Zur Dramatik des Wunderbaren und Fabelhaften im phantastischen Reiseroman: Lukian, Wahre Geschichte.

Deutscher Text entnommen aus: Lukian, Der Lügenfreund und andere phantastische Erzählungen. Übersetzt von Christoph Martin Wieland und Karl Mras. Mit einer Einleitung und Erläuterungen von Bernhard Kytzler, München 1990, S. 66 - 108.


ERSTES BUCH

Wie die Ringkämpfer von Beruf und die, die sich mit der Fürsorge um ihren Leib beschäftigen, nicht bloß um dessen guten Zustand und um ihre Leibesübungen sich kümmern, sondern auch um gelegentliche Ausspannung - nach ihrer Meinung spielt sie eine sehr große Rolle im Training -, so ziemt sich meines Erachtens auch denen, die sich mit Geisteswerken befassen, nach ausgiebiger Lektüre ernster Werke eine geistige Ausspannung, um den Geist für die künftige Mühe frisch zu erhalten. Eine passende Erholung würde aber für sie sein, wenn sie sich mit der Lektüre solcher Werke abgaben, welche nicht bloß eine auf geistreicher und angenehmer Darstellung beruhende Unterhaltung ihnen gewähren, sondern sie auch auf eine in gewissem Sinne ebenfalls zur Bildung gehörige Betrachtung hinweisen würden, wie sie so meines Erachtens auch von diesen vorliegenden Büchern denken werden. Denn nicht bloß die Seltsamkeit des Gegenstandes oder die geistreiche Absicht soll sie anlocken oder der Umstand, daß ich viele Lügen mit überzeugender Wahrscheinlichkeit vorgebracht habe, nein, vor allem der Umstand, daß auch die Einzelheiten der Erzählung nicht ohne Spott Anspielungen enthalten auf gewisse alte Dichter, Schriftsteller und Philosophen, die viel Wunderliches und Fabelhaftes geschrieben haben (welche Autoren ich auch namentlich anführen würde, müßten sich nicht dir selber bei der Lektüre deren Namen klar ergeben). Ktesias, Sohn des Ktesiochos, von Knidos schrieb über Indien und die dortigen Verhältnisse Dinge, die er weder selbst gesehen noch von anderen wahrheitsgetreu vernommen hatte. Es schrieb auch lambulos über die Verhältnisse im großen Ozean viel seltsame Dinge, Erfindungen, über deren Lügenhaftigkeit sich zwar alle Welt im klaren war, deren Komposition aber. doch des Reizes nicht entbehrte. Auch viele andere haben in derselben Absicht weite Reisen beschrieben, die sie angeblich unternommen hatten, wobei sie von ungeheuren Tieren sowie von rohen Menschen und seltsamen Lebensweisen erzählten. Urheber und Lehrmeister solcher Aufschneiderei ist für sie der homerische Odysseus, der dem Alkinoos und seinen Leuten von der Knechtschaft der Winde erzählte, sowie von einäugigen, kannibalischen und wilden Menschen, ferner von vielköpfigen Wesen und von der Verwandlung seiner Gefährten durch Zaubermittel, lauter Faseleien, die jener vor den naiven Phäaken vorbrachte. Bei der Lektüre all dieser Schriftsteller tadelte ich sie nicht so sehr wegen ihrer Lügen, da ich sah, daß das auch schon bei Philosophen von Beruf gewöhnlich ist. Darüber aber wunderte ich mich bei ihnen, daß sie meinten, man würde ihre Unwahrheiten nicht merken. Darum kam auch ich aus eitler Ruhmsucht auf den Gedanken, etwas der Nachwelt zu hinterlassen, um nicht allein der Freiheit im Fabulieren unteilhaft zu sein. Da ich aber nichts Wahres zu erzählen hatte - ich hatte ja nichts Erwähnenswertes erlebt -, verlegte ich mich auf die Lüge, was in meinem Fall viel verzeihlicher ist als bei den anderen; ich werde nämlich in dem einen Punkt die Wahrheit sprechen, wenn ich sage, daß ich lüge. So glaube ich, einer Anklage von seiten der anderen entgehen zu können, wenn ich in keinem Punkt die Wahrheit zu sagen eingestehe. Ich schreibe also über Dinge, die ich weder selbst sah noch erlebte noch von anderen erfuhr, ja, die weder sind noch überhaupt vorkommen könnten; deshalb sollen meine Leser ihnen unter keinen Umständen Glauben schenken.

Ich stach also einmal von den Säulen des Herakles aus in See nach dem westlichen Ozean und fuhr weiter bei günstigem Wind. Die Veranlassung zu meiner Reise und ihr Gegenstand war mein Vorwitz und das Verlangen, Neues zu sehen, sowie die Absicht zu erfahren, wo der Ozean endet und wie es mit den jenseits wohnenden Menschen steht. Zu 68 LUKIAN


diesem Zweck hatte ich viel Proviant an Bord genommen, auch eine genügende Menge Wasser, und hatte fünfzig meiner Kameraden, die ebenso dachten wie ich, veranlaßt, sich mitanzuschließen, hatte mir ferner auch einen großen Vorrat an Waffen verschafft, den besten Steuermann um hohen Lohn gedungen und mein Schiff - es war aber eine Jacht - im Hinblick auf eine voraussichtlich lange Fahrt bei heftigem Wellengang sehr verstärkt. Einen Tag also und eine Nacht fuhren wir, während das Land noch in der Ferne sichtbar blieb, bei günstigem Wind und nicht sehr heftigem Wellengang weiter hinaus auf die hohe See, am folgenden Tag jedoch nahmen gleich bei Sonnenaufgang Wind und Wogen zu, es trat Dunkelheit ein und es war nicht einmal möglich, das Segel einzuziehen. Wir überließen uns also dem Wind und trieben im Sturm neunundsiebzig Tage herum, am achtzigsten Tage aber bricht plötzlich die Sonne durch und wir sehen nicht ferne von uns eine hohe, bewaldete Insel, von nicht heftiger Brandung umtost; denn im allgemeinen ließ das Unwetter allmählich nach. Wir legten also an, gingen ans Land und lagen dann lange Zeit auf der Erde, begreiflich nach so langem Ungemach. Dann standen wir aber doch auf und beorderten dreißig von uns, als Wächter beim Schiff zu bleiben, um die Verhältnisse auf der Insel auszukundschaften. Nachdem wir etwa drei Stadien vom Meer durch einen Wald marschiert waren, sehen wir eine aus Erz verfertigte Säule mit einer Inschrift in griechischen, allerdings undeutlichen und verwischten Buchstaben, die besagte: »Bis hierher gelangten Herakles und Dionysos.« Es waren aber auch zwei Fußspuren in der Nähe auf einem Fels, die eine ein Plethron lang, die andere kleiner, meines Erachtens die eine von Dionysos, die kleinere, die andere hingegen von Herakles. Wir bezeigten ihnen unsere Verehrung und gingen weiter. Wir waren aber noch nicht weit gegangen, da gelangten wir zu einem Fluß mit Wein statt Wasser, am meisten vergleichbar der Sorte des Chierweines. Die Strömung war ausgiebig und reichlich, so daß an manchen Stellen sogar Schiffahrt möglich war. Es kam uns also nun um so eher in den Sinn, der Inschrift auf der Säule Glauben zu schenken, da wir die Wahrzeichen der Reise des Dionysos sahen. Da ich aber beschloß, auch den Ursprung des Flusses kennen zu lernen, ging ich längs der Strömung und fand keine Quelle, wohl aber viele große Weinstöcke voller Trauben, bei jeder Wurzel aber floß ein Tropfen klaren Weines heraus, aus welchen Tropfen der Fluß allmählich sich bildete. Es gab aber auch viele Fische in ihm zu sehen, die an Farbe und Geschmack meist dem Wein glichen. Wir fingen einige von ihnen, verspeisten sie, wurden aber davon trunken; wir schnitten sie auch auf und fanden sie voller Trestern. Später aber kamen wir auf den Einfall, die anderen Fische, nämlich die Seewasserfische, mit ihnen zu mischen, so daß dadurch der heftige Weingeschmack gemildert wurde.

Als wir dann den Fluß an einer Furt überschritten hatten, fanden wir eine wunderbare Rebensorte. Der Teil nämlich vom Boden an war echter, gutgewachsener, dicker Weinstock, oben aber waren es Frauen, bei denen etwa von den Weichen an alles vollkommen entwickelt war; so malt man bei uns die Daphne, wie sie, soeben von Apollo gefaßt, allmählich zu einem Baum wird. Aus den Fingerspitzen wuchsen ihnen Triebe, die voller Trauben waren. Ja auch ihre Köpfe waren mit Ranken und Blättern belaubt, an denen Trauben hingen. Als wir näher gekommen waren, begrüßten und bewillkommneten sie uns, die einen in lydischer, andere in indischer, die meisten aber in griechischer Sprache, und sie küßten uns auch mit ihrem Mund; wer aber geküßt wurde, der ward sofort trunken und von Sinnen. Von den Früchten aber ließen sie nicht pflücken, sondern fühlten Schmerzen und schrien, wenn man sie abriß. Einige aber verlangten auch, mit uns zu verkehren. Und zwei von meinen Gefährten näherten sich ihnen, kamen aber nicht mehr los, sondern blieben an den Schamteilen gefesselt. Sie wuchsen nämlich mit ihnen zusammen, verwurzelten sich, und im Nu waren ihnen die Finger zu Schößlingen geworden, während sie von Ranken umsponnen wurden und zu erwarten 70 LUKIAN

stand, daß sie bald ebenfalls Früchte tragen würden. Wir ließen sie also stehen, eilten zum Schiff und erzählten den Zurückgebliebenen außer den anderen Ereignissen auch vom Verkehr dieser Gefährten mit den Rebweibern. Wir nahmen nun große Krüge, versahen uns mit Wasser zugleich und mit Wein aus dem Fluß, lagerten uns in seiner Nähe am Strand und stachen am frühen Morgen bei nicht heftigem Wind in See.

Um Mittag, als die Insel nicht mehr sichtbar war, überfiel uns plötzlich ein Wirbelwind, wirbelte das Schiff herum, hob es etwa dreihundert Stadien in die Höhe und ließ es nicht mehr aufs Meer nieder, sondern hielt es oben schwebend in der Luft, indem der Wind sich in die Segel legte und das Segeltuch bauschte. Sieben Tage und die gleiche Zahl von Nächten fuhren wir durch die Luft, am achten sehen wir ein großes Land in der Luft wie eine Insel, glänzend, kugelrund und von starkem Licht beschienen. Wir legten an, gingen vor Anker und stiegen ans Land. Bei der Betrachtung des Landes fanden wir, daß es bewohnt und angebaut war. Bei Tag nun bemerkten wir nichts weiter, als es jedoch Nacht geworden war, zeigten sich uns noch viele andere Inseln in der Nähe, die einen größer, die andern kleiner, an Farbe dem Feuer vergleichbar, und ein anderes Land unten mit Städten, Flüssen, Meeren, Wäldern und Bergen. Wir vermuteten, daß das unsere Erde sei. Als wir nun beschlossen hatten, noch weiter vorzudringen, begegneten wir den sogenannten Roßgeiern - wie sie dort heißen -, die uns verhafteten. Diese Roßgeier sind Männer, die auf großen Geiern reiten und die Vögel wie Rosse benützen. Die Geier sind nämlich groß und meist dreiköpfig; man könnte ihre Größe aus folgendem erkennen: Jeder ihrer Flügel ist länger und dicker als der Mast eines großen Lastschiffes. Diese Roßgeier haben also den Auftrag, um ihr Land zu fliegen, und wenn sich ein Fremdling fände, ihn zum König zu bringen. So bringen sie auch uns nach unserer Verhaftung zu ihm. Er sah uns an, schloß aus unserer Tracht auf unsere Herkunft und sprach: »Griechen seid ihr also, ihr Fremdlinge?« Auf unsere bejahende Antwort erwiderte er: »Wie seid ihr also hierher gekommen und habt eine so große Strecke durch die Luft zurücklegen können?« Da erzählten wir ihm alles und er hub an und erzählte uns seine Geschichte, wie er ebenfalls ein Mensch gewesen sei, namens Endymion, einmal im Schlaf von unserer Erde emporgerafft, hierher gekommen und König dieses Landes geworden sei; es sei aber, sagte er, das Land, das uns dort unten erscheine, der Mond. Er forderte uns auf, guten Mutes zu sein und keine Gefahr zu argwöhnen; alles, was wir brauchen, werde uns nämlich zur Verfügung stehen. »Falls ich auch«, sprach er, »in dem Krieg, den ich jetzt gegen die Bewohner der Sonne führe, Glück habe, werdet ihr das allerglücklichste Leben bei mir führen.« Und wir erkundigten uns, wer die Feinde seien und um den Anlaß des Zwistes. »Phaëton«, erwiderte er, »der König der Bewohner der Sonne - denn auch sie ist bewohnt wie der Mond - führt schon lange gegen uns Krieg. Er begann aus folgendem Anlaß: Ich sammelte einmal die mittellosesten Bewohner meines Reiches und wollte sie als Kolonisten auf den Morgenstern entsenden, der öde ist und von niemand bewohnt wird. Phaëton aber verhinderte aus Neid die Gründung der Kolonie, indem er mitten im Weg auf den Roßameisen mir entgegentrat. Damals wurden wir also besiegt - wir waren ihnen nämlich an Rüstung nicht gewachsen - und mußten uns zurückziehen. Jetzt aber will ich den Krieg wieder aufnehmen und die Kolonie anlegen. Falls ihr also wollt, beteiligt euch an meinem Zug, ich werde jedem von euch Geier von der Gattung der Königsgeier und die übrige Ausrüstung zur Verfügung stellen. Morgen werden wir ausmarschieren.« - »So soll es geschehen«, sprach ich, »nachdem du dafür bist.«

Da blieben wir also bei ihm und ließen uns bewirten, in der Früh aber stellten wir uns nach dem Aufstehen in Schlachtordnung auf; denn die Späher zeigten die Nähe der Feinde an. Die Masse des Heeres belief sich auf iooooo Mann ohne den Troß, die Verfertiger der Kriegsmaschinen, das Fußvolk und die fremden Bundesgenossen. Davon waren 8oooo Roßgeier und 20000 Kohlflügler; das ist aber ein sehr großer Vogel, der statt der Federn am ganzen Körper struppig ist vor lauter Kohlblättern; die Flügel, die er hat, gleichen am meisten Lattichblättern. Diesen waren die Hirsenschützen beigeordnet und die Knoblauchkämpfer. Es kamen ihm auch vom Sternbild des Bären Bundesgenossen zu Hilfe, 30000 Flohschützen und oooo Windläufer; von diesen reiten die Flohschützen auf großen Flöhen - wovon sie auch den Beinamen haben; die Größe der Flöhe ist ungefähr die von zwölf Elefanten -; die Windläufer sind zu Fuß und bewegen sich in der Luft ohne Flügel. Die Art der Bewegung ist so: Sie haben lange Hemden, die sie schürzen; bauscht sie dann der Wind wie Segel auf, so bewegen sie sich wie die Schiffe. Meist dienen solche Truppen in ihren Schlachten als Leichtbewaffnete. Es hieß, daß auch von den Sternen über Kappadokien 70000 Sperlingsbolzen und ooo Roßkraniche kommen würden. Diese bekam ich nicht zu Gesicht; sie kamen nämlich nicht an. Deshalb erkühnte ich mich auch nicht, ihr Wesen zu beschreiben; Wunderbares und Unglaubwürdiges wurde ja von ihnen erzählt.

Das war die Streitmacht des Endymion. Die Ausrüstung aller war die gleiche: Helme aus Bohnen - die Bohnen sind nämlich bei ihnen groß und stark -; ihre Panzer sind lauter Schuppenpanzer aus Saubohnen - sie nähen nämlich die Schalen der Saubohnen zusammen und machen daraus die Panzer; es erweist sich aber dort die Schale der Saubohnen als unzerbrechlich wie Horn -; ihre Schilde und Schwerter sind wie die griechischen. Als es aber an der Zeit war, stellten sie sich in folgender Schlachtordnung auf: Den rechten Flügel hatten die Roßgeier und der König mit den Besten seiner Umgebung - auch wir befanden uns unter diesen -; den linken die Kohlflügler; das Zentrum die Bundesgenossen, wie es den einzelnen Abteilungen gut dünkte. Das Fußvolk belief sich auf etwa 6ooooooo. Sie wurden so aufgestellt: Spinnen kommen bei ihnen große und in großer Anzahl vor, jede viel größer als die Kykladen; diesen trug er auf, ein Spinngewebe in dem Luftraum zwischen dem Mond und dem Morgenstern herzustellen. Sobald sie damit fertig waren und so eine ebene Fläche hergestellt hatten, stellte er auf dieser das Fußvolk auf; sie führte Nachtherr, Sohn des Schönwetterfürsten, mit zwei anderen. Auf der Seite der Feinde hatten den linken Flügel die Roßameisen und unter ihnen Phaëton. Es sind aber sehr große Tiere, geflügelt, die den Ameisen bei uns gleichen mit Ausnahme der Größe; denn die größte von ihnen war zwei Plethren lang. Es kämpfte aber nicht bloß die auf ihnen reitende Mannschaft, sondern auch sie selber, besonders mit den Hörnern; es hieß, ihre Zahl betrug gegen 50000. Auf ihrem rechten Flügel wurden die Mückenritter aufgestellt, deren Zahl gleichfalls gegen oooo betrug, lauter auf großen Mücken reitende Bogenschützen. Hinter diesen standen die Lufttänzer, leichtbewaffnetes Fußvolk, jedoch ebenfalls kampftüchtig; sie schossen nämlich aus der Ferne mit überaus großen Rettichen, und der Getroffene konnte nur mehr kurze Zeit sich halten und siechte langsam dahin, wobei auch ein übler Geruch in seiner Wunde sich bemerkbar machte; es hieß aber, daß sie ihre Geschosse mit Malvengift bestreichen. Anschließend an sie wurden die Stengelpilze aufgestellt, schwerbewaffnete Nahkämpfer, an Menge ioooo; sie hießen Stengelpilze, weil sie Schilde aus Pilzen gebrauchten und Speere aus Spargelstengeln. In ihrer Nähe stellten sich die Hundsbolzen auf, welche ihm die Bewohner des Hundssternes Sirius geschickt hatten, 5ooo, und zwar sind das Männer mit einem Hundsgesicht, die auf geflügelten Bolzen kämpfen. Es hieß aber, daß auch bei ihm einige seiner Bundesgenossen in Verspätung waren, nämlich die Schleuderer, die er von der Milchstraße bestellt hatte, und die Wolkenkentauren. Aber diese kamen erst nach der Entscheidung der Schlacht - was nie der Fall hätte sein sollen! -; die Schleuderer aber fanden sich überhaupt nicht ein, weshalb, wie es heißt, Phaëton später aus Zorn ihr Land mit Feuer verwüstete.

Mit einer solchen Heeresrüstung rückte Phaëton heran. Der Zusammenstoß erfolgte, nachdem man die Feldzeichen aufgesteckt und die Esel auf beiden Seiten ihr Geschrei erhoben hatten - dieser bedienen sie sich nämlich statt der Trompeter. Und nun nahm der Kampf seinen Verlauf. Der linke Flügel der Sonnenbewohner floh sofort, ohne sich mit den Roßgeiern auch nur in ein Handgemenge einzulassen, und wir setzten ihnen nach mit Mord und Totschlag. Ihr rechter Flügel hingegen behielt die Oberhand gegen unseren linken Flügel, und es rückten die Mückenritter heran, die ihre Verfolgung bis zum Fußvolk ausdehnten. Da aber dieses zur Gegenwehr schritt, machten sie eine Schwenkung und flohen, am meisten, nachdem sie die Niederlage ihrer Leute vom linken Flügel gemerkt hatten. Infolge des glänzenden Sieges wurden viele lebend gefangen, viele auch umgebracht, und das Blut floß reichlich aus den Wolken - so daß sie sich färbten und rot erschienen, wie das bei uns bei Sonnenuntergang der Fall ist -, träufelte auch reichlich zur Erde nieder, so daß ich vermutete, ob nicht etwa so etwas sich vor alters oben im Himmel abspielte, was den Homer veranlaßte anzunehmen, Zeus habe wegen des Todes des Sarpedon Blut regnen lassen. Nachdem wir von der Verfolgung zurückgekehrt waren, stellten wir zwei Siegeszeichen auf, eins auf der Spinnwebe wegen der Infanterieschlacht, das andere wegen der Luftschlacht auf den Wolken. Eben war man damit beschäftigt, da wurde von den Spähern das Heranrücken der Wolkenkentauren gemeldet, welche bereits vor der Schlacht zu Phaëton hätten kommen sollen. Und sie zeigten sich schon im Anmarsch, ein sehr seltsamer Anblick, aus Flügelrossen und Menschen zusammengesetzte Wesen. Die Größe der Menschen war ungefähr die des rhodischen Kolosses, zur Hälfte nach oben, die der Rosse etwa die eines großen Lastschiffes. Ihre Menge schrieb ich nicht auf, damit sie nicht jemand unglaublich vorkomme - so groß war sie. Ihr Anführer war der Schütze aus dem Tierkreis. Als sie aber die Niederlage ihrer Freunde merkten, sandten sie zu Phaëton eine Botschaft, wieder heranzurücken, sie selbst jedoch überfallen in Schlachtordnung die Mondbewohner, bei denen Verwirrung herrschte, well sie sich ungeordnet zur Verfolgung und um Beute zu machen zerstreut hatten. Und sie schlagen alle in die Flucht, den König selbst verfolgen sie bis zur Stadt und töten die meisten seiner Vögel, sie rissen aber auch die Siegeszeichen aus und sprengten über die ganze von den Spinnen gewebte Ebene, mich aber und zwei meiner Gefährten fingen sie. Bereits war auch Phaëton da, und es wurden wieder andere Siegeszeichen von jenen aufgestellt.

Wir wurden, die Hände auf dem Rücken mit einem Stück Spinnwebe gebunden, noch an demselben Tag auf die Sonne gebracht. Sie beschlossen nicht, die Hauptstadt Endymions zu belagern, sondern machten kehrt und schlossen den Zwischenraum der Luft mit einer Mauer ab, so daß die Sonnenstrahlen nicht mehr zum Mond gelangten. Die Mauer war doppelt, aus Wolken, so daß eine ausgesprochene Finsternis und ununterbrochene Nacht auf dem Mond herrschte. Da diese Verhältnisse auf Endymion schwer lasteten, bat er durch Boten, den Bau niederzureißen und sie nicht rücksichtslos im Dunkeln leben zu lassen, versprach aber auch, Abgaben zu zahlen, Bundesgenosse zu sein und nicht mehr Krieg zu führen, wollte auch Geiseln auf diese Bedingungen hin stellen. Phaëton aber und seine Leute ließen, nachdem zweimal eine Versammlung stattgefunden hatte, am ersten Tag in ihrem Grimm nicht locker; am nächsten jedoch änderte sich ihre Stimmung und es kam unter folgenden Bedingungen der Friede zustande:

»Auf folgende Bedingungen hin schlossen die Sonnenbewohner und ihre Bundesgenossen einen Vertrag mit den Mondbewohnern und deren Bundesgenossen: Es sollen die Sonnenbewohner die Zwischenmauer niederreißen und nicht mehr den Mond bekriegen, die Gefangenen aber auch zurückgeben, einen jeden um ein vereinbartes Lösegeld, anderseits sollen die Mondbewohner den übrigen Sternen ihre Selbständigkeit lassen und die Sonnenbewohner nicht bekriegen, vielmehr beide Parteien sich gegenseitig Hilfe leisten, falls jemand gegen sie zu Felde zieht. Als Abgabe soll in jedem Jahr der König der Mondbewohner dem König der Sonnenbewohner ioooo große Krüge Tau darbringen und als Geiseln ioooo seiner Leute stellen. Die Kolonie auf dem Morgenstern sollen sie gemeinsam anlegen, an der sich auch von den anderen, wer will, beteiligen darf. Den Vertrag soll man auf einer Säule aus mit Silber gemischtem Gold in der Mitte des Luftraumes im Grenzgebiet aufstellen. Es beschworen den Vertrag von den Sonnenbewohnern Feuermann, Sommerer und Flammerich, von den Mondbewohnern Nachtvogel, Mondlicht und Sternlicht.«

So kam der Friede zustande. Sofort wurde die Mauer niedergerissen und wir Gefangenen freigegeben. Als wir aber auf den Mond gekommen waren, kamen uns entgegen und begrüßten uns unter Tränen unsere Gefährten und Endymion persönlich. Und er verlangte, ich solle bei ihm bleiben und mich an der Kolonie beteiligen, indem er mir versprach, mir seinen Sohn zur Ehe zu geben. Frauen gibt es nämlich nicht bei ihnen. Ich jedoch ließ mich unter keinen Umständen überreden, sondern verlangte, hinunter auf das Meer entlassen zu werden. Als er die Unmöglichkeit, mich umzustimmen, erkannte, entläßt er uns nach siebentägiger Bewirtung.

Von den neuen und seltsamen Dingen aber, die ich in der Zwischenzeit während meines Aufenthaltes auf dem Mond bemerkt habe, will ich erzählen. Erstens, daß sie nicht von Weibern geboren werden, sondern von den Männern; es heiraten nämlich die Männer untereinander, und den Namen Weib kennen sie überhaupt nicht. Bis zu 2 Jahren läßt sich jeder heiraten, von da an heiratet er selber. Sie sind nämlich nicht in der Gebärmutter schwanger, sondern in den Waden. Sobald nämlich die Schwangerschaft eintritt, wird die Wade dick, und einige Zeit später schneiden sie sie auf und nehmen die Leibesfrucht in totem Zustand heraus, setzen sie mit offenem Mund dem Wind aus und rufen sie dadurch ins Leben. Mir scheint es, daß zu den Griechen von dort die Bezeichnung >Bauchwade< gekommen ist, weil sie bei den Mondbewohnern statt des Bauches die Leibesfrucht austrägt. Ich will aber etwas noch Merkwürdigeres erzählen. Bei ihnen gibt es Wesen, die sogenannten Baummenschen, die auf folgende Art entstehen: sie schneiden die rechte Hode eines Menschen ab und setzen sie in den Boden ein, daraus wächst aber ein sehr großer, fleischiger Baum wie ein Phallus; er hat aber auch Zweige und Blätter; die Früchte sind ellenlange Eicheln. Wenn sie nun reif geworden sind, ernten sie sie und meißeln die Menschen heraus. Geschlechtsteile haben sie aber nur künstliche, die sie sich anlegen, die einen aus Elfenbein, die Armen aus Holz, und mittels dieser verkehren sie mit ihren Gatten. Wenn der Mensch alt geworden ist, stirbt er nicht, sondern löst sich wie Rauch auf und wird zu Luft. Nahrung haben alle dieselbe: Wenn sie nämlich Feuer anzünden, braten sie auf den Kohlen Frösche - deren es viele bei ihnen gibt, die in der Luft herumfliegen -; während diese gebraten werden, sitzen die Mondbewohner herum, wie um einen Tisch, und schnappen nach dem aufsteigenden Rauch, und das ist ihre Mahlzeit. So steht es also mit der Nahrung, die sie zu sich nehmen. Als Trank dient ihnen aber in einem Becher ausgequetschte Luft, die eine Feuchtigkeit wie Tau von sich gibt. Sie pissen auch nicht und gehen nicht auf die große Seite und haben auch keine Löcher, wo wir sie haben, und ihre Burschen verwenden zu dem oben angegebenen Zweck nicht das Gesäß, sondern die Kniekehlen oberhalb der Wade; dort nämlich haben sie Löcher. Für schön gilt bei ihnen, wenn einer eine Glatze hat und unbehaart ist, die Starkbehaarten verabscheuen sie sogar. Auf den Kometen, den >Haarsternen<, hält man im Gegenteil die stark Behaarten für schön; es waren nämlich einige Reisende da, die von jenen erzählten. Ferner bekommen sie Bärte ein wenig oberhalb der Knie. Und sie haben nicht fünf Nägel an den Füßen, vielmehr haben alle nur eine einzige Zehe. Über dem Steiß ist einem jeden von ihnen ein Kohlkopf gewachsen wie ein Schwanz, der immer grün bleibt und auch, wenn der Betreffende auf den Rücken fällt, nicht zerbricht. Sie schneuzen einen sehr scharfen Honig aus; und wenn sie sich plagen, sei es bei der Arbeit oder durch Leibesübungen, schwitzen sie am ganzen Körper Milch, so daß sie daraus auch Käse bereiten können, indem sie etwas Honig daraufträufeln. Ein sehr fettes und wie Parfum wohlriechendes Öl bereiten sie aus den Zwiebeln. Reben haben sie viele, aber mit Wassertrauben; die Beeren der Traube sind nämlich so wie Hagelkörner, und wenn der Wind in die dortigen Reben bläst und sie schüttelt, dann fällt meines Erachtens der Hagel zu uns herab, indem die Trauben bersten. Ihren Bauch verwenden sie als Ranzen, indem sie, was sie brauchen, hineinlegen; sie können ihn nämlich auf- und zumachen. Innereien sind im Bauch keine sichtbar, auch keine Leber, nur soviel sieht man, daß er innen zur Gänze dicht behaart und zottig ist, so daß die neugeborenen Kinder, wenn es kalt ist, hineinkriechen. Kleider haben die Reichen zarte aus Glas, die Armen aus Metall gewebte. Die dortigen Gegenden sind nämlich reich an Metallen, und sie bearbeiten sie, indem sie sie mit Wasser befeuchten wie die Wolle. Was sie für Augen haben, zaudere ich zu sagen, damit nicht jemand wegen der Unglaublichkeit der Erzählung meint, ich lüge; gleichwohl aber werde ich es sagen. Sie haben nämlich Augen zum Herausnehmen, und wer will, nimmt seine Augen heraus und hebt sie auf, bis er sie wieder zum Sehen braucht; dann setzt er sie ein und sieht wieder. Und viele, die ihre Augen verloren haben, leihen sie sich von anderen zu diesem Zweck aus. Es gibt einige, die viele in Reserve haben, nämlich die reichen Leute. Ihre Ohren sind Platanenblätter, mit Ausnahme derer, die von den Eicheln stammen; diese allein haben nämlich hölzerne. Ferner sah ich noch ein anderes Wunder in der Königsburg; ein sehr großer Spiegel lag über einem nicht sehr tiefen Schacht. Falls jemand nun in den Schacht hinabsteigt, hört er alles, was bei uns auf der Erde gesprochen wird, blickt er aber in den Spiegel, so sieht er alle Städte und alle Völker, als ob er bei ihnen wäre. Da sah ich auch meine Angehörigen und meine ganze Heimat, ob aber auch jene mich sahen, kann ich nicht mehr bestimmt sagen. Wer aber daran nicht glaubt, der wird, falls er einmal dorthin kommt, erfahren, daß ich die Wahrheit spreche.

Da nahmen wir nun Abschied vom König und seiner Umgebung, stiegen ein und fuhren weiter. Mir machte Endymion auch Geschenke, bestehend in zwei von seinen gläsernen und in fünf metallenen Hemden sowie in einer Rüstung aus Saubohnen, Gegenstände, die ich insgesamt im Walfisch zurückließ. Er gab uns auch tausend Roßgeier mit, die uns fünfhundert Stadien weit geleiten sollten. Auf der Weiterfahrt kamen wir an vielen anderen Ländern vorbei, landeten auch auf dem Morgenstern, dessen Kolonisierung eben begann, stiegen aus und versorgten uns mit Wasser. Dann fuhren wir in den Tierkreis ein und zur Linken knapp an der Sonne vorbei; wir landeten nämlich nicht, trotz des lebhaften Wunsches meiner Gefährten, denn der Wind ließ es nicht zu. Wir sahen jedoch, daß das Land in blühendem Zustand war, mit üppiger Vegetation bedeckt, wohlbewässert und voller Naturgüter in reichem Ausmaß. Als uns die Wolkenkentauren bemerkten, die bei Phaëton um Sold dienten, flogen sie auf das Schiff los, wie sie aber erfuhren, daß wir in den Friedensvertrag eingeschlossen waren, zogen sie sich wieder zurück.

Bereits waren auch die Roßgeier fort. Wir fuhren die nächste Nacht und den folgenden Tag hindurch, gegen Abend aber kamen wir zur sogenannten Lampenstadt, als unsere Fahrt bereits abwärts ging. Diese Stadt liegt zwischen dem Luftbereich der Pleiaden und dem der Hyaden, jedoch viel niedriger als der Tierkreis. Nach unserer Landung fanden wir keinen Menschen, wohl aber viele Lampen, die herumliefen und sich auf dem Hauptplatz und in der Gegend des Hafens herumtrieben, die einen klein, sozusagen die armen, einige aber von den großen und mächtigen, die sehr hell leuchteten und einen weiten Umkreis beschienen. Sie besaßen Behausungen und eigene Futterale, eine jede für sich, und hatten Namen wie die Menschen, und wir hörten, wie sie Laute von sich gaben. Sie taten uns nichts zuleide, sondern luden uns zu gastlicher Bewirtung ein; wir hatten aber gleichwohl Angst, und niemand von uns getraute sich zu speisen oder zu schlafen. Ihre Regierungsgebäude sind mitten in der Stadt errichtet, wo ihr Herrscher die ganze Nacht hindurch sitzt und jede bei ihrem Namen aufruft.

Wer aber darauf nicht hört, wird als Deserteur zum Tode verurteilt; der Tod besteht im Erlöschen. Wir standen dabei, sahen, was sich da abspielte, und hörten zugleich die Lampen sich verteidigen und die Gründe für ihre Verspätung angeben. Da erkannte ich auch unsere Lampe und erkundigte mich, wie es zu Hause stünde. Sie aber erzählte mir alles.

Jene Nacht also blieben wir daselbst, am folgenden Tage aber brachen wir auf und fuhren bereits in der Nähe der Wolken. Da sahen wir mit Erstaunen die Stadt Wolkenkuckucksheim, betraten sie aber nicht; der Wind ließ es ja nicht zu. König ihrer Einwohner war, wie es hieß, Krähmann, Sohn des Herrn von Drosselheim. Und ich erinnerte mich des Dichters Aristophanes, eines gescheiten und wahrheitsliebenden Mannes, dem man mit Unrecht rücksichtlich dessen, was er geschrieben, den Glauben versagt. Von diesem Tag an gerechnet am dritten, sahen wir den Ozean bereits deutlich, Land aber nirgends mit Ausnahme der Länder in der Luft; diese aber stellten sich uns feurig und in außerordentlich starkem Glanz dar. Am vierten Tag gegen Mittag, als der Wind immer schwächer wurde und sich allmählich legte, wurden wir auf das Meer abgesetzt. Als wir das Wasser berührten, kam eine außerordentliche Freude und Wonne über uns. Wir gönnten uns alles unter den obwaltenden Verhältnissen mögliche Vergnügen, stiegen aus und schwammen herum; es war nämlich gerade Wind- und Meeresstille.

Oft scheint jedoch der Umschwung zum Besseren sich als der Beginn noch größerer Übel zu erweisen. Denn auch wir fuhren nur zwei Tage bei gutem Wind, am dritten aber sehen wir im Morgengrauen gegen Sonnenaufgang plötzlich Seetiere und Walfische in großer Zahl, darunter aber einen, den allergrößten, der etwa 1500 Stadien lang war. Er kam mit offenem Maul heran und wühlte von weitem das Meer auf, über und über mit Gischt bespritzt und die Zähne zeigend, die viel höher als die Phallussäulen bei uns waren, alle scharf wie Pfähle und weiß wie Elfenbein. Wir nahmen unter Umarmungen Abschied voneinander und warteten, der Walfisch aber war schon da, schlürfte das Wasser ein und verschluckte uns mitsamt dem Schiff. Bevor er uns jedoch mit den Zähnen zermalmte, rutschte das Schiff durch die Lücken ins Innere. Als wir aber drinnen waren, herrschte zunächst Dunkel, so daß wir nichts sehen konnten, später aber sahen wir, als er seinen Rachen öffnete, eine große, allseits breite und hohe Höhlung, genügend groß für eine Stadt mit ioooo Einwohnern. Darin lagen große und kleine Fische und viele andere zermalmte Seetiere, auch Segel und Anker von Schiffen, desgleichen Menschengebein und Schiffsladungen, gegen die Mitte zu gab es ein Stück Land mit Hügeln, das meines Erachtens aus dem Schlamm, den der Walfisch zu verschlukken pflegte, sich allmählich gebildet hatte. Buschwerk war darauf gewachsen, verschiedenartige Bäume, Gemüse war aufgeschossen, und alles glich bebautem Lande; der Umfang des Landes betrug 240 Stadien. Es waren aber auch Seevögel zu sehen, Möwen und Eisvögel, die auf den Bäumen nisteten.

Da weinten wir nun lang, später aber veranlaßten wir unsere Gefährten, aufzustehen und das Schiff festzumachen, zündeten durch Reiben von Hölzern ein Feuer an und bereiteten uns selber ein Mahl aus den vorhandenen Vorräten. Es lagen aber neben uns verschiedene Sorten von Fischen in reichlicher Menge, und auch Wasser hatten wir noch von dem Vorrat, den wir auf dem Morgenstern an Bord genommen hatten. Am folgenden Tag erhoben wir uns jedesmal, sooft der Walfisch sein Maul aufsperrte, und da sahen wir bald Berge, bald nur den Himmel, oft aber auch Inseln; wir bemerkten nämlich, daß der Fisch nach allen Richtungen des Meeres mit großer Geschwindigkeit sich bewegte. Nachdem wir uns aber an unseren Aufenthalt bereits gewöhnt hatten, nahm ich sieben von meinen Gefährten und schritt auf den Wald zu, um alles auszukundschaften. Wir hatten noch keine ganzen fünf Stadien zurückgelegt, so fanden wir ein Heiligtum des Poseidon, wie sich aus der Inschrift ergab, bald darauf auch viele Gräber und Säulen auf ihnen und in der Nähe eine Quelle mit durchsichtigem Wasser. Ferner hörten wir auch Hundegebell und es zeigte sich in der Ferne Rauch, so daß wir das Vorhandensein eines Gehöftes vermuteten. Indem wir also eilig weiterschritten, stießen wir auf einen alten und einen jungen Mann, die sehr eifrig ein Gemüsebeet bearbeiteten und Wasser von der Quelle in einer Rinne hinleiteten. Von Freude und zugleich von Angst erfüllt, blieben wir stehen; auch ihnen ging es begreiflicherweise ebenso wie uns, sie standen sprachlos da. Mit der Zeit aber sprach der Ältere: »Wer seid ihr also, Fremdlinge? Gehört ihr zu den Seegöttern oder seid ihr unglückliche Menschen so wie wir? Denn auch wir sind Menschen und auf der Erde aufgewachsen, sind aber jetzt Meeresbewohner geworden und schwimmen im Innern dieses Tieres mit ihm herum, ohne genau zu wissen, was mit uns eigentlich vorgeht; denn es kommt uns vor, wir sind tot, glauben aber doch zu leben.« Darauf antwortete ich: »Auch wir sind, Vater, Menschen, Neulinge, mitsamt dem Schiff erst neulich verschlungen, wir haben uns aber auf die Beine gemacht in der Absicht, das Innere des Waldes zu erkunden; er kam uns nämlich ausgedehnt und mit dichtem Buschwerk bewachsen vor. Ein guter Geist hat uns aber, wie es scheint, geleitet, daß wir dich sehen und von dir erfahren sollten, daß wir nicht allein in diesem Tier eingeschlossen sind. Aber berichte uns dein Schicksal, wer du bist, und wie du hierher gekommen bist.« Er aber erwiderte, er werde nicht früher es uns erzählen oder uns ausfragen, bevor er uns den Umständen entsprechend bewirtet habe, nahm uns mit und führte uns zu seiner Behausung - er hatte sich eine zweckdienliche Hütte errichtet, Liegestätten eingebaut und alles übrige hergerichtet -, setzte uns Gemüse, Früchte und Fische vor, schenkte uns auch Wein ein, und erst als wir genügend satt waren, fragte er uns, was wir erlebt hatten. Und ich erzählte ihm alles der Reihe nach, vom Sturm, von unseren Erlebnissen auf der Insel, von der Fahrt in der Luft, vom Krieg und allem übrigen bis zu unserem Verschwinden im Bauch des Walfisches. Er wunderte sich darüber sehr und erzählte nun seinerseits seine Erlebnisse: »Fremdlinge, meiner Herkunft nach bin ich ein Kyprier, brach zu Handelszwecken von meiner Heimat mit meinem Sohn, den ihr seht, und außerdem mit vielen Sklaven auf und segelte auf Italien zu mit einer buntgemischten Ladung auf einem großen Schiff, dessen Trümmer ihr vielleicht beim Maul des Walfisches gesehen habt. Bis Sizilien hatten wir glückliche Fahrt; von dort entführte uns ein heftiger Sturm, durch den wir am dritten Tag in den Ozean verschlagen wurden, wo wir auf den Walfisch stießen und samt und sonders verschlungen wurden, so daß nur wir zwei heil davonkamen, während die übrigen den Tod fanden. Wir bestatteten unsere Gefährten, errichteten dem Poseidon einen Tempel und führen nun dieses Leben, indem wir Gemüse bauen und uns von Fischen und Früchten nähren. Groß ist der Wald, wie ihr seht, ja es gibt darin auch viele Reben, aus denen ein sehr süßer Wein gewonnen wird. Auch die Quelle mit wunderschönem und eiskaltem Wasser saht ihr vielleicht. Eine Schlafstelle bereiten wir uns aus den Blättern, an Feuer fehlt es uns nicht, wir jagen die hereinfliegenden Vögel und fangen lebende Fische, indem wir zu den Kiemen des Tieres hinausgehen, wo wir uns auch baden, sooft wir dazu Lust haben. Ferner gibt es auch in nicht großer Entfernung einen See mit Salzwasser, zwanzig Stadien im Umfang, der verschiedenartige Fische enthält und in dem wir schwimmen und auf einem Kahn fahren, den ich gezimmert habe. Seitdem wir verschlungen wurden, sind es siebenundzwanzig Jahre. Alles übrige nun könnten wir vielleicht ertragen, aber unsere Nachbarn und Anrainer sind schlimme und lästige Gesellen, da sie ungesellig und wild sind.« - »Ja«, sprach ich, »gibt es denn noch andere Leute im Walfisch?« - »Viele ungastliche Leute«, antwortete er, »mit seltsamen Gestalten. Den Westen des Waldes und das Schwanzstück bewohnen nämlich die Pökelleute, ein Volk mit Aalaugen und einem Krabbengesicht, kampftüchtig, verwegene Kannibalen. Auf der einen Seite, an der rechten Wand, wohnen Tritonsgestalten, die mit ihrem Oberkörper Menschen gleichen, mit dem Unterleib aber den Schwertfischen; sie sind jedoch weniger bösartig als die anderen. Auf der linken Seite gibt es Krebshänder und Thunfischschädler, die zueinander in einem freundschaftlichen Bundesverhältnis stehen. Im Binnenland hausen die Meerkrebsier und die Schollenfüßler, kampftüchtige Schnelläufer. Der Ostteil gegen das Maul zu ist größtenteils öde, da er vom Meer bespült wird; gleichwohl aber besitze ich ihn, wofür ich den Schollenfüßlern jährlich einen Tribut von oo Austern entrichte. So steht es mit dem hiesigen Land. Ihr müßt zusehen, wie wir mit so vielen Rassen kämpfen und unser Leben weiterfristen werden können.« »Wie viele«, antwortete ich, »sind es im ganzen?« - »Mehr als tausend«, sagte er. »Was für Waffen haben sie?« - »Keine«, erwiderte er, »als die Fischgräten.« - »Also«, sprach ich, »wäre es am besten, wir, die wir selber Waffen haben, bekriegen sie, die keine haben; wenn wir sie nämlich überwältigen, werden wir unser übriges Leben hindurch Ruhe vor ihnen haben.«

Er war damit einverstanden. Wir gingen also zum Schiff zurück und rüsteten uns. Anlaß zum Krieg sollte die Nichtentrichtung des Tributes sein, da bereits der Termin bevorstand. Und schon verlangten sie durch Boten die Abgabe. Er gab ihnen aber einen hochmütigen Bescheid und verjagte die Boten. Zuerst nun rückten ergrimmt die Schollenfüßler und die Meerkrebsier gegen den Skintharos - so hieß nämlich der Kyprier - unter lautem Lärm heran. Wir aber, die wir den Anmarsch vorausahnten, warteten ihn in voller Rüstung ab, nachdem wir eine Abteilung von fünfundzwanzig Mann vorausbeordert hatten. Sie hatten den Auftrag, sich in den Hinterhalt zu legen, und sobald sie sähen, daß die Feinde vorüber wären, über sie herzufallen; und so taten sie auch. Sie überfielen sie nämlich von hinten und hieben auf sie ein, wir aber, gleichfalls fünfundzwanzig an der Zahl - denn Skintharos und sein Sohn kämpften mit - traten ihnen entgegen und hatten bei all unserem Mut und unserer Kraft einen nicht gefahrlosen Kampf mit ihnen zu bestehen. Schließlich aber brachten wir ihnen eine Niederlage bei und verfolgten sie bis zu ihren Schlupfwinkeln. Es fielen von den Feinden 170, auf unserer Seite nur einer, und zwar der Steuermann, den Rücken von einer Rippe einer Seebarbe durchbohrt. Jenen Tag also und die darauffolgende Nacht lagerten wir auf dem Kampfplatz und errichteten als Siegesmal das ausgetrocknete Rückgrat eines Delphins. Am nächsten Tag waren auf die Kunde davon auch die anderen da, auf dem rechten Flügel die Pökelleute - ihr Anführer war Pelamos -, auf dem linken die Thunfischschädler, im Zentrum die Krebshänder; die Tritonsgestalten hatten es nämlich vorgezogen, neutral zu bleiben. Wir überfielen sie aber überraschend beim Tempel des Poseidon mit lautem Geschrei, so daß die Höhlung wie eine Grotte widerhallte. Wir schlugen sie in die Flucht, da sie nur leicht bewaffnet waren, verfolgten sie bis in den Wald und behaupteten weiterhin das Feld. Und bald darauf verlangten sie durch Herolde die Auslieferung der Toten und verhandelten über einen Freundschaftspakt. Wir waren aber nicht dafür, einen Vertrag zu schließen, sondern zogen am folgenden Tag gegen sie und vertilgten sie samt und sonders mit Ausnahme der Tritonsgestalten; diese aber entwischten, wie sie sahen, was vor sich ging, und ließen sich aus den Kiemen aufs Meer hinab. Wir durchstreiften das Land, das nunmehr von Feinden frei war, und bewohnten es weiterhin ohne Anfechtung, indem wir uns meist mit Leibesübungen und Jagden beschäftigten, Weinbau trieben und das Obst von den Bäumen einheimsten; wir glichen im ganzen Leuten, die in einem großen Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt, schwelgten und frei herumgingen.

Ein Jahr also und acht Monate verbrachten wir auf diese Weise. Am . des . Monats aber zur Zeit des zweiten Öffnens des Rachens - einmal nämlich in jeder Stunde tat das der Walfisch, so daß wir darnach die Stunden berechneten -, zur Zeit des zweiten Öffnens des Rachens also, wie gesagt, vernahm man plötzlich ein lautes Geschrei und Getöse, das sich wie Zurufe und Ruderschläge anhörte. Voller Aufregung krochen wir also hinauf bis zum Rand des Walfischrachens, stellten uns innerhalb der Zähne auf und gewahrten das allerseltsamste Schauspiel, das ich je sah: große Männer, ungefähr ein halbes Stadion lang, die auf großen Inseln wie 86 LUKIAN

auf Dreiruderern heranfuhren. Ich weiß, daß ich Märchenhaftes erzählen werde, will es aber trotzdem sagen. Es waren längliche, aber nicht sehr hohe Inseln, jede maß etwa ioo Stadien im Umfang. Auf ihnen fuhren von jener Mannschaft gegen 120 Leute. Von diesen ruderten die zu beiden Seiten der Insel Sitzenden hintereinander, indem sie große Zypressen samt den Zweigen und dem Laub wie Ruder gebrauchten. Hinten aber auf dem Heck stand, wie es schien, der Steuermann auf einem hohen Hügel mit einem ehernen fünf Stadien langen Steuerruder. Auf dem Bug kämpften ungefähr vierzig Bewaffnete, die in allen Stücken Menschen glichen mit Ausnahme des Haares; dieses jedoch war Feuer und brannte, so daß sie nicht einmal Helme brauchten. Anstatt der Segel bauschte der Wind, der sich in dem auf jeder Insel reichlich vorhandenen Buschwerk verfing, dieses und brachte so die Insel, wohin der Steuermann wollte. Ein Rudervogt hatte über sie die Aufsicht, und durch Rudern bewegten sie sich rasch wie die Kriegsschiffe. Zuerst sahen wir bloß zwei oder drei Inseln, später aber zeigten sich etwa sechshundert, deren Mannschaften sich in Schlachtordnung aufstellten und sich eine Seeschlacht lieferten. Viele Inseln stießen mit dem Bug aufeinander, viele wurden durch seitliche Stöße versenkt, andere verwickelten sich ineinander, kämpften heftig und kamen nicht leicht voneinander los. Denn die auf dem Bug aufgestellte Mannschaft legte allen Wagemut an den Tag beim Entern und Morden. Niemand machte Gefangene. Statt eiserner Enterhaken schleuderten sie große, an Seile gebundene Polypen einander zu, welche sich im Buschwerk verfingen und dadurch die Insel festhielten. Sie bewarfen sich jedoch und verwundeten sich mit Muscheln, jede vom Umfang einer Wagenladung, und mit Schwämmen, jeder ein Joch groß. Anführer der einen war der Windkentaure, der anderen der Meerschlucker; und zum Kampf zwischen ihnen war es, wie es schien, der Beute wegen gekommen. Es hieß nämlich, der Meerschlucker habe viele Herden von Delphinen des Windkentauren weggetrieben, wie man hören konnte, weil sie einander Vorwürfe machten und die Namen ihrer Könige dabei laut ausriefen. Schließlich siegen die Leute des Windkentauren, versenken gegen hundertundfünfzig Inseln ihrer Feinde und nehmen drei andere samt der Mannschaft, die übrigen aber zogen sich zurück und flohen. Ihre Gegner verfolgten sie bis zu einer gewissen Entfernung, kehrten dann aber, da es Abend war, zu den Wracks zurück, brachten die meisten in ihren Besitz und fischten ihre eigenen Trümmer auf; denn auch von ihnen waren nicht weniger als achtzig Inseln untergegangen. Sie stellten aber als Siegeszeichen des Inselkampfes auf dem Kopf des Walfisches eine von den feindlichen Inseln auf einem Pfahl auf. Jene Nacht nun lagerten sie um den Walfisch herum, nachdem sie die Haltetaue an ihm befestigt hatten und in der Nähe vor Anker gegangen waren; als Anker verwendeten sie große, starke aus Glas. Am folgenden Tag opferten sie auf dem Walfisch, bestatteten ihre Toten auf ihm und fuhren dann fröhlich fort unter Gesängen, die sich wie Siegeslieder anhörten. Das waren die Ereignisse in der Inselschlacht.

ZWEITES BUCH.

Da ich das Leben im Walfisch nicht mehr ertragen konnte und dieser Aufenthalt mir lästig wurde, suchte ich nach irgendeinem Mittel, das mir ein Entrinnen ermöglichen sollte. Und zuerst dachten wir daran, die rechte Wand zu durchstoßen und so zu entkommen; wir begannen auch mit dem Durchstich. Als wir aber nach etwa Stadien noch nichts ausgerichtet hatten, hörten wir mit dem Graben auf und beschlossen, den Wald anzuzünden; so würde nämlich der Wal verenden, sei das aber geschehen, so würden wir leicht herauskommen. Wir machten also beim Schwanzstück den Anfang mit dem Brand. Sieben Tage nun und die gleiche Zahl von Nächten verhielt sich der Wal unempfindlich gegen die Feuersbrunst, am achten und neunten aber merkten wir, daß er krank war; denn er ließ sich mit dem Aufsperren des Rachens Zeit, und wenn er ihn einmal aufsperrte, schloß er ihn jedesmal schnell. Am zehnten und elften aber war er völlig abgestorben und stank bereits. Erst am zwölften Tag aber kamen wir auf den Gedanken, wollte man nicht beim Aufsperren des Rachens seine Kinnladen festmachen, so daß er sie nicht mehr schließen könnte, so würden wir Gefahr laufen, in seinem Kadaver eingeschlossen umzukommen. So stützten wir also mit großen Balken seinen Rachen und setzten das Schiff in Bereitschaft, indem wir möglichst viel Wasser und den sonstigen Bedarf an Bord nahmen. Unser Steuermann sollte Skintharos sein.

Am folgenden Tag war der Wal bereits ganz tot. Wir zogen das Schiff hinauf, dann durch die Lücken hindurch und ließen es mittels Tauen, die wir an den Zähnen befestigten, sacht auf das Meer hinaus. Wir stiegen dann auf seinen Rükken, opferten dem Poseidon, lagerten dort neben dem Siegesmal drei Tage - es herrschte nämlich Windstille - und fuhren am vierten Tag ab. Da begegneten wir vielen Toten aus der Seeschlacht, stießen auf ihre Leichen und staunten über deren Ausmaß. Einige Tage fuhren wir bei guter Lufttemperatur, hernach aber fing ein heftiger Nord zu wehen an, es entstand ein starker Frost und unter seinem Einfluß gefror das ganze Meer, nicht nur auf der Oberfläche, sondern auch in der Tiefe, etwa bis zu vierhundert Klaftern, so daß wir ausstiegen und über das Eis hinliefen. Da wegen des anhaltenden Nordwindes wir es nicht aushalten konnten, ersannen wir folgendes - der Antragsteller war Skintharos: Wir gruben im Wasser eine sehr große Höhle und blieben dreißig Tage darin, indem wir Feuer brannten und die Fische verzehrten; wir fanden sie beim Aufgraben. Als uns aber die Vorräte bereits ausgingen, verließen wir die Höhle, machten das eingefrorene Schiff flott, spannten das Segel aus und fuhren nun schlittenartig in glatter und sachter Fahrt auf dem Eis rutschend dahin. Am fünften Tag aber herrschte bereits warmes Wetter, das Eis schmolz und wurde wieder zu Wasser.

Nach einer Fahrt von etwa 300 Stadien stießen wir auf eine kleine und öde Insel, auf der wir Wasser einnahmen - es war uns nämlich bereits ausgegangen - und zwei wilde Stiere mit Pfeilen erlegten; dann fuhren wir weiter. Diese Stiere hatten die Hörner nicht auf dem Kopf, sondern unter den Augen, wie es Momos gefordert hatte. Bald geraten wir in ein Meer, nicht von Wasser, sondern von Milch; und eine weiße Insel voller Reben zeigte sich darin. Es war aber die Insel ein sehr großer und fester Käse, wie wir später, als wir hineinbissen, merkten, 25 Stadien im Umfang. Die Reben waren voller Trauben, wir bekamen jedoch, als wir sie zerdrückten, nicht Wein, sondern Milch aus ihnen zu trinken. Mitten auf der Insel war ein Tempel der Nereide Galatea, wie die Aufschrift kundtat, errichtet. Solange wir dort blieben, bot uns das Land Fische und Körnerfrucht, als Trank aber die Milch von den Trauben. Über diese Gegenden herrschte, wie es hieß, Tyro, des Salmoneus Tochter, die, nachdem sie die Welt verlassen, diese Auszeichnung von Poseidon bekommen hatte.

Nach einem fünftägigen Aufenthalt auf der Insel stachen wir am sechsten Tag in See, wobei auf unserer Fahrt der Wind günstig und das Meer nur leicht bewegt war. Am achten Tage, als wir nicht mehr durch die Milch fuhren, sondern bereits in salzigem und dunkelblauem Wasser, sehen wir viele Menschen auf dem Meer einherlaufen, die in allem uns glichen, was Körper und Größe betrifft, mit einziger Ausnahme der Füße; diese hatten sie nämlich aus Kork, weshalb sie halt auch Korkfüßler hießen. Wir staunten, als wir sahen, daß sie nicht ins Wasser tauchten, sondern über die Wellen ragten und furchtlos wanderten. Sie näherten sich uns und begrüßten uns in griechischer Sprache; sie sagten aber auch, daß sie nach Phello (Korkland), ihrer Heimat, eilten. Bis zu einer gewissen Entfernung liefen sie neben uns einher und gaben uns so das Geleite, dann aber schwenkten sie ab und gingen weiter, nachdem sie uns gute Fahrt gewünscht hatten.

Bald kamen viele Inseln in Sicht, in der Nähe zur Linken das Korkland, dem jene zueilten, eine auf einem großen und runden Kork gelegene Ansiedlung, in der Ferne aber, und zwar mehr zur Rechten, fünf sehr große und sehr hohe Inseln, auf denen viel Feuer emporloderte, in der Richtung des Buges aber, also geradeaus, eine breite und niedrige Insel, nicht weniger als oo Stadien entfernt. Kaum waren wir nahe, so umwehte uns ein seltsames Lüftchen, angenehm und duftend, wie nach dem Bericht des Geschichtsschreibers Herodot das Gesegnete Arabien duftet. Denn wie von Rosen, Narzissen, Hyazinthen, Lilien und Veilchen, außerdem von Myrten, Lorbeer und Weinblüte, so ein angenehmer Duft wehte uns entgegen. Wir waren davon entzückt, schöpften nach den langen Mühsalen gute Hoffnungen und kamen allmählich bereits der Insel nahe. Da gewahrten wir um die ganze Insel herum viele große Buchten ohne Brandung und Flüsse mit durchsichtigem Wasser, die mit sanftem Gefälle ins Meer mündeten, ferner Wiesen, Wälder und Singvögel, die teils an den Ufern sangen, viele auch auf den Zweigen. Und eine leichte, beim Atmen wohlige Luft bildete die Atmosphäre des Landes. Angenehme Lüftchen schüttelten in sachtem Wehen den Wald, so daß auch die Bewegung der Zweige liebliche Melodien fortwährend hervorbrachte, den Tönen vergleichbar, die an einsamen Orten die Querflöten von sich geben. Ferner hörte man ein wirres Geschrei, laut, aber nicht krawallartig, sondern wie es bei einem Gelage sich ergeben mag, wenn die einen Flöten spielen, andere dazu singen, einige aber zum Flöten- oder Leierspiel in die Hände klatschen. Durch all das bezaubert, landeten wir, verankerten das Schiff und stiegen aus, indem wir den Skintharos und zwei Gefährten darin zurückließen. Auf unserem Marsch über eine blühende Wiese stoßen wir auf ihre Grenzwächter, die uns mit Rosengirlanden fesselten - das ist bei ihnen die bedeutendste Fessel - und uns zu ihrem Herrscher brachten. Von ihnen hörten wir auf dem Weg, daß die Insel die sogenannte Insel der Seligen sei, über die der Kreter Rhadamanthys herrsche. Als wir nun zu ihm gebracht worden waren, bekamen wir in der Reihe der Gerichtsparteien den vierten Platz. Der erste Prozeß drehte sich um Alas, des Telamon Sohn, ob er mit den Heroen verkehren dürfe oder nicht; es wurde gegen ihn die Anklage erhoben, daß er verrückt gewesen sei und Selbstmord verübt habe. Schließlich entschied nach vielem Hin- und Herreden Rhadamanthys, jetzt müsse er zuerst Nieswurz trinken und dem Arzt Hippokrates aus Kos übergeben werden; später aber, wenn er wieder zur Vernunft gekommen sei, dürfe er am Gelage teilnehmen. Die zweite Verhandlung war ein Liebesprozeß, in dem Theseus und Menelaos um die Helena prozessierten, mit wem von beiden sie leben solle. Und Rhadamanthys entschied, sie müsse mit Menelaos leben, da dieser auch so viele Mühsale und Gefahren um seiner Ehe willen ausgestanden habe; denn Theseus habe noch andere Frauen, die Amazone und die Töchter des Minos. An dritter Stelle wurde über den Vorrang entschieden zwischen Alexander, Philipps Sohn, und dem Karthager Hannibal, und zwar wurde der Vorrang Alexander zugesprochen und ihm ein Lehnstuhl neben den Perserkönig Kyros den Älteren hingestellt. An vierter Stelle wurden wir vorgeführt. Rhadamanthys fragte uns, was uns eingefallen sei, noch bei Lebzeiten die heilige Gegend zu betreten; wir erzählten alles der Reihe nach. So ließ er uns denn abtreten, dachte lange nach und beriet sich mit seinen Beisitzern über uns. Beisitzer war außer vielen anderen auch der gerechte Aristeides aus Athen. Sobald er einen Entschluß gefaßt hatte, entschied er, für unsere aus Abenteuerlust unternommene Reise sollten wir nach unserem Tod zur Rechenschaft gezogen werden, jetzt aber sollten wir eine bestimmte Zeit auf der Insel bleiben und mit den Heroen zusammenleben, dann aber abziehen. Sie setzten aber auch den Termin für die Beendigung unseres Aufenthaltes auf nicht später als sieben Monate fest.

Da fielen die Rosengirlanden - mit denen wir gefesselt waren - von selbst ab, wir waren von nun an frei und wurden in die Stadt zum Gelage der Seligen gebracht. Die Stadt selbst ist ganz aus Gold, die Umfassungsmauern aus Smaragd; Tore gibt es sieben, alle aus einem einzigen Stück Zimtholz, der Boden der Stadt und das Pflaster innerhalb der Mauer sind aus Elfenbein, Tempel aller Götter aus Beryll, in ihnen riesengroße Altäre aus einem einzigen Amethyst, auf denen sie ihre Hekatomben darbringen. Um die Stadt fließt ein Strom voll des schönsten Parfums, hundert königliche Ellen breit, fünf tief, so daß man leicht darin schwimmen kann. Als Bäder dienen ihnen große Häuser aus Glas, die mit Zimt geheizt werden. Statt des Wassers aber befindet sich in den Wannen heißer Tau. Als Kleidung gebrauchen sie zarte, dunkelviolette Spinnwebe. Sie selber haben keine Körper, sondern sind untastbar und fleischlos und weisen nur leibliche Gestalt und Form auf. Und obwohl sie körperlos sind, haben sie doch Bestand, bewegen sich, denken und geben Laute von sich, und überhaupt sieht es aus, als ob ihre bloße Seele herumspazierte, äußerlich körperähnlich. Wenn einer also nicht hingriffe, würde er nicht daraufkommen, daß das, was er vor Augen hat, kein Körper ist. Sie sind nämlich wie aufrecht stehende, nicht schwarze Schatten. Keiner altert, sondern bleibt in dem Alter, in dem er herkommt. Es wird ferner bei ihnen nicht Nacht, aber auch nicht strahlender Tag. Wie das Morgengrauen vor Tagesanbruch, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist, solches Licht herrscht in dem Land. Weiter kennen sie nur eine Jahreszeit; immer ist es nämlich Lenz bei ihnen, und ein einziger Wind weht bei ihnen, der West. Das Land hat eine üppige Vegetation aller Arten von Blumen, aller Arten von Frucht- und Zierbäumen. Denn die Reben tragen zwölfmal, einmal in jedem Monat. Von den Granatapfel- und den gewöhnlichen Apfelbäumen sowie von den übrigen Fruchtbäumen heißt es, daß sie 13mal tragen, in einem Monat nämlich, der bei ihnen nach Minos benannt ist, zweimal. Statt des Weizens bringen die Ähren auf ihren Spitzen fertiges Brot wie Pilze. Quellen gibt es bei ihnen im Umkreis der Stadt mit Wasser , außerdem mit Honig ebensoviele, mit Parfum oo, doch sind diese kleiner; auch sieben Milch- und acht Weinflüsse.

Der Platz des Gelages ist außerhalb der Stadt auf dem sogenannten Elysischen Gefilde hergerichtet. Das ist eine wunderschöne Wiese, um sie herum ein dichter Wald aus allerlei Bäumen, der die Teilnehmer am Gelage beschattet. Als Lagerstätte dient ihnen eine Unterlage aus Blumen, es bedienen sie und verabreichen ihnen alles die Winde, mit Ausnahme des Einschenkens. Das haben sie nämlich gar nicht nötig, vielmehr stehen um den Platz des Gelages große Bäume aus sehr durchsichtigem Glas, und die Frucht dieser Bäume besteht aus Bechern, die nach Form und Größe mannigfache Unterschiede aufweisen. Wenn also einer zum Gelage geht, pflückt er einen oder zwei Becher und stellt sie neben sich hin, sie füllen sich aber sofort mit Wein. So trinken sie, statt der Kränze aber pflücken ihnen die Nachtigallen und die anderen Singvögel auf den nahen Wiesen Blumen, fliegen dann damit über ihre Köpfe und lassen sie unter Gesang auf sie wie Schneeflocken herabfallen. Ferner parfümieren sie sich auf folgende Weise: Dichte Wolken ziehen Parfum aus den Quellen und aus dem Fluß empor, stellen sich über den Platz des Gelages und lassen unter dem sachten Druck der Winde eine feine Essenz wie Tau regnen. Beim Mahle haben sie nur Ohr für Musik und Gesang, sie lassen sich besonders die Gedichte Homers vorsingen; er ist persönlich zugegen und schmaust mit ihnen, wobei er einen Ehrenplatz neben dem Odysseus hat. Die Chöre bestehen aus Knaben und Mädchen. Es leiten sie aber und singen selber mit Eunomos der Lokrer, Anon aus Lesbos, Anakreon und Stesichoros; denn auch diesen sah ich bei ihnen, da die Helena sich mit ihm wieder versöhnt hatte. Wenn diese zu singen aufhören, tritt ein zweiter Chor auf, bestehend aus Schwänen, Schwalben und Nachtigallen. Sind auch diese fertig, dann flötet nur mehr der ganze Wald, wobei die Winde den Takt angeben. Sie haben eine Einrichtung, die sehr viel zur Fröhlichkeit beiträgt: es gibt zwei Quellen neben dem Platz des Gelages, eine Quelle des Lachens und eine der Wonne. Aus beiden trinken alle zu Beginn des Schmauses und bringen dann die übrige Zeit unter fröhlichem Scherzen hin.

Ich will nun sagen, welche von den hervorragenden Persönlichkeiten ich bei ihnen bemerkte: alle Halbgötter sowie die Teilnehmer am Feldzug gegen Ilion außer dem lokrischen Alas - von ihm allein hieß es, daß er am Ort der Gottlosen gezüchtigt wurde -, von Barbaren aber beide Kyros, den Skythen Anacharsis, den Thraker Zamoixis, den Italiker Numa, ferner den Lakedämonier Lykurg, die Athener Phokion und Tellos und die Weisen ohne Periander. Ich sah aber auch Sokrates, Sophroniskos' Sohn, mit Nestor und Palamedes plaudern. Um ihn befanden sich der Lakedaemonier Hyakinth, der Thespier Narkissos, Hylas und andere männliche Schönheiten, und mir schien er in den Hyakinth verliebt zu sein, wenigstens befaßte er sich mit ihm am meisten. Es hieß aber, Rhadamanthys zürne ihm und habe oft gedroht, ihn aus der Insel hinauszuwerfen, falls er weiter schwätze und nicht unter Verzicht auf seine Ironie schmausen wolle. Platon allein war nicht zugegen, sondern es hieß, daß er mit seinesgleichen in der von ihm erdichteten Stadt unter Verwendung der von ihm entworfenen Staatsverfassung und Gesetze hause. Aristipp und Epikur nebst ihresgleichen spielten bei ihnen die erste Rolle, da sie angenehm, willkommen und sehr trinkfeste Gesellschafter waren. Zugegen war auch der Phryger Äsop; ihn verwendeten sie als Spaßmacher. Diogenes von Sinope hatte so sehr seinen Charakter geändert, daß er die Hetäre Lais heiratete, oft im Zustand der Trunkenheit sich zum Tanz erhebt und im Rausch Ausschreitungen begeht. Von den Stoikern war niemand zugegen; es hieß, daß sie noch immer im Anstieg zur steilen Höhe der Tugend begriffen seien. Wir hörten auch von Chrysipp, daß er nicht früher die Insel betreten dürfe, bevor er zum viertenmal eine Nieswurzkur durchgemacht hätte. Von den Akademikern hieß es, sie wollten zwar kommen, hielten aber noch an sich und dächten weiter nach; denn sie könnten noch nicht einmal das erfassen, ob es eine solche Insel gäbe. Besonders fürchteten sie halt die Entscheidung des Rhadamanthys, da sie selbst die Entscheidungsmöglichkeit aufgehoben hatten. Viele von ihnen, sagte man, nehmen einen Anlauf und folgen den Hierherkommenden, bleiben aber aus Saumseligkeit zurück, ohne sie zu erreichen, und kehren mitten auf dem Wege um.

Das waren die nennenswertesten der Anwesenden. Am meisten ehren sie Achill, neben diesem Theseus. Über den Geschlechts- und Liebesverkehr denken sie so: Sie üben ihn offen vor aller Augen aus, Frauen und Männer, und das gilt bei ihnen keineswegs als Schande. Nur Sokrates schwur immer wieder, sein Verkehr mit den jungen Leuten sei rein moralisch. Jedoch erklärten sich alle gegen ihn und behaupteten, er schwöre einen Meineid; Hyakinth wenigstens und Narkiss gestanden es oft ein, er jedoch stritt es immer wieder ab. Die Frauen sind allen gemeinsam und keiner neidet sie seinem Nächsten, sondern sie sind gerade in dieser Hinsicht im höchsten Grad platonisch. Auch die Knaben stellen sich ohne Widerspruch jedem, der will, zur Verfügung.

Es waren noch nicht zwei oder drei Tage vergangen, so begab ich mich zum Dichter Homer, als wir beide Zeit hatten, und fragte ihn unter anderem auch, woher er sei, wobei ich bemerkte, daß bei uns diese Frage bis jetzt noch lebhaft erörtert werde. Er erwiderte, er wisse das selber sehr wohl, daß einige ihn für einen Chier halten, andere für einen Smyrnäer, viele für einen Kolophonier; er behauptete jedoch, ein Babylonier zu sein und bei seinen Mitbürgern nicht Homer, sondern Tigranes zu heißen; später habe er als Geisel bei den Griechen seinen Namen geändert. Außerdem fragte ich ihn wiederholt über die als unecht bezeichneten Verse, ob sie von ihm geschrieben seien. Er sagte immer wieder, alle stammen von ihm. Ich verdammte also die Grammatiker Zenodot, Aristarch und Genossen wegen ihrer zahlreichen frostigen Abhandlungen über diese Frage. Als ich darüber genügend Aufschluß bekommen hatte, fragte ich ihn wieder, warum er mit dem Zorn des Achill die Ilias begann. Und er antwortete, es sei ihm so in den Sinn gekommen, ohne daß er damit eine Absicht verband. Weiter wünschte ich auch das zu wissen, ob er die Odyssee früher als die Ilias schrieb, wie die meisten behaupteten; er leugnete das. Daß er auch nicht blind war, was man ebenfalls von ihm behauptet, wußte ich sofort; ich sah's ja, so daß ich nicht einmal zu fragen brauchte. Oft tat ich das auch sonst, wenn ich einmal sah, daß er Zeit hatte: Ich ging nämlich zu ihm und fragte ihn aus, und er gab mir über alles bereitwillig Auskunft, besonders nachdem er seinen Prozeß gewonnen hatte; es war nämlich gegen ihn eine Klage wegen Beleidigung von Thersites eingebracht worden, well er ihn in seiner Dichtung verspottet hatte. Und es siegte Homer, wobei Odysseus sein Anwalt war.

Zu dieser selben Zeit kam auch Pythagoras der Samier, nachdem er sieben Verwandlungen durchgemacht, in ebenso vielen Lebewesen gelebt und den Kreislauf der Seele beendet hatte. Er war an der ganzen rechten Körperhälfte von Gold. Und es wurde die Entscheidung gefällt, er dürfe an ihrem Gemeinwesen teilnehmen, nur zweifelte man noch, ob man ihn Pythagoras oder Euphorbos nennen solle. Empedokles kam ebenfalls, über und über mit Brandwunden bedeckt und am ganzen Körper gebraten; er wurde aber trotz seiner inständigen Bitten nicht aufgenommen.

Im Verlaufe der Zeit kam der Termin der bei ihnen üblichen Wettspiele, Thanatusien genannt. Die Leitung hatten Achill zum fünften und Theseus zum siebenten Male. Von allem übrigen zu reden würde zu weit führen, bloß die Hauptsachen der Vorgänge will ich berichten. Im Ringkampf besiegte Karanos, ein Nachkomme des Herakles, den Odysseus im Wettbewerb um den Siegeskranz. Unentschieden blieb der Faustkampf des Ägypters Areios, der in Korinth bestattet ist, und des Epeios, die gegeneinander angetreten waren. Für das Pankration werden bei ihnen keine Preise ausgesetzt. Wer jedoch im Lauf siegte, habe ich nicht mehr in Erinnerung. Unter den Dichtern war in Wahrheit Homer weitaus allen anderen überlegen. Trotzdem trug den Sieg Hesiod davon. Siegespreis war für jeden ein aus Pfauenfedern geflochtener Kranz.

Kaum waren die Wettspiele zu Ende, so wurde gemeldet, die Ruchlosen, die an dem Strafort gezüchtigt werden, hätten ihre Fesseln gesprengt, die Wache überwältigt und seien nun im Anmarsch gegen die Insel. Ihre Anführer seien Phalaris von Akragas, der Ägypter Busiris, der Thraker Diomedes sowie die Räuber Skiron und Pityokamptes nebst Genossen. Als das Rhadamanthys hörte, stellte er die Heroen auf dem Strand in Schlachtordnung auf; ihre Führung hatten Theseus, Achill und Telamons Sohn Aias, der wieder bei gesunder Vernunft war. Der Zusammenstoß entwickelte sich zu einem längeren Kampf, in dem die Heroen den Sieg errangen, zu dem Achill das meiste beitrug. Es zeichnete sich aber auch Sokrates aus, der seinen Platz auf dem rechten Flügel hatte, und zwar noch viel mehr als zu Lebzeiten, damals, als er vor Delion kämpfte. Obwohl nämlich vier Feinde auf ihn losgingen, floh er nicht und verzog keine Miene. Dafür bekam er später als eine besondere Auszeichnung einen schönen großen Park in der Vorstadt, wo er seine Freunde versammeln und mit ihnen Gespräche führen konnte; Totenakademie benannte er den Ort. Sie verhafteten also die Besiegten und sandten sie nach erfolgter Feßlung zu noch härterer Bestrafung zurück. Auch diese Schlacht beschrieb Homer und gab mir bei seiner Abreise die Exemplare mit, um sie den bei uns lebenden Menschen zu bringen; aber später haben wir auch sie mit allem übrigen verloren. Der Anfang der Dichtung lautete folgendermaßen:

"Künde mir, Muse, nunmehr den Kampf der toten Heroen."

Damals also feierten sie den Sieg durch ein Festmahl, das, wie es bei ihnen nach glücklicher Beendigung eines Krieges Brauch ist, aus gekochten Bohnen bestand. An diesem großen Fest nahm allein Pythagoras nicht teil, sondern blieb, ohne etwas davon zu essen, abseits sitzen, da er das Bohnenessen verabscheute.

Nachdem bereits sechs Monate vergangen waren, traten um die Mitte des siebenten ungewöhnliche Ereignisse ein. Kinyras, der Sohn des Skintharos, ein großer schöner Jüngling, war schon lange in Helena verliebt, und dieser merkte man es deutlich an, daß sie den jungen Menschen wahnsinnig liebte: sie gaben doch einander oft Winke beim Gelage, tranken einander zu, standen auf und spazierten allein im Wald herum. Und einmal faßte unter dem Zwang der Liebe und well er sich nicht anders zu helfen wußte, Kinyras den Entschluß, die Helena - die damit einverstanden war - zu entführen und schleunigst sich auf eine der nahen Inseln mit ihr zu begeben, entweder auf das Korkeiland oder auf das Käseland. Als Mitverschworene hatten sie seit langem drei meiner Gefährten, und zwar die verwegensten, beigezogen. Seinem Vater jedoch teilte er das nicht mit; er wußte ja, daß er von ihm daran gehindert werden würde. Im gegebenen Zeitpunkt führten sie den Anschlag durch. Und als es Nacht geworden war - ich war nicht zugegen; ich schlief nämlich gerade beim Gelage -, da nahmen sie die Helena heimlich an Bord und stachen eilig in See. Um Mitternacht aber wachte Menelaos auf, und wie er im Bett seine Gemahlin vermißte, erhob er ein Geschrei und ging mit seinem Bruder zum König Rhadamanthys. Beim Morgengrauen sagten die Späher, sie sähen das Schiff in großer Entfernung. So veranlaßte also Rhadamanthys fünfzig von den Heroen, sich in einem Einbaum aus Asphodillstengeln einzuschiffen, und trug ihnen die Verfolgung auf. Da sie eifrig ruderten, erwischten sie sie, mittags, als sie eben in die milchige Stelle des Ozeans in der Nähe der Käseinsel gerieten; so nahe waren sie daran gewesen zu entwischen. Das Schiff schleppten sie mittels einer Rosenkette in den Hafen zurück. Helena weinte, schämte sich und verhüllte sich von oben bis unten. Den Kinyras und Genossen fragte Rhadamanthys zuerst aus, ob sie noch andere Mitwisser hätten, wie sie das aber verneinten, ließ er sie zuerst mit Malven züchtigen und sandte sie dann mit Fesseln an den Schamteilen zur Stadt der Ruchlosen. Sie beschlossen aber, auch uns noch vor Ablauf des Termins von der Insel zu entlassen, nur den kommenden Tag sollten wir noch bleiben.

Da jammerte ich und weinte, angesichts der guten Dinge, die ich hier verlassen sollte, um mich wieder auf Irrfahrten zu begeben. Sie trösteten mich aber persönlich mit den Worten, nach nicht vielen Jahren würde ich wieder zu ihnen kommen, und sie wiesen mir schon für die Zukunft einen Lehnstuhl und eine Lagerstätte neben den Besten an. Ich ging zu Rhadamanthysund bat ihn inständig, mir die Zukunft zu sagen und mir Anweisungen für die Fahrt zu geben. Er sagte, ich würde in meine Heimat kommen, aber erst nach vielen Irrfahrten und Gefahren, die Zeit meiner Rückkehr wollte er aber nicht mehr hinzufügen. Aber er zeigte auf die nahen Inseln - es waren fünf an Zahl sichtbar, außerdem eine sechste nur in der Ferne -; diese nahen Inseln seien die der Ruchlosen, »wo du«, sprach er, »schon das viele Feuer lodern siehst, die sechste dort aber ist die Stadt der Träume; nach dieser kommt die Insel der Kalypso, aber sie ist für dich noch nicht sichtbar. Wenn du an diesen vorbei bist, dann wirst du zu dem großen Festland gelangen, das dem von euch bewohnten gegenüberliegt. Da wirst du vieles erleben, verschiedene Völkerschaften durchwandern, dich bei ungeselligen Menschen aufhalten, dann aber wirst du mit der Zeit einmal zum anderen Kontinent kommen.« So viel sprach er, dann zog er aus dem Boden eine Malvenwurzel, reichte sie mir und hieß mich, zu ihr in den größten Gefahren zu beten. Er riet mir aber, wenn ich einmal auf unsere Erde käme, weder im Feuer mit einem Schlachtmesser zu stochern noch Saubohnen zu essen noch mich mit einem über achtzehn Jahre alten Burschen einzulassen; dächte ich immer daran, so hätte ich Hoffnungen auf Rückkehr zur Insel der Seligen.

Da traf ich also meine Vorbereitungen für die Weiterfahrt und speiste hierauf, als es an der Zeit war, mit ihnen. Am folgenden Tag ging ich zum Dichter Homer und bat ihn, mir ein aus zwei Versen bestehendes Sinngedicht zu machen. Und nachdem er es gedichtet hatte, grub ich es in eine Säule aus Beryll ein, die ich beim Hafen errichtete. Das Sinngedicht lautete:

"Lukian sah dies alles als Freund der seligen Götter,
sah's und wiederum kehrt' er zurück zu den Lieben der Heimat."

Nachdem ich auch jenen Tag dort geblieben war, stach ich am folgenden in See, wobei mir die Heroen das Geleite gaben. Da kam auch Odysseus zu mir und gab mir heimlich, ohne daß es die Penelope merken konnte, einen Brief, um ihn der Kalypso auf der Insel Ogygia zu überbringen. Rhadamanthys schickte mir den Fährmann Nauplios mit, damit, wenn wir auf die Inseln verschlagen würden, niemand uns verhafte, da wir ja in anderen Geschäften führen.

Als wir die wohlriechende Luft auf der Weiterfahrt hinter uns hatten, empfing uns sogleich ein schrecklicher Gestank wie von zusammen verbranntem Asphalt, Schwefel und Pech, auch ein scheußlicher und unerträglicher Dampf wie von verbrannten Menschen, und die Luft war düster und nebelig, und Pechtropfen träufelten aus ihr herab. Wir hörten auch das Klatschen von Geißeln und das Wehgeschrei von vielen Menschen. An den übrigen Inseln landeten wir nicht, die aber, die wir betraten, war so: ringsum zur Gänze steil und schroff, voll rauher Felsen und Klippen; Bäume gab es keine darauf, auch kein Wasser. Gleichwohl krochen wir an den Hängen hinauf und gingen über einen dornigen Pfad voller Pfähle; die ganze Gegend bot einen häßlichen Anblick. Zum Gefängnis und Strafort gekommen, staunten wir zuerst über die natürliche Beschaffenheit des Ortes: Der Boden selber war nämlich statt mit Blumen überall mit Messern und Pfählen bestanden, und ringsum flossen Ströme, einer voller Kot, der zweite voller Blut, der innerste voller Feuer, dieser besonders groß und unüberschreitbar, und er floß doch wie Wasser und wogte wie das Meer, hatte auch viele Fische, von denen die einen Feuerbränden glichen, die kleinen aber feurigen Kohlen; man nannte sie Lämpchen. Es gab da nur einen einzigen schmalen allgemeinen Zugang, und als Torwart stand der Athener Timon dabei. Gleichwohl passierten wir unter Führung des Nauplios und sahen da Strafen vieler Könige, aber auch vieler Privatleute, von denen wir einige erkannten. Wir sahen auch den Kinyras in geräuchertem Zustand bei den Schamteilen aufgehängt. Zur Erläuterung erzählten die Fremdenführer die Lebensläufe der einzelnen Personen und die Sünden, um derentwillen sie bestraft wurden. Die allergrößten Strafen erduldeten die, die während ihres Lebens gelogen, und die, die als Geschichtsschreiber sich gegen die Wahrheit versündigt hatten, unter denen sich auch der Knidier Ktesias befand, Herodot und viele andere. Bei ihrem Anblick hegte ich gute Hoffnungen für die Zukunft; ich war mir nämlich bewußt, keine Unwahrheit gesagt zu haben. Schnell kehrte ich zum Schiff zurück - ich konnte ja den Anblick nicht ertragen -, verabschiedete mich von Nauplios und fuhr weg.

Und nach kurzem zeigte sich in der Nähe die Insel der Träume, aber nur verschwommen und undeutlich zu sehen. Es erging ihr also so, wie es einem im Traum zu ergehen pflegt: Sie wich nämlich vor uns immer weiter und weiter in die Ferne zurück. Als wir sie endlich erreicht hatten und in den Hafen, der nach dem Schlaf benannt ist, nahe den elfenbeinernen Toren eingefahren waren, wo das Heiligtum des Hahnes sich befindet, da gingen wir am späten Nachmittag ans Land. In die Stadt gekommen, sahen wir viele bunte Träume. Zuerst aber will ich von der Stadt sprechen, da niemand sonst über sie geschrieben, der aber, der allein ihrer gedachte, Homer, eine nicht sehr genaue Darstellung gegeben hat. Rings um die ganze Stadt ragt ein Wald auf, der Baumwuchs aber besteht aus hohem Mohn und Alraunwurzeln, und darauf sitzt eine große Menge von Fledermäusen; das ist nämlich der einzige Vogel, der auf der Insel vorkommt. Ein Fluß fließt da in der Nähe vorbei, der bei ihnen Nachtwandler heißt, und Quellen gibt es zwei neben den Toren. Die eine heißt die Schlaftrunkene, die andere die Nächtliche. Die Stadtmauer ist hoch und bunt, dem Regenbogen an Farbe ganz ähnlich. Tore jedoch sind in der Mauer nicht zwei, wie Homer gesagt hat, sondern vier, zwei mit der Aussicht auf das Gefilde der Gefühllosigkeit, das eine aus Eisen, das andere aus Ton verfertigt, durch die, wie es hieß, ihre schrecklichen, blutigen und grausamen Träume wandeln, zwei mit der Aussicht auf den Hafen und das Meer, das eine aus Horn, das andere, jenes, durch das wir gekommen waren, aus Elfenbein. Beim Eingang in die Stadt liegt zur Rechten der Tempel der Nacht - sie verehren unter den Göttern diese und den Hahn am meisten; sein Tempel ist beim Hafen errichtet -, zur Linken die Burg des Schlafes. Dieser herrscht nämlich bei ihnen und hat zwei Statthalter zu Stellvertretern ernannt, den Schrecker, Eitelmanns Sohn, und den Reichmann, Faslers Sohn. Mitten auf dem Hauptplatz befindet sich eine Quelle, die Schlafsucht heißt, und in der Nähe zwei Tempel: des Truges und der Wahrheit. Da liegt auch das heilige Orakel, dem als Prophet der Traumdeuter Antiphon vorsteht, der diese Ehrenstelle vorn Schlaf bekommen hat. Was jedoch die Träume selber betrifft, so war weder ihr Wesen noch ihre Form identisch, sondern die einen waren lang, schön und wohlgestaltet, die anderen klein und häßlich und einige golden, wie es schien, andere von niedrigem und geringem Wert. Es befanden sich unter ihnen auch abenteuerliche Flügelwesen und andere, die wie zu einem Festzug ausgerüstet waren, die einen zu Königen, andere zu Göttern, andere zu anderen derartigen Zwecken geschmückt. Viele von ihnen erkannten wir, da wir sie vor Jahren bei uns gesehen hatten; sie gingen auf uns zu, begrüßten uns als gute Bekannte, nahmen uns mit, schläferten uns ein und bewirteten uns recht glänzend und gewandt, indem sie uns nicht nur sonst eine großartige Aufnahme angedeihen ließen, sondern auch versprachen, uns zu Königen und Statthaltern zu machen. Einige führten uns in unsere Heimatländer, zeigten uns unsere Angehörigen und brachten uns an demselben Tag wieder zurück. Dreißig Tage also und die gleiche Zahl von Nächten blieben wir bei ihnen in verträumtern Wohlleben, hernach aber fuhr plötzlich ein gewaltiger Donnerschlag nieder, wir erwachten, sprangen auf und stachen in See, nachdem wir uns vorher verproviantiert hatten.

Von dort gelangten wir am dritten Tag zur Insel Ogygia, wo wir ausstiegen. Vorher machte ich den Brief auf und las dessen Inhalt: »Odysseus grüßt Kalypso. Wisse, daß ich, sobald ich nach der Herstellung des Floßes von dir fortgefahren war, Schiffbruch erlitt und nur mit Mühe, von Leukothea gerettet, zum Lande der Phäaken gelangte, von denen ich heimgesandt wurde. In der Heimat traf ich viele Freier meiner Frau, die auf meinem Besitz schwelgten. Sie alle tötete ich, wurde aber später von Telegonos, den mir Kirke geboren hatte, ums Leben gebracht. Und jetzt befinde ich mich auf der Insel der Seligen und bereue es sehr, das Leben bei dir und die Unsterblichkeit, die du mir in Aussicht stelltest, aufgegeben zu haben. Sobald ich also Gelegenheit dazu finde, werde ich davonlaufen und zu dir kommen.«

Das besagte der Brief, und außerdem stand darin von uns, daß wir bewirtet werden sollten. Ich hatte nur eine kurze Strecke vom Meer aus zurückgelegt, da fand ich die Grotte, so wie sie Homer geschildert hat, und sie selber bei der Wollarbeit. Als sie den Brief genommen und durchgelesen hatte, weinte sie zuerst lang, dann aber lud sie uns zu gastlicher Bewirtung ein, bereitete uns ein glänzendes Mahl und erkundigte sich angelegentlich nach Odysseus und Penelope, wie sie aussähe und ob sie so sittsam sei, wie Odysseus vor Jahren von ihr gerühmt hatte. Und wir gaben ihr solche Antworten, über die sie sich, wie wir dachten, freuen sollte.

Dann gingen wir also zum Schiff und legten uns in seiner Nähe am Strand schlafen. Als am frühen Morgen ein ziemlich heftiger Wind hereinbrach, stachen wir in See. Und so fuhren wir bei Sturm zwei Tage, am dritten aber stoßen wir auf die Kürbispiraten. Das sind wilde Menschen, die von den benachbarten Inseln aus die Vorüberfahrenden ausrauben. Sie haben große Fahrzeuge aus Kürbissen, sechzig Ellen lang. Wenn sie nämlich den Kürbis ausgetrocknet haben, höhlen sie ihn aus, nehmen das Innere heraus und fahren dann damit, wobei sie Masten aus Rohr und statt der Segelleinwand das Kürbisblatt verwenden. Sie überfielen uns, bekämpften uns mit zwei Mannschaften und verwundeten viele von uns, indem sie statt der Steine mit den Kürbiskernen schossen. Als wir aber lang unentschieden kämpften, sahen wir gegen Mittag hinter den Kürbispiraten die Nußschiffer heransegeln. Sie waren gegenseitige Feinde, wie es sich zeigte. Kaum hatten nämlich jene ihre Ankunft bemerkt, so ließen sie uns in Ruhe, machten eine Schwenkung und kämpften gegen sie. Wir aber zogen unterdessen unsere Segel auf, flohen und ließen sie kämpfen. Und es war klar, daß die Nußschiffer die Oberhand gewinnen würden, da sie nicht nur in der Überzahl waren - sie hatten nämlich fünf Mannschaften -, sondern auch von stärkeren Schiffen aus kämpften. Denn sie hatten als Fahrzeuge halbe leere Nußschalen, die Länge jeder Hälfte betrug fünfzehn Klafter.

Nachdem wir sie aus den Augen verloren hatten, beschäftigten wir uns mit der Pflege der Verwundeten und standen auch weiterhin meistens unter den Waffen, da wir immer irgendwelche Anschläge erwarteten; nicht mit Unrecht. Es war ja die Sonne noch nicht untergegangen, so zogen gegen uns von einer öden Insel etwa gegen zwanzig Mann heran, die auf großen Delphinen ritten, ebenfalls Räuber. Und die Delphine trugen sie sicher, hüpften empor und wieherten dabei wie Rosse. Als sie aber in der Nähe waren, teilten sie sich in zwei Reihen und beschossen uns von beiden Seiten mit trockenen Tintenfischen und Krebsaugen. Als wir aber auf sie mit Bogen und Speeren schossen, hielten sie nicht mehr stand, sondern flohen, die meisten von ihnen verwundet, zu ihrer Insel.

Um Mitternacht stießen wir bei Meeresstille unversehens auf ein riesengroßes Eisvogelnest; es hatte sechzig Stadien im Umfang. Auf diesem schwamm, auf seinen Eiern brütend, der Eisvogel, nicht viel kleiner als sein Nest. Und als er nun aufflog, da hätte er durch den Luftzug seiner Flügel unser Schiff beinahe versenkt. Eilig entfloh er, indem er einen Klagelaut von sich gab. Als es nun nach und nach Tag wurde, betraten wir das Nest und schauten es uns an: Es glich einem großen Floß und war aus großen Baumstämmen zusammengetragen; darin lagen auch fünfhundert Eier, von denen jedes einen größeren Fassungsraum hatte als ein Faß von Chios. Bereits waren auch die Jungen darin sichtbar und piepten. Wir zerschlugen eines von den Eiern mit Beilen und schälten ein noch nicht flügges Junges heraus, das stärker als zwanzig Geier war.

Als wir auf der Weiterfahrt etwa zweihundert Stadien vom Nest entfernt waren, da erschienen uns große, seltsame Wunderzeichen: Die Gans am Heck machte nämlich plötzlich Flügelschläge und schrie auf, der Steuermann Skintharos, der bereits eine Glatze hatte, bekam wieder Haare und, was das Allerseltsamste war, der Schiffmast schlug aus, trieb Zweige und trug auf ihren Spitzen Früchte; diese bestanden in Feigen und schwarzen, noch nicht reifen Trauben. Über diesen Anblick waren, wir, wie natürlich, bestürzt und beteten wegen der seltsamen Erscheinungen zu den Göttern. Wir hatten noch keine fünfhundert Stadien zurückgelegt, so sahen wir einen großen, dichten Wald von Fichten und Zypressen. Wir vermuteten nun, es sei Festland. Es war aber ein grundloses, mit wurzellosen Bäumen bewachsenes Meer. Die Bäume standen gleichwohl unbeweglich da, es sah so aus, als ob sie aufrecht auf uns zuschwämmen. Als wir uns genähert und das Ganze erfaßt hatten, waren wir in Verlegenheit, was wir tun sollten; denn weder war es möglich, durch die Bäume zu fahren - sie standen ja dicht und nahe beisammen -, noch schien es leicht, umzukehren. Ich stieg aber auf den größten Baum, spähte aus, wie es drüben aussehe, und sah, daß der Wald sich auf fünfzig Stadien oder etwas mehr erstrecke, hernach aber sich wieder ein anderer Teil des Ozeans anschließe. Und so beschlossen wir, das Schiff auf das Laub der Bäume hinauf zu setzen - es war ja dicht - und so womöglich zum anderen Meer hinüberzubringen. Und so taten wir auch: Wir banden es an ein langes Seil, stiegen auf die Bäume, zogen es mit Mühe hinauf, setzten es auf die Zweige, spannten die Segel aus und fuhren wie auf dem Meer, von den Windstößen weitergeschleift. Da fiel mir der Vers des Dichters Antimachos ein; er sagt nämlich irgendwo:

2Jene reisten dahin, sie kamen durch waldige Strecken."

Nachdem wir gleichwohl den Wald bewältigt hatten, kamen wir zum Wasser, ließen das Schiff wieder auf gleiche Weise herab und fuhren nun durch reines, durchsichtiges Wasser, bis wir auf einen großen Schlund gerieten, der sich infolge einer Spaltung des Wassers gebildet hatte, wie wir auf der Erde oft Klüfte infolge von Erdbeben entstanden sehen. Obwohl wir also die Segel herabließen, blieb unser Schiff doch nicht gleich stehen und wäre beinahe in den Schlund geraten. Als wir uns darüber bückten, sahen wir eine ganz schreckliche und seltsame Tiefe von etwa tausend Stadien; links und rechts stand nämlich das Wasser, wie wenn es gespalten wäre. Wie wir uns aber umsehen, bemerken wir rechts in nicht sehr weiter Entfernung eine vom Wasser gebildete Brücke, die die beiden Meere an der Oberfläche miteinander verband, indem das Wasser von dem einen Meer in das andere floß. Wir ruderten also darauf los und kamen mit vieler Mühe wider Erwarten auf die andere Seite.

Dort nahm uns ein ruhiges Meer mit einer nicht großen Insel auf, die leicht zugänglich und bewohnt war. Es hausten auf ihr aber wilde Menschen, Ochsenköpfler mit Hörnern, wie man bei uns den Minotauros abbildet. Nach unserer Landung gingen wir landeinwärts, um uns mit Wasser und womöglich mit Lebensmitteln zu versehen. Wir hatten nämlich keine mehr. Und Wasser allerdings fanden wir in der Nähe. Sonst aber zeigte sich nichts, nur hörte man in nicht großer Entfernung ein lautes Gebrüll. In der Meinung, es sei eine Rinderherde, marschierten wir allmählich weiter, bis wir auf die Menschen stießen. Als sie uns sahen, verfolgten sie uns und fangen drei meiner Gefährten, wir übrigen aber flohen zum Meer zurück. Hernach jedoch greifen wir alle zu den Waffen - wir dachten ja nicht daran, unsere Freunde ungerächt zu lassen - und überfallen die Ochsenköpfler, während sie das Fleisch der Getöteten zerteilten. Wir schrecken sie alle auf, verfolgen sie, töten etwa fünfzig, fangen zwei von ihnen lebend und kehren dann mit den Gefangenen wieder zurück. Nahrung fanden wir jedoch keine. Die anderen waren nun dafür, die Gefangenen abzuschlachten, ich war aber nicht dieser Ansicht, sondern ließ sie gefesselt bewachen, bis von den Ochsenköpflern Gesandte kamen mit der Forderung nach Auslieferung der Verhafteten gegen Lösegeld. Wir legten uns nämlich ihre Winke und ihr klägliches Gebrüll als Bitten aus. Das Lösegeld bestand in viel Käse, trockenen Fischen, Zwiebeln und vier Hirschen, von denen jeder drei Füße hatte, nämlich zwei hintere, während die vorderen in einen zusammengewachsen waren. Für diese Gaben sandten wir die Verhafteten zurück, blieben noch einen Tag und stachen dann in See.

Bereits zeigten sich uns Fische, flogen Vögel vorüber und wurden alle anderen Anzeichen eines nahen Festlandes sichtbar. Bald darauf sahen wir auch Männer, die auf eine ungewöhnliche Art Schiffahrt trieben: Sie selber waren nämlich zugleich Schiffer und Schiffe. Ich will die Art ihrer Fahrt beschreiben: Rücklings auf dem Wasser liegend, hatten sie ihre Glieder aufgerichtet - sie haben aber große -, auf ihnen ein Segel ausgespannt, hielten in den Händen die Zipfel und segelten so vor dem Wind dahin. Andere hinter diesen hatten, auf Korken sitzend, zwei Delphine angespannt, peitschten sie vorwärts und lenkten sie durch Zügel. Diese aber schwammen vorwärts und schleppten die Korke nach. Sie taten uns weder etwas zuleid noch flohen sie vor uns, sondern fuhren furchtlos und friedlich weiter, indem sie die Form unseres Schiffes anstaunten und von allen Seiten betrachteten.

Als es bereits Abend wurde, gelangten wir zu einer nicht großen Insel. Sie wurde von Frauen, wie wir annahmen, die Griechisch sprachen, bewohnt. Sie kamen nämlich auf uns zu und bewillkommneten und begrüßten uns, alle recht hetärenhaft geschmückt, schön und jung, in bis zu den Füßen reichenden Hemden, die sie nachschleppten. Die Insel hieß Koboldeiland, die Stadt für sich Wassergeilstatt. Sie verteilten uns unter sich und eine jede nahm einen zu sich als ihren Gast. Da trete ich ein wenig zur Seite - ich ahnte nämlich nichts Gutes -, schaue mich genauer um und sehe die Gebeine und Schädel vieler Menschen herumliegen. Ein Geschrei zu erheben, die Freunde zusammenzurufen und zu den Waffen zu greifen, hielt ich nicht für passend. Ich nahm aber die Malvenwurzel hervor und betete inständig zu ihr, ich möchte dem bevorstehenden Unheil entrinnen. Bald aber sah ich, während meine Wirtin mich bediente, daß sie keine Frauenschenkel, sondern Eselshufe hatte. Da ziehe ich nun mein Schwert, fasse sie, feßle sie und fragte sie um alles aus. Sie aber sagte, zwar ungern, schließlich aber doch, sie seien Meerfrauen, Eselschenklerinnen genannt, die die bei ihnen sich aufhaltenden Fremden verspeisen. »Sobald wir sie nämlich«, sprach sie, »trunken gemacht und uns mit ihnen ins Bett gelegt haben, überfallen wir sie im Schlaf.« Als ich dies vernommen, ließ ich sie an Ort und Stelle gefesselt, stieg selbst aufs Dach und rief laut meine Gefährten zusammen. Als sie beisammen waren, teilte ich ihnen alles mit, zeigte ihnen die Gebeine und führte sie zur Gefesselten hinein. Sie aber wurde augenblicklich zu Wasser und blieb unsichtbar. Gleichwohl senkte ich mein Schwert zur Probe ins Wasser; dieses aber wurde zu Blut.

Wir kehrten also rasch zum Schiff zurück und segelten ab. Und als es nach und nach Tag wurde, erblickten wir Land und vermuteten, es sei das unserem Kontinent gegenüberliegende Festland. Wir verrichteten also kniefällig unsere Gebete und berieten uns über die Zukunft. Die einen waren dafür, nur zu landen, dann aber wieder zurückzukehren, die anderen traten dafür ein, das Schiff an Ort und Stelle zu lassen, ins Binnenland hinaufzusteigen und sich mit den Einwohnern einzulassen. Während wir also diese Erwägungen anstellten, überfiel uns ein heftiger Sturm und schmetterte das Schiff an die Küste, daß es zerschellte. Jeder ergriff hastig die Waffen und wenn er sonst etwas erwischen konnte, und so schwammen wir mit Mühe ans Land.

Das sind also meine Erlebnisse bis zum anderen Festland, auf dem Meer und während der Fahrt auf den Inseln, in der Luft, hernach im Walfisch, und nachdem wir wieder herausgekommen waren, bei den Heroen sowie bei den Träumen und schließlich bei den Ochsenköpflern und den Eselschenklerinnen. Die Erlebnisse auf dem anderen Kontinent werde ich in den folgenden Büchern erzählen.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .