Der Garten einer Villa im antiken Roman. Aus: Achilleus Tatios, Leukippe und Kleitophon, Buch 1, Kap. 15.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Achilleus Tatios, Leukippe und Kleitophon,. Eingeleitet, übersetzt und erläutert von Karl Plepelits, Bibliothek der griechischen Literatur, hg. von Peter Wirth und Wilhelm Gessel, Bd. 11, Stuttgart 1980, S. 146 - 157.


15,1 ... [Das vom Erzähler begehrte Mädchen] hielt sich ... im Garten unseres Hauses auf. Dieser Garten war ein baumreicher Park, eine wahre Augenweide, und um den Park zog sich eine Mauer von ausreichender Höhe, und jede Seite der Mauer - vier Seiten waren es insgesamt - trug zusammen mit einer vorgelagerten Säulenreihe ein Dach; innen aber, im Schutz der Säulenreihen, war die Festversammlung der Bäume. Üppig wucherten die Äste, stießen aneinander, durchdrangen einander; benachbart waren die Verflechtungen der Blätter, die Umarmungen des Laubes, die gegenseitigen Umschlingungen der Früchte. So dicht standen die Bäume. An einigen der kräftigeren unter ihnen rankten sich Efeu und Winde empor; diese hing an Platanen und umgab sie mit ihrem zarten Laubwerk wie ein dichter Vorhang; der Efeu schlang sich um Fichten und erkor sie sich durch seine Umarmungen zu Freunden, und so bildete der Baum eine Stütze für den Efeu, der Efeu einen Kranz für den Baum. Weinreben, von Binsenrohren getragen, prangten überall zwischen den Bäumen in üppigem Laubschmuck, und ihre Früchte waren gerade in voller Reife und quollen durch die Zwischenräume zwischen dem Binsengeflecht hervor und waren die Haarlocken der Bäume. Die Blätter schwankten im Wind, und Sonne und Wind gemeinsam zeichneten ihre bleichen, huschenden Schatten auf die Erde. Die Blumen, in mannigfaltigen Farben leuchtend, entfalteten gemeinsam ihre Pracht, wie sie ihrer jeweiligen Gattung entsprach, und dies war der Purpurmantel der Erde - Veilchen und Narzissen und Rosen. Gleichartig war bei Rose und Narzisse der Blütenkelch, was den Umriß betraf, und er war die Trinkschale der Pflanze. Die Farbe der gezackten Blütenblätter rund um den Kelch war bei der Rose die von Blut im oberen und die von Milch im unteren Teil des Blattes, und die Narzisse war zur Gänze von der gleichen Farbe wie der untere Teil der Rose. Beim Veilchen war der Blütenkelch schlicht und bescheiden; doch seine Farbe war eben die, wie sie, funkelnd und gleißend, tiefste Meeresstille zeigt. Inmitten der Blumen sprudelte eine Quelle hervor, und die Strömung des Baches umschloß ein künstlich angelegter quadratischer Teich. Sein Wasser war der Spiegel der Blumen, so daß der Park doppelt vorhanden zu sein schien: das eine Mal in Wirklichkeit, das andere Mal als Spiegelbild. Vögel, zahme und wilde: die zahmen, denen die Aufzucht durch den Menschen die Scheu genommen hatte, weideten allenthalben im Park, die wilden, deren Flügel die Freiheit kannten, tummelten sich in den Wipfeln der Bäume, die einen eifrig dabei, die Gesänge der Vögel zu singen, die anderen prunkend in ihrem Federkleid. Die Sänger: Zikaden und Schwalben; die einen besangen Eos' eheliches Lager, die anderen Tereus' Mahl'. Die zahmen: Pfau und Schwan und Papagei, wobei der Schwan an den Wasserquellen weidete, der Papagei in einem Käfig an einem Baum aufgehängt war und der Pfau inmitten der Blumen seine Feder nachschleppte. Die Pracht der Blumen leuchtete mit der Farbe der Vögel um die Wette, und diese war geradezu ein Blumenschmuck der Federn.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .