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Wandel der religiösen Gesinnung und Beginn eines 'neuen Lebens'. Aus: Apuleius, Metamorphosen, 11. Buch, 18. - 30. Kap.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Apuleius, Metamorphosen oder Der goldene Esel. Lateinisch und Deutsch von Rudolf Helm, Berlin 1978 7, S. 377 - 393. Fortsetzung des vorhergehenden Teils des Kap. 11.


... Die geflügelte Fama hatte jedoch nicht etwa ihre Schwingen in träger Lässigkeit ruhen lassen und sich säumig gezeigt, sondern alsbald in meiner Heimat der fursorgenden Göttin dankenswürdige Wohltat und mein eignes merkwürdiges Schicksal allenthalben berichtet. Sofort legen also Freunde und Diener und alle, (lie mir durch nahe Blutsbande verbunden waren, (lie Trauer ab, (lie sie infolge der falschen Todesnachricht angelegt hatten, und jubelnd vor plötzlicher Freude eilen sie sogleich herbei, in verschiedener Weise ein jeder mit Geschenken versehen, um mich wieder im Tageslicht und zurückgekehrt aus der Welt der Toten zu schauen. Ihr Erscheinen, auf das ich nicht mehr gehofft hatte, belebt mich auch selber, und die ehrenvollen Widmungen lasse ich mir gern gefallen hatten doch meine Freunde vorausschauend Sorge getragen, mir die Mittel zu bringen, daß ich für Ausstattung und Lebensunterhalt reichlich hätte. Ich begrüße also die einzelnen, wie es meine Pflicht war, uad erzähle ihnen ausführlich meine frühere Mühsal und meine jetzige Freude. Aber dann wende ich mich wieder zu dem mir teuren Anblick der Göttin ich miete mir ein Haus innerhalb des heiligen Bezirkes und richte dort für eine Zeit mein Heim ein, dem Dienste der Göttin vorläufig noch für mich als Ungeweihter beigesellt, beständig in der Gemeinschaft der Priester verweilend, ein unzertrennlicher Verehrer der großen Gottheit. Es gab aber keine einzige Nacht und keinen Schlaf ohne die Erscheinung und Mahnung der Göttin, sondern durch ihr immer wiederholtes Gebot forderte sie, daß ich, der ich schon längst dazu bestimmt
sei, doch jetzt wenigstens mich in ihre Mysterien einweihen ließe. Aber mich hemmte, so sehr auch mein sehnlicher Wunsch danach stand, doch religiöse Angst, weil ich nämlich genau erfahren hatte, daß der Gehorsam gegenüber der Religion schwierig und die Enthaltsamkeit in der Entbehrung aller Genüsse ziemlich unerreichbar sei und daß man seinen Lebenswandel, der vielen Zufällen unterliegt, mit bedachtsamer Umsicht wie mit einem Walte sichern müsse. Wenn ich das immer wieder bei mir erwog, so verschob ich - ich weiß nicht, wie es kam - trotz aller Eile den Entschluß.

Eines Nachts war mir's als böte mir der Hohepriester seinen vollbeladenen Schoß dar, und als ich fragte, was das denn sei, antwortete er, das seien Anteile vom Mahl, die mir aus Thessalien geschickt worden seien, auch mein Diener, namens Candidus [scil. dt. 'Weiß'], sei von dort noch gekommen. Dies Traumbild überlegte ich, als ich erwacht war, lange, ja lange in meinen Gedanken, was es wohl künde, zumal ich sicher war, niemals einen Diener gehabt zu haben, der so hieß. Wie jedoch auch immer die Weissagung des Traumes sich entwickelte, daß auf alle Fälle ein sicherer Gewinn durch die Überreichung dieser Anteile bezeichnet werde, daran glaubte ich. So wartete ich ängstlich und auf einen glücklichen Verlauf gespannt auf die morgendliche Öffnung des Tempels.

Und während wir, nach Auseinanderziehen der weißen Vorhänge das verehrungswürdige Angesicht der Göttin anbeten und der Priester, an den rings aufgestellten Altären herumschreitend, in feierlichem Gottesdienst die heilige Handlung vornimmt und aus dem Innern geholtes Wasser aus dem Weihgefäß spendet, eben ist die Begrüßung des neubegonnenen Tages vollendet, und die Frommen lassen ihre Stimme erschallen, die erste Stunde verkündend sieh, da kommen von Hypata die Diener, die ich dort zurückgelasen hatte, als mich Photis in böse Abenteuer verstrickt hatte. Sie hatten natürlich meine Geschichte gehört. Sie bringen auch mein Pferd mit, das inzwischen verschiedene Male verkauft war, das sie aber an dem Brandmal auf dem Rücken erkannt und wieder in ihren Besitz gebracht hatten. Deshalb mußte ich mich über die geschickte Feinheit des Traumes da wundern, ganz besonders, well er, abgesehen von der Erfüllung der Gewinn versprechenden Verheißung, durch die Bezeichnung des Dieners
Candidus (Weiß) mir den Schimmel angedeutet hatte.

Darauf lag ich dem emsigen Dienste des Kults noch eifriger ob, da mir künftige Hoffnungen durch die gegenwärtigen Wohltaten verbürgt waren. Ebenso nahm täglich mehr und mehr mein Verlangen zu, die Weihen zu erhalten, und inständigst hatte ich oftmals den Oberpriester mit Bitten angegangen, er möge mich endlich in die Geheimnisse der heiligen Nacht einweihen. Allein dieser im übrigen würdige Mann, der durch die Beobachtung der besonnenen religiösen Vorschriften viel von sich reden machte, hemmte mein Drängen in milder und freundlicher Weise, wie Eltern die unreifen Wünsche ihrer Kinder
zu mäßigen pflegen, und beschwichtigte mein angstvolles Herz mit dem Trost einer besseren Hoffnung. Denn den Tag, an dem man eingeweiht werden könne, bestimme das Geheiß der Göttin, und auch den Priester, der die heilige Handlung vornehmen solle, wähle ihre Fürsorge aus. Auch der für die Feierlichkeit erforderliche Aufwand werde durch ein gleiches Gebot festgesetzt. Das alles 4 müßten auch wir, so meinte er, mit gehorsamer Geduld hinnehmen; denn vor überhastetem Verlangen wie vor störrischem Widerstreben müsse ich mich aufs äußerste hüten, beide Vorwürfe meiden und weder, gerufen, zaudern noch, ungeheißen, eilen. Es sei doch niemand aus ihrer Zahl so wahnsinnig oder vielmehr so erpicht auf den sicheren Tod, daß er ohne eigens auch an ihn gerichteten Befehl der Göttin den Mut hätte, den verwegenen und gottlosen Dienst zu verrichten und sich todeswürdige Schuld zuzuziehen. Denn in der Göttin Hand lägen die Riegel der Unterwelt und der Schutz des Lebens, und die Unterweisung selber werde ganz als freiwilliger Tod und eine durch Gnade gewährte Rettung feierlich vollzogen. Gewöhnlich pflege ja die allmächtige Göttin nach Ablauf der Lebenszeit die schon unmittelbar an der Schwelle des beendeten Daseins Stehenden, denen die großen Geheimnisse der Religion sicher anvertraut werden könnten, sich auszuwählen und die durch ihre Fürsorge gewissermaßen Wiedergeborenen zum Lauf eines neuen Daseins wiederherzustellen. Also müsse auch ich das himmlische Gebot auf mich nehmen, wenn ich auch durch die sichtbare und augenscheinliche Gnade der großen Gottheit schon lange zu dem seligen Dienst vorgesehen und bestimmt sei. Ebenso wie die übrigen Verehrer solle ich mich schon jetzt der gemeinen und unheiligen Nahrungsmittel enthalten, um auf desto geraderem Wege zu den verborgenen Geheimnissen der reinsten Religion zu gelangen.

Der Priester hatte gesprochen, und mein Gehorsam wurde nicht durch Ungeduld in Frage gestellt; sondern gespannt, in milder Ruhe und anerkennenswertem Schweigen, unterzog ich mich täglich der emsigen Pflege des Gottesdienstes. Doch die segenbringende Güte der mächtigen Göttin trog mich nicht und quälte mich nicht durch einen langwierigen Aufschub, sondern sie mahnte mich ihr Geheiß in dunkler Nacht war durchaus nicht dunkel ganz offenkundig, gekommen sei der von mir heißersehnte Tag, an dem sie mir den größtenWunsch erfülle, sagte auch, mit welchem Aufwand ich für die gottesdienstliche Feier Sorge zu tragen habe; und Mithras selber, ihren Oberpriester, der mir durch eine geradezu göttliche Übereinstimmung unserer Gestirne, wie sie sagte, verbunden war, bestimmt sie mir zum Vollzieher der Einweihung.

Durch diese und die sonstigen wohlwollenden Vorschriften der hehren Göttin im Herzen ermutigt, schüttle ich, kaum daß es heller Tag war, den Schlaf von mir und eile sofort zur Wohnstätte des Priesters. Ich treffe ihn, als er eben aus seinem Gemach tritt, und begrüße ihn. Ich hatte im Sinne, die Einweihung in den heiligen Dienst, dringender als sonst, gleichsam als eine Schuld zu fordern. Doch er sprach zuerst, sobald er mich erblickte: ,,Lucius, wie bist du glücklich, wie bist du selig, daß dich die erhabene Gottheit so sehr ihrer huldvollen Gnade würdigt!", und er fügte hinzu: "Was stehst du noch müßig und versäumst dich selber? Der Tag ist da, den du in beständigem Gebet herbeigesehnt hast, an dem du auf das göttliche Geheiß der vielnamigen Göttin hier durch meine Hände in die frommen Geheimnisse des heiligen Dienstes eingeweiht werden sollst." Damit legt der freundliche Greis mir die Hand auf und führt mich sofort unmittelbar zu den Toren des mächtigen Tempels. Nachdem nach feierlichem Brauch der Dienst der Toröffnung erfüllt und das Morgenopfer beendet ist, bringt er aus dem Geheimgemach des Heiligtums bestimmte Bücher, die mit unverständlichen Schriftzeichen versehen waren denn sie enthielten teilweise in Verkürzung Wörter einer Sprache, welche in Bildern von allerlei Tieren abgefast war, teilweise war ihre Lektüre durch verschlungene und nach Art eines Rades gewundene und wie Weinranken sich verschlingende Schriftzüge vor der Neugier der Uneingeweihten gesichert. Daraus verkündete er mir, was ich zum Zwecke der Einweihungsfeier unbedingt vorzubereiten hätte.

Das besorge ich voller Eifer und etwas großzügiger teils selbst, teils lasse ich es durch meine Gefährten zusammenkaufen. lind schon verlangte es die Zeit, wie der Priester sagte, daß er mich, umgeben von der Schar der Frommen, zum nächsten Bad führt, und nachdem ich zunächst ein gewöhnliches Bad genommen hatte, betet er um der Götter Gnade und reinigt mich dann völlig, mich ringsum mit Wasser besprengend. Dann geleitet er mich wieder zum Tempel zurück - schon warc zwei Drittel des Tages vergangen - und stellt mich unmittelbar der Göttin zu Füßen. Und nachdem er im geheimen mir gewisse Aufträge gegeben hatte, die zu heilig sind, als daß ich sie sagen dürfte, gebietet er mir dies vor allen Zeugen: Ich solle zehn Tage hintereinander den Genuß im Essen einschränken, kein Fleisch verzehren und ohne Wein leben. Nachdem ich (lies in ehrfurchtsvoller Enthaltsamkeit richtig innegehalten hatte, war schon der Tag da, der mir durch den göttlichen Termin bestimmt war, und (lie Sonne neigte sich und brachte den Abend herbei. Da, schau, strömen von allen Seiten die Scharen zusammen, nach altem religiösem Brauche mich einzeln mit mannigfachen Geschenken ehrend. Darauf werden alle Ungeweihten weit entfernt, ich werde mit einem leinenen, groben Gewande umhüllt, und der Priester faßt mich bei der Hand und führt mich in das Innere des Heiligtums selber.

Du fragst mich vielleicht recht voller Spannung, eifriger Leser, was dann gesprochen, was getan wurde. Ich würde es dir sagen, wenn ich's sagen dürfte du würdest es erfahren, wenn du's hören dürftest. Aber gleiche Schuld würden sich die Ohren wie die Zunge zuziehen für diese ruchlose Neugier. Doch will ich dich, der du vielleicht in frommem Verlangen gespannt bist, nicht durch lange Unruhe quälen. Hör also, aber glaub mir, was der Wahrheit entspricht. Ich bin an die Grenze des Todes gekommen und habe die Schwelle der Proserpina betreten, durch alle Elemente bin ich geftihren und dann zurückgekehrt, um Mitternacht habe ich die Sonne in blendend weißem Lichte leuchten sehen, den Göttern droben und drunten bin ich von Angesicht zu Angesicht genaht und habe sie aus nächster Nähe angebetet. Damit habe ich dir berichtet, was du, magst du's auch hören, doch unbedingt nicht verstehen wirst. Also will ich dir berichten, was man allein, ohne eine Sünde zu begehen, den Uneingeweihten
zul. Kenntnis bringen kann.

Es war Morgen geworden da trat ich nach Vollendung der feierlichen Handlung heraus, geheiligt durch zwölffache Stola, in einem gewiß sehr frommen Aufzug. Aber keine Fessel hindert mich. darüber frei zu reden, well ihn ja die vielen Anwesenden damals gesehen haben. Denn auf Geheiß trat ich in der Mitte des heiligen Tempels auf eine vor der Göttin Bild aufgestellte hölzerne Bühne, auffallend durch das Gewand, das aus feinem Linnen, aber bunt bestickt war. Und von den Schultern hing mir den Rücken hinab bis zu den Fersen ein kostbarer Mantel. Wohin du jedoch auch sahst, war ich mit Tierbildern geschmückt, die in mannigfachen Farben ringsum angebracht waren hier waren es indische Drachen, dort hyperboreische Greife, die eine andere Welt, in der Art eines gefiederten Flügelwesens hervorbringt. Das nennen die Geweihten die Olympische Stola. Doch in der rechten Hand trug ich eine voll entflammte Fackel. und mein Haupt umgab stattlich ein schimmernder Palmenkranz, bei dem die Blätter wie Strahlen hervorragten. Nachdem ich so der Sonne gleich geschmückt und wie ein Standbild aufgestellt war, wurde der Vorhang plötzlich fortgezogen, und das Volk wogte heran, mich zu schauen. Dann feierte ich meinen festlichen Geburtstag als Eingeweihter. und es gab einen lieblichen Schmaus und ein heiteres Gelage. Auch der dritte Tag wurde mit der gleichen
Form von Feierlichkeiten begangen, und ein religiöses Essen fand statt und die regelrechte Vollendung der Einweihung. Wenige Tage verweilte ich dort noch und genoß die unvorstellbare Freude an dem Götterbild fühlte ich mich doch durch eine nie zu vergeltende Wohltat verpflichtet. Aber endlich denke ich auf Mahnung der Göttin, nachdem ich zwar nicht völlig, aber doch nach meinem geringen Maß demütig Dank gezollt hatte, spat genug an die Heimkehr. Kaum reiße ich mich los von den Banden glühender Sehnsucht. Ich werfe mich schließlich vor das Angesicht der Göttin, lange Zeit wische ich mit meinem Antlitz ihre Füße, Tränen brechen miraus den Augen; dann spreche ich zu ihr während mir ott ein Schluchzen die Rede verschlägt und ich die Worte verschlucke:

"Du heilige und ständige Retterin des Menschengeschlecht,s die du immer mildtätig bist, die Sterblichen zu erquicken, die süße Zärtlickeit einer Mutter zeigst du den Armen in ihrem Leid. Kein Tag und keine Nachtruhe, nicht einmal ein kurzer Augenblick vergeht ohne deine Wohltaten, ohne daß du zu Wasser und zu Lande die Menschen beschirmst. die Stürme des Lebens verscheuchst und deine hifreiche Hand reichst. mit der du die unentwirrbar gedrehten Fäden des Verhängnisses wieder aufdrehst, die Unwetter des Schicksals beschwichtigst und den schädlichen Lauf der Gestirne hemmst. Dic'h ehren die Himmlischen, achten die Unterirdischen, du lässest das IHimmeIsiewölbe kreisen, die Sonne leuchten, lenkst die Welt und trittst den Tartarus unter deine Füße. Dir antworten die Gestirne, kehren die Jahreszeiten wieder, jubeln die Götter, dienen die Elemente. Auf deinen Wink blasen die Winde, spenden die Wolken, keimen die Samen, wachsen die Keime. Vor deiner Allmacht erschauert die Vogelschar, die am Himmel streift, das Wild, das auf den Bergen schweift, die Schlangen, die sich im Boden bergen, die Tiere, die im Meere schwimmen. Doch ich bin zu schwach an Geist, dein Lob zu singen, und zu gering an Vermögen, dir Opfer zu bringen. Mir steht nicht die Fülle der Sprache zur Verfügung, um zu sagen, was ich von deiner Herrlichkeit empfinde, auch nicht ein tausendfacher Mund und ebensoviel Zungen, noch ein ewig dauernder Fluß unermüdlicher Rede. Also, was allein ein Frommer, aber im übrigen Armer vermag, will ich mich bemühen zu erreichen. Dein göttliches Antlitz und deine heilige Majestät werde ich ewig in dem geheimen Innern meiner Brust geborgen wahren und mir vor Augen halten.

Nachdem ich auf diese Weise zu der erhabenen Gottheit gebetet hatte, umarmte ich den Priester Mithras, nunmehr meinen Vater; an seinem Halse hing ich mit vielen Küssen und bat ihn um Verzeihung, daß ich ihm nicht seinen großen Wohltaten entsprechend lohnen könne.

Lange verweilte ich so in ausgedehntem Gespräch, um Dank zu sagen. Endlich scheide ich und eile, um geradeswegs mein väterliches Haus nach beträchtlich langer Zeit wieder aufzusuchen, und wenige Tage später schnüre ich eilends auf Antrieb der mächtigen Göttin mein Bündel, besteige ein Schiff und richte meine Reise nach Rom. Und im Schutz günstiger Fahrwinde lande ich aufs schnellste im Hafen des Augustus, und von dort bin ich auf einem Wagen dahingeflogen und betrete so am Abend vor dem 13. Dezember diese heilige Stadt. Seitdem habe ich keine so vornehmliche Sorge gehabt wie die, täglich die hohe Allmacht der Göttin Isis anzubeten, die nach der Lage ihres Tempels den Namen angenommen hat und als die Isis vom Marsfeld mit höchster Andacht verehrt wird. Ich war schließlich ihr ständiger Verehrer, fremd in dem Heiligtum, aber heimisch in der Religion. - Und siehe, der gewaltige Sonnengott hatte den Sternbilder tragenden Kreis durchlaufen und das Jahr vollendet, und wieder unterbricht der wohltätigen Gottheit immer wache Sorge meine Nachtruhe, und wieder gemahnt sie mich der Weihe, wieder des heiligen Dienstes. Ich war erstaunt, was sie bezweckte, was sie damit für die Zukunft mir verkünde. Wie sollte ich nicht! Schien es mir doch, als sei ich längst völlig in die göttlichen Geheimnisse eingeweiht.

Und während ich meine religiösen Bedenken teils im eignen Herzen erwäge, teils auch im Rate der Geweihten prüfe, erfahre ich eine geradezu erstaunliche Neuigkeit: Nur mit den Weihen der Göttin sei ich versehen, aber durch die Weihen des großen Gottes, des hohen Göttervaters, des unbesiegten Osiris, sei ich noch nicht erleuchtet. Wenn auch die Art ihres Waltens und ihrer Verehrung verknüpft, nein, zur Einheit geworden sei, so sei doch ein großer Unterschied in der Weihe vorhanden; darum müsse ich fühlen, daß auch ich nun auch für den großen Gott noch als Diener gefordert werde. Nicht lange blieb die Sache im Ungewissen. Denn in der nächsten Nacht sah ich einen von den Geweihten, mit Leinengewändern angetan, der Thyrsusstäbe und Efeu und anderes, was ich verschweigen muß, brachte und vor meine Hausgötter legte; dann nahm er meinen Sessel ein und ordnete einen Festschmaus an, wie ihn die erhabene Religion erfordert. Damit er mir durch ein sicheres Merkmal seiner Person ermöglichte, ihn zu erkennen, schritt er langsam mit zögerndem Schritt einher, da die Ferse am linken Fuß etwas verkrümmt war. Nach einer SO deutlichen \Villenskundgebung der Götter war also der ganze Nebel der Ungewißheit gelichtet, und sofort nachdem die Morgenbegrüßung (let' Göttin zu Ende war, forschte ich mit äußerstem Eifer (lie einzelnen aus, oh vielleicht irgendeiner ähnlich am Fuß gestaltet sei wie das Traumbild. Und der Erfolg ließ nicht auf sich warten. Denn ich sah sofort einen von den Pastophoren, der, abgesehen von dem Merk mal des Fußes auch sonst in Haltung und Aussehen haargenau mit dem nächtlichen Bilde übereinstimmte; später erfuhr ich, daß er Asinius Marcellus hieß, ein Name, der nicht ohne Beziehung auf meine Verwandlung war. Ich zögerte nicht und wandte mich unverzüglich an ihn; doch wußte er selbst schon den Inhalt des bevorstehenden Gesprächs, war er doch längst durch ein ähnliches Gebot gmahnt, die Weihen vorzunehmen. Denn ihm war's in deietzten Nacht, als habe er, während er dem großen Gott Kränze aufsetzte, aus seinem Munde. mit dem er der einzelnen Menschen Schicksal bestimmt, vernommen, es werde ihm ein Mann aus Madaura geschickt, aber verhältnismäßig unbemittelt, dem er sofort seine Weihen gewähren solle. Denn durch seine, des Gottes, Fürsorge werde diesem Manne Ruhm in den Wissenschaften. ihm selber aber ein großer Gewinn beschieden sein.

Während ich auf diese Weise für die Weihen bestimmt war, wurde ich gegen meinen Wunsch durch die Dürftigkeit des mir möglichen Aufwands zurückgehalten: denn (lie geringen Mittel des väterlichen Vermögens hatten die Kosten meiner Reisen stark angegriffen, und (lie Ausgaben in (let' Hauptstadt überstiegen hei weitem (lie früheren in der Provinz. Also wurde ich durch die störende harte Armut gequält und stak, wie ein altes Sprichwort sagt, zwischen Baum und Borke; nichtsdestoweniger setzte mit' immer wieder das Drängen der Gottheit zu. Und schon oftmals war ich, nicht ohne große Bestürzung, angespornt, schließlich mit einem Befehl bedacht worden; so verkaufte ich meine, wenn auch spärlichen Kleidungsstücke und scharrte so ein genügendes Sümmchen zusammen. Und gerade das war mir besonders geboten worden: "Nicht wahr'?" hieß es, "wenn du irgend etwas vorhättest, um dir ein Vergnügen zu verschaffen, so würdest du deine Lumpen keineswegs sparen; aber jetzt, wo du so herrliche Weihen erhalten sollst, (la zauderst du, dich einer Armut zu ergeben, die du doch nicht zu bereuen brauchst!" Nachdem also alles zur Genüge vorbereitet war, ich zehn Tage lang mich wieder mit fleischlosen Speisen begnügt, obendrein auch mein Haupt geschoren hatte, wurde ich in den nächtlichen Feiern des Hauptgottes eingeweiht und pflegte nun schon in vollem Vertrauen auf die verschwisterten Religionen fleißig den Gottesdienst. Das bot mir für den Aufenthalt in der Fremde den größten Trost und ebenso auch einen reichlicheren Lebensunterhalt; natürlich, denn da der Erfolg nun gnädig in meine Segel blies, so ernährte mich mein Beruf auf dem Forum als Vertreter lateinischer Sprache.

Und sieh, nach einer ganz kurzen Zeitspanne werde ich abermals durch unerwartete und in jeder Hinsicht wunderbare Befehle der Götter bestürzt und veranlaßt auch die dritte Weihe auf mich zu nehmen Und keine leichte Sorge war es, die mich quälte, sondern überaus ängstlich gespannten Herzens plagte ich mich in meinem Innern schwer mit dem Gedanken worauf dies neue und unerhörte Ansinnen der Himmlischen ziele was denn noch ubriggeblieben sei bei der Unterweisung, obwohl sie doch schon zweimal vollzogen war: "Offenbar haben beide Priester mich falsch oder unvollständig beraten"; und weiß Gott, ich begann schon von ihrer Zuverlässigkeit schlecht zu denken. Als ich so in einer Flut von Gedanken, bis zum Wahnsinn aufgeregt, umhertrieb, belehrte mich in nächtlicher Weissagung ein gütiges Traumbild also: "Es liegt kein Grund vor", sagte es, "durch die beträchtliche Reihe der religiösen Handlungen dich schrecken zu lassen, als ob vordem etwas unterlassen sei. Nein, glücklich über die ständige Beachtung durch die Gottheiten, gib dich der Freude hin und juble vielmehr, da du dreimal werden wirst, was einem andern kaum einmal beschieden wird, und erwarte für dich nach dieser Zahl mit Recht dauernde Seligkeit. Im übrigen ist die kommende Einführung in den heiligen Geheimdienst durchaus notwendig, wenn du jetzt wenigstens bei dir erwägst, daß das Gewand der Göttin, das du in der Provinz angelegt hast, beständig in demselben Heiligtum verwahrt wird und daß du zu Rom an Feiertagen nicht es betend verehren noch, wenn es vorgeschrieben ist, mit dem herrlichen Mantel dich in Strahlenglanz hüllen kannst. Darum also Glück auf und Segen und Heil, und laß dich freudigen Herzens abermals in den Geheimdienst einweihen, da die großen Göttin es wollen.

So weit verkündete mir das göttliche Traumbild in seiner überzeugenden Hoheit, was nötig sei, und ohne die Sache zurückzustellen oder auf einen fernliegenden Termin zu verschieben, teile ich meinem Priester auf der Stelle mit, was ich gesehen hatte: dann nehme ich sofort das Joch der Enthaltsamkeit durch fleischlose Nahrung auf mich, vervielfache die durch ein dauerndes Gesetz vorgeschriebenen zehn Tage durch freiwillige Nüchternheit und beschaffe die Ausrüstung für die Einweihung reichlich durch Besorgungen, wie sie mehr dem Eifer meiner Frömmigkeit als dem Maß meiner Mittel entsprechen. Und weiß 2
Gott, mich reuten trotzdem die Mühen und Ausgaben in keiner Weise; wie sollten sie auch? Bin ich doch infolge der freigebigen Fürsorge der Götter durch meine Einnahmen auf dem Forum hübsch in die Höhe gekommen. Schließlich nach verhältnismäßig wenigen Tagen war mir im Traum, als nähme mich der Gott in Gnadeu an, der mächtiger als die großen Götter, er, der höchste unter den großen, der größte unter den hohen und Herrscher über die größten, Osiris, da er nicht in irgendeine fremde Person verwandelt, sondern leibhaftig mich seiner hochheiligen Ansprache würdigte: Ich solle die gleiche ruhmvolle Vertretung auf dem Forum wie bisher betreiben und mich nicht vor den Ausstreuungen der Übelgesinnten fürchten, die dort die mühsam aus meinen Studien erworbene Gelehrsamkeit hervorrief. Und damit ich mich nicht seinem heiligen Dienst inmitten der übrigen Schar unterziehen müsse. wählte er mich in (lie Gemeinschaft seiner Pastophoren, ja selbst unter die fünf Jahre amtierenden Vorsteher. Wieder nahm ich also mit völlig geschorenem Haupthaar den Dienst dieser alten, zu Stillas Zeiten begründeten Brüderschaft voller Freude auf mich, ohne daß ich meine Kahlheit beschönigt oder verdeckt hätte, nein, ich trug sie nach allen Seiten offen zur Schau.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .