegen Zeus drei ganze Tage uunter den Tisch fallen ließ.

Genug der Mythen! Wenn ich nun über die sexuelle Lust als solche sprechen soll - zwar bin ich noch ein Anfänger bei den Frauen, insofern als ich erst mit solchen verkehrt habe, die sich zur Liebe feilbieten; ein Eingeweihter hätte wahrscheinlich viel mehr zu sagen - doch ich will es versuchen, so we nig Erfahrung ich auch habe.

Nun, die Frau hat einen Körper, anschmiegsam in den Umarmungen, und Lippen, weich zum Küssen, und deshalb paßt sich ihr Körper in den Armen, im Fleisch vollkommen an, und ihr Partner wird von Lust förmlich eingehüllt. Wie Siegel drückt sie ihre Küsse auf seine Lippen, sie küßt mit Kunstfer tigkeit und macht dadurch den Kuß noch süßer. Sie weiß nämlich nicht nur mit ihren Lippen zu küssen, nein, auch ihre Zähne setzt sie ein, und mit diesen grast sie den Mund des Küssenden und dessen Umgebung ab und beißt bei ih ren Küssen. Doch auch das Liebkosen der Brust enthält eine ganz eigene Lustempfindung. Auf dem Höhepunkt des Liebesgenusses gerät sie vor Wollust in die höchste Ekstase, sperrt küssend ihren Mund weit auf und gebärdet sich wie toll. Die Zungen vereinigen sich während dieser Augenblicke immer wieder miteinander und geben sich jede erdenkliche Mühe, auch ihrerseits zu küssen, und du vergrößerst deine Lust, indem du deine Küsse öffnest. Wenn sich die Frau dem eigentlichen Gipfel des Liebesgenusses nähert, neigt sie dazu, vor brennender Wollust zu keuchen und zu stöhnen, und ihr Keuchen und Stöhnen, vereinigt mit dem Atemhauch der Liebe, springt bis zu den Lippen des Mundes empor und begegnet dort dem herumirrenden Kuß, der in die Tiefe hinabzusteigen sucht, und zusammen mit dem Keuchen und Stöhnen kehrt der Kuß um, vermischt sich mit ihm und folgt ihm nach und trifft so auf das Herz; dieses aber, vorn Kuß in Unruhe versetzt, pocht wie wild, und wäre es nicht in der Lunge fest verankert, so würde es sich den Küssen anschließen und sich von ihnen in die Höhe ziehen lassen. Die Küsse von Knaben dagegen sind ungeschliffen, ihre Umarmungen unkultiviert, ihr sexuelles Verlangen träge, von Wollust keine Spur!«

Hierauf sagte Menelaos: »Na, du scheinst aber kein Anfänger, sondern ein alter Hase in der Liebe zu sein, da du so viele unnütze Weiberkünste über uns ausgegossen hast! Höre dafür auch deinerseits die Vorzüge der Knaben! Bei der Frau ist ja alles geschminkt, ihre Worte genauso wie ihr Aussehen, und wenn sie schön zu sein scheint, so ist das der wichtigtuerische Kunstgriff der Salben. Ja, ihreSchönheit beruht entweder auf Parfums oder auf gefärbten Haaren oder auf Schminke; entblößt man sie von diesen vielen Täuschungsmitteln, gleicht sie der von den Federn der Fabel entblößten Dohle". Die Schönheit der Knaben hingegen ist nicht von Parfumdüften und täuschenden, unechten Gerüchen getränkt, und lieblicher als alle die Wässerchen der Frauen duftet der Schweiß der Knaben. Überdies kann man mit ihm schon vor der sexuellen Umarmung auch in der Palästra81 zusammentreffen und ihn in aller Öffentlichkeit umschlingen, und die Umarmungen enthalten keinerlei Scham, und er verweichlicht auch nicht die sexuellen Umarmungen durch Weichheit des Fleisches, sondern die beiden Körper widerstehen einander und tragen einen sportlichen Kampf um die Lust aus. Die Küsse besitzen nicht die weibliche Gewandtheit, zaubern kein dirnenhaftes Täuschungsmanöver mit den Lippen hin; er küßt, wie er es versteht, und seine Küsse sind nicht Kunstfertigkeit, sondern Natur. Dies ist ein Bild für den Knabenkuß: nimm an, Nektar gerönne und würde zu Lippen: damit hättest du die Süßigkeit der Küsse. Vom Küssen kannst du nie übersättigt sein: soviel er dir auch einschenkt, stets dürstet dich nach noch mehr Küssen, und du wirst deinen Mund nicht losreißen, bis du vor Wollust den Küssen entfliehst.«


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .