Aussagen eines antiken Romans über den Niedergang der römischen Republik und die Begründung der Herrschaft Caesars: Petronius, Satyricon 118 - 124.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus:Petronius, Satyricon. Ein römischer Schelmenroman. Übersetzt und erläutert von Harry C. Schnur, Stuttgart 1984, S. 147 - 163.


(118) Eumolpus sagte: »Viele junge Leute hat ein Gedicht irregführt; denn sobald einer einen Vers in Füße eingeteilt und einen kümmerlichen Sinn in Worte eingewoben hat, glaubt er, geradewegs den Helicon erstiegen zu haben.' So wenden sich manche nach den Mühen des Anwaltsberufes der entspannenden Ruhe der Dichtkunst zu, gleich als ob sie in den günstigeren Hafen geflüchtet seien, und glauben, es sei leichter, ein Gedicht zu konstruieren als eine von Aphorismen funkelnde Kontroverse.2 Aber ein Geist von höherem Talent liebt nicht das Triviale, noch kann der Geist empfangen oder gebären, wenn er nicht von der ausgedehntesten Kenntnis der Literatur gleichsam überflutet ist. Man muß sozusagen alle gemeinen Worte vermeiden und Ausdrücke wählen, die sich von der Sprache des Pöbels unterscheiden, damit jener Horazspruch odi profanum vulgus et arceo<3 zur Wahrheit werde. Ferner muß man zusehen, daß die Aphorismen nicht unorganisch aus dem Rest der Darstellung hervorstechen, sondern schimmern, als wären sie ins Gewand eingewebt. Das bezeugen Homer und die lyrischen Dichter und bei den Römern Vergil und die auf höchster Sorgfalt beruhende glückliche Wortwahl des Horaz. Andere nämlich haben entweder den Weg zur Poesie nicht erkannt, oder sie taten es zwar, scheuten sich aber, ihn einzuschlagen. Wenn einer daher das Riesenwerk einer Darstellung des Bürgerkrieges unternimmt und nicht mit Kenntnis der Literatur gesegnet ist, so wird er unter dieser Last zusammenbrechen. Denn nicht historische Tatsachen gilt es in Verse zu fassen - das tun Geschichtsschreiber viel besser-, sondern auf Umwegen und durch Eingreifen der Götter und mythologische Ausschmükkung des Inhalts muß der Inspiration freie Bahn gelassen werden, so daß das Werk eher als Eingebung eines verzückten Geistes erscheine denn als ein an Eides Statt und unter Beibringung von Zeugen abgegebener Tatsachenbericht; wenn ihr wollt, ungefähr in der Art dieser Improvisation, die allerdings noch nicht den letzten Schliff erhalten hat:

(119) Schon hielt siegreich der Römer den ganzen Erdkreis in Banden,
Meere beherrschend und Land, soweit die Sterne erglänzen -
Doch dies war nicht genug. Die schwerbeladenen Schiffe
furchten die See: vielleicht gäb's abgelegene Buchten
ferner Länder, die reich an Gold. Die wurden dann Feinde;
grausame Kriege ersann das Schicksal den Suchern nach Schätzen.
Schon begnügte sich nicht mit gewohnten Freuden die Menge,
kein Vergnügen gefiel, das auch der Pöbel jetzt teilte.
Selbst der Krieger ward Kenner: er pries korinthische Bronze.
Reicher als Purpur erglänzte der Schein, geschürft aus der Erde:
Hier verlockt Numidiens <Stein zu marmornen Säulen;>
unbekannte Gewebe schickt dort aus China der Serer,
und Arabiens Volk hat ganz entblößt seine Fluren.
Neue Wunden jedoch schlägt, was kaum Friede zu nennen:
tief im Forste bezahlt man mit Gold die jagdbaren Tiere;
denn Elefanten fängt man im dunkelsten Afrika. Kostbar
ist ja des Untiers Zahn: es darf beim Morden nicht fehlen.
Aus der Ferne kommt die raubtierbeladene Flotte,
und den Tiger bringt man: er schleicht in goldenem Käfig,
sich mit Menschenblut - der Pöbel beklatscht es - zu tränken.
Ach - man schämt sich zu sagen und künftiges Unheil zu künden,
wie man nach persischem Brauche den eben reifenden Knaben
wehe! die Mannheit entreißt: zur Lust hat Stahl sie verschnitten,
daß die Flucht der Jahre und Reifen zum Manne gehemmt sei -
Widernatürlich ist das. Lustknaben hält sich nun jeder,
weibisch trippelnd, in lockigem Haar, neumodischer Kleidung,
Männerbegierde zu reizen. Aus Afrika bringt man herüber
Zedertische, noch höher poliert als goldene Spiegel,
ringsum Horden von Dienern und purpurgewandete Gäste:
Das ist reizvoll. Um diesen unfruchtbaren Holztisch versammelt
liegt vom Wein überwältigte Schar. Der schweifende Kriegsmann,
Schwert in der Hand, sucht überall sich die kostbarste Nahrung.
Einfallsreich ist der Schlund: lebendig bringt man zur Tafel
aus Sizilien Fisch, man kauft lukrinische Austern -
höchster Preis wird bezahlt, um anzuregen die Eßlust.
Aller Fasanen beraubt ist Phasis: es schweigt sein Gestade,
nur die Winde, sie rascheln im Laube des einsamen Strandes.
Irrsinn wird Politik. Man kauft die Stimmen der Wähler:
wer am lautesten Zahlung verspricht, der langt sich das Stimmvieh.
Käuflich, so wie das Volk, ist selbst der Senat jetzt geworden:
Einfluß hat seinen Preis. Selbst Greise verloren, was einstmals
Altvätertugend gewesen; und wie Vermögen zerrinnen,
wechselt die führende Schicht. Es lag, vom Golde verdorben,
ganz darnieder, was einst die herrschende Klasse gewesen.
Cato verwirft der Pöbel: ein trister Geselle wird Sieger.
Schändlich ist es, daß der einem Cato die Faszes entrissen.
Denn - dies beweist der Sitten Verfall und die Schande des Volkes -
nicht ein Mann verlor diese Wahl: hier wurde geschlagen
Roms Ansehen und Macht. So tief war Roma gesunken,
daß sie zu kaufen war, doch niemand wollte sie haben.
Es erstickte das niedere Volk in zwiefachem Sumpfe:
Wucher zog es hinunter und alles verschlingende Schulden:
Sicher war keinem sein Haus, denn Pfänder schuldete jeder,
so wie schleichender Krebs erst still sich im Innern entwickelt,
ganz dann den Körper ergreift: in allen Gliedern nun wütet
rasender Schmerz, und es brüllt der Leidende. Waffen ergreift man:
was der Luxus vertan, soll Blutvergießen ersetzen.
Wer nichts hat, der kann sich jegliche Untat erlauben.
Rom, in diesem Schmutze, in diesem Schlafe versunken-
konnte Vernunft es heilen? Nur eines gab es: des Krieges
Rasen und wütende Lust, das Toben entfesselten Schwertes.
(120) Schicksal brachte drei Führer hervor. Die grause Enyo
hat sie, fern voneinander, in Krieg und Waffen begraben.
Crassus ist Beute des Parthers; in Libyens Wüste liegt Magnus,
Rom, das undankbare, benetzte Caesar im Blute.
Und, als könnte ein Land so viele Gräber nicht bergen,
ist ihre Asche verstreut. Dies ist die Ehrung des Ruhmes.
Zwischen Parthenope und des großen Dikarchis Feldmark
klafft eines Abgrunds Schlucht; Cocytuswelle durchfließt ihn.
Giftiger Dunst steigt auf und wütet weit durch die Lande:
nicht begrünt sich im Herbste das Land, kein Gras und kein Kräutlein
bringt die Feldflur hervor. Nicht hallt im Frühling von Vögeln
süß in Büschen der schrille Gesang: nur Chaos von Felsen,
schwarzes Gestein liegt dort, von Grabzypressen umgeben.
Dort hebt Vater Pluto sein Haupt, von Flammen umlodert
und mit Asche bedeckt, die Scheiterhaufen entflogen;
sprach, die flücht'ge Fortuna herauszufordern, die Worte:
>Schicksal, mächtiger Lenker, der Menschen und Götter Beherrscher,
nie behagt es dir, wenn zu sicher sich Mächtiges wähnet,
immer liebst du das Neue und schnell verwirfst du Gehabtes:
bist du besiegt jetzt wohl durch Roms gewichtige Herrschaft?
Kannst aufrühren wohl nicht die Wucht, obwohl sie vergänglich?
Ihre eigene Macht ist verhaßt der römischen Jugend:
was sie gebaut, hält kaum sie aufrecht. Siehe, wie weithin
Luxus Errafftes zerstört, Vermögen sich blindlings vernichten.
Goldene Häuser erbaut man, die hoch zu den Sternen sich heben,
steinerner Bau treibt Fluten zurück, das Feld wird zum Meere,
alles vertauschet den Platz und widersetzt sich der Ordnung.
Selbst mein Reich greift man an: tief untergräbt man die Erde,
ausgeschachtet erstöhnt der Berg - zu nichtigem Tande
wird sein Marmor gebraucht -, daß selbst die Schatten der Toten
hoffen können, aufs neue den Himmel zu sehen. Fortuna,
auf denn! Wandle zum Streit dein jetzt so friedliches Antlitz!
Treibe die Römer zu blutigem Zwist: mir fehlt es an Leichen.
Lang schon schlürfte mein Mund kein Blut; nicht hat sich im Blute
meine Tisiphone die dorrenden Glieder gebadet,
seit sich Sullas Schwert dran satt getrunken, und Erde
schaudernd Früchte getragen, getränkt mit menschlichem Blute.<
(121) Sprachs; und als er versuchte, der Göttin die Rechte zu reichen,
barst die Erde entzwei: es klaffte gähnender Abgrund.
Leichthin gab Fortuna ihm dies zur Antwort und sagte:
>Vater, der du gebietest dem innersten Schlund des Cocytus,
ist's mir füglich verstattet, schon jetzt zu künden die Zukunft,
so erfüllt sich dein Wunsch. Nicht minder wütet der Zorn mir
tief in der Brust, mein Mark versengt nicht mindere Flamme.
Was ich den Hügeln Roms einst spendete, ist mir verhaßt jetzt,
zürne den eigenen Gaben. Es soll der Gott es vernichten,
der es erbaut. Es lüstet mein Herz nach brennenden Leichen,
sättigen will es sich jetzt an maßlos vergossenem Blute.
Ja, schon seh ich Philippi, das zweimal leichenbedeckte,
Scheiterhaufen Thessaliens, Gräber der spanischen Stämme,
Libyens auch: ich höre das Stöhnen von Lagern am Nile,
Actiums Bucht wehklagt, von Apollos Waffen geängstigt.
Laut hallt Waffengeklirr schon durch die bebenden Lüfte.
Auf drum! Offne dein Reich, die lang schon dürstenden Lande,
rufe dir Seelen hinunter aufs neu: kaum kann sie der Ferge
übersetzen im Kahn, die Schatten gefallener Männer:
einer Flotte bedarf's. Du, bleiche Tisiphone, sätt'ge
dich an diesem Gemetzel und nage Verwundeter Glieder:
ganz zerfleischt sinkt nieder die Welt zu stygischen Schatten.<
(122) Kaum war die Rede beendet, da spaltete zuckender Blitzstrahl
Wolken; mit Donnergetöse entwichen dem Innern die Flammen.
Es verbarg sich der Schattenbeherrscher im Schutze der Erde,
bleich vor Schrecken, da sich des Bruders Keile ihm nahten.
Künftiges Morden und Unheil verkündeten göttliche Zeichen;
denn mit blutig entstelltem Gesicht verbarg sich die Sonne
tief in finsterer Nacht, als hätt' sie jetzt schon der Bürger
Heere, zum Brudermorde bereit, vorahnend erblicket.
Cynthia aber verlöschte ihr volles Antlitz, als wollte
Licht sie der Untat verweigern. Es barsten dröhnend der Berge
Gipfel und rollten herab; es quollen über die Ströme
und verließen ihr früheres Bett mit irrenden Fluten.
Wütende Waffen erklirrten am Himmel; des Krieges Drommete
schmetterte hoch zu den Sternen, und schon erblinken am Ätna
Feuer, wie nie man gesehn: er schleudert Blitze zum Himmel.
Zwischen den Gräbern, siehe, und unbestatteten Knochen
heulen die Schatten gespenstische Drohung. Kometen am Himmel,
nie gesehene Sterne, verbreiten überall Brände,
und in blutigem Regen steigt Jupiter nieder zur Erde.
Kurz nur warnte der Gott: nicht länger zauderte Caesar,
sondern, unwiderstehlich vom Durst nach Rache getrieben,
legte die gallischen nieder, erhob er des Bürgerkriegs Waffen.
In den ragenden Alpen, die griechischer Gott einst betreten -
wo die Schroffen sich senken hinab und Zugang gestatten,
steht ein Herkules heil'ger Altar. Im Froste des Winters
wehrt dort Zutritt der Schnee; zum Himmel ragen die Firne,
Himmel und Erde erscheinen hier eins; nicht taut hier die Sonne
selbst im Zenit den Schnee, nicht sanftes Wehen des Frühlings,
sondern alles ist Eis, erstarrt in Kälte des Winters -
wohl den Erdkreis trügen die riesigen Schultern des Berges.
Caesar jedoch erklomm mit williger Mannschaft die Hänge,
schlug ein Lager dort auf. Dann blickt' er vom Gipfel des Berges
weit in Hesperiens Land. Zum Himmel Antlitz und Hände
hub er empor und sprach: >Allmächtiger Jupiter, du auch,
Land Saturns, das so oft der Sieg meiner Waffen beglückte:
ihr seid Zeugen, daß Mars zum Kampfe mich ruft, nicht mein Wille;
ungern greif ich zum Schwert, doch zwingt mich erlittenes Unrecht.
Mich vertrieb man aus Rom, obwohl mit Gallierblute -
wieder bedroht war Roms Kapitol -, den Rheinstrom ich färbte,
warf sie zurück von den Alpen, doch ward, da ich siegte, verstoßen.
Daß ich unzählige Male Germanen besiegte - zum Schuld'gen
machte mich das. Wer sind aber die, die schreckt meine Größe?
Wen bedroh ich mit Krieg? Nur Söldner, feiles Gesindel,
glauben dieses: es sind nicht Romas wirkliche Söhne.
Doch ich meine, es soll sie gereuen: nicht wird meine Rechte
fesseln der Feigling. So geht, ihr Sieger im wütenden Streite,
kommt, Kameraden, mit mir: Fürsprecher seid mit dem Stahle!
Angeklagt sind wir ja alle zusammen, uns alle bedroht ja
eine Vernichtung zugleich. Heut muß den Dank ich euch zollen:
nicht allein ja hab ich gesiegt. Da unsre Trophäen
Strafe bedroht und Sieg mit Trauerkleidung belohnt ward,
falle der Würfel; es richte das Glück. Auf, ziehet zum Kampfe,
und erprobt euch im Streit. Ich habe mein Recht schon gewonnen:
nicht verlieren kann ich, bewaffnet, von Helden umgeben.<
Donnernd rief er's: am Himmel erschien der Falke Apollos,
Künder künftigen Sieges, im Fluge die Lüfte durcheilend.
Auch im heiligen Hain zur Linken erschollen jetzt Stimmen,
nie noch gehört; und Leuchten von Flammen war ihnen gesellet.
Selbst die Scheibe der Sonne erstrahlte heller als vormals,
und mit goldenem Glanze umkränzte Phoebus sein Antlitz.
(123) Caesar erhob die Standarten, bestärkt durch günstige Omen,
führte den kühnen Zug, noch ehe der Gegner ihn ahnte.
Erst hielt stand noch das Eis, und der schneebelastete Boden
bot kein Hindernis dar: sanft ruhte gefrorene Erde.
Aber sobald das Gewicht der Reiter die Decke zerstampfte,
brachen die scheuenden Pferde durchs Eis; frei wurden die Wasser,
und es taute der Schnee. Soeben geborene Bäche
stürzten von Bergen herab: auch sie, erstarrend im Banne,
wurden im Fallen selber zu Eis; was eben noch flüssig,
mußte zerhacken man nun, und tückisch brachte ins Gleiten
Glatteis den Fuß. In kläglichen Haufen sah Rosse und Reiter,
Waffen und Rüstzeug zugleich, man liegen in wilder Verwirrung.
Eisige Winde entluden den Schnee aus Wolken; im Sturme
wirbelten Schloßen des Hagels herab, und die Fetzen der Wolken
deckten die Waffen mit Fluten von Eis, wie Wogen des Meeres.
Unermeßlicher Schnee besiegte die Erde und Sterne,
Schnee die Ströme: sie starrten, besiegt, im eigenen Bette.
Caesar jedoch hielt stand; auf lange Lanze sich stützend,
bahnt' er mit sicherem Schritt sich den Weg durch grausige Gletscher,
so wie Herkules einst vom steilen Kaukasus eilte
oder wie Zeus mit grimmigem Blick vom hohen Olympus
sprang, mit Tod und Verderben der Riesen Waffen zerschmetternd.
Während Caesar zürnend die trotzigen Hänge bewältigt,
schwingt sich gefiedert Gerücht zum palatinischen Gipfel,
Rom erschreckend mit donnerndem Hall: >Es dräuen Standarten,
Flotten schon nahen zur See, es wimmeln die Alpen von Truppen,
noch mit Blut der Germanen bedeckt.< Die Greuel des Krieges,
Waffen, Gemetzel und Blut und Sengen und Brennen erblickt man,
Panik ergreift die Herzen, es treibt sie zwiefacher Schrecken:
manche entfliehen zu Lande, auf See suchen andere Rettung,
sicherer scheint schon das Meer als die Heimat. Mancher jedoch will
Glück der Waffen erproben, sich fügend dem Spruche des Schicksals.
Voller Entsetzen verläßt das Volk - erbärmlicher Anblick! -
planlos nunmehr die Stadt, von panischem Schrecken getrieben.
Rom ergibt sich der Flucht: die feigen Bürger besiegte
bloßes Gerücht, so daß sie die trauernden Häuser verlassen.
Jener führt Kinder mit zitternder Hand; im Busen birgt dieser
seines Hauses Penaten und weint, die Heimat verlassend:
könnten Flüche erschlagen den Feind, den fernen, er stürbe.
Manche drücken zum Abschied ans Herz die schluchzende Gattin;
Jünglinge tragen auf Schultern, die nicht an Lasten gewohnt sind,
greise Väter und Mütter; es schleppen mit sich auch Toren
alles, was sie besitzen - bald wird's zur Beute im Kriege.
Wie entfesselter Südsturm erregt die Wogen des Meeres -
Rahen und Ruder versagen dem Seemann; es reffen die Segel
diese, es streben jene nach ruhigem, sicherem Hafen,
andere fliehn vor dem Sturm mit vollen Segeln und geben
alles dem Schicksal anheim - doch was betraur' ich Geringes?
Er, der Große, gesellt den beiden Konsuln; der Schrecken,
er, des Pontus einst, der drang zum wilden Hydaspes;
er, der Fels, an dem Piratenflotten zerschellten;
er, vor dem, so schien's, selbst Jupiter vormals erbebte,
da er, siegreich stets, dreimal Triumphe gefeiert;
er, dem besiegt sich einst gefügt die Welle des Meeres,
den die See verehrte als Bosporusflutenbezwinger,
er (o Schande!) gab auf den leeren Titel des Herrschers
und entfloh. Das Geschick erblickte, was keiner gesehen:
seinen Rücken zeigte zuerst jetzt Magnus dem Feinde.
(124) Solche Schande ergriff nun auch die Hoheit der Götter.
Unruhig wurde der Himmel, entsprechend der Unrast auf Erden.
Drum verließen die Götter, die vormals gütig gewesen,
jetzt die Erde, verfolgend die Welt mit wütendem Hasse,
fluchten den Menschen und wandten sich ab von feindlichen Heeren.
Frieden zuerst schlägt schmerzvoll die Brust mit schneeigen Armen,
dann verbirgt sie ihr Haupt, das besiegte, mit schirmendem Helme,
und, entweichend der Erde, sucht Schutz sie nunmehr und Zuflucht
drunten tief im Reiche des unerbittlichen Hades.
Treue, die sanfte, sie flüchtet mit ihr und mit flatternden Haaren.
die Gerechtigkeit auch und im Trauergewande die Eintracht.
Aber die Hölle klafft auf, entsendend weit durch die Lande
teuflische Schar: die grause Erinys mit Schlangen als Haaren,
dräuende Göttin des Kriegs, Bellona, Megaera mit Fackeln,
Tod und Tücke zugleich und fahle Maske des Todes.
Irrsinn, gleich als hätte gesprengt er jetzt seine Fesseln,
hebt unter ihnen sein blutiges Haupt: sein tausendfach wundes
Antlitz birgt er im Helm, benetzt von strömendem Blute.
Hält in der Linken den Schild des Mars, zerhauen im Streite,
den zahllose Geschosse, noch in ihm haftend, beschweren;
aber es schwingt die Rechte die brennende Fackel des Krieges,
und das lohende Scheit droht Sengen und Brennen den Landen.
Erde, sie fühlt Dämonengewicht; es schwanken die
Sterne, suchend ihr Ebengewicht, denn auch die himmlischen
Scharen sind in Parteien verteilt. Als erste lenket Dione
ihres Caesars Waffen; mit ihr kommt Pallas Athene,
und es schwingt der Sprosse des Mars die riesige Lanze.
Magnus jedoch ist Phoebus gesellt und die Schwester des Phoebus,
auch der Gott, der einst am Berg Cyllene geboren,
Herkules auch, der Held von Tiryns, Göttern vergleichbar.
Schmetternd tönte die Tuba: mit wirren Haaren hub Zwietracht
hoch zum Himmel ihr höllisches Haupt. Ihr gräßliches Antlitz
deckte geronnenes Blut, und es triefen die tränenden Augen,
Geifer entfloß ihrer Zunge und Schlangen umringeln ihr Antlitz
Zähne fletscht sie, entstellt von widerwärtiger Fäulnis.
Ein zerschlissen Gewand bedeckte die hängenden Brüste,
und mit zitternder Hand schwang hoch sie die blutige Fackel.
Als sie des Tartarus Dunkel und den Cocytus verlassen,
hub sie sich auf und erklomm die Höhen des Appenninus,
daß sie alle Lande von dort und Gestade erspähe
und die Heere, die jetzt den ganzen Erdkreis umbranden.
Aus der rasenden Brust erschollen nunmehr die Worte:
>Greift, vom Wahne entflammt, jetzt zu den Waffen, ihr Völker,
nehmt die Fackeln und schmeißt sie mitten hinein in die Städte!
Wer sich verbirgt, den erschlagt! Zurück jetzt stehen nicht Frauen,
nicht die Knaben und nicht die Greise im trostlosen Alter;
Erde, erbebe du selbst - Ruinen, erhebt euch zum Streite!
Du, Marcellus, bewahre das Recht; doch, Curio, wiegle
du den Pöbel jetzt auf; du, Lentulus, treibe zum Kampfe.
Göttlicher, zögerst du noch, obschon du waffengerüstet?
Willst nicht Tore erbrechen und schleifen die Mauern der Städte,
willst du Schätze nicht rauben? Und kannst du, Magnus, die Höhen
Roms nicht schirmen, so suche du auf Dyrrhachium Wälle,
um mit Römerblute Thessaliens Buchten zu färben!<
Und auf Erden geschah's, so wie die Zwietracht geboten.«

Als Eumolpus dies Gedicht mit ungeheurem Pathos von sich gegeben hatte, betraten wir endlich Croton. ....


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .