Eine spektakuäre Stadtgerichtsverhandlung in der antiken Romanerzählung. Aus: Apuleius, Metamorphosen, 2, 31 -3, 12.

Deutsche Übersetzung mit einigen Modifikationen entnommen aus: Apuleius, Der goldene Esel. Aus dem Lateinischen von August Rode. Mit Illustrationen von Max Klinger zu 'Amor und Psyche' und einem Nachwort von Wilhelm Haupt, Frankfurt M., Leipzig 1975, S. 53 - 64.


.... Unterdessen sagte Byrrhenna zu mir: » Morgen haben wir einen Tag, der unsrer Stadt von ihrer Erbauung an feierlich ist. Wir allein unter allen Sterblichen begehen an ihm mit lustigen und fröhlichen Gebräuchen das Fest des heiligen Gottes des Lachens. Ihre Gegenwart, lieber Vetter, wird dabei unser Vergnügen vermehren. Besonders würden Sie uns aber verpflichten, wenn Sie als ein witziger Kopf etwas erfinden wollten, was zur Verherrlichung unseres Gottes beitragen könnte.«

»Mit Freuden, Madame, werde ich Ihrem Befehl nachkommen<>, erwiderte ich, »und mich glücklich schätzen, wenn ich eines Einfalls fähig bin, der einer so großen Gottheit wohlgefallen mag!«

Jetzt erinnerte mich mein Bedienter, daß es spät sei. Ich erhob mich also und empfahl mich bei Byrrhenna. 32 Beim Zechen hatte ich nicht gespart, ich taumelte, als ich nach Hause ging. Und zu unserm Verdruß blies uns auch der Wind an der ersten Straßenecke das Licht in der Laterne aus. Pechfinster war's. Was haben wir uns nicht da Zehen und Schienbeine zerstoßen und hundsmüde gelaufen, ehe wir uns wieder zu finden wußten!

Endlich, als wir, gegenseitig untergefaßt, in die Gasse kamen, wo wir wohnten, sahen wir drei große, starke Kerle wider unsre Tür mit aller Gewalt Sturm rennen. Unsere Dazwischenkunft zerstreute sie im geringsten nicht. Vielmehr schienen sie nur desto beflissener in ihrem Bestreben, miteinander zu wetteifern.

Wir dachten nicht anders, als daß es die entschlossensten Banditen wären.

Besonders war ich ganz fest davon überzeugt; also gleich mein Schwert unter dem Rock hervor, wo ich es schon bar und blank trug, und unter sie hinunter. Ich hieb und stach fürchterlich um mich herum, bis ich endlich meine Gegner alle drei, je wie sie mir im Kampfe begegnet, vor meinen Füßen zerstochen und zerfetzt den Odem aushauchen sah.

Photis, vom Tumult erwacht, öffnete eben die Tür, als das Gefecht zu Ende war. Keuchend und triefend von Schweiß, schleppte ich mich hinein, und ermüdet von dem Sieg über die vermeintlichen Banditen, als ob ich den dreifachen Geryon bekämpft hätte, übergab ich mich alsbald dem Bett und der Ruhe.

Eben fuhr Aurora, ihren Rosenarm über das purpurne Gespann geschwungen, den Himmel herauf, als mich, der sorgenlosen Ruhe entrissen, die Nacht dem Tage wiedergab. Erinnerung der gestrigen Tat überströmte mein Gemüt mit Angst und Sorge.

Mit übereinandergeschlagenen Füßen, die gefalteten Hände auf die Knie gestemmt, saß ich ganz krumm auf meinem Bett und weinte bitterlich. Ich stand schon im Geist vor dem hochnotpeinlichen Halsgericht, sah jede herzerschütternde Formalität, sah den Henker immer im Hintergrund.

»Wo ist der gelinde, der gnädige Richter, der dich von einem dreifachen Mord, von dem Blut so vieler Bürger, womit du befleckt bist, lossprechen könnte? Ach, war dies der Ruhm, welchen der Wahrsager Diophanes dir so zuverlässig auf deiner Reise verhieß?« Also sprach ich mehrmals zu mir selber, aus Herzensgrund über mein trauriges Geschick heulend.

Unterdessen ließ sich ein wiederholtes Klopfen an der Haustür hören und lautes Geschrei und Getümmel in der Gasse. Es währte nicht lange, so brach man zum Hause herein, und alles war mit Magistratspersonen und Gerichtsdienern nebst einem zahlreichen Gefolge von allerlei Leuten angefüllt.

Auf obrigkeitlichen Befehl bemächtigten sich meiner sofort zwei Schergen und schleppten mich, ohne daß ich im geringsten widerstrebte, davon.

Sie waren mit mir noch nicht das Viertel der Straße hinunter, so war schon die ganze Stadt in Auflauf und zog in dickem Schwarm hinter uns her.

Den Kopf zur Erde gesenkt oder, wenn ich so sagen darf, zur Hölle hinabgebeugt, ging ich tiefbetrübt vor mich hin. Als ich jedoch einmal von der Seite blickte, ward ich die sonderbarste Sache von der Welt gewahr. Wenn doch unter so vielen tausend Menschen, welche sich um mich herumdrängten, auch nur ein einziger gewesen, der nicht vor Lachen hätte bersten mögen!

Andlich, nachdem wir lange genug von Gasse zu Gasse gezogen und ich, wie ein Sühnopfer, mit denen man bei den Sühnefeiern die Drohungen böser Vorzeichen abzuwenden sucht, durch alle Winkel der Stadt in Prozession geführt war, wurde ich auf dem Markt vor den Richterstuhl gestellt.

Schon saß der ganze Magistrat auf seinem erhabenen Gerüst, schon gebot der Stadtherold Stillschweigen, als mit einmal alle Anwesenden einstimmig riefen: »Die Versammlung ist zu groß, das Gedränge gefährlich, dies so wichtige Gericht muß auf dem Theater gehalten werden!«

Unverzüglich schwärmte der ganze Haufen des Volks dahin. Sitze, Gänge, Dach sogar ward in weniger als einem Augenblick bis zum Ersticken angefüllt.

An den Säulen empor kletterte man, man saß auf Statuen, lag ganz oben aus den Öffnungen und Fenstern bis übern halben Leib heraus. Vor Begierde zu sehen blind, achtete niemand der Lebensgefahr.

Die Gerichtsdiener führten mich wie ein Opfertier über die Bühne hinweg und stellten mich mitten in das Orchester. Abermals gebot der Herold mit brüllender Stimme Still schweigen und lud den Ankläger vor.

Ein alter Mann stand auf.

Man füllte die Wasseruhr, um ihm die Zeit zu bestimmen, in welcher er zu reden, und er sprach also zum Volke: »Ich habe euch, meine Mitbürger, eine höchst wichtige Sache vorzustellen. Eine Sache, welche die Ruhe der ganzen Stadt betrifft und die uns allen zu einer ernsten Warnung gereichen muß. Um so mehr ziemt es sich, daß jeder und ihr insgesamt dem öffentlichen Ansehen gemäß dahin trachtet, daß dieser verruchte Mörder für das Blut so vieler Bürger mit eben der Strenge bestraft werde, als mit Grausamkeit er es vergossen hat. Glaubt indessen nicht, daß ich, nur von Privathaß angetrieben, meiner eignen Feindschaft durch diese eifrige Anklage Genüge zu leisten suche! Ich bin der Hauptmann der Scharwache, ich tue nur meine Pflicht, die ich jederzeit mit der pünktlichsten Treue erfüllt habe. Hier ist die Sache, wie sie sich in vergangener Nacht zugetragen hat, ganz unverfälscht! Ich mache nach Mitternacht mit möglichster Aufmerksamkeit meine Runde durch die Stadt; da sehe ich diesen schändlichen Burschen mit blankem Schwert wie wütend um sich herumhauen, und drei Leute an der Zahl stürzen zu seinen Füßen, wälzen sich zappelnd in ihrem Blut und geben den Geist auf. Nach dieser erschrecklichen Tat säumte er nicht, sich zu retten. Unterm Schleier der Finsternis wischte er zu einem Hause hinein, in dem er die ganze Nacht verborgen blieb. Allein die Vorsehung der Götter, welche jegliche Missetat an den Schuldigen heimsucht, machte, daß ich ihn diesen Morgen ganz früh, bevor er durch heimliche Schliche entrinnen konnte, belauerte. Hier stelle ich ihn vor euer allerheiligstes Gericht. Seht da einen Missetäter, der mit dreifachem Mord befleckt, der auf der Tat ertappt worden und der noch dazu ein Fremder ist! So richtet denn kühn über ihn, über diesen Fremden, in einem Verbrechen, das selbst an einem einheimischen Bürger mit exemplarischer Strenge müßte geahndet werden!«

Nachdem mein Ankläger also mit heftiger Stimme gesprochen hatte, schwieg er still.

Nun ward ich vom Herold aufgefordert, was ich dagegen zu antworten hätte, vorzubringen. Allein noch vermochte ich nichts als weinen, und das wahrlich nicht sowohl um der gräßlichen Anklage willen als wegen meines verletzten Gewissens. Doch endlich kam mir Kühnheit und Kraft von oben herab, und ich begann:

»Ich fühle nur allzusehr, welch eine schwere Sache es sei, hier neben den hingestellten Leichen dreier Bürger, wegen deren Ermordung ich angeklagt werde, durch aufrichtige Aussage der Wahrheit und selbst durch das Eingeständnis der Tat eine so zahlreiche Versammlung von meiner Unschuld zu überzeugen. Gleichwohl, wenn Sie, meine Herren, mir auf wenige Augenblicke ein geneigtes Gehör vergönnen wollen, so bin ich gewiß, Ihnen auf das deutlichste zu erweisen, daß ich mich keineswegs durch eigenes Verschulden jetzt in dieser Lebensgefahr befinde, sondern daß allein ein unglücklicher Zufall über einen nur allzu gerechten Unwillen den Schein eines Verbrechens verbreitet. 5 Gestern, als ich ganz spät von einem Schmaus, wobei ich - die Wahrheit zu gestehen - ein wenig zuviel getrunken hatte, nach Hause gehe, sehe ich drei Räuber vor dem Hause des Milo, eines Ihrer biedern Mitbürger, bei dem ich logiere. Sie sind über die Tür her und suchen sie mit aller Gewalt zu erbrechen oder aus den Angeln zu heben. Schon stürzen Riegel und Schlösser gesprengt zur Erde, und sie beratschlagen untereinander über den Tod der Einwohner des Hauses. >Hört, Kerls<, spricht einer von ihnen, der mannhafter und von größerer Taille schien als die übrigen, >laßt uns sie wacker und frisch im Schlafe anfallen. Kleinmut und Feigheit weiche aus unserem Herzen, und Mord wandle mit gezücktem Dolch durchs ganze Haus! Erwürgt werde, wer im Schlafe liegt, und das Schwert schlage den, der sich zu verteidigen aufsteht. Nur dann können wir mit Sieg gekrönt und Beute beladen sicher wiederum zurückziehen, wenn wir niemandes im ganzen Hause geschont haben!< Ich leugne es nicht, meine Herren, ich glaubte als ein braver Bürger zu handeln, ich glaubte es meinen Wirten, glaubte es mir selber schuldig zu sein, ich griff diese Banditen mit dem Schwert an, das ich aus Vorsicht mitgenommen hatte, um im Notfall nicht wehrlos zu sein; ich dachte sie in Schrecken zu setzen und zu verjagen. Allein die verruchten Bösewichter dachten an keine Flucht! Als sie mich mit bewehrter Faust auf sich zukommen sahen, machten sie Front gegen mich und taten tapfern Widerstand. Nach einem hartnäckigen Gefecht drang endlich ihr Rädelsführer auf mich ein, faßte mich mit beiden Fäusten bei den Haaren und zog mich nieder; indem er aber nach einem Steine ruft, mir den Rest damit zu geben, bringe ich ihm einen tödlichen Stich bei und strecke ihn glücklich zu Boden. Dem andern, der sich unterdessen in meinen Füßen verbissen hatte, stoß' ich gleich darauf das Schwert durch den Rücken, und der dritte rennt es sich selbst durch die Brust, indem er ganz blindlings auf mich hineinläuft. Nachdem ich dergestalt die öffentliche Sicherheit wiederhergestellt, meines Gastfreundes Haus und unser beiderseitiges Leben geschützt hatte, kam es mir nicht ein, daß ich eine strafbare Handlung begangen hätte, wohl aber eine Tat, die eher des öffentlichen Lobes und Dankes würdig sei. Dieser Gedanke stand mir um so mehr zu, da ich niemals in meinem Leben auch nicht des mindesten Verbrechens beklagt, sondern beständig in meinem Vaterland als ein Bürger von unsträflichem Wandel geachtet worden bin, der jederzeit ein reines, unbeflecktes Gewissen jeglichem Gewinn vorgezogen hat. Auch kann ich bis jetzt nicht begreifen, wie ich durch die allergerechteste Rache von der Welt an so abscheulichen Banditen mein Leben sollte verwirkt haben? Kann doch niemand beweisen, daß Privatfeindschaft zwischen uns gewaltet, noch daß mir überhaupt dieses Gesindel nur bekannt gewesen! Kann doch niemand auch nur einen Strohhalm hervorzeigen, den zu besitzen ich eine solche Mordtat begangen haben möchte!«

Nach dieser Rede flossen meine Tränen aufs neue, und mit ausgestreckten Händen bat ich gar tragisch bald diese, bald jene um der allgemeinen Menschenliebe willen, um ihrer Kinder willen, sich meiner zu erbarmen. Bereits sollte nach meinem Bedünken jedes Herz gebrochen und genugsam zu Tränen gerührt sein. Ich rufe also das Auge der Sonne und der Gerechtigkeit zu Zeugen an und befehle mit möglichstem Pathos meine Sache der göttlichen Vorsehung.

Allein, indem ich dabei meine Augen aufschlage, seh' ich das ganze Volk im herzlichsten Gelächter begriffen und mitten drunter meinen teuren Gastfreund Milo sich ganz vor Lachen ausschütten.

>Da sieht man<, sprach ich betroffen und stillschweigend bei mir selbst, >da sieht man heutige Freundschaft und Dankbarkeit! Du gutwilliger Tropf machst dich, deinem Wirte das Leben zu retten, zum Mörder und läßt dich auf den Tod anklagen, und er, nicht zufrieden, dir weder Trost noch Hilfe zu verschaffen, lacht sich noch scheckig über deinen Untergang!<

Indem kommt ein Weib in Trauer mit einem kleinen Kind auf dem Arm heulend und schreiend übers Theater gerannt und hinter ihr her noch eine alte Runkunkel im jämmerlichsten Aufzug von der Welt und mit einem ebenso kläglichen Geschrei, beide Ölzweige in den Händen. Sie stellen sich um das Bett, auf dem die Leichen der Erschlagenen zugedeckt lagen, und erheben ein erbärmlich Geschrei und Wehklagen.

»Bei dem Mitleid, das Bürger von Bürgern, bei dem Rechte, das Mensch von Menschen fordern darf«, riefen sie, »habt Barmherzigkeit mit diesen so schändlich ermordeten Jünglingen und schenkt uns armen betrübten Witwen den Trost der Rache! Zum wenigsten steht dieser unglücklichen Waise bei, die so beim Eintritt ins Leben aller Hilfe beraubt worden, und vergießt das Blut dieses Mörders zur Aufrechterhaltung eurer heiligen Gesetze und zur Steuer aller bösen Zucht!«

Hierauf erhob sich der Älteste unter den Magistratspersonen und sprach folgendermaßen zum Volke: »Allerdings liegt uns ob, dieses Verbrechen, welches der Missetäter selbst nicht zu leugnen vermag, auf das allerschärfste zu ahnden. Inzwischen können wir nicht dazu schreiten, bevor wir nicht hinter die Mitgenossen dieser Schandtat gekommen sind. Wahrscheinlich ist es nicht, daß ein einzelner Mensch allein drei so handfesteJünglirge umgebracht habe. Also, die Wahrheit herauszubringen, müssen wir zur Tortur erkennen. Denn da der Bursche, welchen der Missetäter bei sich gehabt, heimlich davongelaufen, so tut es not, ihn selbst auf der Folter seine Gehilfen bekennen zu lassen, damit wir die ganze Räuberbande mit einmal vertilgen und fernerhin davon nicht in Furcht stehen dürfen!«

Unverzüglich werden mir nach griechischem Brauch Feuer, Rad und allerlei Geißeln vorgelegt. Ich wollte im Leide vergehen, daß ich nicht einmal mit heiler Haut sterben sollte. Allein das Weib, das mit seinem Geheul alles weichherzig gemacht hatte, sprach: »Bevor ihr, beste Bürger, diesen Straßenräuber, diesen Mörder meiner unglücklichen Kinder an das Kreuz schlagt, so gestattet mir, die Leichen der Erschlagenen aufzudecken, damit ihr, durch Betrachtung ihrer Gestalt und ihres Alters je mehr und mehr zu einem rechtmäßigen Unwillen gereizt, eure Strenge desto genauer nach der Größe der Missetat abmessen möget!«

Allgemeiner Beifall wird dem Vorschlage zugeklatscht, und der alte Ratsherr befiehlt mir auf der Stelle, selber mit eigener Hand die hingestellten Leichen aufzudecken. Ich weigerte mich mit aller Macht. Ich wollte schlechterdings mcht durch Vorzeigen der Erschlagenen die Anwesenden noch mehr gegen mich erbittern und aufbringen.

Allein auf des Magistrats Geheiß packen Stadtknechte mich an, strecken mir den Arm, mit dem ich nach der Bahre hin stand und den ich fest an den Leib angeklemmt hatte, gewaltsam aus und führen ihn trotz allem Widerstreben auf die Leichen. Überwältigt, schicke ich mich endlich in die Not, fasse widerwillig das Tuch und reiße es von den toten Körpern herunter. Allmächtige Götter, welch ein Anblick! Welch ein Wunder! Welcher schleunige Wechsel meines Schicksals! Denn, war ich bereits ein Raub des Todes, war ich nicht mehr unter die Lebendigen zu zählen, so war auch im Nu alles, alles um gekehrt! Worte fehlen mir, den Grund dieser sonderbaren Erschei nung zu erzählen. Genug,j ene Leichen der erschlagenen Jünglinge waren nichts anderes denn - drei aufgeblasene Schläuche, die verschiedentlich und, wie ich mich noch ganz wohl aus dem gestrigen Gefecht erinnern konnte, gerade da durchstochen waren, wo ich die Straßenräuber verwundet hatte.

Das Lachen, welches man bisher aus Schalkheit verbissen hatte, brach nunmehr frei und allgemein aus. Die Freude war ohne Grenzen. Die einen gackerten vor Vergnügen, die andern hielten sich vor Lachen den Bauch. Kurz, alle insgesamt gingen höchst vergnügt aus dem Theater heraus, das Gesicht immer rücklings nach mir hingekehrt. Aber ich - ich blieb von dem Augenblick an, da ich das Leichentuch berührt, dornsteif und eiskalt wie eine von den Statuen oder Säulen des Theaters auf demselben Flecke stehen. Ich kam nicht eher wieder zu mir, bis mein Wirt Milo mich anfaßte und, alles meines Weigerns ungeachtet, mit freundlicher Gewalt mit sich fortriß. Die Tränen stürzten mir heftig die Backen hinunter, und ich schluchzte aus allen Tiefen. Milo vermied alle volkreichen Straßen mit mir und führte mich durch lauter entlegene Gäßchen nach Hause. Unterwegs ließ er es an keinerlei Zuspruch mangeln, um mich zu trösten. Aber das war umsonst. Ich zitterte am ganzen Leibe und konnte mich schlechterdings nicht zufriedengeben, das Gefühl der mir angetanen Schmach war zu tief in das Innere meiner Seele gedrungen.

Nach einer Weile kam selbst der Magistrat mit all seinen Insignien zu uns ins Haus und suchte mich durch folgende Worte zu besänftigen: »Ihr Stand, Herr Lucius, und Ihre Familie sind uns allen sehr wohl bekannt, da sowohl hier als in der ganzen Provinz Ihr vornehmes Geschlecht höchst ausgebreitet ist. Was Ihnen also jetzt widerfahren und Sie so außerordentlich schmerzt, ist Ihnen sicherlich nicht zum Schimpf von uns angetan worden. Lassen Sie Ihre Betrübnis darüber fahren und vertreiben Sie den Gram aus Ihrem Herzen. Alles war nur ein Scherz zu Ehren unsers holdseligen Gottes des Lachens, dessen Fest wir bei jährlicher Wiederkehr jedesmal durch eine neue lustige Erfindung feiern. Es wird sich dieser Gott dafür allewege Ihnen dankbar erzeigen. Von nun an wird er Ihnen beständig seinen wohlgefälligen Schutz angedeihen lassen, jegliche Traurigkeit von Ihnen entfernen und stete Fröhlichkeit auf Ihre Stirn lagern. Unsere Stadt aber entbietet Ihnen, aus Erkenntlichkeit für die ihr erwiesene Gunst, ihre höchste Verehrung. Sie erklärt Sie zu ihrem Schutzpatron und will Ihnen eine eherne Bildsäule errichten.« Hierauf antwortete ich, ich erwiderte Thessaliens hochlöblicher Hauptstadt den gebührendsten Dank für die große Ehre, die sie mir anzutun gesonnen sei. Indessen mein Rat wäre, sie behielte lieber für verdientere und größere Männer, als ich wäre, Schutzpatronat und Bildsäulen auf.

Nach diesem glimpflichen Kompliment, das ich mit einem freundlichen Lächeln begleitete, stellte ich mich so vergnügt, als ich nur konnte, und als der Magistrat endlich wieder wegging, nahm ich von ihm mit der größten Höflichkeit und Ehrerbietung Abschied.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .