Bukolische Liebe: Longos, Daphnis und Chloe 3. 12- 24.

Deutsche Übersetzung mit gerinfügigen Modifikationen entnommen aus: Longos. Hirtengeschichten von Daphnis und Chloe. Griechisch und deutsch. Von Otto Schönberger, Berlin 1973 2, S. 125 - 135.


... Als aber der Lenz schon begann und der Schnee schmolz, die Erde ihre Hülle wieder abwarf und das Gras hervorsproßte, trieben alle Hirten ihre Herden auf die Weide, vor allen anderen aber Chloe und Daphnis, denn sie standen im Dienst eines höheren Hirten. Ihr erster Gang war zu den Nymphen und zur Grotte, von da zu Pan und zur Fichte und endlich zur Eiche; unter ihr ließen sie sich nieder, ließen ihre Herden weiden und küßten sich. Auch Blumen suchten sie, um die Götterbilder damit zu bekränzen; diese aber lockten der regenbringende West und die wärmende Sonne eben erst hervor. Doch fanden sie schon Veilchen, Narzissen, Gauchheil und alle die ersten Kinder des Frühlings. Chloe und Daphnis hatten aber auch schon von einigen Ziegen und Schafen frische Milch und gossen davon Trankopfer aus, nachdem sie die Götterbilder bekränzt hatten. Auch die Syrinx weihten sie wieder ein, als wollten sie die Nachtigallen zum Singen ermuntern; und diese antworteten aus den Sträuchern und übten zaghaft ihre Klage um Itys ein, als ob sie sich nach langem Schweigen allmählich wieder ihres Gesanges erinnerten.

Da und dort blökten die Schafe, hüpften die Lämmer, drängten sich unter ihre Mütter und saugten an ihrem Euter; die Widder aber verfolgten die Schafe, die noch nicht geworfen hatten, brachten sie unter sich und besprangen sie, der eine dieses, der andere jenes. Ebenso liefen die Böcke den Geißen nach, sprangen buhlend um sie herum und fochten Kämpfe um sic aus; jeder hatte die seinigen und bewachte sie, damit sie kein anderer heimlich bespringe. Selbst Greise hätte ein solcher Anblick zur Liebeslust reizen können; Daphnis und Chloe aber, die jung und blühend waren und sich schon seit langer Zeit nach Befriedigung ihrer Liebe sehnten, erglühten beim Gesang der Vögel und vergingen beim Anblick jenes Treibens und verlangten nun auch selbst nach etwas mehr als nach Kuß und Umarmung, am meisten aber Daphnis; denn da er während des Winters durch das müßige Stillsitzen im Hause zu jugendlicher Manneskraft herangereift war, glühte er den Küssen entgegen, brannte nach Umarmungen und war zu jedem leidenschaftlichen Tun unternehmender und kühner.

Endlich bat er Chloe, ihm alles zu gewähren, was er wolle, und sich nackt zu ihm hinzulegen, und zwar länger, als sie bisher immer getan; denn nur das fehle noch von den Lehren des Philetas, damit endlich das einzig wirksame Mittel angewandt werde, die Liebe zu stillen. Als sie aber fragte, was es noch mehr gebe als Kuß und Umarmung und das Liegen selbst und was er denn tun wolle, wenn er nackt bei ihr liege, sagte er: "Das, was die Widder den Schafen tun und die Böcke den Ziegen. Du siehst ja, wie hernach die einen nicht mehr vor den anderen davonlaufen und jene sich nicht mehr müde jagen, sondern wie sie nach dem Genuß gemeinsamer Lust von da an miteinander weiden. Wie es scheint, ist dieses Tun recht süß und vertreibt das Bittere in der Liebe." "Aber siehst du denn nicht, Daphnis, daß die Böcke und Widder es stehend tun und die Ziegen und Schafe es sich stehend tun lassen, indem die einen aufspringen, die andern aber ihren Rücken bieten? Und du verlangst, daß ich mich zu dir legen soll und dazu noch nackt? Und sind nicht jene durch ihr Zottelfell noch mehr bedeckt als ich, wenn ich noch gar nicht ausgezogen bin?" Daphnis gab ihr nach, legte sich zu ihr hin und lag so lange Zeit, und da er das, wonach er so brünstig verlangte, nicht zu tun verstand, richtete er sie auf und umfing sie fest von hinten, wie er es den Böcken abgesehen hatte. Da er sich aber jetzt erst recht nicht zu helfen wußte, setzte er sich hin und klagte unter Tränen, daß er von der Liebe nicht einmal soviel wie die Böcke wisse.

Nun hatte er aber einen Nachbarn, einen Bauern mit eigenem Grund und Boden, Chromis mit Namen, der schon über die besseren Jahre hinaus war. Er hatte sich ein Stadtfräulein geholt, die war jung und hübsch und eigentlich viel zu fein für das Bauernwesen; sie hieß Lykainion. Da nun diese Lykainion den Daphnis Tag für Tag seine Ziegen vorbeitreiben sah, morgens auf die Weide, abends von der Weide, da bekam sie Lust, ihn durch Geschenke zu ködern und ihren Liebhaber aus ihm zu machen. Sie lauerte ihm also einmal auf, als er allein war, und schenkte ihm eine Syrinx, eine Honigwabe und eine Tasche aus Hirschfell; doch wagte sie nicht, etwas zu sagen, weil sie seine Liebe zu Chloe ahnte; sie hatte ja auch gesehen, wie sehr er an dem Mädchen hing. Das schloß sie zuerst aus ihrem Winken und Lachen; dann aber machte sie eines Morgens ihrem Chromis weis, sie gehe zu einer Wöchnerin in der Nachbarschaft, schlich ihnen nach, verbarg sich in einem Gebüsch, um nicht gesehen zu werden, und hörte alles, was sie sagten, und sah alles, was sie taten. Es entging ihr auch nicht, daß Daphnis weinte. Da bekam sie nun Mitleid mit de armen Kindern und meinte, die Gelegenheit sei doppelt günstig, weil sie ihnen helfen und zugleich ihre eigene Lust stillen könnte. Dazu dachte sie sich folgende List aus:

Am nächsten Tag ging sie wieder, unter dem Vorwand, jene Kindbetterin zu besuchen, von zu Hause weg, begab sich ganz offen zu der Eiche, unter der Daphnis und Chloe saßen, spielte täuschend echt die Bestürzte und rief: ,,Daphnis, hilf mir in meinem Unglück! Von meinen zwanzig Gänsen hat mir der Adler die allerschönste geraubt, doch konnte er die schwere Last nicht wie sonst durch die Luft zu seinem hohen Felsenhorst tragen, sondern mußte mit ihr in das niedrige Gesträuch dort herabgehen. Komm also, um der Nymphen und des Pan dort willen, mit mir in den Wald denn allein traue ich mich nicht -, rette mir meine Gans und laß die Herde nicht geschmälert werden! Vielleicht kannst du gar den Adler selber umbringen, dann wird er auch nicht mehr so viele Lämmer und Böckchen bei euch rauben. Deine Herde kann ja Chloe solange hüten; die Ziegen kennen sic ja ganz genau, weil sie immer mit dir zusammen hütet."

Ohne Ahnung von dem, was ihn erwartete, stand Daphnis sogleich auf, nahm seinen Hirtenstecken und ging hinter Lykainion drein. Die aber führte ihn möglichst weit von Chloe weg, und als sie in das dickste Gebüsch gekommen waren, ließ sie ihn an einer Quelle niedersitzen und sagte: "Du liebst Chloe, Daphnis. Das habe ich heute nacht von den Nymphen erfahren. Im Traum erzählten sie mir auch von deinen gestrigen Tränen und befahlen mir, dir zu helfen und dich zu lehren, was man tun muß, wenn man liebt. Das sind aber nicht Küsse und Umarmungen und das, was Widder und Böcke tun, nein, es sind andere Sprünge, noch viel süßer als jene, und diese Wonnen dauern länger. Willst du also deiner Not ledig sein und die Freuden, die du suchst, kennenlernen, so komm und ergib dich mir als erfreulichen Schüler! Ich aber will dir darin Unterricht geben, um den Nymphen zu willfahren."

Daphnis wußte sich vor Freude nicht mehr zu fassen, sondern als unerfahrener Ziegenhirt und verliebt und jung, wie er war, fiel er Lykainion zu Füßen und flehte sie an, ihn so schnell wie möglich die Kunst zu lehren, mit Chloe zu tun, wonach er sich sehne. Und wie wenn er einer ganz erhabenen und wahrhaft von Gott gesandten Wissenschaft inne werden sollte, versprach er ihr ein säugendes Böcklein, zarte Käse aus der fettesten Milch und die Ziege noch dazu. Da nun Lykainion eine so hirtenmäßige Freigebigkeit fand, wie sie nie erwartet hätte, fing sie ihren Unterricht bei Daphnis auf folgende Weise an. Sie hieß ihn, sich möglichst nahe zu ihr zu setzen und ihr Küsse zu geben, wie er es sonst auch tue und wie oft er es gewohnt sei, sie beim Küssen zu umarmen und sich auf den Boden sinken zu lassen. Wie er sich nun hingesetzt und sie geküßt hatte und neben ihr lag, fühlte sie, daß er zur Tat gerüstet sei und von drängender Liebeslust glühe; da richtete sie ihn aus der Seitenlage auf, schob sich geschickt unter ihn und führte ihn auf den so lange gesuchten Weg. Von da an brauchte sie nicht mehr zu künsteln, denn die Natur selbst lehrte ihn, was er noch weiter zu tun habe.

Als er nun die Liebesschule absolviert hatte, wollte Daphnis, noch immer voll Hirteneinfalt, sofort zu Chloe laufen, um seine neue Weisheit gleich anzubringen, gerade als ob er befürchtete, sie zu vergessen, wenn er säume. Aber Lykainion hielt ihn zurück und sagte: "Du mußt jetzt noch etwas dazulernen, Daphnis. Ich habe jetzt keine Schmerzen gehabt, weil ich eine Frau bin; denn diesen Unterricht hat mir schon längst ein anderer Mann gegeben, der dafür meine Jungfernschaft zum Lohn bekam. Wenn aber Chloe diesen Kampf mit dir kämpft, dann wird sie jammern und weinen und viel Blut verlieren, wie wenn sie ermordet wäre. Du brauchst dich aber vor dem Blut nicht zu fürchten, sondern wenn du sie überredet hast, dir anzugehören, dann führe sie an diesen Platz, wo niemand sie hört, auch wenn sie schreit, und niemand es sieht, wenn sie weint, und wo sie sich an der Quelle waschen kann, wenn sie blutet. Und du denke immer daran, daß ich dich vor Chloe zum Mann gemacht habe!«

Nach solchen Ermahnungen ging nun Lykainion in einen andern Teil des Waldes, wie wenn sie immer noch ihre Gans suchte. Daphnis aber, der ihre Worte überdachte, bezwang sein erstes Ungestüm und fürchtete sich, von Chloe mehr zu verlangen als Kuß und Umarmung, weil er nicht wollte, daß sie seinetwegen schreie wie über einen Feind oder vor Schmerz weine oder blute wie eine Ermordete. Denn als Neuling scheute er das Blut und meinte, daß Blut nur aus einer Wunde fließe. Er beschloß also, sich mit ihr auf die gewohnte Weise zu ergötzen, verließ den Wald und eilte zu dem Platz, wo sie saß und einen Veilchenkranz focht; er gab vor, die Gans den Fängen des Adlers entrissen zu haben, umarmte sie dann und küßte sie, wie er es im Liebesspiel mit Lykainion getan hatte; denn das gestattete er sich als ein ungefährliches Vergnügen. Sie aber setzte ihm den Kranz auf und küßte sein Haar, das ihr schöner dünkte als die Veilchen. Dann holte sie aus ihrer Hirtentasche ein Stück Feigenkuchen und ein paar Scheiben Brot und gab ihm zu essen; und während er aß, pflückte sie ihm die Bissen vom Mund weg und ließ sich von ihm füttern wie ein junger Vogel im Nest.

Während sie nun so aßen und mehr noch küßten als aßen, sahen sie eine Fischerbarke vorüberfahren. Es regte sich kein Lüftchen, das Meer lag still, und die Fischer mußten rudern. Sie ruderten mit aller Kraft, denn sie beeilten sich, frischgefangene Fische noch lebend in die Stadt zu einem reichen Mann zu bringen. Wie es nun Seeleute immer tun, um ihre mühevolle Arbeit zu vergessen, so machten es auch diese beim Rudern. Einer gab ihnen den Takt an und sang Seemannslieder vor, die andern fielen wie ein Chor von Zeit zu Zeit mit ihren Stimmen ein. Solange sie das nun auf offener See taten, verhallte ihr Lied, weil sich die Töne in der weiten Luft verloren; als sie aber an einem Vorgebirge vorbeifuhren und in eine halbmondförmige hohle Bucht einliefen, tönte ihr Gesang lauter, und ihr anfeuerndes Ruderlied schallte klarer ins Land hinein. Denn da die Ebene zwischen Bergen eingesenkt dalag und den Schall wie ein Becken in sich auffing, gab sie jeden Laut als Echo zurück, deutlich unterschieden das Rauschen der Ruder und die Stimmen der Schiffer. Und das hörte sich gar lieblich an. Denn zuerst kam immer der Ton von der See, und lange, nachdem er verhallt war, verklang erst die Stimme vom Lande, wie sie auch erst später eingesetzt hatte.

Daphnis nun, der diese Erscheinung kannte, achtete nur auf die See und freute sich über das Schiff, das schnell wie ein Vogel an der Flur vorbeiflog, und suchte sich etwas von den Liedern zu merken, um Weisen für seine Syrinx zu haben. Chloe aber, die jetzt zum erstenmal das, was man Echo nennt, hörte, blickte bald auf die See hinaus, wo die Schiffer zum Takt der Ruder sangen, bald wandte sie sich zum Walde und suchte die Antwortenden. Und als jene vorbei waren und auch im Talgrund wieder Stille herrschte, fragte sie den Daphnis, ob auch hinter dem Vorgebirge noch ein Meer sei und ein anderes Schiff vorbeifahre und ob andere Schiffer dasselbe sängen und ob sie denn alle zur gleichen Zeit verstummten. Da mußte Daphnis herzlich lachen, gab ihr einen ganz fröhlichen Kuß, setzte ihr den Veilchenkran auf und fing an, ihr das Märchen von der Echo zu erzählen; vorher aber bedang er sich noch einmal zehn Küsse zum Lohn aus, wenn er ihr die Geschichte erzählt habe.

"Die Nymphenfamilie ist groß, liebes Mädchen. Da sind die Quellnymphen, die Baum- und die Sumpfnymphen; alle sind sie schön, alle singen sie schön. Und eine dieser Nymphen hatte eine Tochter, Echo; sie war eine Sterbliche, weil sie von einem sterblichen Vater stammte, doch war sie wunderschön, weil sie eine schöne Mutter hatte. Sie wird von den Nymphen aufgezogen und von den Musen unterrichtet im Syrinx- und Flötenspiel, im Gesang zur Lyra und Kithara und in jeder Art von Gesang, so daß sie, zur Jungfrau erblüht, mit den Nymphen tanzte und mit den Musen sang. Die Männer aber mied sie alle, Menschen wie Götter, so sehr liebte sie ihr Mädchentum. Pan aber zürnt dem Mädchen, weil er sie um ihren Gesang beneidet und ihre Schönheit nicht genießen darf, und schlägt die Schäfer und Ziegenhirten mit Wahnsinn. Diese zerreißen sie wie Hunde und Wölfe und zerstreuen die noch singenden Glieder rings über die Erde. Die Erde aber bedeckte den Nymphen zuliebe diese Glieder, die alle noch die Gabe der Musik bewahren und nach dem Willen der Musen ihre Stimme erschallen lassen und alles nachahmen, wie einst das Mädchen selbst: Götter, Menschen, Musikinstrumente und Tiere; sogar das Syrinxspiel des Pan selbst ahmen sie nach. Aber wenn der es hört, springt er auf und verfolgt sie über die Berge, nicht um sie zu erhaschen, sondern um zu erfahren, wer der verborgene Schüler sei."

Als Daphnis dies erzählt hatte, gab ihm Chloe nicht nur zehn Küsse, sondern ganz viele Küsse gab sie ihm; denn fast Wort für Wort hatte Echo ihm nachgesprochen, wie wenn sie bezeugen wollte, daß er nicht gelogen habe.

Als aber nun die Sonne mit jedem Tag wärmer schien, da der Frühling zu Ende ging und der Sommer begann, da kamen auch für sie wieder neue, sommerliche Freuden. Daphnis schwamm in den Flüssen, Chloe badete in den Quellen; er flötete mit den Fichten um die Wette, sie stritt mit den Nachtigallen um den Vorzug. Sie machten Jagd auf geschwätzige Grillen und fingen schrillende Zikaden, pflückten sich Blumen, schüttelten Bäume und aßen die Früchte. Schließlich legten sie sich auch einmal nackt miteinander auf den Boden und zogen ein Ziegenfell über sich. Und leicht wäre da Chloe zur Frau geworden, wenn Daphnis nicht das Blut gescheut hätte. Allerdings fürchtete er auch, er könnte einmal sein klares Denken und seine Selbstbeherrschung verlieren, und ließ Chloe nur selten sich entkleiden, so daß sie sich oft wunderte, ihn aber aus Scheu nicht nach dem Grunde fragte. ...


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .