Aussagen eines antiken Romans über eine besondere Belagerungstechnik. Aus: Heliodor, Aithiopika, Buch 9.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Heliodor, Aithiopica. Roman. Ins Deutsche übertragen von Horst Gasse, (Leipzig 1957) Karlsruhe 1985, S.290 - 294.


...Als Hydaspes [scil. der Befehlshaber des Belagerungsheeres] gegen Syene vorging, hatte er gehofft, beim ersten Angriff die Stadt mitsamt ihren Mauern im Sturm nehmen zu können; doch wurde er in kurzer Zeit von ihren Verteidigern abgewiesen, die sich glänzend schlugen und ihn obendrein mit überheblichen, aufreizenden Zurufen verspotteten. Er war wütend darüber, daß sie überhaupt an Widerstand dachten und sich nicht bei der ersten Gelegenheit freiwillig unterwarfen. Darum beschloß er, mit seinem Heer nicht die Zeit bei einer gewöhnlichen Belagerung zu vertrödeln und gar nicht erst mit Belagerungsmaschinen vorzugehen, bei deren Verwendung ein Teil in Gefangenschaft geraten mochte, während ein anderer entkäme, sondern die Stadt durch eine großangelegte Aktion, bei der niemand entrinnen konnte, schnell und gründlich zu zerstören.

So ging er denn ans Werk. Er teilte den Ring um die Mauer in Abschnitte, setzte jeweils für zehn Klafter eine Gruppe von zehn Mann an und ließ sie einen Graben ziehen, dessen Breite und Tiefe er möglichst genau festlegte. Die einen gruben also, andere schaufelten den Schutt heraus, die dritten warfen mit ihm einen Damm auf und setzten der Mauer der belagerten Stadt eine zweite entgegen. Niemand suchte sie daran zu hindern oder störte sie bei der Errichtung dieser Sperrmauer; denn man wagte gegen das riesige Heer keinen Ausfall aus der Stadt und erkannte, daß das Schießen mit dem Bogen von den Mauerzinnen herab zu nichts führe. Denn Hydaspes hatte wohlweislich auch daran gedacht und den Zwischenraum zwischen beiden Mauern so bemessen, daß die Leute beim Arbeiten außer Schußweite waren. Als er den Sperrdamm unerhört schnell fertiggestellt hatte, da ihm dabei unzählige Hände zur Verfügung standen, ging er an eine neue Aufgabe. Ein Stück des Mauerrings in einer Breite von etwa einem halben Plethron hatte er in ebenem Zustand ohne Wall gelassen. Dort ließ er von den beiden Enden des Dammes aus schenkelartig sich anschließende Seitenwälle errichten, die er bis zum Nil hinzog, so daß sie von der tiefer gelegenen Ebene immer weiter zu dessen hoher Böschung aufstiegen. Das ganze Bauwerk, das durchweg eine Breite von einem halben Plethron aufwies und die Strecke von Syene bis zum Nil umfaßte, erinnerte an »lange Mauern«. Als der Wall die Böschung des Flusses erreicht hatte, ließ er diese durchstechen und leitete so das hereinströmende Wasser in den von den Wällen umschlossenen Graben. In dem Maße, wie sich die Flut von oben nach unten aus dem ungeheuer breiten Nil in das enge Bett des Kanals ergoß und von den künstlich errichteten Dämmen zusammengepreßt wurde, entstand an der Stelle, wo sie einströmte, ein gewaltiges, unbeschreibliches Tosen, das sich im Kanal fortsetzte, so daß man es auch in sehr weiter Ferne hören mußte. Als es die Menschen in Syene vernahmen, ja die Flut bereits mit eigenen Augen sahen, begriffen sie ihre Notlage und den Zweck der Ummauerung, sie der Gewalt des Wassers preiszugeben. Da sie aus der Stadt nicht entkommen konnten, weil ihnen der Wall und die schon andringenden Wassermassen den Weg versperrten und, wie sie einsahen, ein ungefährdetes Bleiben unmöglich war, suchten sie sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen. Zuerst dichteten sie die Spalten der Verschläge an den Toren mit Werg und Pech ab, dann sicherten sie die Mauern durch Abstützen. Zu diesem Zweck brachte der eine Erde, ein anderer Steine, ein dritter Holz, kurz jeder, was ihm gerade zur Hand war, herbei. Keiner schloß sich aus, Weib, Kind und Greis gingen gleichermaßen an die Arbeit; denn die Gefahr Leibes und Lebens macht weder vor dem Geschlecht noch dem Alter halt. Die kräftigeren Männer aber und die unter Waffen stehende Blüte der Jugend waren dazu ausersehen, einen schmalen unterirdischen Gang von der Stadt auf den feindlichen Wall hin zu graben.

Folgendermaßen nahm man die Arbeit in Angriff. Nahe der Mauer legten sie senkrecht einen etwa fünf Klafter tiefen Schacht an, gingen dann in die Erde hin: ein und trieben von da aus bei dem Scheine von Fackeln abgeschrägt eine Mine gerade auf den Wall zu Dabei gaben immer die Vordermänner an ihre Hintermänner und die darauf folgenden Mannschaften in einer Reihe die ausgeworfene Erde weiter, schafften sie in einen Teil der Stadt, der schon lange zum Gartenbau verwandt wurde, und schütteten damit einen Hügel auf. Sie taten das in der Absicht, dem Wasser eine Möglichkeit zu geben, durch den leeren Gang abzufließen. Doch das Unheil war schneller da, als es ihr Eifer zu bannen vermochte. Das Nilwasser war schon an den langen Seitenwällen vorbei und stieß nun mit voller Wucht in den Raum um den Mauerring, floß von allen Seiten um ihn herum und verwandelte das zwischen den Mauern liegende Land in einen See. Sogleich bildete Syene eine Insel, und um die im Binnenland gelegene Stadt floß der Nil, der dort seine Wellen schlug. Zunächst hielt die Mauer eine kurze Tagesspanne stand; als aber das andringende Wasser, das auf sie drückte, stieg, durch die Risse, die in der Sommerszeit das dunkle fruchtbare Erdreich gespalten hatten, einsickerte und den festen Grund der Mauer unterspülte, gab der Boden nunmehr unter der Belastung nach. Dort, wo er, weich geworden, zusammensackte, setzte sich auch die Mauer und verriet die drohende Gefahr durch ihr Schwanken, das die Zinnen erbeben ließ, und durch die Erschütterung, die ihre Verteidiger hin und her rüttelte.

Schon nahte der Abend, da stürzte ein Stück Mauer zwischen zwei Türmen ein; doch nicht so, daß die Trümmer unter dem Wasserstand lagen und die Flut hätten eindringen lassen, sondern sie ragten noch etwa fünf Ellen darüber hinaus. Immerhin mußte man mit der schon drohenden Uberflutung rechnen. Daraufhin hob in der Stadt ein vielstimmiges Jammern an, dasselbst zum Ohr der Feinde drang. Sie erhoben die Hände zum Himmel, riefen den Schutz der Götter an, die ihre letzte Hoffnung darstellten, und baten [den Befehlshaber der Stadtbesatzung] Oroondates, mit Hydaspes in Unterhandlungen zu treten. Er ließ sich durch ihre Vorstellungen erweichen, da er sich, wenn auch mit Widerstreben, dem Schicksal beugen mußte ....


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .