Die Aussagen eines antiken Historikers und Biographen über die Göttlichkeit Alexanders des Großen: Plutarch, Alexander 26 - 28.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Plutarch, Alexander - Caesar. Übersetzt und herausgegeben von Marion Giebel, Stuttgart 2001, S. 37 - 41.


26. ... [Alexander unternahm, nachdem er in Ägypten einmarschiert war und die strategisch günstig gelegene Stadt Alexandria an der kanobischen Nilmündung gegründet hatte] einen Zug zum Orakel des Ammon. Der Weg dorthin war weit, voller Mühsal und Beschwerden und in zweifacher Hinsicht sehr gefahrvoll. Einmal gibt es kaum Wasser dort, wodurch das Land mehrere Tagereisen weit zur Wüste wird, und dann besteht die Gefahr, daß ein heftiger Südsturm die Reisenden im tiefen, unwegsamen Sand überfällt. Ein solcher Sandsturm soll den Berichten zufolge einstmals das Heer des Kambyses mit 50000 Mann überschüttet und vernichtet haben, indem der Sturm hohe Sanddünen aufwarf und die ganze Ebene mit Sandwellen bedeckte?' Diese Gefahren standen nahezu jedermann vor Augen, aber Alexander von einem einmal gefaßten Plan abzubringen war so gut wie unmöglich. Denn da das Glück seine Unternehmungen immer begünstigte, verlieh es seinen Entschlüssen die innere Sicherheit, und sein feuriger Tatendrang trieb ihn in seiner Ruhmbegierde bis zum Äußersten, so daß er, im Glauben, unbesiegbar zu sein, sogar Raum und Zeit sich untertan machen wollte.

27. Bei diesem Zug damals fand jedenfalls die Hilfe, die Alexander in seinen Nöten zuteil wurde, in ihrem göttlichen Ursprung mehr Glauben als die späteren Orakel, man glaubte gewissermaßen dieser Hilfe wegen dann an die Orakel. Denn zunächst sandte der Himmel starken, anhaltenden Regen. Er bannte die Gefahr des Verdurstens und kühlte den trockenheißen Sand ab, der angefeuchtet wurde und dadurch eine fest zusammenhängende Masse bildete. Als Folge davon wurde auch die Luft reiner und besser zum Atmen. Ferner waren zwar die Wegemarkierungen, nach denen sich die Führer zu richten pflegten, verschüttet, und die Karawane zog daher in ihrer Unkenntnis ziellos umher und zerstreute sich, aber plötzlich erschienen Raben und übernahmen die Führung des Zuges. Sie flogen rasch voraus, wenn die Reisenden folgten, warteten aber, wenn diese zurückblieben und langsamer wurden. Das Wunderbarste dabei aber war folgendes, wie Kallisthenes berichtet:" Durch ihr Schreien und Krächzen riefen sie in der Nacht die Verirrten auf den rechten Weg zurück.

Nach dem Marsch durch die Wüste kam Alexander endlich an dem Orakelort an, und der Oberpriester des Ammon hieß ihn im Namen des Gottes als seines Vaters willkommen. Alexander aber richtete die Frage an ihn, ob keiner der Mörder seines Vaters seiner Strafe entgangen sei. Der Oberpriester hieß ihn darauf, sorgfältiger in der Wahl seiner Worte zu sein, er habe keinen sterblichen Vater. Da drückte sich Alexander anders aus, er fragte, ob alle Mörder Philipps ihre Strafe gefunden hätten. Dann fragte er nach der Herrschaft, ob der Gott es ihm gewähre, Herrscher über alle Menschen zu sein. Der Gott gab zur Antwort, dies werde ihm zuteil werden, und Philipp habe ausreichende Sühne erhalten. Darauf brachte Alexander dem Gott herrliche Weihgeschenke dar und beschenkte die Menschen dort mit Geld.

So lauten die meisten Berichte über die Orakel. Alexander selbst schreibt in einem Brief an seine Mutter, er habe einige geheime Weissagungen erhalten, die er ihr ganz allein bei seiner Rückkehr mitteilen wolle. Einige berichten hingegen, der Oberpriester habe Alexander auf griechisch mit der freundlichen Anrede »Liebes Kind« begrüßen wollen, habe sich aber als Nichtgrieche mit dem s vertan, indem er ein s statt eines n gebrauchte und so gesagt hätte: »0 Paidios«61, und dieser Lapsus sei Alexander sehr willkommen gewesen; es habe sich daraufhin das Gerücht verbreitet, Alexander sei von dem Gott als Sohn des Zeus angeredet worden. Es heißt auch, Alexander habe in Ägypten den Philosophen Psammon gehört, und von dessen Vortrag habe der Satz seine besondere Billigung gefunden, daß alle Menschen vom Gott regiert würden, denn das herrschende und leitende Prinzip in jedem Menschen sei göttlichen Ursprungs. Er habe diesen philosophischen Gedanken noch weiter ausgesponnen und gesagt, Gott sei zwar der gemeinsame Vater aller Menschen, aber er mache doch die Besten zu seinen eigentlichen Kindern.

28. Im allgemeinen trat er den Barbaren sehr stolz gegenüber und ganz durchdrungen von seiner göttlichen Abkunft und Gotteskindschaft, bei den Griechen aber zeigte er mehr Maß und Zurückhaltung in seinem Anspruch auf Göttlichkeit. Nur einmal schrieb er wegen Samos an die Athener: »Ich für meine Person hätte euch ja diese freie und ruhmreiche Stadt nicht gegeben. Nun behaltet sie aber, ihr habt sie ja von dem damaligen Herrscher erhalten, den man meinen Vater nennt«, womit er den Philipp meinte. Als er aber später von einem Pfeil getroffen und verwundet war und heftige Schmerzen litt, sagte er: »Was da fließt, ist Blut und nicht Saft, wie er lauter fließt in den Adern der seligen Götter «

Als es einmal gewaltig donnerte und alle erschrocken waren, sagte der gerade anwesende Philosoph Anaxarchos zu Alexander: »Das war doch nicht etwa dein Werk, Sohn des Zeus?« Und Alexander antwortete lachend: »Nein, ich will meinen Freunden keine Furcht einjagen, wie du das von mir gerne hättest. Denn du machst geringschätzige Bemerkungen über meine Tafel, weil du auf den Tischen Fische und keine Köpfe von Satrapen siehst.« Tatsächlich soll sich Anaxarchos einmal, als der König dem Hephaistion ein Gericht kleiner Fische zugesandt hatte, in der erwähnten Weise darüber geäußert haben. Er wollte damit Hohn und Spott über iejenigen ausgießen, die unter ungeheuren Mühen und Gefahren glänzendem Ruhm nachjagen, aber anderen im Vergnügen oder Genuß wenig oder gar nichts voraushaben.

Jedenfalls ist aus dem hier Berichteten der sichere Schluß zu ziehen, daß Alexander im Grunde von seiner Göttlichkeit weder überzeugt noch gar verblendet war, sondern sich durch den Ruf davon lediglich eine größere Macht über die anderen verschaffen wollte.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .