Aussagen eines antiken Romans über eine Großstadt (Alexandria), zeitgenössische Malerei und die Seeschiffahrt. Aus: Achilleus Tatios, Leukippe und Kleitophon, Buch 5, 1 - 17.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Achilleus Tatios, Leukippe und Kleitophon,. Eingeleitet, übersetzt und erläutert von Karl Plepelits, Bibliothek der griechischen Literatur, hg. von Peter Wirth und Wilhelm Gessel, Bd. 11, Stuttgart 1980, S. 146 - 157.


Nach dreitägiger Fahrt kamen wir in Alexandria an. Als ich die Stadt durch das sogenannte Sonnentor betrat, schlug mich sogleich ihre strahlende Schönheit in ihren Bann und füllte meine Augen mit Entzücken. Zur Linken und zur Rechten erstreckte sich eine geradlinige Reihe von Säulen vom Sonnentor bis zum Mondtor - Sonne und Mond sind nämlich die Torhüter der Stadt -, und in der Mitte der Säulenreihe dehnte sich die Stadtebene. Die Ebene durchzogen unzählige Straßen, und man konnte in seiner eigenen Heimatstadt weite Reisen unternehmen. Nachdem ich wenige Stadien in der Stadt zurückgelegt hatte, gelangte ich an den nach Alexander benannten Platz. Von hier aus sah ich eine zweite Stadt und eine folgendermaßen aufgeteilte Schönheit: ebenso lang wie die Säulenreihe, der ich entlanggewandert war, war eine andere, die die erste im rechten Winkel schnitt. Ich aber, bemüht, meine Augen auf alle Straßen aufzuteilen, war ein unersättlicher Betrachter, und doch überstieg es meine Kräfte, die ganze Schönheit zu sehen: das eine sah ich gerade, während ich anderes im Begriff, anderes begierig war zu sehen und an wieder anderem nicht vorübergehen wollte; der jeweilige Anblick fesselte meine Augen, die Erwartung zog sie fort. Indem ich mich so hin und her in alle Straßen wandte und in das, was ich gesehen hatte, hoffnungslos verliebt war, sagte ich schließlich erschöpft: »Ach, Augen, wir sind besiegt!«

Zwei merkwürdige, paradoxe Dinge sah ich, eine Rivalität zwischen Größe und Schönheit und einen Wettstreit zwischen Einwohnerschaft und Stadt. Sieger blieben beide; denn diese war größer als ein Kontinent, und jene war zahlreicher als ein Volk. Und blickte ich auf die Stadt, konnte ich kaum glauben, daß eine Einwohnerschaft sie mit Menschen füllen sollte, betrachtete ich aber die Einwohnerschaft, so staunte ich, daß eine Stadt sie fassen sollte; so ausgewogen war deren Verhältnis zueinander.Wie es der Zufall wollte, war gerade das Fest der großen Gottheit, die die Griechen Zeus und die Ägypter Serapis nennen. Es gab auch einen Fackelzug, und dies war das größte Schauspiel, das ich dort miterlebte. Es war nämlich Abend, und die Sonne ging gerade unter, und doch war nirgendwo Nacht, sondern eine andere Sonne ging auf, die ihr Licht in tausend Funken aufspaltete - ja, damals erlebte ich, wie eine Stadt an Schönheit mit dem Himmel wetteiferte.

Ich besichtigte außerdem den Zeus Meilichios und den Tempel des Zeus Uranios. Nach einem Gebet an die große Gottheit und der flehentlichen Bitte, unsere Leiden möchten doch einmal ein Ende nehmen, bezogen wir die Wohnung, die Menelaos für uns gemietet hatte. Es hatte allerdings nicht den Anschein, als hätte der Gott unsere Gebete beifällig aufgenommen, sondern es erwartete uns noch eine weitere Schicksalsprüfung.

Chaireas nämlich war schon seit geraumer Zeit heimlich in Leukippe verliebt. Deshalb hatte er auch die Sache mit dem Liebestrank enthüllt, einerseits, um sich einen Ausgangspunkt für eine nähere Bekanntschaft zu verschaffen, andererseits aber auch, um das Mädchen für sich selbst zu retten. Da er nun wußte, daß das Ziel seiner Wünsche unerreichbar war, bereitet er gegen uns einen gewaltsamen Anschlag vor, indem er aus seinen Berufsgeflossen eine Bande von Seeräubern zusammenstellt - sein Gewerbe ist ja das Meer-, und sobald er mit ihnen vereinbart hat, was zu tun sei, lädt er uns unter dem Vorwand, er feiere seinen Geburtstag, zum Essen nach Pharos ein.

Nun, als wir unser Haus verließen, widerfährt uns ein böses Vorzeichen: ein Habicht, der gerade eine Schwalbe verfolgte, schlägt Leukippe mit dem Flügel auf den Kopf. Darob beunruhigt, erhob ich meine Augen zum Himmel und sagte: »O Zeus, was für ein Zeichen gibst du uns da? Falls dieser Vogel wirklich von dir gesandt war, so zeig uns doch noch ein anderes, deutlicheres Vorzeichen! « Da wandte ich mich um - ich stand nämlich durch Zufall gerade vor einem Maleratelier - und sehe da ein Gemälde stehen, das auf ganz Ähnliches hin deutete. Es zeigte nämlich Philomelas Schändung, Tereus' Freveltat und das Herausschneiden der Zunge. Die Erzählung des Dramas war in dem Gemälde vollständig dargestellt: das Gewand, Tereus, der Tisch. Das Gewand hielt eben eine Dienerin ausgebreitet vor sich. Philomela stand daneben und legte den Finger an das Gewand und deutete auf die hineingewebten Bilder. Prokne neigte sich der Darstellung zu und blickte bitter und war über das Bild ergrimmt. Es zeigte, wie Tereus, der Thraker, mit Philomela einen Ringkampf kämpfte, der von Aphrodite diktiert war. Die Haare der Frau waren zerzaust, der Gürtel gelöst, das Kleid zerrissen, halbnackt ihr Busen; ihre Rechte preßte sie gegen Tereus' Augen, mit der Linken versuchte sie, den Riß des Kleides über ihren Brüsten zu schließen. Tereus hielt Philomela in seinen Armen; er zog ihren Körper so eng wie möglich an sich und schnürte seine Umklammerung Haut an Haut zusammen. So hatte der Maler das Bild des Gewandes gewebt. Der Rest des Gemäldes: die Frauen zeigen Tereus in einem Korb die Überreste des Mahles, den Kopf des Kindes und die Hände; sie lachen und zeigen gleichzeitig Angst. Tereus war dargestellt, wie er eben vom Ruhebett aufsprang, und indem er das Schwert gegen die Frauen zog, preßte er sein Bein gegen den Tisch; dieser aber war weder aufrecht noch umgefallen, sondern zeigte das Bild eines drohenden Falls.

Da sagte Menelaos: »Ich glaube, wir sollten den Gang nach Pharos lieber abbrechen! Du siehst doch die zwei schlechten Vorzeichen: erst der Flügel des Vogels auf uns herab, und dann die Drohung des Gemäldes! Die Zeichendeuter sagen, man solle den Gegenstand der Bilder beachten, falls uns auf dem Weg zu einem Unternehmen welche begegnen, und dessen wahrscheinlichen Ausgang dem Inhalt der Geschichte angleichen. Nun, du siehst, mit wieviel bösen Dingen das Gemälde vollgestopft ist: mit unerlaubter Liebe, mit schamlosem Ehebruch, mit den Leiden einer Frau! Deshalb rate ich dringend, den Gang abzubrechen.«

Damit schien er mir recht zu haben, und ich bat Chaireas, uns für diesen Tag zu entschuldigen. So verabschiedete sich dieser äußerst mißmutig und versprach, sich anderntags wieder bei uns einzufinden.

Leukippe aber sagt zu mir - die Schwäche des weiblichen Geschlechts für Sagen und Legenden ist ja bekannt -: »Was bedeutet die Geschichte in dem Gemälde? Und was sind das für Vögel? Und wer sind die Frauen? Und wer ist jener schamlose Mann?«

Da beginne ich zu erzählen:

»Nachtigall, Schwalbe und Wiedehopf - alle drei Menschen, und alle drei Vögel. Wiedehopf ist der Mann; von den beiden Frauen ist Philomela die Schwalbe und Prokne die Nachtigall; ihre Heimatstadt ist Athen. Der Mann ist Tereus; Prokne ist Tereus' Frau. Barbaren genügt, wie es scheint, eine einzige Frau zur Liebe nicht, zumal wenn es ihnen eine Gelegenheit ermöglicht, ihrer Begehrlichkeit nach Lust und Laune die Zügel schießen zu lassen. Nun, als Gelegenheit für diesen Thraker, seiner Natur freien Lauf zu lassen, erweist sich Proknes geschwisterliche Anhänglichkeit. Sie entsendet nämlich ihren Mann, also Tereus, mit dem Auftrag, ihre Schwester zu ihr zu bringen. Dieser ist zwar noch als Proknes Mann abgereist, er kehrt jedoch zurück als Philomelas Liebhaber, und auf der Fahrt macht er sich Philomela zu einer zweiten Prokne. Philomelas Zunge fürchtet er, und sein Hochzeitsgeschenk für sie ist, nicht mehr reden zu können, und er schneidet ihr die herrliche Gabe der Sprache ab. Aber er gewann damit nichts; denn Philomelas Kunstfertigkeit hat eine schweigende Sprache gefunden: sie webt ein Gewand als Künder ihrer Botschaft und ficht das Drama in die Fäden hinein, und ihre Hand ahmt die Zunge nach, und Proknes Augen enhüllt sie, was Sache der Ohren gewesen wäre, und sagt ihr mit Hilfe des Weberschiffchens, was sie erlitten hat. Prokne vernimmt von dem Gewand die Kunde von der Vergewaltigung und sinnt auf ein Mittel, um sich an ihrem Mann im Übermaß zu rächen. Zwei Leidenschaften, entfesselt durch blinde Wut, und zwei Frauen, die sich verschworen haben und mit der Entehrung die Eifersucht mischen; sie ersinnen ein Mahl, noch unheilvoller als jene Hochzeit. Das Mahl war Tereus' Sohn, dessen Mutter vor ihrer blinden Wut Prokne gewesen war; nun allerdings hatte sie ihre Geburtswehen vergessen. So besiegen die Wehen der Eifersucht selbst den Bauch! Frauen trachten nämlich nur danach, dem Mann, der Kummer über ihr Bett gebracht hat, weh zu tun, und wenn sie auch unter dem, was sie ihm zufügen, nicht weniger leiden, sie wiegen das Unglück des Leidens mit der Wollust des Zufügens auf. Tereus speiste ein Erinyenmahl; die Frauen aber brachten in einem Korb die Überreste des Kindes, lachend vor Angst. Tereus sieht die Überreste des Kindes und bricht in Wehklagen über seine Nahrung aus und hat erkannt, daß er der Vater des Mahles ist. Die Erkenntnis raubt ihm den Verstand; er zieht sein Schwert und stürzt sich auf die Frauen, die der Luftraum aufnimmt. Und Tereus erhebt sich gleich ihnen in die Luft und verwandelt sich in einen Vogel. Und sie bewahren bis auf den heutigen Tag das Bild des schrecklichen Geschehens: die Nachtigall flieht, Tereus verfolgt. So sehr hat er sich seinen Haß auch noch als Vogel erhalten.«

Für den Augenblick also entgingen wir auf diese Weise dem gegen uns gerichteten Anschlag. Wir gewannen dadurch allerdings nichts als einen einzigen Tag. Denn am nächsten Tag fand sich in aller Frühe Chaireas ein; und wir genierten uns und konnten nicht ablehnen. So bestiegen wir ein Schiff und fuhren nach Pharos. Menelaos aber blieb zu Hause, da er, wie er sagte, sich nicht wohl fühle. Zuerst führt uns Chaireas zum Leuchtturm und zeigt uns die, von unten gesehen, ganz erstaunliche und unfaßbare Konstruktion.

Es war ein Berg mitten im Meer, bis zu den Wolken reichend. Unmittelbar unter dem Bauwerk floß das Wasser, und es stand schwebend auf dem Meer. Auf dem Gipfel des Berges ging, eine zweite Sonne, der Lotse der Schiffe auf. Danach führte er uns zu seinem Haus; es lag am äußersten Zipfel der Insel unmittelbar am Meer.

Schon war es Abend geworden. Da steht Chaireas auf und geht unter dem Vorwand, seine Notdurft verrichten zu müssen, hinaus. Kurz darauf erhebt sich vor der Tür plötzlich ein Geschrei, und im nächsten Moment stürmen zahlreiche große Männer mit gezückten Dolchen herein und stürzen sich alle auf das Mädchen. Ich aber, sowie ich sehe, daß meine Liebste verschleppt werden soll, ertrage es nicht und werfe mich mitten unter die Schwerter; und einer trifft mich mit dem Dolch am Schenkel, und ich sinke nieder. Während ich nun blutüberströmt am Boden lag, brachten diese das Mädchen auf ihr Schiff und suchten das Weite. Da ein Tumult und ein Geschrei wie über Räuber ausgebrochen war, erschien der Stratege der Insel; es war ein Bekannter von mir, vom Militärlager her. Ich zeigte ihm die Wunde und bat, die Räuber zu verfolgen. In der Stadt lagen viele Schiffe vor Anker; eines davon bestieg der Stratege und nahm gemeinsam mit der diensthabenden Wache die Verfolgung auf; ich kam ebenfalls mit an Bord, indem ich mich aufs Schiff tragen ließ. Als die Räuber sahen, daß unser Schiff bereits nahe kam, um ihnen eine Seeschlacht zu liefern, stellen sie auf dem Deck, die Hände auf den Rücken gebunden, das Mädchen auf, und einer von ihnen ruft mit lauter Stimme: »Seht her, euer Siegespreis!«, schlägt ihr den Kopf ab und stößt den restlichen Körper ins Meer. Da schrie ich vor Entsetzen auf und machte Anstalten, mich hinterherzustürzen. Da mich aber die anderen zurückhielten, flehte ich sie an, das Schiff zu stoppen und jemanden ins Meer springen zu lassen, um vielleicht doch, wenn auch nur zur Bestattung, des Körpers des Mädchens teilhaftig zu werden. Und der Stratege erfüllt mir meinen Wunsch und bringt das Schiff zum Stehen, und zwei von den Schiffern springen aus dem Schiff, ergreifen den Körper und bringen ihn herauf. Unterdessen ruderten die Räuber mit verdoppelter Kraft weiter; und als wir von neuem nahe waren, sahen sie ein anderes Schiff, erkannten es und riefen es zur Hilfe; es waren seeräuberische Purpurfischer. Als der Stratege sah, daß es nun bereits zwei Schiffe geworden waren, bekam er es mit der Angst zu tun und ließ das Schiff zurückrudern; denn die Piraten hatten inzwischen von ihrer Flucht abgelassen und forderten uns zum Kampf heraus.

Nachdem wir ans Ufer zurückgekehrt waren, ging ich von Bord, schlang die Arme um den Leichnam und klagte unter Tränen: »Jetzt bist du mir, Leukippe, wirklich gestorben - einen doppelten Tod, aufgeteilt auf Land und Meer! Den Überrest deines Körpers halte ich in Händen, dich habe ich jedoch verloren! Nicht gleichmäßig ist die Aufteilung auf's Land und Meer: nur ein kleiner Teil von dir ist für mich übriggeblieben, obgleich dem Anschein nach der größere, während das Meer in wenigem die Gesamtheit von dir besitzt! Aber da mir Tyche Küsse ins Gesicht nicht vergönnt hat, komm, will ich deine Wunde küssen!«

Nach diesen Klagen bestattete ich den Leichnam und kehrte anschließend nach Alexandria zurück. Dort wurde mir, sehr gegen meinen Willen, die Wunde behandelt, und da Menelaos nicht müde wurde, mich zu trösten, überwand ich mich schließlich weiterzuleben.

Und schon waren mir sechs Monate vergangen, und die Heftigkeit des Schmerzes begann allmählich nachzulassen. Die Zeit ist ja ein Heilmittel gegen Kummer und lindert die Wunden der Seele. Denn die Sonne ist voller Freude; und der Schmerz kocht, selbst wenn er übermäßig ist, nur kurz, solange die Seele brennt; durch die Reize des hellen Tages überwunden, kühlt er schließlich ab.

Ich ging gerade auf der Agora spazieren, da ergriff plötzlich jemand von hinten meine Hand, drehte mich um, umarmte mich, ohne ein Wort zu sagen, und begann mich ohne Unterlaß zu küssen. Ich wußte zunächst nicht, wer es war, sondern stand völlig verblüfft da und empfing den Aufprall der Begrüßungen wie eine Zielscheibe für Küsse; doch als er sich etwas zurücklehnte und ich das Gesicht sehen konnte und es Kleinias war, da schrie ich vor Freude auf, fiel ihm meinerseits um den Hals und gab ihm dieselben Umarmungen zurück, und hierauf gingen wir in meine Wohnung zurück. Und er erzählte mir seine Erlebnisse, wie er den Schiffbruch überstanden hatte, ich aber alles über Leukippe.

»Sofort nämlich«, sagte er, »nachdem das Schiff zerschellt war, suchte ich mich schleunigst auf die Rah zu retten. Ich bekam mit Müh und Not das Ende zu fassen, das bereits von Menschen voll war, schlang meine Arme herum und versuchte, daran hängend, mich festzuhalten. Kurze Zeit trieben wir so dahin; da hob unvermittelt eine riesige Woge das Holz in die Höhe und schmetterte es senkrecht gegen ein verborgenes Riff - zum Glück nicht auf der Seite, an der ich hing. Durch den Aufprall wurde es mit Gewalt nach Art eines Katapultes wieder zurückgeschnellt und schoß mich wie von einer Schleuder aus in die Luft. Von da an verbrachte ich den Rest des Tages schwimmend, ohne noch Hoffnung auf Rettung zu haben. Als ich bereits völlig erschöpft war und mich in mein Schicksal ergeben hatte, sichte ich ein mir entgegenkommendes Schiff! Da streckte ich die Hände in die Höhe, so gut es eben ging, und flehte durch Winken um Hilfe. Und sie - sei es, daß sie sich meiner erbarmten, sei es auch, daß sie der Wind herantrieb - sie fahren auf mich zu, und einer der Schiffer wirft mir ein Seil zu, während das Schiff vorbeilief. Und ich ergriff es, sie aber zogen mich an Bord - direkt aus der Pforte des Todes. Das Schiff war unterwegs nach Sidon; und mich erkannten einige und pflegten mich gesund. Nach zweitägiger Fahrt erreichten wir die Stadt, und ich ersuchte die Sidonier an Bord - es waren der Kaufmann Xenodamas und dessen Schwiegervater Theophilos -, keinem Tyrier, sollten sie einen treffen, zu erzählen, daß ich einen Schiffbruch überstanden hätte, damit nicht bekannt würde, daß ich mit euch auf Reisen gegangen bin. Ich hoffte nämlich, man würde nichts merken, wenn diese hierüber Stillschweigen bewahrten; schließlich waren mir erst fünf Tage vergangen, an denen ich nicht gesehen worden war. Denen bei mir zu Hause aber hatte ich, wie du weißt, vor der Abreise aufgetragen, denen, die nach mir fragen sollten, zu sagen, ich sei für eine Dauer von bis zu insgesamt zehn Tagen ins Dorf gefahren`. Und diese Begründung meiner Abwesenheit hatte sich, so stellte ich fest, tatsächlich durchgesetzt. Auch dein Vater war zu jenem Zeitpunkt noch nicht aus Palästina zurückgekehrt; er traf nach zwei weiteren Tagen ein und fand einen Brief von Leukippes Vater vor, der einen Tag nach unserer Abreise gebracht worden war, worin Sostratos dir seine Tochter verlobt. So sah er sich also von mehrfachem Unglück getroffen, als er den Brief las und von eurer Flucht erfuhr, einerseits, weil nun der Preis des Briefes für ihn verloren sei, andererseits, weil Tyche die Geschehnisse in so kurzem Abstand voneinander angeordnet hatte; denn nichts von all dem wäre passiert, wenn der Brief schneller befördert worden wäre. Und von dem, was vorgefallen war, gedachte er seinem Bruder noch gar nichts zu schreiben, aber auch die Mutter des Mädchens bat er, dies für den Augenblick zu unterlassen: »Wahrscheinlich werden wir sie ja ohnehin finden, und es ist nicht nötig, daß Sostratos von dem eingetretenen Unglück erfährt! Gerne werden sie, wo immer sie auch von der Verlobung erfahren, von selbst nach Hause kommen, wenn es ihnen nun doch möglich ist, offen zu haben, weshalb sie geflohen sind!< Er forschte mit aller Kraft nach, wohin ihr gegangen seid; und erst kürzlich meldet sich bei ihm der Tyrier Diophantos, der zu Schiff aus Ägypten angekommen war, und teilt ihm mit, er habe dich hier gesehen. Kaum hatte ich das erfahren, bestieg ich, wie ich war, sofort ein Schiff- und nun suche ich schon den achten Tag die ganze Stadt nach dir ab. In dieser Sache mußt du dich nun also zu einem Entschluß durchringen, da wahrscheinlich auch dein Vater hieherkommen wird!«

Als ich dies alles hörte, tat ich einen Aufschrei der Verzweiflung über Tyches grausames Spiel und sagte: »O Schicksal, jetzt ausgerechnet gibt mir Sostratos Leukippe zur Frau und wird mir mitten aus dem Krieg die Hochzeit geschickt, nicht ohne genau die Tage berechnet zu haben, damit sie der Flucht nicht zuvorkommen kann! Ach, dieses zu späte Glück! Ach, ich Glücklicher, wäre es nicht auf einen einzigen Tag angekommen! Nach dem Tod - Hochzeit; nach der Totenklage - Hochzeitslieder! Welche Braut will mir Tyche denn geben, die sie mir nicht einmal als Tote vollständig gegeben hat?«

»Jetzt ist nicht die Zeit für Klagen«, sagte Kleinias. »Uberlegen wir lieber, ob du in deine Heimatstadt zurückkehren oder hier deinen Vater erwarten sollst!« »Keines von beidem«, sagte ich. »Mit was für einem Gesicht könnte ich denn meinem Vater in die Augen schauen, zumal, nachdem ich auf so schändliche Weise geflohen bin, dann aber auch, nachdem ich das Gut, das ihm von seinem Bruder anvertraut worden war, zerstört habe? Nein, mir bleibt nichts übrig, als von hier zu fliehen, bevor er kommt!«

Während ich dies sagte, kam Menelaos herein und mit ihm Satyros, und sie umarmten Kleinias und erfuhren von uns, was sich zugetragen hatte. Da sagte Satyros: »Aber du hast doch die Möglichkeit, dir deine Situation zu verbessern find gleichzeitig mit einer Seele, die leidenschaftlich nach dir brennt, Mitleid zu zeigen! Kleinias soll es nur ebenfalls hören! Aphrodite hat diesem hier ein großes Glück angeboten, er will es aber nicht annehmen! Sie hat nämlich eine Frau in ihn vernarrt gemacht - so schön, daß du, wenn du sie siehst, für ein Götterbild halten könntest! Sie stammt aus Ephesos; ihr Name ist Meute; sie ist sehr reich und jung. Ihr Mann ist erst kürzlich im Meer umgekommen, und sie möchte diesen hier zum Gebieter - ich will ja nicht sagen, zum Mann - haben und ist bereit, sich und ihren ganzen Besitz hinzugeben. Seinetwegen hält sie sich hier schon zwei Monate auf, indem sie ihn mit ständigen Bitten bestürmt, mit ihr nach Ephesos zu gehen. Und er? Ich weiß nicht, was mit ihm los ist; jedenfalls behandelt er sie nicht anders als arrogant und geringschätzig und meint, Leukippe werde ihm wieder zum Leben erstehen!«

»Mir scheint«, sagte Kleinias, »als hätte Satyros gar nicht so unrecht! Denn wenn Schönheit, Reichtum und Liebe für dich zusammengekommen sind, bedarf es >keines Stillsitzens und keines Aufschubs< ; denn die Schönheit bringt Freude, der Reichtum Luxus, die Liebe Achtung. Der Gott haßt die Überheblichen'! Komm, hör auf Satyros und willfahr dem Gott!«

»Führ mich«, sprach ich seufzend, »wohin du willst, wenn auch Kleinias so denkt! Nur, daß mich das Frauenzimmer ja nicht belästigt und mich nicht zu intimen Beziehungen drängt, bis wir in Ephesos angekommen sind! Ich habe nämlich geschworen, hier, wo ich Leukippe verloren habe, keinen Geschlechtsverkehr zu haben.«

Als Satyros das hörte, lief er spornstreichs zu Melite, um ihr die frohe Botschaft zu überbringen. Und bald darauf kam er wieder zurück und erzählte, als die Frau sie gehört habe, habe sie vor Freude um ein Haar ihren Geist aufgegeben, und sie bitte mich, als Vorspiel zur Hochzeit heute zum Essen zu ihr zu kommen. Ich nahm an und ging hin.

Sowie sie mich erblickte, sprang sie auf, umarmte mich und bedeckte mein ganzes Gesicht mit Küssen. Sie war tatsächlich schön, und ihr Gesicht, hätte man sagen können, sei mit Milch gesalbt, den Wangen aber seien Rosen eingepflanzt. Ihre Augen funkelten ein aphrodisisches Funkeln; ihr Haar war üppig und dicht und golden an Farbe, so daß es mir vorkam, als sähe ich die Frau nicht ohne Vergnügen.

Nun, das Essen war köstlich und verschwenderisch; und sie nahm immer wieder einzelne Bissen zu sich, so daß es aussehen sollte, als würde sie essen, war aber nicht imstande, alles auf ihrem Teller zu verzehren, sondern blickte unverwandt mich an. Liebende finden ja an nichts Geschmack als am Gegenstand ihrer Liebe; denn die Liebe bemächtigt sich der Seele durch und durch und läßt nicht einmal für die Nahrung Platz. Die Lust des Anblicks strömt durch die Augen ein und läßt sich in der Brust nieder, und indem sie das Bild des Gegenstands der Liebe in einem fort mit sich reißt, prägt sie sich im Spiegel der Seele ein und bildet die Gestalt nach. Die Emanation der Schönheit gelangt auf unsichtbaren Strahlen zum verliebten Herzen und zeichnet tief drinnen das Abbild ein.

So sagte ich denn zu ihr, sobald ich dies merkte: »Aber du nimmst ja gar nichts von deinem eigenen Mahl zu dir, sondern gleichst den speisenden Figuren in Gemälden!« »Welcher Leckerbissen«, erwiderte sie, »kann denn für mich köstlich, welcher Wein kostbarer sein als dein Anblick?« Und zugleich küßte sie mich, und ich empfing ihre Küsse nicht ohne Vergnügen. Als sie sich hierauf wieder von mir löste, sagte sie: »Das ist meine Nahrung!«

So verbrachten wir also die Zeit des Essens. Als es Abend wurde, versuchte sie mich zu bewegen, dazubleiben und bei ihr zu schlafen, doch ich bat sie vielmals um Entschuldigung und sagte dasselbe, was ich vorher bereits Satyros erzählt hatte. Voll Enttäuschung ließ sie mich daher ziehen, so schwer es ihr auch fiel.

Anderntags aber, so hatten wir vereinbart, wollten wir uns im Tempel der Isis treffen, um miteinander zu sprechen und uns vor der Göttin als Zeugin gegenseitig die Treue zu versprechen. Anwesend waren außer uns noch Menelaos und Kleinias; und wir leisteten beide einen Schwur: ich gelobte, sie aufrichtig zu lieben; sie, mich zu ihrem Mann zu machen und zum Herrn über ihren gesamten Besitz zu erklären.»In Kraft setzen«, sprach ich, »wird den Vertrag unsere Ankunft in Ephesos; denn hier wirst du, wie ich sagte, hinter Leukippe zurückstehen!«

Hierauf wurde uns ein großartiges Essen bereitet; und bezeichnet wurde das Essen zwar als Hochzeit, doch den Vollzug, so war vereinbart worden, wollten wir uns für später aufsparen. Und ich erinnere mich auch an einen Witz, den Melite während des Banketts machte. Als nämlich die Anwesenden gerade in gemeinsamen Hochrufen unserer Ehe Glück wünschten, neigte sie sich mir zu und sagte leise: »Etwas noch nie Dagewesenes erlebe ich allein, etwas, was man sonst nur für Tote macht, deren Leichnam unerreichbar ist! Ein Kenotaph habe ich nämlich schon gesehen, ein Kenogam noch nicht` !« So also scherzte sie, und es war doch ernst gemeint.

Am darauffolgenden Tag machten wir uns fertig zur Abreise; zufällig wehte auch gerade der Wind für uns günstig. Und Menelaos kam bis zum Hafen mit und nahm von uns Abschied. Er sagte, wir möchten diesmal ein Meer vorfinden, das uns mehr Glück bringe. Hierauf wandte er sich wieder ab, ein in jeder Hinsicht guter Mensch, gleichwertig den Göttern, die Augen voller Tränen; und auch uns allen rannen Tränen über die Wangen. Kleinias aber hatte sich entschlossen, mich nicht allein zu lassen, sondern bis Ephesos mitzufahren, einige Zeit in dieser Stadt zu verbringen und dann wieder zurückzukehren, falls er sähe, daß es mir gut gehe. Nun, der Wind stand günstig; es war Abend, und wir nahmen ein Nachtmahl zu uns und legten uns anschließend schlafen. Ich und Melite hatten auf dem Schiff eine eigene, abgeschlossene Kabine. Da umarmte sie mich und begann mich zu küssen und die Hochzeit einzufordern. »Nun«, sagte sie, »haben wir Leukippes Grenzen überschritten und die Grenzen des Vertrags erreicht; von jetzt an gilt der vereinbarte Zeitpunkt! Wozu muß ich jetzt noch bis Ephesos warten? Ungewiß sind die Tücken des Meeres, unzuverlässig das Umschlagen der Winde! Glaub mir, Kleitophon, ich brenne lichterloh! Ach, könnte ich doch das Feuer sichtbar machen! Ach, hätte doch das Feuer der Liebe dieselbe Eigenschaft wie das gewöhnliche Feuer, damit ich dich durch meine Umarmung in Brand stecken könnte! In Wirklichkeit hat jedoch im Gegensatz zu allen anderen Arten dieses Feuer allein einen eigenen Brennstoff, und während es in den Umarmungen der Liebenden heftig aufflammt, verschont es die Umarmten. 0 mystisches Feuer, Feuer, das im geheimen brennt, Feuer, das seine Grenzen nicht überschreiten will! So lassen wir uns denn, o Liebster, in Aphrodites Mysterien einweihen!«

Und ich erwiderte: »Zwinge mich nicht, das Gesetz der Ehrfurcht vor den Toten zu brechen! Wir haben noch nicht die Grenzen jener Unglücklichen überschritten, bis wir ein anderes Land betreten! Hast du nicht gehört, daß sie im Meer gestorben ist? Noch fahre ich über Leukippes Grab! Vielleicht schwebt gar um das Schiff ihr Geist herum! Man sagt, die im Wasser umgekommenen Seelen fuhren überhaupt nicht in den Hades hinab, sondern irrten ständig am selben Ort ums Wasser und sie wird vielleicht dazukommen, wenn wir uns gerade umarmen! Scheint dir überdies der Ort für eine Hochzeit geeignet zu sein? Eine Hochzeit auf den Wogen? Eine Hochzeit, vom Meer hin- und hergeworfen? Willst du, daß wir ein unbeständiges Brautgemach haben?«

»Das sind Spitzfindigkeiten«, sagte sie, »was du da vorbringst, Liebster! Den Liebenden ist jeder Ort ein Brautgemach - nichts ist unzugänglich für den Gott! Ist es auf dem Meer nicht sogar passender für Eros und die aphrodisischen Mysterien? Aphrodite ist die Tochter des Meeres`, Willfahren wir doch der Hochzeitsgöttin, ehren wir durch eine Hochzeit ihre Mutter! Mir scheinen ja die Dinge um uns lauter Hochzeitssymbole zu sein: das Joch hier, das über unserem Kopf hängt, die Bande, die um die Rah gespannt sind! Das sind doch wunderschöne Vorzeichen, mein Gebieter: unter dem Joch das Brautgemach, und die Taue gebunden! Aber auch das Steuerruder ist nicht weit vom Brautgemach: siehst du, unsere Hochzeit steuert Tyche! Das Brautgeleit aber werden uns Poseidon und der Chor der Nereiden geben; denn seine Hochzeit mit Amphitrite feiert er ja ebenfalls hier! Hell pfeift um die Taue auch der Wind - mir scheint die Flötenmusik der Lüfte das Hochzeitslied zu spielen! Du siehst auch das Segel, geschwellt wie ein schwangerer Bauch - auch dies für mich ein günstiges Omen: bald wirst du mir gar Vater sein!«

Wie ich also sah, daß sie von heftigem Verlangen erfüllt war, sagte ich: »Liebe Frau, wir wollen enthaltsam sein, bis wir Land erreicht haben! Denn ich schwöre dir beim Meer selbst und beim Glück unserer Fahrt, daß ich es ebenfalls kaum erwarten kann! Aber es hat ja auch das Meer seine Gesetze. Oft habe ich von erfahrenen Seeleuten gehört, daß die Schiffe von sexuellen Handlungen rein sein müßten, vielleicht, weil sie heilig seien, vielleicht, damit sich niemand in solcher Gefahr Ausschweifungen hingebe. Meine Liebste, beleidigen wir nicht das Meer! Vermengen wir nicht Hochzeit und Angst! Erhalten wir uns die Lust rein!«

Mit diesen Worten, und indem ich sie durch Küsse zu besänftigen suchte, gelang es mir allmählich, sie umzustimmen, und so hielten wir es auch in den übrigen Nächten. In fünf darauffolgenden Tagen hatten wir die Fahrstrecke zurückgelegt und liefen, in Ephesos ein.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .