Psyche und Amor - das Leiden der Seele an der Liebe bis zum guten Ende: Apuleius, Metamorphosen 4, 27 - 6, 25.

Deutsche Übersetzung mit gerinfügigen Modifikationen entnommen aus: Apuleius, Der goldene Esel. Aus dem Lateinischen von August Rode. Mit Illustrationen von Max Klinger zu 'Amor und Psyche' und einem Nachwort von Wilhelm Haupt, Frankfurt M., Leipzig 1975, S. 100 -179.


4 (27) ... Die Alte seufzte zu den Tränen des Mädchens und hub darauf an: »Seid getrost, gutes Kind, und laßt Euch nicht durch eitle Träumereien in Schrecken setzen. Denn Traumgesichter bei Tage werden ja allgemein für falsch gehalten, und die nächtlichen Träume bedeuten noch dazu oft das Gegenteil von dem, was sie verkündigen. Wer da träumt zum Beispiel, er weine, bekomme Schläge, werde erwürgt, dem steht zuweilen just ein großer Gewinn oder sonst ein Glück bevor. Hingegen Lachen, Schmausen, Genuß der Liebe und dergleichen deuten meistenteils nur Betrübnis, Krankheit und Verlust von allerlei Art an. Ich will Euch lieber durch kurzweilige Märchen und Erzählungen zu zerstreuen suchen!«

Sie begann sogleich:

28 »In einem gewissen Lande lebten einst ein König und eine Königin, welche drei Töchter hatten. Reiz und Anmut schmückten die beiden ältesten in sehr hohem Grad. Doch verschwanden beide wie im Schatten neben dem strahlenden Glanz ihrer jüngeren Schwester. Die Natur schien an dieser all ihren Reichtum erschöpft zu haben, ihre Schönheit war weit über das Menschliche, kein Lob konnte sie erreichen, ja, jede Sprache war zu arm, sie nur zu beschreiben. Auch zogen Eingeborene sowohl als Fremdlinge, durch den Ruf von dieser Wunderschönheit neugierig gemacht, in Menge dahin. Alle wurden so vor Bewunderung darüber außer sich, daß sie die Prinzessin, nicht anders als ob sie die Göttin Venus selbst wäre, in aller Förmlichkeit anbeteten. Hierdurch entstand in allen umliegenden Städten und Ländern die Sage: Die Göttin, welche aus des Meeres blauer Tiefe geboren und von dem Tau schäumender Wellen ernährt worden, verstatte jetzt ihrer Gottheit Anblick und wandle sichtbarlich in den Versammlungen des Volks einher; oder es habe gar durch einen neuen Einfluß der himmlischen Gestirne jetzt die Erde wie ehemals das Meer eine neue jungfräuliche Venus hervorgebracht.

29 Dieses Gerücht verbreitete sich mit jedem Tage weiter und weiter. In kurzem war es in den entferntesten Inseln und Landen erschollen. Nun kamen von nahe und von ferne, über Berge und über Täler und über die Schlünde des Meeres unzählige Scharen, diese glorreiche Seltenheit ihres Jahrhunderts zu schauen. Niemand schiffte mehr nach Paphos zur Göttin Venus, niemand nach Knidos, noch selbst nach Kythera. Die Feste der Göttin bleiben unbeachtet, ihre Heiligtümer werden vernachlässigt, die Tempel verfallen, ihre Kissen werden mit Füßen getreten, unbekränzt stehen ihre Bildsäulen, und die verwaisten Altäre sind mit kalter Asche bedeckt. Jedermann betet zur Prinzessin. In ihr wird jene große Gottheit verehrt. Des Morgens bei ihrem Erscheinen dampften der Sterblichen Opfer, um der abwesenden Göttin Gunst zu erhalten. Man feiert ihr Fest. Wandelt sie auf den Straßen, so begleitet sie in Gepränge das Volk, wirft sie mit Sträußen und Kränzen und streut ihr Blumen. So unmäßig ward die Ehre der Himmlischen einem sterblichen Mädchen zugewandt.

Die wahre Venus entbrannte darüber in Zorn. Im bittersten Unwillen schüttelte sie das Haupt und sprach bei sich selbst: 30 >Wie, ich, der Natur erste Mutter, der Elemente Urheberin, des ganzen Alls ewige Erhalterin, ich soll mit einer Sterblichen die Ehre der Anbetung teilen? Mein himmlisch reiner Name soll an irdischer Niedrigkeit entweiht werden? Wie? Ein Kind des Todes soll gemeinschaftliche Opfer mit mir haben, soll mich der Ungewißheit fernerer Verehrung bloßstellen, soll mein Bild auf Erden sein? Mein Bild? So hätte ja Paris, dessen Treue und Gerechtigkeitsliebe der große Jupiter selbst billigte, mir vergebens den Preis der Schönheit vor so großen Göttinnen zuerkannt? Nein! Wer sie auch sei, sie soll sich wahrlich lange der angemaßten Ehre nicht freuen! Soll nur zu bald selbst diese ihre freventliche Schönheit verfluchen!<

Und sogleich rief sie ihren Sohn, den geflügelten, kühnen Knaben, der mutwillig und frech aller Zucht spottet; des Nachts in den Wohnungen der Sterblichen umherschweift, die Eheleute verführt, die größten Ruchlosigkeiten ungestraft ausübt und überall nichts als Unheil stiftet. Diesen, von Natur schon zur Bosheit geneigt, reizt sie nun durch Worte noch mehr an. Sie führt ihn in die Stadt, wo Psyche - denn so heißt die Prinzessin - sich aufhält: zeigt sie ihm erzählt ihm die ganze Geschichte von Psyches Wetteifer mit ihr um den Vorzug der Schönheit, ruft endlich seufzend und mit dem Ausdruck des allerheftigsten Unwillens: 31 >Bei dem Bande der mütterlichen Liebe, das mich mit dir vereint, mein Sohn, bei deiner Pfeile süßen Wunden, bei der seligen Glut, welche deine Fackel entzündet, beschwöre ich, flehe ich dich an: Verleihe deiner Mutter Rache, volle, überschwengliche Rache, züchtige diese freche Schönheit andern zur Scheu! Besonders aber erfülle mir dies einzige, dies vor allem anderen Wichtigste: Verwunde das Mädchen mit der allerheftigsten Liebe zu dem niedrigsten der Menschen, dem das Schicksal Ehre, Gut und Gesundheit geraubt hat, ja, der so verworfen ist, daß er auf dem ganzen weiten Erdboden nicht seinesgleichen an Elend finden mag!<

Nachdem sie so geredet, umarmt sie den Sohn lange und innigst mit süßen Küssen, begibt sich nach dem nahen Gestade des Meeres und schwebt mit rosigen Füßen über den obersten Schaum gekräuselter Wellen dahin. Sie hatte kaum die Höhe des tiefen Meeres erreicht, siehe, so sind auf ihren bloßen Wunsch als auf einen längst vorhergegebenen Befehl alle Meergottheiten dienstwillig um sie her versammelt. Da sind des Nereus Töchter und singen im Chor, da ist Portunus mit langem blauem Barte und Salacia, den Schoß von Fischen schwer, und der kleine Deiphinenreiter Palämon. Der Tritonen Scharen durchschneiden hrn und wieder des Meeres glänzende Fläche; einer bläst lieblich auf der tönenden Muschel, ein anderer schützt mit seidenem Schirm vor der Hitze der feindseligen Sonne, dieser trägt der Göttin einen Spiegel vor, noch andere unterstützen schwimmend den zweispännigen Wagen. In diesem Aufzug begibt sich Venus zum Ozean.

32 Unterdessen gereicht Psyche ihre sich selbstfühlende Schönheit keineswegs zum Glück. Ein jeder staunt sie an. Ein jeder bricht über sie in Lobeserhebungen aus. Allein nicht ein einziger, nicht König, nicht Fürst noch jemand vom Volke begehrt ihrer und wirbt um sie. Man bewundert sie, und das ist alles. Man bewundert sie gleich einer Bildsäule von Meisterhand. Ihre beiden älteren Schwestern hingegen, deren mäßige Schönheit kein Ruf fernen Völkern gepriesen hatte, waren früh an königliche Freier verlobt und genossen jetzt schon das Los glücklicher Ehen.

Allein in ihres Vaters Hause zurückgeblieben, ohne Hoffnung,jemals die seligen Freuden der Liebe zu genießen, weint die unglückliche Psyche ihre leeren Tage hin. Sie dünkt sich in einer öden Wüste verlassen, wird krank an Körper, krank an Seele; ihre Schönheit, welche die Bewunderung ganzer Nationen ausmacht, ist ihr selbst ein Greuel. Ihr Vater betrübt sich darüber nicht weniger als sie selbst. Er glaubt endlich, irgendeine zürnende Gottheit müsse ihren Haß auf seine Tochter geworfen haben. Daher befragt er das uralte Orakel des milesischen Gottes. Er denkt, vielleicht durch Flehen und Opfer von dieser mächtigen Gottheit für seine verschmähte Tochter einen Gemahl zu erhalten. Allein Apoll gab - obwohl Grieche oder lonier, so doch mit lateinischem Spruch, dem Schreiber dieses milesischen Romans zuliebe - folgende Antwort dem Vater:

33 >Stelle die Tochter, zur unheilbringenden Hochzeit geschmücket,
Auf des erhabensten Bergs felsigen Gipfel dahin.
Ihr ist von sterblichem Stamm kein Ehegenosse bestimmet,
Sondern ein Untier, verrucht, grausam wie Otterngezücht;
Hoch erhebt sich's auf Schwingen, noch über den Äther; allmächtig
Waltet's mit Feuer und Stahl über die zitternde Welt.
Jupiter scheuet es selbst, den alle Götter doch fürchten.
Ja, der rächende Styx scheut es und bebet davor.<

Wie schmerzlich traf dieser heilige Ausspruch die Seele des Königs! Sein ehemaliges Glück scheint ihm jetzt ein Traum. Langsam und traurig geht er nach Hause zurück und eröffnet seiner Gemahlin den schrecklichen Befehl des Gottes. Da ist Jammer! Tränen und Wehklagen nehmen kein Ende viele Tagelang!

Schon naht die schreckliche Erfüllung des Orakels heran, wie zum Begräbnis werden die Anstalten zur Hochzeit der unglücklichen Prinzessin gemacht. Düster brennen die angezündeten Brautfackeln. Die hochzeitliche Flöte seufzt nur klagende, lydische Töne. Dumpf schallt der sonst so fröhliche Hymenäus, schließt traurig wie ein Sterbelied. Und mit Tränen der Verzweiflung netzt die Braut den geweihten Schleier. Das Mißgeschick des königlichen Hauses rührt die ganze Stadt zum Mitleiden; die Trauer ist allgemein, Geschäfte, Gericht, alles unterbleibt.

34 Aber die Notwendigkeit, dem göttlichen Befehl zu gehorchen, rief die unglückliche Psyche zur bestimmten Strafe. Sobald in tiefster Betrübnis alle nötigen Zurüstungen zur traurigen Hochzeitsfeier gemacht sind, so beginnt der Zug in Begleitung des ganzen Volkes. Psyche schwimmt in Tränen, ihre Brust bebt von Schluchzen und Seufzen; sie geht zum Leichenbegängnis, nicht zur Hochzeit. Ihren Eltern bricht das Herz; sie zögern, soviel sie nur können, so abscheulichen Greuel zu verüben.

Der unaussprechliche Schmerz des Vaters und der Mutter läßt endlich die Tochter ihres eigenen Schmerzes vergessen, sie spricht ihnen mit diesen Worten Mut ein: >Quält doch nicht durch so stetesJammern eure alten Tage, Vater! Mutter! Verkürzt nicht so euer teures Leben, das ich gern durch das meine noch verlängerte! Was helfen diese ohnmächtigen Tränen, die euer ehrwürdiges Angesicht entstellen? - Haltet ein! Haltet ein! Oh, tut meinen Augen nicht weh durch Verletzung der eurigen, schonet doch eures grauen Haares, schonet eurer mir heiligen Brust; andern Lohn konntet ihr euch ja für meine große Schönheit nicht versprechen! Spät genug fühlt ihr jetzt erst des leidigen Neides tödliche Wunde. Als uns das Volk und fremde Nationen göttliche Ehre erwiesen und einheilig mich die neue Venus nannten, da hättet ihr klagen, da weinen, da mich schon als tot betrauern sollen; denn ich fühl' es, ich seh' es, dieser Name ist allein mein Unglück.Jetzt führt mich getrost fort. Stellt mich auf den angedeuteten Felsen hin, ich eile der glücklichen Vermählung entgegen, zu der ich bestimmt bin. Ich eile, meinen edlen Gemahl kennenzulernen. Denn wozu soll ich noch lange zögern? Wie soll ich dem entfliehen wollen, der zum Untergang der ganzen Welt geboren ist?<

35 So sprach sie zu ihren Eltern und mischt sich nun mit gesetztem Tritt unter die Menge des begleitenden Volks. Der Zug geht zum angewiesenen Berge fort, man langt bei ihm an, führt die arme Psyche auf dessen obersten Gipfel und läßt sie da allein. Bei ihr bleiben die Brautfackeln, mit denen war vorgeleuchtet worden, aber verlöscht von Tränen, denn jeder schied nur mit strömenden Tränen von dannen.

Ein jeglicher geht stillschweigend, in Gedanken vertieft, das Haupt zur Erde beneigt. Vater und Mutter sind ganz in Jammer niedergebeugt, sie verschließen sich im Innersten ihres Palastes, und trauriges Dunkel umhüllt ihre Tage. Mittlerweile stand Psyche oben auf dem Gipfel des Felsens ganz allein in der bangsten Erwartung. Sie zittert, sie bebt und weint bitterlich; auf einmal aber fühlt sie sich sanft überm Boden schweben.

Ein Zephyr hob unvermerkt sie empor; er schwellte mit lindem Hauche den Busen ihres Gewandes - rauschend flatterte der Saum umher -, und so trug er sie ruhig in den Abgrund des darunterliegenden Tales und legte sie sanft in den blumigen Schoß eines weichen Rasens nieder. FÜNFTES BUCH

5 1 Augenblicklich ist Psyche hier aller quälenden Unruhe entledigt. Sanft gebettet auf zartem Lager von betautern Grase, entschlummert sie allgemach. Nach langem, erquickendem Schlaf erwacht sie endlich wieder heiterer als je und steht auf. Welch ein Anblick bietet sich da ihren Augen dar!

Sie befindet sich in einem anmutigen Lustwald, wo unzählige Geschlechter der herrlichsten Bäume ihren Schatten ausbreiten. Eine Quelle, glänzender als Kristall, windet in mannigfaltigen Krümmungen sich mitten hindurch, und da, wo sie sanft rauschend vom Felsen herabstürzt und über sich leichten Silbernebel bildet, steigt auf grünem Ufer ein Palast empor, nicht durch Menschenhand und Kunst erbaut. Gleich beim ersten Eintritt erkennt man ihn fir eines Gottes Lustwohnung. Die Decke ist künstlich gewölbt, mit Elfenbein und Zitronenholz eingelegt und von goldenen Säulen unterstützt. Getriebene Arbeit von Silber überdeckt alle Wände, wilde und andere Tiere springen wie lebendig den Hereintretenden entgegen; eine Vollkommenheit der Kunst, die niemand erreicht, ohne ein Zauberer - wo ni ht ein Halbgott oder ganz ein Gott zu sein! Der Fußboden prangt mit den köstlichsten Steinen, kleingeschnitten und so meisterlich zusammengestellt, daß sie die mannigfachsten Gemälde bilden. Oh, zweimal und mehrmals glücklich diejenigen, die da Gold und Edelgestein mit Füßen treten!

Gleicher unaussprechlicher Reichtum herrscht in allen anderen Teilen dieses weitläufigen Gebäudes. Die Mauern sind mit gediegenem Golde über und über bekleidet; von allem Glanze werden die Augen geblendet. .Ja, wollte auch die Sonne diesem Palast ihr Licht entziehen, es würden darinnen die Zimmer, die Gänge, die Türen durch ihren Schimmer einen eigenen Tag hervorbringen. Auch die Gerätschaft stimmt allenthalben mit der übrigen Pracht überein. Kurz alles und jedes erweckt hier den Gedanken: der große Jupiter habe sich diese himmlische Wohnung zum Umgang mit den Menschen zubereitet.

2 Die Schönheit dieser Räume zog Psyche an. Sie ging näher hinzu. Bald schon dreister geworden, wagt sie sich in eine Tür hinein; Neugierde und Bewunderung leiteten sie dann immer weiter und weiter, bis sie endlich vom Größten bis zum Kleinsten alles besehen hatte.

Nun besucht sie auch die Vorratsgebäude, die, bei der edelsten Bauart, mit den allergrößten Schätzen angefüllt sind. Was hier sich nicht findet, ist nirgendwo in der Welt.

Psyche war über so unermeßlichen Reichtum erstaunt. Doch ihre höchste Verwunderung war, daß sie zur Verwahrung dieses Schatzes aller Schätze weder eines Riegels noch eines Schlosses, noch sonst eines Hüters gewahr ward.

Wie sie dies alles mit staunender Wonne noch immer betrachtete, wurde sie auf einmal erweckt. Eine Stimme sprach zu ihr, ohne daß sich ein Körper dazu sehen läßt: >Wie kannst du, o Gebieterin, so lange bewunderungsvoll diese Kostbarkeiten anstarren? Sie sind ja alle dein. Gehe lieber in das Schlafzimmer, um dich auszuruhen, und begib dich, wenn es dir ansteht, in das Bad. Ich, deren Stimme du vernimmst, und noch viele unsichtbare Mädchen mehr sind deinem Dienste gewidmet. Unsere Emsigkeit wird es dir an nichts fehlen lassen; jegliche Bequemlichkeit und die köstlichste Tafel erwarten nur deinen Wunsch.

3 Psyche merkt jetzt, daß sich irgendeine Gottheit ihrer annimmt, die sie nur hört, nicht sieht; sie folgt dem Rat der Stimme und erquickt sich durch einen leichten Schlummer und dann durch ein Bad, nimmt darauf an einer Tafel Platz, die für sie zubereitet dazustehen schien. Sogleich ist diese mit einer Menge der lieblichsten Weine und der auserlesensten Gerichte bedeckt. Niemand trägt sie auf, sie scheinen wie von der Luft getragen von selbst herbeizuschweben. Auch ist niemand von denen, die aufwarten, zu sehen. Psyche hört nur zuweilen einzelne Laute. Nachdem sie gespeist hat, tritt jemand auf und singt, und ein anderer begleitet den Gesang mit der Zither; der Sänger ist sowenig als der Zitherspieler noch die Zither selbst sichtbar. Darauf läßt sich ein volltöniges Konzert von den lieblichsten Stimmen hören und ergötzt die Ohren Psyches, ohne daß wiederum ihre Augen die Kehlen zu entdecken vermögen, welche diese süße Harmonie hervorbringen.

4 Nach allen diesen Ergötzlichkeiten geht Psyche auf Annahmen der anbrechenden Nacht endlich schlafen. Schon tief in der Nacht weckt sie ein leises Geräusch. Da schaudert es ihr durch alle Glieder. In der großen Einsamkeit ist ihr für ihre Unschuld bange. Zwar weiß sie nicht, was sie befürchtet, aber sie fürchtet es mehr als den Tod. Siehe, es ist ihr unbekannter Gemahl. Er besteigt das Brautbett, macht Psyche zu seiner Gattin und eilt noch vor Anbruch des Tages von ihr.

Kaum hat er sie verlassen, so sind auch schon die dienstfertigen Stimmen in dem Schlafgemach, der Neuvermählten Trost zu bringen ob der verlorenen Jungfräulichkeit. So währte es eine Weile fort. Es ging Psyche mit der neuen Lebensart, wie es immer zu gehen pflegt; anfangs war ihr alles so fremd, unbehaglich, bald ward sie es durch die Dauer gewohnt, und endlich fand sie Gefallen daran. Die Gespräche mit ihren Unsichtbaren ersetzten ihr alle Gesellschaft.

Unterdessen verzehrten ihre armen alten Eltern sich in Gram und steter Betrübnis. Auch war das Gerücht von dem Orakel und seiner Vollziehung inzwischen zu den älteem Schwestern gekommen. In größtem Leidwesen verlassen beide schleunigst ihre Männer und eilen um die Wette, Vater und Mutter zu trösten und bei ihnen nähere Kundschaft wegen der Schwester einzuziehen.

5 1n eben der Nacht spricht Psyches Gemahl, den sie nie sah, nur fühlte und hörte, also zu ihr: >Geliebte Psyche, du mein süßes Weib, ein feindliches Schicksal drohet dir eine große Gefahr. Aber achte nur genau auf meine Warnung, so ist ihr vorgebeugt. Deine Schwestern trauen dem Gerücht von deinem Tode nicht. Sie werden bald hier sein und deiner Spur oben auf dem Felsen nachsuchen. Kommt nun ihr Geschrei und Gewimmer dir zu Ohren, so antworte ja nicht, sieh auch nicht einmal nach ihnen hin. Du bereitest sonst mir den größten Schmerz und dir selbst das größte Unglück.<

Psyche verspricht's ihrem Gemahl; sie beteuert, nur seinem Rate zu folgen.

Allein kaum ist er mit der Nacht zugleich von ihr geschieden, als sie in Seufzer, Jammer und Tränen ausbricht: >Jetzt<, ruft sie, >jetzt erst bin ich mit Recht unglücklich zu nennen! In einem goldenen Kerker eingesperrt, aller menschlichen Gesellschaft abgestorben, darf ich meine Schwestern nicht einmal trösten; meine Schwestern, die um meinetwegen sich härmen! Ach, ich darf sie nicht einmal sehen!<

Und so geht es den ganzen Tag. Sie ißt nicht, trinkt nicht, genießt keine Erquickung, begibt sich nicht ins Bad. So fort ohne Maß weinend, legt sie sich endlich schlafen.

6 Bald findet sich ihr Gemahl bei ihr ein, diesmal früher als gewöhnlich; aber auch seine Umarmung hemmt ihre Zähren nicht. Vorwurfsvoll wollte er ihr da ihre Empfindlichkeit verweisen: >Wie, meine Psyche<, sagt er, >ist das die Art, mit der du den Bitten der sorgsamen Liebe deines Gatten willfahrst? Da bleibt mir wenig von deiner Folgsamkeit zu hoffen übrig! So Tag und Nacht und in meinen Armen selbst in Tränen zu zerfließen! Nein, lieber handle nach deinem eigenen Gefallen, tue, was dein Herz dir eingibt; aber sehen wirst du, wie schädlich das ist. Dann wirst du's bereuen, daß du mir nicht gefolgt bist; aber dann ist's zu spät!<

>Flehentlich bitte ich dich, Geliebter<, erwidert ihm aber Psyche, >gewähre mir den Wunsch meiner Seele! Laß mich meine Schwestern sprechen, sie trösten, oder ich muß sterben! Ich mache meinem verhaßten Leben ein Ende!<

Wie hätte er dieser fürchterlichen Drohung zu widerstehen vermocht? Augenblicklich ergibt er sich den Bitten seines jungen Weibes.Ja, in seiner zärtlichen Schwachheit stellt er es ihr frei, ihre Schwestern mit so vielem Golde und so vielen Juwelen zu beschenken, als sie nur immer wolle.

Doch warnt er sie noch unaufhörlich, bald in Liebe, bald mit Ernst, ja sich nicht von deren unglücklichem Rate verleiten zu lassen, seine Gestalt auszuforschen. Dieser sträfliche Vorwitz werde sie ohne Rettung von dem Gipfel ihres Glückes in das äußerste Elend hinabstürzen und auf ewig seinen Umarmungen entreißen.

Mit aufwallender Freude dankt nun Psyche ihrem Gemahl. >Eher<, sagt sie, >eher mag ich hundertmal sterben als deinen geliebten Armen entrissen werden! Denn dich, wer du auch seiest, dich liebe ich mit ganzer Seele, wie mein Leben liebe ich dich, dich vertausch' ich mit Amor selbst nicht! Doch dies einzige gewähre meinen Bitten noch: Gebiete deinem Zephyr, auf eben die Art wie mich auch meine Schwestern hierherzubringen.

Jetzt schlingt sie ihre lilienweißen Arme um seinen Hals und küßt und liebkost ihn so viel und überhäuft ihn mit so vielen zärtlichen Namen der Liebe: heißt ihn ihre Wonne, ihr Leben, ihre Seele, bis sie endlich obsiegt. Von der Gewalt der Liebe bezwungen, erlag ihr Gemahl wider Willen und Vorsatz und versprach ihr, daß alles geschehen solle, und verschwand, noch ehe es dämmerte, wieder aus ihren Armen.

7 Bereits hatten die Schwestern bei ihren Eltern sich nach allem erkundigt; sie begaben sich eiligst auf den Felsen und an den Ort, wo Psyche allein war verlassen worden. Überlaut weinten sie und schlugen sich bei dem Klagen an die Brust. Von ihrem Jammergeschrei ballten trauig die Felsen wider.

Endlich riefen sie ihre unglückliche Schwester bei Namen. Der durchdringende Laut ihrer ängstlichen Stimmen klang bis tief hinunter in das Tal.

Psyche vernahm es. Mit Ungestüm stürzt sie wie wahnsinnig aus dem Schlosse heraus und schreit: >Schwestern, was betrübt ihr euch so ohne Ursache? Ich, die ihr beweint, bin hier. Stellt eure Klagen ein. Trocknet eure Tränen und kommt herab in meine Umarmung!<

Darauf ruft sie den Zephyr und sagt ihm, was ihr Gemahl befohlen. Ohne Verzug gehorcht dieser und bringt alsbald auf seinem milden Odem ihre Schwestern wohlbehalten und gemächlich hiernieder.

Voller Ungeduld fliegen sie sich gegenseitig in die Arme und drücken sich einander lange, wortlos, inbrünstig ans Herz. Freudentränen fließen auf ihren Wangen. Endlich spricht Psyche: >Kommt nun auch mit mir in meine Wohnung, ihr Lieben! Vergeßt jetzt das vergangene Leid und freuet euch einmal wieder mit eurer Psyche!<

8 Darauf geht sie mit ihren Schwestern in den Palast, zeigt ihnen die reichen Schätze dieses goldenen Hauses und läßt sie das Gewimmel der dienstbaren Stimmen um sich her vernehmen.

Nach einem erfrischenden Bade lagern sie sich mit Psyche an eine überirdische Tafel von üppiger Fülle. Und schon gesättigt vom gleichsam himmlischen Reichtum, tritt gleich in ihre Seelen hämischer Neid. Nun fangen sie an, mit der größten Verschlagenheit und Neugier nach dem Herrn aller dieser Wunder zu fragen: Wer und was denn ihr Gemahl sei?

Jedoch Psyche bleibt auf alle Weise dem Befehl ihres Gemahls treu. Sie läßt sich das Geheimnis ihres Herzens nicht ablocken, sondern erdichtet aus dem Stegreif: Ihr Gemahl sei ein wohlgestalteter Jüngling, dessen blühende Wangen nur erst zarter Flaum bekleide; er sei fast beständig in Wäldern und auf Bergen mit der Jagd beschäftigt.

Doch fürchtet sie selbst, sich etwa in fernerem Gespräche noch zu verraten. Darum beschenkt sie nach dieser Antwort alle beide reichlich mit Goldgeschmeide und Juwelen, ruft dann den Zephyr und übergibt sie ihm wieder, um sie auf den Fels zurückzutragen. Sofort geschieht dies. Auf der Rückkehr zu ihren Eltern zeigen die sauberen Schwestern in ihren Reden nur zu sehr, wie des Neides schwarzes Gift in ihrem Innern wüte.

> O Glück<, ruft die eine aus, >wie blind, wie grausam und wie ungerecht bist du doch! Uns, die wir von demselben Vater und derselben Mutter abstammen, so himmelverschiedene Lose zuzuwerfen, und wir, noch dazu die älteren, wir, der Gewalt ausländischer Ehemänner nicht anders als Sklavinnen überliefert, fortgestoßen in die Fremde, fern vom väterlichen Haus, fern vom Ort unserer Geburt und getrennt, abgeschnitten von allen Verwandten, wir müssen unser Leben wie Verbannte dahinkümmern! Und sie, von uns allen die jüngste, die letzte Frucht einer erschöpften Natur, muß einen Gott zum Manne bekommen, um im unsäglichen Überfluß zu prassen, um sich ganz in Reichtum vergraben zu sehen, den sie doch so wenig zu schätzen als zu nutzen weiß! Denn hast du wohl gesehen, Schwester, wie in ihrem Hause das köstlichste Geschmeide umherliegt, wie prächtige Kleider sie trägt, wie alles von Edelsteinen blitzet? Wie man das Gold bei ihr allenthalben mit Füßen tritt? Ist vollends ihr Gemahl so schön, wie sie's sagt, wahrlich, so ist sie die glücklichste Frau auf der Erde. Und wer weiß, macht ihr göttlicher Gemahl - wenn erst Gewohnheit seine Zuneigung zu ihr immer mehr befestigt hat - sie nicht noch gar zur Göttin? Gib acht, das geschieht. Sie führte sich auch schon so auf, sie betrug sich vollkommen so. Als eine Göttin sieht sie sich schon im Geiste. Wie sollte sie auch noch wissen, daß sie eine Sterbliche ist wie wir, da unsichtbare Zofen sie bedienen und die Winde selbst ihr gehorchen? Dafür muß mir armen Unglückseligen an einem Manne genügen, der Alters wegen weit eher mein Vater sein könnte, kahler ist als ein Kürbis, kindischer ist als ein jedes Kind und auch noch das ganze Haus verschlossen und verriegelt hält.<

10 > Bin ich besser daran?< nimmt die andere das Wort >Der Meinige ist gar ein Krüppel, ganz krumm gezogen von der Gicht und so an allen Glieder gelähmt, daß mir leider wenig Freude bei ihm zuteil wird. Beständig muß ich seine versteinerten Finger reiben und die ekelhaftesten, scheußlichsten Umschläge machen und meine zarten Hände dabei gänzlich verderben; statt seiner geliebkosten Frau bin ich seine geplagte Krankenwärterin. Aber Schwester, du magst nun dies alles so demütig - um dir's freiheraus zu sagen, wie ich's eigentlich meine - , so sklavisch erdulden, wie es dir nur immer beliebt, ich für mein Teil werde das nie! Ich kann gegen diese schreiende Ungerechtigkeit, so übel angebrachte Gunst des Glückes nicht einen Augenblick gleichgültig bleiben. Erinnerst du dich, wie hoffärtig und aufgeblasen sie sich gegen uns betrug? Ihre Prahlerei nahm gar kein Ende, ihr Stolz ward je länger, je mehr unausstehlich. Merktest du, wie sie nur erst nach großem Kampfe uns von ihren grenzenlosen Reichtümern diese Kleinigkeiten hinwarf und gleich auch unserer Gegenwart überdrüssig war und uns von ihren Winden wieder fortbringen ließ? Aber ich will nicht Weib heißen, will jetzt zum letzten Male Odem geschöpft haben, oder sie muß mir dafür büßen! Sie muß hinab, muß mir zum Boden hinab von ihrer stolzen Höhe! Ich hoffe doch, wie's wohl billig wäre, daß unsere Schmach dich ebenso rührt wie mich. So laß uns denn gemeinsam auf einen kräftigen Anschlag bedacht sein! Laß uns für's erste gleich ihre Geschenke weder unseren Eltern noch sonst jemand zeigen. Stellen wir uns lieber, als ob wir gar nichts von ihr gehört hätten. Genug, daß wir selbst mehr erfahren haben, als wir wünschen. Was sollen wir noch hingehen, um ihr Glück bei unseren Eltern und bei allen Völkern auszuposaunen! Nein, ein unbekanntes Glück ist kein Glück. Sie soll es schon innewerden, daß wir nicht ihre Mägde, sondern ihre älteren Schwestern sind. So wollen wir uns denn vorderhand nur wieder zu unseren Männern, in unsere freilich ärmlichen, doch bescheidenen Wohnungen begeben. Aber da bei Muße, nach den reiflichsten Überlegungen, laß uns die untrüglichsten Maßregeln ergrei fen und, damit ausgerüstet, endlich ihren Stolz zu demütigen, wieder hierher zurückkehren.<

11 Dieser böse Anschlag findet bei den zwei Elenden mehr Beifall denn irgendein guter, den ihnen die Dankbarkeit hätte eingeben mögen. Sie verbergen also all die kostbaren Geschenke, die sie von ihrer Schwester empfangen haben, zerraufen ihr Haar, zerkratzen sich ihr schändliches Angesicht, und durch ihr neues Gewinsel und Wehklagen reißen sie ihren armen Eltern alle Wunden des Herzens von neuem auf. Bald verlassen sie diese auch wieder und eilen heim, sich ganz wie wahnsinnig in ihrer verstellten Betrübnis gebärdend, und brüten allda ruchlose, ja sogar meuchelmörderische Anschläge gegen ihre arme, unschuldige Schwester. Mittlerweile warnt der unbekannte Gemahl Psyche in nächtlichen Gesprächen wiederum. >Das Schicksal<, sagt er, >ist gegen dich in feindlichem Anzug, o Psyche! Sieh dich ja aufs sorgsamste vor; sonst kommt es mit seiner Wut über dich. Wie tückische Wölfe kommen deine Schwestern wieder, dich zu beschleichen. Meine Gestalt auszuspähen, wollen sie dich bereden. Du weißt aber, was ich gesagt habe; hast du mich einmal gesehen, so siehst du mich nimmermehr wieder! Kommt also die verruchte Brut mit ihrem giftigen Anschlag zu dir - und kommen wird sie gewiß, das weiß ich! -, so ist das beste für dich, sie gar nicht zu sprechen; aber kannst du dies aus zu großer Zärtlichkeit nicht über dich bringen, so mußt du wenigstens, ich bitte dich, nicht das geringste, was mich betrifft, weder von ihnen anhören noch selber reden. Denn du wirst mir, o Psyche, ein Kind gebären, das schon unter deinem Herzen lebt und das, je nachdem du mein Geheimnis bewahrst oder entweihst, unsterblich oder sterblich sein wird.<

12 Bei dieser Nachricht schoß Psyche vor Freuden das Blut ins Angesicht. Das Herz wallte ihr auf. Sie genoß in dem Augenblick all den Trost, all die Wollust, all die Glorie, die nur der Gedanke, Mutter eines Götterkindes zu werden, geben kann. Von nun an zählt sie ängstlich jeden kommenden Tag, jeden verstrichenen Monat, und, ganz neu in ihrem Zustand, denkt sie mit Bewunderung dem unmerklichen Anwachsen, vom Unfühlbaren bis zur drückenden Bürde, nach.

Allein schon hatten ihre Schwestern, diese höllischen, Natterngift atmenden Furien, sich eingeschifft und steuerten in gottloser Eile nach ihr hin.

Jetzt ermahnt voller banger Besorgnis Psyches nächtlicher Gemahl sie abermals. >Der letzte, der entscheidende Tag, Psyche, ist nun da<, sagt er. >Deine abscheulichen Schwestern, diese feindselige Sippe, sind schon kampfgerüstet auf dem Plan und halten den Dolch gezückt, welcher dir das Herz durchbohren soll. Ach, welch Unglück drohet uns! Aber erbarme dich meiner, süße Psyche, erbarme dich deiner selbst und rette mich, dich und dieses unschuldige Kind vom bevorstehenden Verderben! Bewahre mein Geheimnis heilig und unverbrüchlich, und wenn die ruchlosen Weiber - denn sie, die dir den tödlichen Haß geschworen und alle Bande des Blutes mit Füßen treten, darf ich nicht mehr deine Schwestern nennen - , wenn sie gleich Sirenen sich über den Felsen erheben und mit Unglücksstimmen jeglichen Widerhall wecken, so höre sie nicht, so sieh sie nicht!<

13 Ihm antwortet Psyche weinend und schluchzend: >Du hast, soviel ich weiß, bisher meine Verschwiegenheit immer bewährt gefunden und fürchtest, ich möchte jetzt geschwätzig sein? Setze mehr Vertrauen in mich und befiel getrost dem Zephyr, daß er mir wieder gehorche. Da mir der Anblick deiner heiligen Person versagt ist, so laß mich wenigstens meine Schwestern sehen. Laß mich sie sehen, ich bitte dich bei diesen duftenden, deinen Nacken umfliegenden Locken, bei deinen runden, zarten, den meinen so ähnlichen Wangen, bei deinem von unaussprechlichem Feuer glühenden Herzen! Sie sollen mich nicht verführen. Was sollte ich zu meinem Verderben nach deinem Anblick streben? Wird doch bald dies Kind mich dein Angesicht in dem seinigen erblicken lassen. Damit verstatte mir unbesorgt der Schwestern rohe Umarmung und ergötze mit Freuden die Seele deiner dir gänzlich geweihten, dich innigst liebenden Psyche, der in deinen Armen auch die dunkelste Finsternis Licht ist.<

Von diesen Worten, die mit den zärtlichsten Umarmungen begleitet waren, bezaubert, trocknete Psyches Gemahl ihre Tränen mit seinen Locken ab, gab ihrer Bitte nach und schied, noch ehe es tagte, wieder von ihr.

14 Sobald das verschworene Schwesternpaar gelandet, verläßt es in der größten Geschwindigkeit den Strand, denkt nicht daran, Vater und Mutter zu besuchen, sondern eilt geraden Weges auf den bekannten Felsen hin und stürzt sich mit tollkühner Wut, ohne den Wind zu erwarten, der sie hinabtrüge, sogleich von da in die Tiefe hinunter.

Jedoch Zephyr, des empfangenen Befehls wohl eingedenk, fangt sie, wiewohl höchst ungern, auf und läßt sie in wallenden Lüften auf den Boden hernieder. Nun beflügeln sie ihre Schritte zum Palaste hinein, umarmen ihre Beute, nennen sie unter tausend gleich falschen Beteuerungen ihre geliebte Schwester und verbergen unter gleisnerischen Worten und Mienen die höllischen Absichten ihres Herzens.

>Sieh<, sagen sie, >wie in der Zeit sich unsere kleine Psyche verändert hat! Sieh, will sie nicht gar schon Mutter werden?! Du glaubst nicht, liebe Psyche, welche Freude das für uns ist. Das ist ein Glück für unsere ganze Familie. Oh, eine Seligkeit muß das sein, so ein Götterkind miterziehen zu helfen, das, wie natürlich, der Schönheit seiner Eltern entsprechen und so ein leibhafter kleiner Liebesgott werden muß!<

15 Durch solche Schmeichelei und verstellte Zärtlichkeit stehlen sie Psyche unvermerkt das Herz. Sie heißt sie gleich von der Reise auf weichen Polstern ausruhen, führt sie ins Bad und bewirtet sie in dem herrlichsten Saale aufs stattlichste an ihrer Göttertafel. Sie winkt, und die lieblichste Zither läßt sich hören. Sie winkt wieder, da erhebt sich das sanfte Geflüster wechselnder Flöten. Sie winkt noch einmal, und unzählige Stimmen beginnen den volltönigsten Chor.

Die seelenschmelzende Gewalt der süßen Harmonie war um desto zauberischer, unwiderstehlicher, da man niemand sah, der sie hervorbrachte. Doch blieben die beiden Gäste davon gänzlich ungerührt. All die himmlische Musik vermochte ihre Bosheit nicht zu besänftigen. Sie schreiten dazu, ihre Ränke auszuüben.

Abgeredetermaßen wenden sie das Gespräch wie von ungefähr auf Psyches Gemahl, und, als ob sie das erstemal von ihm sprächen, tun sie mitten in der Vertraulichkeit wiederum die Frage: Wer er denn eigentlich wäre und welches seine Abkunft sei?

Die gute Psyche hatte unglücklicherweise in der Einfalt ihres Herzens das vergessen, was sie das erstemal geantwortet hatte. Sie nimmt also zu einer neuen Erdichtung ihre Zuflucht. Ihr Gemahl, sagt sie, sei aus der nächsten Provinz, führe einen großen Handel, sei sehr reich und ein Mann in den besten Jahren, der jedoch schon graues Haar mitunter habe.

Sie bricht darauf sogleich das Gespräch ab; überhäuft die Schwestern wiederum mit den reichsten Geschenken und sendet sie auf ihrem Luftfahrzeug wieder fort.

16 lndem diese, von Zephyrs stillem Hauche erhoben, nach Hause zurückkehren, sprechen sie also miteinander: >Was meinst du Schwester<, sagt die eine, >zu der albernen Lüge, die uns die Närrin da aufbürden will? Erst war's einJüngling, auf dessen blühender Wange sich eben der erste Bart kräuselte, und nun ist's auf einmal ein Mann in den bestenJahren, dessen Haar sich schon versilbert! Wer mag der sein, der in so kurzer Zeit alt und grau werden kann? Mir, Schwester, kommt's nicht anders vor, als ob das garstige Weib uns mit ihren Lügen zum besten haben wolle oder gar selbst nicht wisse, wie ihr Mann aussieht. Sei es von beiden, was es immer wolle, so kann ich sie nicht länger in dem Überfluß wissen. Ich ruhe nicht, sie muß alles verlieren. Sollte sie wirklich nicht wissen, wie ihr Mann aussieht, so ist sie zuverlässig an einen Gott verheiratet und geht dir auch mit einem Gott schwanger; aber wird sie - was ich doch nicht hoffe - wirklich Mutter eines Götterkindes, so erhänge ich mich den Augenblick. Indes laß uns zu unseren Eltern gehen und Ränke ersinnen, die unserem begonnenen Gespräch möglichst weiterhelfen.

17 So aufgereizt, besuchen sie widerwillig die Eltern, stören sie aber nur. In brennender Ungeduld wird die Nacht durchwacht. Als der Morgen graut, sind sie schon wieder auf dem Felsen.

Mit Hilfe des Windes steigen sie wie gewöhnlich zu Psyche hinunter. Sie pressen und reiben sich die Augen so viel, bis sie Tränen vergießen müssen. Dann reden sie voller Arglist das arme harmlose Weib mit diesen Worten an: >Wohl dir, Psyche, daß du hier so in seliger Unwissenheit alles Unglücks und in ruhiger Sorglosigkeit wegen jeder dir drohenden Gefahr dahinlebst, indes wir mit zärtlicher Besorgnis Tag und Nacht für dein Wohl wachen und genug über dein unseliges Schicksal jammern; auch dürfen wir's als wahre Mitleidende dir nicht länger verhehlen. Wir haben für gewiß erfahren: ein großer, ungeheurer Drache, in verschlungenen Ringen einherkriechend, triefend von Blut und tödlichem Gift und gräßlich, mit weitem, aufgerissenem, unergründlichem Rachen, soll heimlich die Nächte bei dir zubringen. Das hat dir doch auch das pythische Orakel prophezeit; denn du wirst dich erinnern, daß es lautete: Du solltest einem schrecklichen Untier vermählt werden. Und Bauern, Jäger und Nachbarn dieser Gegend haben ihn abends vom Fraße zurückkehren und sich hier im nahen Strome baden sehen. 18 Alle sagen, am längsten würde er dich hier im Wohlleben gemästet haben; sobald nur erst deine Schwangerschaft völlig zur Reife gediehen, würde er dich als einen desto fetteren Bissen verschlingen. Es steht nunmehr bei dir, ob du unserem, deiner für dein Leben besorgten Schwestern Rate folgend, dem Tode entfliehen und bei uns fern von aller Gefahr leben oder lieber in dem Bauch dieser entsetzlichen Bestie dich begraben lassen willst. Sollte dir in dieser Einöde deine Stimmengeseilschaft und die schnöde, heimliche, gefahrvolle Lust in deines giftigen Drachens Armen vor allem am besten behagen: Nur zu! So haben wir wenigstens als zärtliche Schwestern uns nichts vorzuwerfen, wir haben vollkommen das unsere getan.<

Diese grausige Rede bemächtigt sich der Einbildungskraft der guten, treuherzigen Psyche. Sie verlor plötzlich alle Fassung. Ihres Gemahls Warnung, ihr eigenes Versprechen schwanden aus ihrem Gedächtnis. Blind stürzte sie sich in des Elends Abgrund. Am ganzen Leibe zitternd, totenblaß, stammelte sie mit fast ausgehendem Atem diese Worte: 19 >Oh, ihr gebt mir einen neuen Beweis von eurer Liebe, ihr teuren Schwestern! Und ach, die euch jenes gesagt, haben wohl keine Lügen erdichtet. Noch niemals hab' ich meines Mannes Angesicht gesehen. Ich weiß nicht, wer er ist. Nur bei dunkler Nacht hör' ich ihn und unterhalte mich mit ihm. Warum gäbe er sich sonst mir nicht zu erkennen? Warum wäre er so lichtscheu, wenn ihr nicht wahr redetet? Ich stimme euch bei. ja, er ist ein Ungeheuer! Seine ewigen Warnungen: ich sollte ja nicht Verlangen tragen, ihn zu sehen, sein ernstes Drohen mit dem äußersten Elend, falls ich meiner Neugier nachgäbe, bestätigen es nur zu sehr. Wohlan denn, wißt ihr Mittel, mich der bevorstehenden Gefahr zu entreißen, oh, so eröffnet sie, ich bitte, eröffnet sie ohne Zurückhaltung eurer Schwester, daß nicht ein Augenblick Sorglosigkeit auf einmal alle eure frühere Vorsicht verderbe.<

Die gottlosen Weiber hatten nun gewonnen Spiel. Sie stürmen aus ihrem Hinterhalt hervor, dringen durch die geöffneten Pforten des Herzens ihrer Schwester auf die bestürzten Gedanken der armen Einfalt mit gezückten Dolchen ein und machen sich darüber zu Meisterinnen.

20 > Wir sind Blutsfreunde<, spricht eine, >dich zu retten, setzen wir gern jede Gefahr aus den Augen. Nach allem Hinundherdenken aber ist das allereinzigste, wozu wir dir raten können, dieses: Verbirg dir insgeheim auf der Bettseite, wo du zu liegen pflegst, ein äußerst scharfes Messer, das du an der glättenden Handfläche noch besonders schärfen mußt, und unter irgendeiner Hülle halte eine kleine, helle, mit Öl gefüllte Lampe in Bereitschaft. Laß dir dann nichts merken. Kommt nun der Drache seiner Gewohnheit nach in das Schlafgemach hereingekrochen und liegt nun, neben dir hingestreckt, tief im ersten Schlafe vergraben, so stiehl dich aus dem Bett, und mit schwebendem Gang, auf nackten Zehen, schleiche zu deiner Lampe, zieh sie unter ihrer Hülle hervor und laß dich von ihrem Licht zu deiner herrlichen Tat beraten. Dann halte das zweischneidige Eisen in deiner Rechten hoch, und kühn trenne des schädlichen Ungeheuers Kopf und Nacken durch einen mächtigen Streich. Auch soll unser Beistand dir nicht fehlen. Sobald du durch deines Mannes Tod dein Leben gesichert hast, sind wir bei dir, geschwind wollen wir dann zusammen hier alles ausräumen, und du wählest dir nach Gefallen statt dieses Drachens einen Gatten, der Mensch ist wie du.<

21 Mit solchen anfeuernden Worten entflammen sie die Seele der unruhigen Schwester und verlassen sie dann unverzüglich. Sie fürchten, bei so großem angerichtetem Unglück in der Nähe zu bleiben, damit sie es nicht auch mittreffe. Als sie auf den Flügeln des Windes den Felsen wieder erreicht, begeben sie sich flugs an Bord und segeln davon.

Psyche, sich selbst oder vielmehr allen Furien der Hölle überlassen, schwankt auf einem Meer von Sorgen hin und her. All ihre Entschlossenheit ist dahin, da jetzt der Augenblick zur Ausführung des vorher so festgefaßten Vorsatzes näher kommt. Sie ist ein Raub sich widerstreitender Gefühle. Ungeduld und Scheu, Mut und Furcht, Zweifel und Wut wechseln unaufhörlich in ihr ab.

Was sie am meisten ängstigt, ist: ein und derselbe Gegenstand ist ihr als Ungeheuer verhaßt und zu gleicher Zeit unaussprechlich teuer als Gemahl.

Nach langem Kampfe trifft sie endlich doch, als der Abend schon die Nacht herbeiführt, noch über Hals und Kopf die Zurüstung zur abscheulichen Tat.

Jetzt war es Nacht. Der Gemahl kam. Nach den ersten Umarmungen der Liebe sinkt er in tiefen Schlaf.

22 Nun überwältigt Psyche ihr böses Schicksal. Sie, sonst an Leib und Seele gleich zärtlich, ist jetzt stark genug, kühn genug, Lampe und Messer herbeizuholen. Sie ist kein Mädchen mehr.

Allein, was entdeckt sie, als nun des Lichtes Schimmer das Geheimnis beleuchtet? - Von allen Ungeheuern das holdeste, das liebenswürdigste! Es ist - Cupido. Der süße Gott der Liebe ist es! Da liegt er in all seiner Schönheit. Auch die Lampe freut sich seines Anschauens und flammt heller auf, und dem Messer tut es weh, daß es so scharf ist. Psyche stutzt. Es faßt sie Reue und Entsetzen; außer sich, leichenblaß und bebend sinkt sie in die Knie. Verbergen möchte sie das Messer, aber in ihrer Brust. Sie hätte es auch getan, wäre nicht der Stahl aus Scheu vor einem so großen Verbrechen ihrer frevien Hand entsunken und weit von ihr hinweggeflogen. Allgemach erholt sie sich wieder von der Schwachheit; denn ihr Auge erquickte sich an der göttlichen Schönheit des Schlummernden, und jeder Blick auf ihn war für sie neues Leben. Ach welch ein Anblick! In der Haare Gold das niedlichste Köpfchen eingehüllt. Ambrosiaduftende Locken in zierlichem Gewirre über Rosenwangen und einen Nacken, weiß wie Milch, hinab auf Brust und Rücken irrend. Umher Glanz verbreitet, daß selbst der Lampe Licht davor erbleichte. Blendendpurpurne Fittiche an den Schultern des kleinen Fliegers, die Schwingen zwar ruhig, aber der zarte Flaum der Federn in zitternder Wallung und mutwilliger Unruhe. Überhaupt ein Leib, so glatt, so glanzvoll, so ganz schön, so ganz seiner Mutter, der göttlichen Venus, würdig! Am Fuße des Bettes lagen Bogen, Köcher und Pfeile, des mächtigen Gottes seliges Geschoß.

23 Unstillbares Verlangen ergreift jetzt Psyche; neugierig beschaut sie die Waffen ihres Gemahls, befaßt sie, bewundert sie. Sie zieht einen Pfeil aus dem Köcher und versucht mit zartem Finger dessen Spitze. Noch hatte sich das Zittern der Glieder nicht gelegt, stärker als sie will, berüht sie das Eisen und verletzt sich, daß gleich Tröpfchen rosigen Blutes ihre Hand betauen. Von nun an liebt sie Amor. Ihre eigene Schuld, doch ohne ihr Wissen. Mit jeglichem Augenblick wird diese Liebe brünstiger; schmachtend hängt sie eine Weile über ihn hin und verliert sich im Genusse des Anschauens. Endlich sinkt sie sanft auf ihn nieder, heftet ihre Lippen an ihn und berauscht sich in Wollust: >Ach, daß er noch nicht erwache, daß er noch nicht erwache<, lallt ihr Herz in unnennbarem Taumel.

Allein indem sie so trunken von Entzücken sich und alles außer ihr vergißt, so weiß ich nicht, war es Meineid oder Mißgunst, was die unglückliche Lampe anwandelte, oder fühlte auch sie sich hingerissen, solch einen Leib zu berühren und gleichsam zu küssen, genug, sie sprühet einen Tropfen glühenden Öls auf die rechte Schulter des Gottes.

Weh und Fluch dir, verwegene Lampe! Du erfrechst dich, selbst den Urheber alles Feuers zu brennen? Ist das der Dank, womit du der Liebe lohnst? Ihr, die dich schuf, ihren Genuß die Nacht hindurch zu verlängern! Vor Schmerz springt der Gott aus dem Schlafe auf. Er sieht, wie Psyche schändlich wider ihr Versprechen gehandelt hat, und gleich, ohne ein Wort zu sagen, entflieht er aus ihren Armen.

24 Zwar erhascht ihn das unglückselige Weib noch mit beiden Händen beim Fuß und bestrebt sich, ihn zurückzuhalten. Aber jämmerlich reißt er sie also mit sich empor, bis ihr die Kräfte entgehen und sie dann zur Erde zurückstürzt. Der Gott liebte sie. So an der Erde, vermochte er nicht, sie zu verlassen. Er flog auf die nächste Zypresse, und aus deren luftigem Wipfel sprach er in heftiger Bewegung also zu ihr hernieder: >Sieh, was du nun angerichtet hast, du leichtgläubige Psyche! Ich habe den Befehl meiner Mutter mißachtet, und statt dich nach ihrem Willen durch Liebe und Ehe dem allernichtswürdigsten der Menschen zu verbinden, bin ich selbst dein Liebhaber geworden. Ja, ich war noch leichtsinniger, ich herrlicher Bogenschütze, habe mich selbst mit meinen eigenen Pfeilen verwundet und dich zu meiner Gattin gemacht, und das alles, damit du mich für ein Ungeheuer hieltest, mit einem Messer mir den Kopf abschnittest, aus dem diese Augen dich so liebevoll anblickten? Ich hatte dich deswegen so oft auf deiner Hut sein geheißen, hatte dich immer so wohlmeinend gewarnt. Allein deine trefflichen Ratgeberinnen sollen mir auch auf der Stelle ihren schändlichen Unterricht büßen. Dich aber strafe allein meine Flucht.< Mit den letzten Worten erhob er sich auf seinen Fittichen in die Luft.

25 Psyche, am Boden liegend, sah, so weit ihre Augen reichten, unter entsetzlichem Jammer und Händeringen dem Fluge ihres Gemahls nach. Als ihn aber endlich das Ruder der Flügel in unermeßlicher Höhe ihrem Gesicht entführte, riß sie sich auf und stürzte sich in Verzweiflung von dem jähen Ufer in den nahen Fluß.

Es scheute der milde Fluß den Gott, dessen Flamme auch selbst dem Gewässer furchtbar ist, und schonte der Unglücklichen. Sorgfältig trug er sie auf unschädlichen Wellen an das blumenreiche Gestade.

Dort saß eben der Gott Pan. Die Bergnymphe Echo umarmend, lehrte er sie, allerlei liebliche Töne nachzusingen. Seine Ziegen schweiften um ihn her und hüpften und weideten und kletterten am Rande des Ufers. Der geißfüßige Gott, von Psyches Unfall unterrichtet, ruft mitleidig sie zu sich und spricht ihrem herben Schmerz sanften Trost ein.

>Artiges Kind<, redete er sie an, >ich bin zwar nur ein schlechter Hirt, doch hat mich eine lange Reihe wohltätiger Jahre mit vieler Erfahrung ausgerüstet. Wenn ich denn deinen ungewissen, wankenden Tritt, dein bleiches Ansehen und dein tiefes Stöhnen richtig auslege - weissagen heißt bei klugen Leuten nichts mehr - , so ist unglückliche Liebe dein ganzes Leiden. Folge mir also, suche nicht wieder dein Leben auf irgendeine gewaltsame Art zu enden, sondern gib dich zufrieden und weine nicht so untröstlich. Richte nur dein Gebet fleißig an Cupido, den größten der Götter. Er ist jung, zärtlich, liebreich, er wird sich deiner gewiß erbarmen.<

26 Psyche antwortet dem Hirtengotte nicht, sondern betet stillschweigend diese günstige Gottheit an und geht weiter.

Sie hatte sich noch nicht lange in der Irre trauernd herumgeschleppt, als sie bei des Tages Neige auf einem unbekannten, einen Abhang hinunterleitenden Fußpfad zu einer Stadt kommt, in der der Gemahl einer ihrer Schwestern seinen königlichen Sitz hatte.

Als Psyche das erfahrt, läßt sie sich bei ihrer Schwester melden. Sie wird sogleich angenommen und zu ihr geführt. Umarmungen von beiden Seiten, dann eilfertig Gefrage der Schwester, welcher glückliche Zufall denn Psyche zu ihr bringe? >Du weißt wohl<, antwortete ihr diese, >daß ihr mir rietet, dem Ungeheuer, das unter dem erlogenen Namen meines Gemahls bei mir schlief, die Kehle abzuschneiden, bevor es mich arme Unglückselige verschlänge. Als ich mich nun dazu anschickte und mit der Lampe in der Hand - gleichfalls nach eurem Rate - dem Bett mich näherte, wurde ich von dem allerunerwartetsten, himmlischsten Anblick überrascht. Lag doch der Sohn der Göttin Venus, Cupido selbst, in sanfter Ruhe eingeschlummert da. Freude und Fülle der Wollust durchströmten mich, als ich ihn erblickte. Nur zu bald aber verwirrten sich meine Sinne über dem staunenden Betrachten seiner göttlichen Schönheit, und lüstern nach mangelndem Genuß, vergaß ich mich. Da mußte zu meinem Unglück die verwünschte Lampe von siedendem Öl überwallen und dem Gott die Schulter verletzen. Der Schmerz schreckte ihn augenblicks aus dem Schlafe auf, und da er mich mit Feuer und Stahl bewaffnet vor sich sah, rief er: >Abscheulich! Du? Mich? Auf der Stelle räume das Ehebett. Nun habe ich mit dir weiter nichts zu schaffen! Nein! Deine Schwester - und hier nannte er deinen Namen - soll deine Stelle vertreten, sie nehme ich förmlich zur Gemahlin.< Und sogleich ließ er mich vom Zephyr weit aus dem Bezirk seines Palastes wegtragen.

27 Kaum hatte Psyche ihre Erzählung vollendet, als jene schon, von dem Sporn wütender Begierden und boshaften Neides getrieben, mit einer schnellgeschmiedeten Lüge vom Tode ihrer Eltern ihren Gemahl hintergeht, sich zu Schiffe begibt und in aller Eile nach dem Felsen hinsegelt.

Oben sein, ausrufen: >Empfange, Cupido, deine würdige Gattin, und du, Zephyr, nimm deine Gebieterin auf< und, blind vor ungeduldiger Hoffnung hinabspringen, obgleich ein ganz anderer Wind bläst, ist eins.

Allein auch nicht nur tot gelangt sie an den erwünschten Ort. An den hervorragenden Klippen zerschmetterte und zerstückte sich im Fallen ihr Leib, und nach Verdienst werden ihre umher zerstreuten Glieder ein Raub der Vögel und der wilden Tiere.

Die Strafe der anderen Schwester nahm auch keinen langem Anstand. Denn, indem Psyche wiederum irrend umherschweifte, gelangte sie bald ebenfalls zu der Stadt, in der sich diese aufhielt. Gleiche List, gleiche Wirkung. Mit derselben lasterhaften Begierde als die erste, eilte auch diese nach dem Felsen hin und fand auch da den nämlichen Tod.

28 Während Psyche Cupido bei allen Völkern suchte, lag er mittlerweile in dem Zimmer seiner Mutter und seufzte und litt an der verletzten Schulter große Schmerzen. Eine Seemöwe, die über die Fluten des Meeres gleitet, taucht geschwind mit ihren Flügeln in den Ozean und fahrt bis in die unterste Tiefe hinab, wo Venus sich eben mit Baden und Schwimmen belustigte. Da erzählt sie ihr, ihr Sohn habe sich verbrannt, er liege am Wundfieber sehr krank, und es sähe mißlich um seine Wiederherstellung aus. Überhaupt, setzt sie hinzu, stände ihr Sohn sowohl als auch sie selbst auf der ganzen Welt eben nicht im besten Rufe. Er, so gehe das Gerede und der Spott, verbuhle seine Zeit im Gebirge, und sie lebe in Herrlichkeit und in Freuden beim Ozean im Bade. Unterdessen gehe es auf Erden bunt über. Lust, Witz und Grazie seien entflohen. Alles sei wild, rauh, ungesittet. Man kenne gar Ehe, Freundschaft und kindliche Liebe nicht mehr. Die abscheulichsten Ausschweifungen und die gräßlichsten Laster herrschten überall.

Also schwatzt der schmähsüchtige Vogel und verleumdet Amor bei seiner Mutter. >Wie?< ruft Venus voll jähen Zornes mit lauter Stimme aus, >also hätte mein allerliebstes Söhnchen sich schon ein Mädchen zugelegt! Geschwind sage mir ihren Namen, o du, die du mir allein noch mit Liebe zugetan bist! Nenne mir die, welche den unschuldigen Knaben verführt hat! Ist's eine Nymphe, Hore oder Muse oder eine von meinen Grazien?<

Das weiß ich nicht<, erwidert die plauderhafte Möwe. >Ich glaube aber, es ist nur eine Sterbliche, in die er verliebt ist; wenn ich mich recht auf ihren Namen besinne, so heißt sie Psyche.<

>Psyche?< versetzt Venus mit zunehmendem Grimm. >Entsetzlich! In Psyche hätt' er sich verliebt, in Psyche, meine Nebenbuhlerin in der Schönheit, die sich meinen Namen angemaßt hat, die ich selbst, sie zu strafen, ihm gewiesen habe? Und verliebt hat er sich in die? So hält er mich wohl gar für seine Kupplerin? Empfindlicher konnte er mich nicht kränken!<

29 Und hiermit erhebt sie sich aus dem Meer und begibt sich sogleich nach ihrer goldenen Wohnung, wo sie ihren Sohn in dem beschriebenen Zustand antrifft. Sie rief ihm gleich aus der Tür im bittersten Grimme ihres Herzens mit dem größten Ungestüm zu: >Oh, brav, herrlich, ganz wieder deiner würdig! Recht so, unter die Füße mit den Befehlen der Mutter, der Gebieterin. Was da lange ihre Nebenbuhlerin mit schmählicher Liebe quälen. Lieber aus ihr einen Zeitvertreib gemacht, die Mutter muß sich wohl ihre Feindin als Schwiegertochter gefallen lassen! Aber warte, du mutwilliger Verführer, es soll dir übel bekommen! Trotze nur darauf, daß du der einzige Sohn bist, dein Dünkel soll dir bald genommen werden, ich bin noch gar nicht zu alt, noch einen weit besseren Sohn zu haben als du sauberes Früchtchen bist! Allein dich desto empfindlicher zu beschimpfen, will ich lieber einen von meinen Leibeigenen an Kindes Statt annehmen. Er soll diese Flügel, die Fackel, den Bogen und die Pfeile, die ganze Rüstung haben. Sie kommt von mir allein her, nicht von deinem Vater, und zu solchem Gebrauch war sie dir nicht verliehen. 30 Du Bösewicht hast schon von klein auf nichts getaugt, hast dich beständig an allen vergriffen, denen du Ehrerbietung schuldig bist! Wie hast du nicht deiner Mutter selbst stets frevelhaft mitgespielt, wie oft mich nicht bis ans Leben verwundet, welche Schmach tust du mir nicht noch täglich an. Verächtlicher kann wohl niemand einer armen hilflosen Witwe begegnen! Und vor deinem Stiefvater, dem großen Kriegsgott, hast du wohl keine Furcht und Achtung mehr? Deine kindliche Pflicht müßte dann darin bestehen, daß du ihm immer Mädchen zuführst - oh, und du weißt, in welche Verzweiflung ich dadurch gesetzt werde. Aber ich will dir das Spiel nun für immer legen, und lange, lange sollst du an deine feine Buhlschaft denken!< >Aber wie räche ich nun meine Schmach?< fährt sie darauf bei sich selbst fort. >An wen wende ich mich? Wie züchtige ich den Taugenichts nach Verdienst? Ob ich mir von meiner Feindin Mäßigkeit Hilfe ausbitte? Von ihr, die ich eben dieses übermütigen Knaben wegen so vielfach beleidigt habe, und nun sollte ich mich dieses garstigen, groben Weibes Spott aus setzen und mich vor ihr erniedrigen? Hart, hart! - Doch, süße Rache, dich erkauft man nicht zu teuer ;ja, ich will zur Mäßigkeit gehen! Ihr will ich den Buben zur Züchtigung überliefern. Sie soll ihm den Köcher leeren, die Pfeile stumpf machen, die Bogensehne zerschneiden, die Fackel löschen und ihn ohne Barmherzigkeit kasteien! Eher, eher will ich mich nicht zufriedengeben, als bis ich seine Haare, die ich so oft mit eigenen Händen mit Gold durchflochten habe, kahl abgeschoren, bis ich seine Flügel, die ich so manchmal, wenn er auf meinem Schoße saß, in Nektar gebadet, kurz abgestutzt sehe.<

31 Also eifert sie und stürzt hinaus, das Herz voll bitterer Galle, wie nur Venus es kennt. Doch bald begegnen ihr Ceres und Juno. Sie lesen ihr den Zorn gleich in den Augen und fragen, warum sie so finster aussehe, warum sie die Holdseligkeit ihrer Blicke in Unmut einhülle? >Wie gelegen<, antwortet sie ihnen, >kommt ihr für mein brennendes Herz. Helft mir Gewalt und Rache ausüben, helft mir, ich bitte euch, die landstreicherische, flüchtige Psyche aufsuchen. Denn gewiß wißt ihr schon meines unwürdigen Sohnes schändliche Aufführung, das Gerücht davon ist zu bekannt!<

Die Göttinnen wußten in der Tat schon um alles. Nun suchen sie durch Zureden der Venus überwallenden Zorn etwas zu besänftigen. >Was, o Göttin<, sagen sie ihr, >was hat denn dein Sohn so Großes verbrochen, um sein Vergnügen so gewalttätig zu stören, um die, die er liebt, so mit Haß zu verfolgen? Rechnest du ihm für Sünde, daß er einem hübschen Mädchen gut ist? Er ist ja einmal von männlichem Geschlecht und endlich schon Jüngling! Oder vergißt du, wie alt er ist, und denkst, weil er noch immer so jung und zart aussieht, er sei auch immer noch ein Kind? Du bist Mutter, bist eine kluge Frau und willst deines Sohnes kleinen Ausschweifungen immer so neugierig nachspähen, seine Galanterien tadeln, seine Liebeshändel stören, kurz, was deine eigene Kunst, deine einzige Glückseligkeit ist, bei dem schönen Sohne ahnden? Welcher Gott, welcher Mensch wird es hinfort ertragen können, daß du überall Liebe verbreitest, wenn du dieselbe Liebe an deinem Sohne so bitter bestrafst, wenn du ihm das Spiel mit gefälligen Schönen verwehrst, wenn du deinen Zorn gegen ein Mädchen ausläßt, das sich der ihr verliehenen Gabe, zu gefallen, glücklich bedient hat?<

Also sprachen Ceres und Juno zum Vorteil Cupidos, selbst in seiner Abwesenheit; denn sie fürchteten sich vor seinen Pfeilen. Venus aber nimmt ihre Rede als Verspottung ihrer Schmach auf, verläßt die Göttinnen desto unwilliger und wendet sich mit beschleunigten Schritten nach dem Meere hin.

6 1 Unterdessen trieb Psyche Tag und Nacht rastlose Sehnsucht nach ihrem Gemahl aller Orten umher. Sie dachte ihn irgendwo anzutreffen und seinen Zorn, wo nicht durch zärtliche Liebkosungen, doch wenigstens durch demütiges Bitten zu besänftigen. Auf dem Gipfel eines hohen Berges wird sie jetzt eines Tempels ansichtig. >Ach, wenn da mein Geliebter sich auf.hielte!< ruft sie und richtet sogleich ihre Schritte dorthin. Hoffnung und Wunsch erneuen ihre ermatteten Kräfte, behend hat sie die höchste Spitze erreicht.

Als sie in den Tempel tritt, sieht sie darin hin und wieder Weizenähren haufenweise zerstreut oder auch in Kränze gebunden am Boden liegen, Gerstenähren mit darunter gemischt. Auch findet sie Sicheln und alles andere Erntegerät ohne Ordnung untereinander hingeworfen, so wie nach vollendeter Arbeit die müden Landleute es nachlässig hinfallen lassen.

Psyche macht sich gleich darüber her. Sorgfältig sondert sie jegliches voneinander und bemüht sich, alles in schickliche Ordnung zu bringen; denn sie glaubte, keines Gottes Dienst vernachlässigen zu dürfen, sondern aller Mitleiden und Gunst suchen zu müssen. Mitten in dieser emsigen Beschäftigung trifft die allernährende Ceres sie an.

2 >Ach, arme Psyche<, ruft diese ihr schon von ferne zu, >entrüstet sucht Venus dich in der ganzen Welt; droht Tod dir und Verderben, spart keine Macht, ihren Mut nur an dir zu kühlen! Und du, auf nichts weniger bedacht als auf deine Rettung, stehst geruhig hier und trägst Sorge für das Geräte meines Heiligtums?<

Da warf Psyche sich vor ihr auf die Knie, netzte ihre Füße mit einem Strom von Tränen und flehte die Göttin mit den rührendsten Worten um ihren Schutz an. Ihre goldenen Locken schleppten am Boden. >Ich bitte dich, o Göttin<, spricht sie, >bei dieser Fülle der Früchte ausspendenden Rechten, bei den fröhlichen Erntefesten, bei deinen heiligen, geheimnisvollen Truhen, bei deinem drachenbespannten Wagen, bei Siziliens Fruchtbarkeit! Ich beschwöre dich, bei dem Raube deiner Tochter, bei der Erde, die sie verbarg, bei deinem Hinabsteigen zu ihrer düsteren Hochzeit in der Unterwelt, bei deiner Tochter Wiederkehr und bei allem übrigen, was das attische Eleusis in unverbrüchliches Stillschweigen einhüllt! Erbarme dich, du milde Ceres, hilf der unglückseligen Psyche, die zu dir ihre Zuflucht nimmt! Verstatte mir, nur wenige Tage unter diesen zusammengetragenen Ähren verborgen zu liegen, bis der mächtigen Venus Zorn durch Zeit sich besänftigt oder bis wenigstens meine so unablässig angestrengten und nun völlig erschöpften Kräfte durch einige Ruhe wiederhergestellt sind!<

3 >Deine Tränen<, antwortet ihr Ceres, >und deine Bitten rühren mich, und von ganzem Herzen wünschte ich, dir helfen zu können; allein die engsten Bande der Verwandtschaft und Freundschaft verknüpfen mich mit der Venus, und sie ist auch sonst eine so gute Frau. Es ist mir unmöglich, etwas zu tun, wodurch ich sie mir - wie ich voraussehe - zur Feindin machen würde. Geh also nur gleich aus meinem Tempel, Psyche! Du kannst hier weder Schutz noch Herberge finden und kannst es mir anrechnen, daß ich dich nicht im Gewahrsam festhalte.< Abgewiesen zu werden, hatte Psyche keineswegs erwartet ; doppelte Traurigkeit beklemmt also ihr Herz.

Sie geht den gekommenen Weg wieder zurück. Beim Herabsteigen vom Berge erblickt sie unten im Tal in einem dämmernden Haine einen Tempel von kunstvoller Bauart. Neue Hoffnung zur Besserung ihres Schicksals belebte sie. Welcher Gottheit auch dieser Tempel geweihet sei, sie will deren Huld anrufen. Als sie sich der heiligen Pforte naht, sieht sie an den Ästen naher Bäume und an den Türpfosten viele reiche Geschenke aufgehängt, bei jedem ein Band, dessen Goldstickerei die erhaltene Wohltat und den Namen der geehrten Göttin erzählt.

Nun wischt sie die Tränen von ihren Augen, kniet hin, umfaßt den noch lauen Altar mit beiden Händen und betet also: 4 >Schwester und Gattin des großen Jupiter! Du bewohnest nun den uralten Tempel von Samos, das deiner Geburt, deines ersten kindlichen Lautes und deiner Erziehung sich rühmt, oder du besuchest deinen seligen Sitz im hohen Karthago, das dich als Jungfrau im löwenbespannten Wagen himmelan fahrend verehrt, oder du waltest an den Ufern des Inachus über die hochberühmten Mauern der Argiver, die dich als Vermählte des Donnerers und der Göttinnen Königin anrufen! Du, die der ganze Orient als Schützerin der Ehe und der ganze Okzident als Geburtsgöttin anbetet: o hilfreiche Juno: verlaß mich in meiner Drangsal nicht! Ich erliege der Last meines Elendes, stehe mir bei, entferne von mir die drohende Gefahr! Ich vertraue dir, o Göttin; deine Hilfe entgeht ja niemals notleidenden Schwangeren!<

Kaum hat sie ausgebetet, so steht Juno in aller Majestät vor ihr. >Wie gern, o Psyche<, so sagt sie, >erhörte ich dein Gebet! Allein Venus ist meines Sohnes Weib, und ich habe sie von jeher wie mein eigenes Kind geliebt, ich müßte mich schämen, wollte ich mich deiner, ihrer Feindin, gegen sie annehmen. Auch darf ich nicht wider die Gesetze fremde Flüchtlinge gegen den Willen ihrer Herren aufnehmen!<

5 Psyche, abermals in der Hoffnung, Schutz und ihren Gemahl zu finden, getäuscht, verzagt nun ganz und gar. Nur Unglück ahnend, spricht sie also bei sich selbst: >Umsonst, umsonst! Für mich ist keine Rettung mehr! Der Göttinnen bester Wille selbst ist ja für mich ohnmächtig! Was fliehe ich noch? Bin ich nicht überall mit Garnen umstrickt? Und welches Dach, welche Finsternis mag mich vor dem allschauenden Auge der großen Venus verbergen? Auf denn, Psyche, ermanne dich! Hinweg mit der eitlen Hoffnung! Geh, liefere der Göttin dich freiwillig in die Hände. Unterwürfigkeit mag sie vielleicht allein noch erweichen, mag ihren Zorn mildern. Und ach, wer weiß? Triffst du nicht gar den bei seiner Mutter an, den du schon so lange allenthalben vergebens gesucht hast?< So war Psyche nun völlig zur mißlichen Demütigung vor Venus, ja selbst zum gewissen Verderben bereit. Und sie sann nur noch auf den Anfang ihrer bittenden Rede.

6 Mittlerweile war Venus müde, auf der Erde nach Psyche herumzuziehen. Sie erhebt sich gen Himmel. Schon läßt sie sich den Wagen rüsten, welchen Vulkan ihr zum Hochzeitsgeschenk gemacht hatte. Sauber und künstlich hatte ihn der Gott selber verfertigt. Er strahlte von Glanz. Was die nagende Feile ihm an Golde geraubt, hatte seine Kostbarkeit nur um so mehr erhöht. Alsbald flattern vier von den weißen Täubchen herzu, welche in unzähliger Menge um die Wohnung der Göttin nisten. Sie wenden girrend ihre buntfarbenen Hälse, streifen das von Edelgestein blitzende Joch über, nehmen ihre Gebieterin ein in den Wagen und fliegen fröhlich mit ihr empor. Mit lautem Gezwitscher umgaukelt den Wagen ein Heer buhlerischer Spatzen, andere kleine liebliche Sänger schweben vorauf, in süßen Weisen der Göttin Ankunft verkündigend, sonder Furcht insgesamt vor den begegnenden Adlern oder den räuberischen Habichten. Die Wolken schwinden, es öffnet sich der Himmel vor seiner Tochter; mit Freuden empfangt der hohe Äther die Göttin.

7 Sie begibt sich sogleich zu Jupiters königlicher Burg. Mit stolzer Bitte fordert sie als notwendige Hilfe den Merkur, den lautstimmigen Gott, zum Herold. Sie bedürfe seiner höchst notwendig. Zeus winkt ihr mit den hohen schwarzen Augenbrauen Gewährung ihrer Bitte zu.

Frohlockend steigt sie nun augenblicklich in Begleitung Merkurs vom Himmel herab und eröffnet ihm unterwegs ihre Wünsche. >Bruder aus Arkadien<, sagte sie, >du weißt es, ohne deinen Beistand tat deine Schwester Venus überall nichts. Auch jetzt weißt du, wie lange ich schon nach der versteckten Dirne suche. Umsonst! Sie entgeht allen meinen Nachforschungen. Ich wende mich wieder zu dir, lieber Merkur. Mach es doch auf der Erde bekannt, daß ich jedem, der sie mir zuweist, hohe Belohnung verspreche! Aber tu mir diesen Gefallen recht bald, bezeichne sie dabei höchst genau, auf daß sie allen Menschen kennbar werde und niemand, der sie verbirgt, hoffen darf, sich mit der Entschuldigung zu schützen, er habe sie nicht gekannt!< Darauf gibt sie ihm einen Zettel mit Psyches Namen und ihren übrigen Kennzeichen, verläßt ihn und begibt sich nach ihrem Palast.

8 Merkur erfüllt geflissentlich ihren Auftrag. An allen Orten, bei allen Völkern des Erdbodens ruft er aus: >Kund sei es jedermann, wie eine gewisse Königstochter mit Namen Psyche sich an Venus schwer vergangen hat und heimlich nun entwichen ist, sich ihrer verdienten Strafe zu entziehen. Sollte jemand sein, der diesen Flüchtling aufgefangen hat oder nur nachweisen kann, wo sie sich verborgen hält, der finde sich bei den Murtischen Säulen ein und gebe es bei mir, dem Merkur, an, der ich dieses als Herold jetzt bekanntmache. Er soll für seine Mühe von Venus in Person sieben Küsse zur Vergeltung bekommen und einen noch insbesondere, der mit allen Süßigkeiten gewürzt ist, welche nur der Liebesgöttin Honigmund zu geben vermag.<

Auf diesen Aufruf Merkurs beeifern sich alsbald alle Sterblichen um die Wette, eine so hohe Belohnung zu verdienen. Um so mehr beschleunigt Psyche die Ausführung ihres vorgefaßten Entschlusses.

Und schon nahet sie zur Türe der Venus, als ihr 'Das Verhältnis', eine von der Göttin Hofgesinde, begegnet und so laut, als sie nur immer kann, zu schreien anfangt: >Ha, du Nichtswürdigste, so erkennst du endlich, mit wem du es aufnimmst, und demütigst dich jetzt, nachdem du dich in der ganzen weiten Welt hast aufsuchen lassen und wir uns um deinetwillen Tag und Nacht haben plagen müssen. Doch gut, daß du gerade mir in die Hände gerätst, in den Klauen des Todes wärest du nicht sicherer aufgehoben. Und nun wirst du natürlich büßen für deine Schändlichkeit.<

9 Und nun keck, mit beiden Händen zugleich, Psyche in die Haare und sie so fortgeschleift, obwohl sich diese nicht im mindesten ihr zu folgen sträubt. Sobald Venus Psyche also zu sich hereingeschleppt sieht, schlägt sie das laute Gelächter auf, das der wütige Zorn zu erheben pflegt, schüttelt den Kopf und sagt zu ihr mit den höhnischsten Gebärden: >Ei! So würdigst du mich doch noch endlich, mich als deine Schwiegermutter zu begrüßen! Oder gilt der Besuch etwa dem Herrn Gemahl, dem das glühende Öl, mit dem du ihn gesalbt hast, so schlecht bekommen ist? Gleichviel, nur näher! Es soll dir darum nicht weniger alle verdiente Ehre widerfahren!<

>Kummer und Leid! wo seid ihr?< ruft sie jetzt, sich zu ihrem Gefolge wendend. Sie erscheinen sogleich. >Ich überlasse euch diesen Gast<, spricht sie zu ihnen, >und empfehle ihn euch bestens.< Beide verstehen nur zu gut ihre Gebieterin. Sie führen gleich Psyche mit sich hinweg und sparen an der armen Unglücklichen weder Geißeln noch andere Qualen. Dann bringen sie sie wieder zur Göttin zurück.

Venus empfangt sie mit neuem Spottgelächter: >Seht nur<, ruft sie aus, >wie sie ihre Schwangerschaft so vorteilhaft zu zeigen weiß, um unser Mitleid damit zu erschleichen. Die Verschmitzte hat die schwache Seite meines Herzens ausgespäht. Sie spiegelt mir das süße Glück vor, nun bald Großmutter zu heißen! Wie? Ich? Großmutter? In der Blüte meiner Jahre? Und durch wen? Durch ein so schnödes Geschöpf? Irre dich nicht, du Elende, deine Brut kann nie Enkelkind der Venus heißen. Wer bist du, daß du dich mit meinem Sohne vermählen könntest? Die Ehe wäre zu ungleich, auch ist sie überdies nicht gültig, nur auf dem Lande, ohne Zeugen, ohne des Vaters Einwilligung geschlossen. Sie ist null, sie ist nichtig! Nur einen Bastard wirst du zur Welt bringen, vorausgesetzt ich lasse es überhaupt so weit kommen!<

10 Mit diesen Worten fliegt sie Psyche ins Angesicht, zerrauft ihr das Haar, reißt ihre Kleidung in Stücke und mißhandelt sie aufs erbärmlichste. Dann nimmt sie Weizen, Gerste, Hirse, Mohn, Erbsen, Linsen und Bohnen, mischt alles untereinander und schüttet es auf einen Haufen zusammen. >Da<, spricht sie nun, >du Scheusal! Sieh zu, ob dir hier deine Emsigkeit eben wie im Buhlen will zustatten kommen. Lies mir dies vermengte Gesäme auseinander! Mache von jeglicher Art einen besonderen Haufen, und eh es noch Abend wird, sei mir damit fix und fertig!< Nach so angewiesener Arbeit begibt sie sich zu einem Hochzeitsschmaus.

Psyche bleibt stumm und starr vor ihrem aufgegebenen Geschäfte stehen. Die Unmöglichkeit, es zu vollenden, benimmt ihr den Mut, nur Hand daran zu legen.

Allein eben hielt sich eine kleine Ameise da auf. Es jammerte sie so große Bedrückung der Gattin eines mächtigen Gottes und erregte all ihren Abscheu gegen die Grausamkeit der Schwiegermutter. Stracks läuft das gute Tierchen und ruft und bittet in aller Geschwindigkeit sein ganzes benachbartes Geschlecht zusammen. >Herbei!< schreit es, >herbei! Ihr arbeitsamen Kinder der allgebärenden Erde! Kommt, erbarmt euch Amors schönen Weibes und rettet es durch schleunige Hilfe aus der sonst unvermeidlichen Gefahr!< Wie ein Strom stürzen die Ameisen der Gegend alle eine über die andere in Eile herzu.Der Boden wimmelt. Sie fallen über den ungeheuren Gesämhaufen her, sondern mit Sorgfalt Art von Art, machen von jeglicher einen eigenen Haufen und verschwinden wieder, nachdem alles vollbracht ist.

11 Als nun bei einbrechender Nacht Venus, von Weine triefend und duftend von Balsam und mit tausend blühenden Rosen geschmückt, vom Hochzeitsgelage nach Hause zurückkehrt, erstaunt sie nicht wenig, da sie Psyches Aufgabe getan findet. >Oh<, ruft sie, >das ist nicht dein, nicht deiner Hände Werk, du Nichtswürdige, sondern dessen, dem du zu deinem und seinem Unglück gefallen hast!< Hiermit wirft sie ihr nur ein Stück grobes Brot hin und geht schlafen.

Aber Cupido war in dem nämlichen Palast ganz im Innersten des Hauses in einem besonderen Zimmer allein unter äußerst strenger Aufsicht, damit er nicht etwa Mutwillen treiben und seinen Schaden verschlimmern oder gar entwischen und seiner Geliebten zufliegen möchte. So zusammen unter einem Dach, einander so nahe und darum nicht weniger getrennt: welche Nacht, welche abscheuliche Nacht für beide Liebende.

Kaum aber fahrt Aurora herauf, so ruft Venus schon Psyche. >Siehst du den Wald da<, sagte sie ihr, mit der Hand nach diesem hinzeigend, >welcher sich längs den Ufern jenes Flusses erstreckt, deren Gebüsch auf die benachbarte Flut herabblickt? Ungehütet weiden darin glänzende Schafe mit goldenen Vliesen; stracks gehe hin und sieh zu, wie du mir einen Flocken von ihrer köstlichen Wolle herbringst!<

12 Willig machte sich Psyche dahin auf den Weg. Zwar nicht in der Absicht, den Befehl zu vollbringen, sondern sich vom Ufer in die Tiefe zu stürzen, um endlich einmal vor allen Leiden Ruhe zu haben. Allein bald wisperte ihr vom Flusse her das grüne melodische Schilf, von einem Gott durch sanfter Lüfte lindes Geflüster beseelt, diese Worte entgegen: >Besiege deine Verzweiflung, Psyche, und entweihe nicht mein heiliges Gewässer durch deinen Tod, noch begegne jetzt, ich bitte, diesen furchtbaren Schafen! Sie pflegen, solange die Sonne im Mittag brennt, deren Glut zu teilen und toben in unbändiger Wut, mit spitzem Gehörn, mit eisernem Schädel, ja mit giftigem Gebiß, jeglichem Sterblichen den Untergang drohend. Warte, bis der nahende Abend die Sonnenhitze mildert und dann sich die Tiere im frischen Wehen vom Gestade her abkühlen und besänftigen. Verbirg dich inzwischen unter der breitblättrigen Platane dort, die einen Strom mit mir trinkt. Sobald sich aber der Schafe Wut gelegt hat, gehe hervor und schleich dich näher herzu in den Wald, wo du an Gesträuchen und Stämmen hin und wieder Flocken wolligen Goldes wirst hängen finden.<

13 Diesen heilsamen Rat erteilte das mitleidige Schilf der verzweiflungsvollen Psyche. Sie verschmäht ihn nicht, pünktlich befolgt sie ihn, und sonder Mühe bringt sie der Venus den Schoß voll verlangter Goldwolle zurück.

Aber so gefahrvoll auch diese zweite Arbeit gewesen war, sie besänftigte dennoch die Göttin sowenig als die erste; denn sie zog die Augenbrauen zusammen und sagte mit bitterem Lächeln: >Du hast Ursache, dich bei deinem Gehilfen zu bedanken, in der Tat, er hat dir gute Dienste geleistet. Doch jetzt auch ein Pröbchen von deinem unerschrockenen Mut und deiner großen Klugheit! Du siehst doch auf dem hohen Berge da die schroffe Felsenspitze so kühn emporstreben? Da oben strömen schwarze Fluten aus einer finsteren Quelle und stürzen sich tief in ein verschlossenes Tal hinunter, wo sie den stygischen Pfuhl auffrischen und das dumpfe Getöse des Kozytus unterhalten, da gehe hin und schöpfe mir mitten aus der Quelle innerstem Strudel diesen Krug voll!< Mit diesen Worten reicht sie ihr, unter den entsetzlichsten Drohungen, ein glattes, kristallenes Gefäß.

14 Psyche nimmt es und eilt mit beschleunigten Schritten davon, des Berges oberster Spitze zu. Dies, denkt sie, sei nun gewiß ihr letzter mühseliger Gang; auch nahete sie nur erst von ferne dem Gipfel, so zeigte sich ihr schon ganz deutlich die unvermeidliche Todesgefahr, wollte sie den erteilten Befehl ausführen. Denn der Fels, der unermeßlich hoch in die Luft ragt und überall schroff und unzugänglich ist, speit nur erst auf der äußersten Höhe aus weitgeöffnetem Schlunde das fürchterliche Gewässer aus, und sobald dieses aus der Tiefe hervorgebrochen, stürzt es jäh den Abhang schäumend hinunter in eine enge, grundlose Felsenkluft und wälzt sich ungesehen da hindurch zu dem benachbarten Tale hinab. Rechts und links lauern wilde Drachen in Höhlen. Sie drohen und zischen, ihre langen Hälse schrecklich emporreckend. Nimmer schließt der Schlaf ihre unermüdlichen Augenlider; darum sind sie hierher zu ewigen Wächtern gebannt, wiewohl schon die heulenden Wellen allein sich Schutzes genug wären. >Hinweg von hier!< lautet immerfort ihr wechselseitiges Gebelle, >nicht zu nahe, sieh dich vor, was machst du, nimm dich in acht, fliehe! Hier bist du verloren!< Der Anblick all dieser unübersteiglichen Schwierigkeiten versteinert Psyche. Wie entseelt steht ihr Körper nur da; vor Übermaß des Schmerzes gebricht ihr auch der letzte Trost: die Tränen.

15 Aber die Not der unschuldig Leidenden war vor den Augen der allgütigen Vorsehung nicht verborgen. Denn siehe, es erscheint des hohen Jupiters königlicher Vogel, der starke Adler, hoch im Winde sich wiegend auf ausgespreiteten Schwingen. Eingedenk, daß ihm einst Cupido gefällig beistand, als er für den Zeus den phrygischen Mundschenken raubte, eilt er jetzt, aus Dankbarkeit des Gottes Gattin in ihrer Bedrängnis zu helfen. Flugs verläßt er seine hohe Himmelsbahn, bleibt still vor Psyches Angesicht schweben und redet sie also an: o törichte, unerfahrene Psyche, wie kannst du hoffen, dieser heiligen, furchtbaren Quelle auch nur einen Tropfen zu entwenden, ja nur, dich ihr zu nahen? Hast du nie gehört, daß sogar die Götter und Jupiter selbst dies stygische Gewässer scheuen und daß sie bei der Majestät des Styx zu schwören pflegen, wie ihr bei den Gottheiten schwört? Aber gib her deinen Krug!<

Stracks nimmt er ihn ihr aus den Händen, und im Nu war er gefüllt. Denn dicht über dem Schlund hängt er, künstlich sich schwingend und mit immer regem Fittich zu beiden Seiten der giftigen Drachen Biß und dreigespaltene Zunge meidend, schöpft er ein die widerstrebende, scheltende Flut, nachdem er sie mit vorgegebenem Befehl der Venus getäuscht.

16 Mit Freuden empfangt Psyche den angefüllten Wasserkrug wieder zurück und überbringt ihn eiligst der Venus. Allein auch hierdurch wurde das rachsüchtige Herz der Göttin nicht gerührt. Vielmehr ergrimmte sie jetzt desto ärger gegen die arme Psyche und trachtete nur eifrig nach ihrem Verderben. Mit schnödem Spotte hebt sie also zu ihr an: >Ei, ich glaube gar, du bist eine Zauberin. Mag dir doch unsereins in der Welt nichts mehr aufgeben, was nicht bloß Kleinigkeit für dich wäre! Indes, mein Kind, nur noch einen kleinen Dienst. Da, nimm die Büchse, geh damit in die Unterwelt bis zu des Orkus finsterer Burg hinunter und stelle sie da Proserpina zu. Sag ihr dabei: Venus läßt dich bitten, ihr doch so viel von deiner Schönheit zu schicken, als sie auf einen Tag wohl bedarf. Die ihrige wäre bei der Wartung ihres kranken Sohnes zunichte gegangen. - Komm aber ja bald wieder zurück, denn ich will sie gleich noch auflegen, um damit in der Versammlung der Götter zu erscheinen.<

17 Nun erkannte Psyche mit Zuverlässigkeit der Göttin letzte grausame Absicht. Auch lag sie klar genug zutage: der Befehl, zum Tartarus hinunterzuwandern und zu den Manen, ist überall nur eindeutig. Ungesäumt richtet sie jetzt ihren Weg nach einem sehr hohen Turme hin, sich von da hinabzustürzen; denn kürzer und schöner, glaubt sie, könne sie zur Unterwelt nicht gelangen. Allein der Turm bricht plötzlich in diese Stimme aus: >Und warum willst du, Ärmste, dich von meiner Höhe herabstürzen und dich töten? Warum so ohne Not der allerletzten gefährlichen Arbeit unterliegen? Ist deine Seele einmal vom Leibe geschieden, so kommst du freilich in den tiefen Tartarus hinunter; allein von dort auch nie wieder zurück. Merk also lieber auf meine Rede! 18 Nicht weit von hier liegt Griechenlands edles Lakedämon. In dessen Nachbarschaft, nur etwas abseits und versteckt, findest du Tainaron. Dort ist der Eingang zum Dis, dort die Pforte, welche den rauhen Weg zur Unterwelt öffnet. Da hindurch begib dich und verfolge dann den geraden Fußsteig; so gelangst du unmittelbar zu des Orkus Burg. Leer indessen darfst du diesen Weg der Finsternis nicht antreten, in jeder Hand mußt du einen Honigfladen und im Munde zwei Geldstücke mitnehmen. Unterwegs wirst du einen hinkenden Esel, mit Holz beladen, antreffen, samt einem gleichfalls hinkenden Eseltreiber. Dieser wird dich bitten, ihm die vom Esel herabgefallenen Holzscheite wieder aufzuheben; aber gehe du, ohne ein Wort zu verlieren, stillschweigend vorüber. Nun kommst du gleich zum Totenfluß, über den Charon gesetzt ist. Ehe er die Ankömmlinge in seinem geflochtenen Nachen an das jenseitige Ufer hinübersetzt, fordert er sich erst Fährgeld von jedem ein. Also auch im Totenreich herrscht Habsucht. Sowenig Charon als Vater Dis, ein so großer Gott er auch ist, tut das geringste umsonst. Und der Arme muß zum Sterben sich erst mit einem Reisepfennig versehen, sonst darf er nicht fort! - Gib dann diesem schmutzigen Alten eine von deinen beiden Münzen als Schifferlohn, oder vielmehr, laß ihn sich diese aus deinem Munde selbst nehmen. Kaum werdet ihr euch auf dem trägen Pfuhl eingeschifft haben, so wird euch der Schatten eines Alten nachgeschwommen kommen und seine nichtigen Hände zu dir autheben und aufs erbärmlichste flehen, ihn doch in das Schiff zu ziehen. Doch fern sei von dir ein so unzeitiges Mitleiden! 19 Seid ihr aber den Fluß hinüber, dann wirst du so gar weit eben nicht gehen, so werden dich wieder alte Weiber, die mit Weben beschäftigt sind, bitten, doch auch ein wenig Hand mit anzulegen und ihnen zu helfen. Allein auch davon laß dich nicht rühren. Denn dies und noch weit mehreres geschieht alles auf Betreiben der Venus, um dir nur einen von den Kuchen aus den Händen zu spielen; und das siehe ja nicht bloß für einen geringen Verlust an! Wisse, mit eines einzigen Verlust ist dir die Rückkehr zum Licht auf ewig versperrt. Denn durch sie allein kannst du dich vor dem Zerberus schützen. Gleich vor dem Eingang zu den düsteren Gemächern Proserpinas liegt dies schreckliche, dreiköpfige Ungeheuer und bewacht des Dis leere Behausung, indem es mit donnerndem, dreigespaltenem Rachen den Toten, denen es weiter nichts Böses zufügen kann, Entsetzen entgegenbellt. Zolle ihm einen Honigkuchen, so ist seine Wut bezähmt, und sonder Gefahr kannst du vorbeischlüpfen. Gehe sofort zu Proserpina. Freundlich und huidreich wird sie dich empfangen, wird dich einladen, neben ihr auf weichen Polstern Platz zu nehmen, um an ihrer herrlichen Tafel mitzuspeisen. Aber schlage du alles aus, und setze dich auf den platten Boden und laß dir nichts als etwas schwarzes Brot reichen, und das iß. Darauf entledige dich deines Auftrags, nimm, was sie dir dann geben wird, und kehre damit zurück. Und wenn du wieder gehörig mit dem dann noch übrigen Honigfladen beim Höllenhunde dich lösest, nachher dem geizigen Schiffer die zurückbehaltene Münze gibst, den Fluß herüberfährst und auf dem gekommenen Wege zurückgehst, so wirst du zuletzt zum Glanz der himmlischen Sternenheere wohlbehalten wieder heraufkommen, wofern dich nicht lüstet -sei aber davor auf das kräftigste von mir gewarnt -, die Büchse zu öffnen, um den darin verwahrten Schatz göttlicher Schönheit vorwitzig und allzu neugierig zu besichtigen oder gar zu berauben!<

20 Also der weitschauende Turm. Psyche säumt nicht. Sie geht nach Tainaron; versieht sich vorgeschriebenerweise mit den Geldstücken und Fladen, steigt damit in den Höhenschlund hinab, zieht stillschweigend an dem gebrechlichen Eseltreiber vorüber, zollt dem Schiffer das bestimmte Fährgeld, achtet nicht des nachschwimmenden alten Gespenstes Begehren, nicht der tückischen Weberinnen hinterlistige Bitte, schläfert des bösen Höllenhundes Wut durch einen vorgeworfenen Kuchen ein und dringt bis zu Proserpinas Gemach. Dort widersteht sie jeder freundlichen Einladung. Nicht der weichgepolsterte Thron der Königin der Hölle, nicht ihre Göttertafel verführte sie. Demütig setzt sie sich zu den Füßen ihrer leutseligen Wirtin auf den harten Boden, begnügt sich mit schwarzem Brote und richtet alsdann getreulich der Venus Gesandtschaft aus. In kurzem bekommt sie die Büchse, insgeheim mit dem Verlangten angefüllt, zurück. Sie verschließt nun wieder mit dem andern Kuchen des Zerberus fürchterlichen Rachen, fährt für die andere Münze zurück über den schleichenden Acheron, und schon verläßt sie hochgemut die Hölle; schon erblickt sie, schon trinkt ihr Auge wieder mit Wonne das schimmernde Tageslicht und beflügelt sich mit Eile ihr Fuß, im Nu das gefährliche Geschäft zu vollenden.

Da beschleicht, betört verwegener Vorwitz ihren Sinn. >Siehe<, spricht sie, >wärest du nicht eine Törin, Psyche! Du hättest hier die Götterschönheit in Händen und legtest dir nicht einmal ein ganz klein wenig davon auf? Dadurch könnest du ja allein deinem schönen Liebhaber wieder gefallen!' Gedacht, versucht. Auf ist die Büchse.

21 Allein wehe! Da ist keine Schönheit, da ist nicht das geringste darin. Nur ein höllischer Schlaf, ein wahrer Totenschlaf. Sobald der Deckel geöffnet ist, fahrt er hervor, ergreift Psyche, gießt sich in einem Gewölk schwerer Schlummerdünste um all ihre Glieder und streckt sie sofort unbeweglich am Boden hin. Da liegt sie auf dem Wege, eine schlafende Leiche!

Aber Cupido war allbereits wiederhergestellt von seiner Wunde und vermochte nicht länger die langdauernde Abwesenheit seiner Psyche zu ertragen. Er entschlüpft durch ein Fenster aus der Kammer, in der er eingesperrt gehalten wurde, und seine Flügel, die desto mehr Schwingkraft durch die lange Ruhe erhalten hatten, tragen ihn schneller als je davon, hin zu seiner Psyche. Sorgfältig nimmt er sogleich den Schlaf von ihr hinweg, verschließt ihn wiederum in die Büchse und erweckt dann Psyche mit der Spitze eines unschädlichen Pfeiles. >Sieh<, sagt er zu ihr, >warst du nicht schon wieder durch deinen Vorwitz verloren? Doch gehe nur jetzt und entledige dich geflissentlich deines Auftrages bei meiner Mutter, ich will schon weiter für uns sorgen.< Mit diesen Worten hebt sich der holde Flieger in die Luft; Psyche aber trägt sofort der Venus Proserpinas Geschenk hin.

22 Cupido ist nicht minder von Liebe zu Psyche als von der Furcht genagt, seine Mutter möge ihn doch noch der Mäßigkeit übergeben. Er nimmt wiederum zu seinen gewöhnlichen Ränken seine Zuflucht und schwingt sich auf rüstigem Gefieder zum hohen Pole des Himmels, klagt da dem großen Jupiter seine Not und macht diesen alsbald seinen Wünschen geneigt. Liebreich küßt ihn Zeus, mit der einen Hand den kleinen Mund sanft ihm zusammendrückend, mit der andern ihn zu sich heranziehend, und spricht zu ihm also: >Du kleiner loser Schelm, du hast dich zwar jederzeit mehr als mein Herr betragen denn als mein Sohn, hast mir nie die von allen Göttern mir einhellig zugestandene Ehre gezeigt! So könnte ich es denn nun wohl ahnden, daß du mich, den Gesetzgeber der Elemente, mich, den Roller der Sphären, fast beständig zum Ziel deiner Pfeile genommen und zu so vielen Torheiten mit irdischen Schönen, zu so vielen Verstößen gegen alle Gesetze der Zucht und Ehrbarkeit - auch gegen das des Kaisers Augustus - verleitet hast, daß ich beinahe allen Anspruch auf Ehre und Glimpf verloren habe. Hat mich doch dein Mutwille bis zu Drachen, zu Feuer, zu Vögeln, zu allerhand wilden und zahmen Tieren herabgewürdigt. Allein, ich will mich nur meiner Liebe zu dir erinnern. Du bist ja unter meinen Augen aufgewachsen. Ich will alles tun, dich glücklich zu machen; nur bleibt die Sorge, dich vor Nebenbuhlern zu schützen, dein eigen. Doch weißt du, was ich mir bei dir kleinem Schalk für diese Huld der Vergeltung ausbedinge? Das hübscheste Mädchen auf Erden!<

23 Sprach's und erteilte dem Merkur Befehl, augenblicklich die gesamten Götter zur Versammlung zu berufen und anzukündigen, wer fehle, solle mit zehntausend Mark büßen. Aus Furcht vor der Strafe ist in kurzem kein Platz im weiten himmlischen Versammlungssaale mehr leer. Majestätisch vom erhabenen Throne herab spricht nun Jupiter also: >Ihr sämtlichen Götter und Göttinnen, deren Namen in den Büchern der Musen verzeichnet sind, ihr kennt alle diesen Jüngling, der hier unter meinen Augen auferzogen worden. Es ist jetzt meines Erachtens Zeit, dem feurigen Ungestüm seiner ersten Jugend einen Zügel anzulegen. Schon übel genug ist er durch allerlei böse Nachrede von Ehebruch und anderen Ausschweifungen berüchtigt. Laßt uns ihm die Gelegenheit rauben, auf diesem Wege weiterzugehen, laßt uns seinen jugendlichen Flattersinn mit den Fesseln der Ehe binden. Er hat sich schon selbt ein Mädchen gewählt und mit ihr gebuhlt. Diese laßt uns zu eigen ihm geben. Er vermähle sich mit ihr diesen Augenblick. In Psyches Umarmung genieße er fortan ewige Fülle der Liebe!

Du aber< - fahrt er fort, zur Venus sich wendend -, >meine Tochter, darfst dich keineswegs darüber betrüben. Nicht im mindesten soll dein hohes Geschlecht und dein Stand unter dieser Verbindung deines Sohnes mit einer Sterblichen leiden. Ich will stracks allem abhelfen, was dabei dem Anstand oder den Gesetzen entgegen sein könnte.<

Jetzt winkte er, und Merkur verschwindet, holt Psyche und führt sie in den Himmel ein. Der Gott der Götter reicht ihr selbst den Becher der Unsterblichkeit dar. >Nimm, Psyche<, spricht er, >und sei unsterblich! Niemals wird Cupido wieder von dir weichen, denn euch verknüpft von nun an ein ewiges Band!<

24 Fröhlich wird alsbald das herrlichste Hochzeitsmahl gerüstet. Man lagert sich umher; obenan Psyche, ihrem Neuvermählten im Schoß. In gleicher Lage Jupiter und seine Juno daneben. Dann die sämtlichen Götter nach der Reihe. Jupiter reicht sein Mundschenk Ganymed, der schöngelockte ländliche Knabe, den Nektar. Die übrigen bedient Bacchus. Vulkan legt vor. Die Horen bepurpurnen Tafel, Polster und Fußboden mit frischen Rosen und anderen Blumen. Die Grazien erfüllen die Luft mit Wohlgeruch des Balsams, und die Musen ergötzen die Gäste mit silbernen Stimmen.

Nach dem Mahl singt auch Apoll zu der gewölbten Leier melodischen Saiten; Venus tanzt mit entzückender Anmut, jede ihrer Bewegungen in bezaubernder Harmonie mit der gegebenen Weise; die Musen stimmen alsdann dazu im Chore Lieder an, und wechselweise begleitet sie jetzt die Rohrpfeife eines Satyrs, jetzt die Flöte des jungen Pan.

Also ward Psyche feierlich mit Cupido vermählt. Sie genaß bald einer Tochter, die in der Sprache der Sterblichen >Wollust< genannt wird.<

25 Also erzählte die alte verwirrte Saufschwester dem entführten Mädchen vor. Ich, der ich nicht weit davon stand, beklagte herzlich, daß ich weder Schreibtafel noch Griffel hatte, ein so herrliches Märchen niederzuschreiben. ...


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .