Die Aussagen über die 'göttliche Abkunft des Makedonenkönigs Alexander' einer in die nachantiken Epochen überlieferten antiken romanartigen Erzählung. Aus der 'Vita Alexandri' in der mittelalterlichen, lateinischen Fassung des Leo, Vorwort und Kap. 1 - 11.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Historie von Alexander dem Großen. Übersetzung aus dem Mittellateinischen, Nachwort und Anmerkungen von Wolfgang Kirsch, (Leipzig 1975) Frankfurt M. 1984, S. 7 - 16.


Vorwort

[ Leo hatte seiner Übersetzung nach einigen Handschriften die folgenden Absätze 1 und 2 eines Vorworts vorangestellt; sie sind von dem Bearbeiter der hier überwiegend zugrundegelegten Handschrift 'I 1', die nur Absatz 3 des Vorworts enthält , weggelassen worden:

(1) Von den Kämpfen und Siegen hervorragender Ungläubiger aus der Zeit vor Christi Geburt zu lesen und zu vernehmen ist, wiewohl diese Männer ja Heiden waren, für alle Christen - geistliche Würdenträger wie Untergebene, also Weltliche und Geistliche - gut und nützlich, weil es alle zu guten Taten antreibt.-Denn die geistlichen Würdenträger, das heißt die Leiter, können, wenn sie das lesen und bedenken, wie die vorgenannten Heiden Götzen verehrten und sich dennoch sittenrein und aufrichtig und in jeder Weise untadelig erwiesen, durch die Beispiele solch guter Werke ihr Trachten noch mehr entflammen, auf daß sie, weil doch gläubig und Glieder Christi, sich als noch vollkommener als jene in Sittenreinheit, Gerechtigkeit und Frömmigkeit erweisen. Die Untergebenen aber, das heißt Ritter, die Kriegsdienst leisten, können, wenn sie von so bedeutenden Kämpfen und Unternehmungen ihrer Kriegskameraden lesen oder hören, die doch eher für böse Geister als für Gott stritten, sich darum mühen, sich erfahrener als jene in guten Werken zu erweisen, wie es sich für Soldaten Christi ziemt. So sollen sie ihren leiblichen Herren rein und treu gemäß den Mahnungen der Apostel gehorchen; Gott aber, ihrem Schöpfer, mögen sie mit ganzer Kraft zu dienen trachten, indem sie seine Gebote halten, keinem je Gewalt tun oder fremdes Eigentum davonschleppen, sondern in seinem Wesen aufgehen, wie der Vorkämpfer und Täufer Christi, der selige Johannes, im Evangelium befahl, damit keiner - was ferne sei - im Kriegsdienst für die Welt vom Kampf für das Himmelreich lasse. Auch ist es für Geistliche nützlich zu hören, welche und wie bedeutende Kämpfe und glückliche Unternehmungen Heiden aus Liebe zum Diesseits von der Erschaffung der Welt bis zur Geburt Christi vollbrachten, und dabei bedenken, wie kluger und frommer Männer sich der Teufel bemächtigt, ihren Verstand verblendet hatte, damit sie ihren Schöpfer nicht erkennen und dem Geschöpf statt des Schöpfers dienen; und so mögen sie begreifen, wie wohlbegründet und notwendig für das Menschengeschlecht die Geburt Christi war, weil wir ja, wie die Heilige Schrift lehrt, alle für die Ewigkeit verloren wären, hätte uns unser Erlöser vom Himmel nicht aufgesucht, uns selbst den Weg des Heils zu weisen, durch den wir gerettet werden, indem wir ihn allein in seiner Dreieinigkeit anbeten und ihn selbst als den wahren Schöpfer aller Dinge erkennen. So können wir reinen Herzens mit dem Apostel in Bewunderung ausrufen: "0 welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!" Und wir können mit dem Psalmisten rufen und fragen "Wer kann die großen Taten des Herrn alle erzählen und genug verkündigen?" Aus dieser Frage hörst du die Antwort heraus: Keiner.

(2) Als nun Konstantin und Romanus, die erhabenen Kaiser der Christen, regierten und Johannes und Marinus, die vortrefflichen Herzöge und Konsuln, die Herrschaft im Herzogtum von ganz Kampanien innehatten, ergab sich für sie die Notwendigkeit, einen Gesandten nach Konstantinopel zu denselben vorgenannten Kaisern zu senden; und so schickten sie den treu ergebenen Erzpriester Leo. Als der nun nach Konstantinopel kam, begann er Bücher zu suchen, um sie zu lesen. Darunter fand er die Historie, die die Kämpfe und Siege Alexanders, des Königs von Makedonien, enthielt. Und sonder Säumen und Trägheit schrieb er sie ohne Zaudern ab und brachte sie mit nach Neapel zu seinen vorgenannten vortrefflichen Herren und zu dessen berühmtem und allerglücklichstem Weibe Theodora, Senatorin aus Rom, die Tag und Nacht über der Lektüre der Heiligen Schrift verbrachte. Sic blieb denn auch eine unermüdliche Beschützerin der Witwen, Waisen und verschiedenen Fremdlinge. In ihrer Jugend endete ihr Lebenslauf, und sie ging im achtunddreißigsten Jahre zum Herrn ein. Nach ihrem Tode beschloß der vorgenannte Johannes, der vortreffliche Konsul und Herzog, ein Mann Gottes uhd von diesem geliebt, bei sich, die Bücher ordnen und vorzüglich wiederherstellen zu lassen. Zuerst nun ließ er die Bücher, die er in seiner Herrschaft vorfand, erneuern und ausbessern, darauf suchte er sorglich wie ein Philosoph, von so vielen als möglich zu erfahren oder sie zu besitzen, und durch Bitten und Wünsche brachte er viele und verschiedenartige zusammen und ließ sie sorgsam abschreiben. Hauptsächlich kirchliche Bücher, so das Alte und Neue Testament, ließ er von Grund auf erneuern und binden. Auch historiographische oder chronógraphische Bücher ließ er fertigstellen, wie den Josephus, den Titus Livius und den Dionysius, jenen hervorragenden Prediger himmlischer Tugenden, und weitere zahlreiche und unterschiedliche Gelehrte, die zu benennen wohl zu weit führen würde.

Zu eben jener Zeit entsann sich jener äußerst scharfsinnige Konsul und Herzog, daß vorerwähnter Erzpriester Leo das schon genannte Buch besitze, die Historie von Alexander also, ließ ihn zu sich rufen und hieß ihn, das Buch aus dem Griechischen ins Lateinische zu übersetzen, was denn auch geschah, wie das Folgende lehrt, wobei alle Gelehrten und Schreiber mitwirkten und sich damit treffliche Verdienste für das Heil ihrer Seele und zum Andenken ihres Namens erwarben.]

(3) Da uns die Weisheitslehren der Philosophen und Dichter künden, das Leben der Alten sei künftigen Geschlechtern Beispiel und Leitbild, ist es wohl am besten, aus den Büchern der Alten sich Historien zum Muster zu nehmen: Ihren Spuren können die Heutigen in allem, wovon sie lesen, es sei wohlgetan, folgen und sich in edlen Sitten bilden; aus dem jedoch, wovon man liest, die Alten hätten übel gehandelt, mag man auf die Zukunft schließen - so kann man das Verbotene von sich weisen, das Geziemende hingegen sich erwählen und bewahren. Diesen Satz haben denn auch die Griechen befolgt, von denen wir wie aus einer Quelle den Ursprung unserer Bildung empfangen haben, und ebenso Römer wie Juden, die die Geschichten ihrer Vorväter dem Gedächtnis der Nachfahren einprägten. So kommt es, daß ihr bei der Lektüre des Alten Testaments dort gar manche Geschichten der Alten niedergelegt findet. Der gleichen Auffassung folgten auch die heiligen Väter, deren Viten wir täglich lesen und für unser Handeln zum Vorbild nehmen. Da auch ich selbst den Ansichten der Vorgenannten genannten folgen wollte, beschloß ich, die Historie von Alexander dem Großen von Makedonien, die man bei den Griechen liest, den Lateinern zur Kenntnis zu bringen, auf daß die Lateiner, die ja ob ihres Waffenruhms hoch geachtet sind, wenn sie die Taten des lesen, der ein Meister im Waffenhandwerk war, der alle Tugenden in sich vereinte, Erquickung und ein willkommenes Beispiel höfischen Betragens empfangen. Diese Alexander-Historie ist aber nicht allein für Leute, die in der Welt leben, also für Laien, übersetzt - nein, auch ein jeder Kleriker und Geistliche kann sie rechtens lesen; denn wenn er die köstlichen Wunder betrachtet, deren Alexander in Indien ansichtig ward, mag sich der von Sorgen bedrängte Geist des Lesers ergötzen; unbillige Gedanken, die sich des Sinns der Menschen recht häufig bemächtigen, werden vertrieben; und auch dann, wenn etwa höchst überflüssige Begierde des Menschen Herz iiibefällt, löscht Vergessen sie aus und läßt sie nicht neuerlich wachsen. Außerdem lehrt diese Historie noch, das Laster der Hoffart abzuwerfen, und weist deshalb auf Darius, der einst von sich behauptete, er sei ein Gott, und von Aléxander, der ihm untertan war, überwunden wurde, weil dieser den Hochmut des Darius mit Bescheidenheit vergalt. Und schließlich lehrt die Historie, weltlichen Prunk ganz und gar zu verachten, und beweist das am Beispiel Alexanders, der den ganzen Weltkreis beherrschte und sich dennoch vor der Gewalt des Todes nicht schützen konnte.

Und nun beginnt die Historie von Alexander von Makedonien, von seinem Leben, Taten, Geburt, vom Griechischen ins Lateinische übersetzt.

1 (1) Die hochweisen Ägypter kannten den Umfang der Erde, beherrschten das wogende Meer, erforschten die Himmel - sie berechneten nämlich den Lauf der Gestirne - und all das überlieferten sie mit tiefer Weisheit und Zauberkraft der ganzen Menschheit. Sie auch berichten von Nektanebus, ihrem König; 'der sei ein erfindungsreicher Mann gewesen, bewandert in Astrologie und Mathematik und vollkommen in aller Art Zauberei.Eines Tages nun, als ihm gemeldet ward, der Perserkönig Artaxerxes falle mit einer gewaltigen Feindesschar über ihn her, da sandte er ihm nicht seine Truppen entgegen, rief nicht ein Heer von Bewaffneten zusammen, noch ließ er Kriegsmaschinen verfertigen, sondern er zog sich allein in ein Gemach seines Palastes zurück; dort ergriff er eine eherne Schale, goß Regenwasser hinein, hielt einen dünnen Metallstab in Händen, und kraft zauberischer Beschwörungen rief und sah er da Geister, und durch seine Zauberkunst erblickte er und erkannte in der Schale voll Wasser die Unzahl der Schiffe, die über ihn kamen.

(2) Es waren aber damals von Nektanebus Heerführer als Posten an die persische Grenze befohlen. Einer von denen kam zu ihm und sprach: ,,Großmächtiger Nektanebus! Artaxeres, der König der Perser, ist über dich gekommen mit einer Unzahl von Feinden aus sehr vielen Völkern: Parther sind es und Meder, Perser, Syrer, Mesopotamier, Araber, Bosphorer, Arginer, Chaldäer, Baktrier, Skythen, Hyrkaner, Agriophager und unermeßlich viele andere Völker des Morgenlandes." Als aber Nektanebus das gehört hatte, da lachte er auf und sprach: "Geh du und halte den Posten, den ich dir übertragen habe, treulich und wachsam! Doch nicht wie ein Feldherr, wie ein Feigling hast du gesprochen. Stärke nämlich liegt nicht in der Unzahl der Heerscharen, sondern in ihrem Mut. Weißt du denn nicht, daß ein einziger Löwe viele Hirsche verjagt?"

(3) So also sprach er, betrat wieder allein ein Gemach des Palastes, formte Schiffchen aus Wachs, tat sie in die Schale voll Regenwasser, hielt einen Palmwedel in der Hand, und wie er ins Wasser starrte und anhob, aus voller Kraft Beschwörungen zu singen, da sah er, daß die ägyptischen Götter die Schiffe der Barbaren lenkten. Sogleich wechselte er seine Kleider, schor sich Haupthaar und Bart, nahm Gold, soviel er nur tragen konnte, und was er zur Astrologie, Mathematik und Zauberei brauchte, floh heimlich aus Ägypten nach Pelusium und von dort nach Äthiopien. In Leinenzeug, weiße Tücher, gekleidet, kam er als ein ägyptischer Wahrsager nach Makedonien. Dort blieb er unerkannt, und offen weissagte er allen, die zu ihm kamen.

Wie die Ägypter merkten, daß Nektanebus nicht zu finden war, zogen sie zu Serapis, ihrem höchsten Gott, und baten ihn, daß er ihnen ein Wahrspruch sagte über Nektanebus, ihren König. Serapis gab ihnen zur Antwort: ,,Nektanebus, euer König, ist aus Ägypten geflohen 'wegen Artaxerxes', des Königs der Perser, der kommen und euch unterwerfen wird.! Doch binnen kurzem wird er sein Greisenalter abwerfen, als Jüngling zu euch zurückkehren, und euch an euren Feinden rächen - unterwerfen wird er sie und euch gleichermaßen." Dieses Orakel hörten die Ägypter von ihrem Gott, und sogleich errichteten sie Nektanebus zu Ehren ein Königsstandbild aus schwarzem Stein, und zu Füßen des Bildes! schrieben sie den Wahrspruch, auf daß er bei ihren Nachkommen nicht in Vergessenheit geriete. (4) Nektanebus aber blieb unerkannt in Makedonien.

2 Unterdes zog Philipp, der König der Makedonier, in den Krieg. Da stieg Nektanebus zum Palast hinauf, daß er die Königin erblickte. Und als er sah, wie schön Olympias war, da hüpfte ihm sogleich das Herz, er entbrannte in Begierde nach ihr, hob die Hand zum Gruße und sprach zu ihr: "Seid gegrüßt, Königin der Makedonier!" - "Herrin" aber wollte er sie nicht nennen. Darauf antwortete ihm Olympias und sprach: "Sei gegrüßt, Meister! Komm näher und laß dich nieder!" Und als er saß, fragte ihn Olympias: "Ist es denn wahr, daß du Ägypter bist?" Nektanebus ant wortete ihr: "Ach Königin, ein sehr schönes und königliches Wort hast du gesprochen, da du Ägypter mich nanntest. Die Ägypter nämlich sind weise: Sie wissen Träume auszulegen und Vorzeichen zu deuten, verstehen den Sinn des Vogelfluges und haben Kunde vom Verborgenen; das Schicksal sagen sie voraus von allem, was wird. So weiß denn auch ich, begabt mit feinsten Sinnen, um all diese Dinge wie ein Seher und Prophet." Als er so sprach, sah er sie an voll Begierde. Doch Olympias merkte, daß er sie so anblickte, und sagte zu ihm: "Meister, was ging in dir vor, da du mich so betrachtetest?" Nektanebus antwortete ihr und sprach: "Ich gedachte der rühmlichen Wahrsprüche der Götter; ein Spruch nämlich ward mir zuteil von den, nahen Göttern, mir sei bestimmt, eine Königin zu schauen."

3 Also sprach er und zog aus der Tasche eine wundersame Tafel aus Erz und Ebenholz, die war mit Gold und Silber verziert, und drei Kreise waren auf ihr zu sehen. Der erste verband die zwölf Häuser, der zweite verband und umschloß die zwölf Tierzeichen, der dritte umschloß Sonne und Mond. Dann öffnete er ein Kästchen aus Ebenholz und zog aus ihm die sieben hell leuchtenden Gestirne her aus, die Stunde und Horoskop der Geburt des Menschen bestimmen, und sieben geschnittene Steine, die stellten die Gestirne dar, die zum Schutze des Menschen gesetzt sind. Als Olympias dies sah, sprach sie zu ihm: "Meister, wenn du willst, daß ich dir glaube, was du mir zeigst, so sag mir des Königs Geburtsjahr, -tag und -stunde." Da stellte Nek tanebus seine Berechnungen an mit mathematischer Kunst und sagte ihr des Königs Geburtsjahr, -tag und -stunde. Nachdem er das vollbracht, sprach er zur Königin: "Anderes willst du nicht von mir wissen?" Und die Königin gab ihm zur Antwort: "Ich will, daß du mir verrätst, was sich zutragen wird zwischen mir und Philipp. Die Leute reden nämlich, Philipp wolle mich verstoßen, sobald er aus dem Kriege zurückkehrt, und ein anderes Weib freien." Da sprach Nektanebus zu ihr: "Falsch sind diese Worte jetzt, keineswegs wahr. Nicht binnen kurzem, wohl aber in einigen Jahren wird solches geschehen, doch wird dich Philipp wieder zum Weibe nehmen, mag er nun wollen oder nicht." Darauf die Königin: "Bitte, Meister, sag mir die ganze Wahrheit." Antwortete Nektanebus: "Einer der mächtigsten Götter soll dir beiwohnen und dich beschützen." Sprach die Königin: "Und welcher ist dieser Gott, der mir beiwohnen soll?" Nektanebus gab zur Antwort: "Es ist der allmächtige Ammon, der allen Reichtum verleiht." Die Königin sprach: "Bitte, Meister, sage mir doch, in welcher Gestalt er erscheint." Nektanebus antwortete: "Nicht jung ist er, nicht greis, sondern mittleren Alters, hat Widderhörner auf der Stirn und einen leicht ergrauten Bart. Deshalb, wenn du folgen willst, sei bereit in dieser Nacht, ihn zu empfangen, denn im Schlaf wird er dir erscheinen, im Schlaf dich umarmen." Die Königin sprach: "Habe ich dieses wahrhaftig erlebt, so will ich dich nicht wie einen Seher, nicht wie einen Zauberer, wie einen Gott will ich dich verehren!" (5) Alsbald nahm Nektanebus Abschied von der Königin, stieg vom Palast hinab und schritt sogleich zur Stadt hinaus zu einem verschwiegenen Ort. Dort sammelte er Kräuter, zerstieß sie, fing ihren Saft auf und begann durch teuflisches Gaukelspiel zu zaubern, daß Olympias noch in der gleichen Nacht der Gott Ammon als Traumbild erschien, ihr beiwohnte und nach der Umarmung zu ihr sprach: "Weib, du hast deinen Beschützer empfangen."

4 (6) Als es dann tagte und Olympias vom Schlaf erwacht war, da ließ sie Nektanebus zu sich kommen und erzählte ihm den Traum, den sie geträumt. Doch Nektanebus sprach zu ihr: "Bekannt ist mir, was du berichtest. Wenn du mir aber ein Plätzchen in deinem Palast anweist, werde ich dich den Gott in Wahrheit sehen machen: Denn eins ist der Traum, ein anderes die Wirklichkeit. Dieser Gott wird als Drache zu dir kommen und sich dann in einen Menschen, mir ganz ähnlich, verwandeln." Darauf antwortete Olympias: "Recht hast du gesprochen, Meister. Nimm ein Gemach im Palast, und so du dieses wahrhaftig kannst, will ich dich für den Vater des Knaben ansehen." /So sprach sie und ließ ihm ein Gemach des Palastes anweisen. (7) Um die erste Nachtwache nahm Nektanebus durch zauberische Beschwörungen die Gestalt eines Drachen an. Zischend bewegte er sich zum Gemach der Olympias, betrat es, stieg in ihr Bett, küßte sie und wohnte ihr bei. Doch als er sich von der Umarmung erhob, stieß er sie in den Mutterleib und sprach: "Den du empfangen, der sei siegreich und werde von einem Sterblichen nie überwunden." Also ward Olympias betrogen, da sie einem Menschen beiwohnte und glaubte, es sei ein Gott. /Als es Tag ward, stieg Nektanebus vom Palast hinab; doch die Königin blieb schwanger in ihrem Gemach. Da aber ihr Leib schwoll, rief sie Nektanebus zu sich und sprach: "Meister, sage mir doch: Was wird Philipp mit mir beginnen, wenn er zurückkommt?" Ihr gab Nektanebus zur Antwort: "Fürchte dich nicht, denn Ammon, der Gott, wird dir beistehen an meiner Statt." (8) 'Also sprach er, stieg sogleich vom Palast hinab, schritt zur Stadt hinaus und ging zu einem verschwiegenen Ort. Dort sammelte er Kräuter, zerstieß sie, fing ihren Saft auf,! ergriff einen Seevogel, 'sprach Beschwörungen über ihn und beträufelten ihn mit dem Saft der Kräuter!. Dies nämlich tat er mit teuflischer Zauberei, um den König Philipp mit einem Traumbild zu täuschen. Und so geschah es.

5 In eben der Nacht sah Philipp im Traum, wie der Gott Ammon seinem Weib Olympias beiwohnte, und nach der Umarmung schien es ihm, als vernähte der Gott ihre Scheide und versiegelte sie mit einem goldenen Ring, und in den Stein des Ringes waren ein Löwenhaupt geschnitten, die Sonnenbahn und ein Schwert. Und danach sprach er zu ihr: "Weib, den hast du empfangen, der dich beschützen soll und seinen Vater Philipp." Als Philipp dann aus dem Schlaf erwachte, ließ er den Wahrsager kommen und erzählte ihm den Traum, den er geträumt. Ihm gab der Wahrsager zur Antwort: "König Philipp, wisse fürwahr, daß Olympias, dein Weib, empfangen hat nicht von einem Menschen, sondern von einem Gott. Denn das Löwenhaupt, die Sonnenbahn und das Schwert bedeuten, daß der, den sie gebären wird, in Kriegen bis in den Osten, wo sich die Sonne erhebt, vordringen und mit dem Schwert Städte und Völker unterwerfen soll."

6 (9) Unterdes siegte König Philipp im Kampfe. 1n der Schlacht nämlich erschien ihm ein Drache, der zog vor ihm her und vernichtete alle seine Feinde vor ihm.

Als nun Philipp heimkehrte nach Makedonien, trat ihm im Palast Olympias entgegen, sein Weib, und küßte ihn. König Philipp blickte sie an und sprach zu ihr: "Wem hast du dich hingegeben, Olympias, gegen wen hast du gesündigt? Nein, nicht gesündigt hast du, denn Gewalt ward dir getan von einem Gott. Und ich habe alles, was dir geschehen, im Traum erblickt; tadelsfrei bist du daher vor mir und allen Menschen."

7 (10) Eines Tages saß König Philipp zu Tisch mit den Herren und Großen Makedoniens gemeinsam mit Olympias, seinem Weib. Da verwandelte sich Nektanebus mit Zauberkunst in einen Drachen, kroch mitten durch den Speisesaal, in dem Philipp zu Tisch saß, und zischte so greulich, daß er allen Gästen Furcht und Schrecken einjagte. Er kroch zu Olympias, legte sein Haupt auf ihren Schoß und küßte sie. Als der König dies sah, sprach er: "Olympias, ich sage dir und euch allen, die ihr mit mir speist: Diesen Drachen habe ich gesehen, da ich wider meine Feinde stritt."

8 (11) Nach einigen Tagen aber saß Philipp allein in seinem Palast. Da flog ein kleiner zahmer Vogel heran, setzte sich in seinen Schoß und legte ein Ei; das Ei fiel von seinem Schoß zu Boden, daß es zerbrach. Und alsbald kroch ein zierliches Schlänglein heraus, das kroch um das Ei herum, wollte wieder einschlüpfen, doch bevor es den Kopf hineingestreckt hatte, starb es. Als König Philipp dies sah, ward er sehr verstört, rief einen Wahrsager herbei und erzählte ihm, was er erlebt. Da sprach der Wahrsager zu ihm: ,,König Philipp! Dir wird ein Sohn geboren werden, der soll nach deinem Tode regieren, wird die ganze Welt umkreisen und alle bezwingen. Doch bevor er ins Land seiner Geburt zurückgekehrt ist, wird er sterben in jungen Jahren."

9 (12) Unterdes kam die Zeit, da Olympias gebären sollte, und ihr Leib ward geplagt von Wehen. Da ließ sie Nektanehus herbeirufen und sprach zu ihm: "Meister, von schlimmen Schmerzen wird mein Leib geplagt." Nektanebus stellte seine Berechnungen an und sprach zu ihr: "Erheb dich, Königin, ein wenig von deinem Stuhl, denn zu dieser Stunde werden die Elemente von der Sonne gestört." So geschah es, und der Schmerz wich von ihr. Und kurz darauf sprach Nektanebus zu ihr: "Setz dich, Königin", und sie setzte sich und gebar. Und da der Knabe zur Erde fiel, bebte die Erde, es blitzte und donnerte schrecklich, /und Wunderzeichen sah man fast überall auf der Welt; es wollte nämlich nicht tagen, und die Nacht schien fast den ganzen Tag zu währen. In Italien fielen damals Felsbrocken aus den Wolken.

10 (13) Als aber König Philipp die Blitze sah und den Donner hörte, machten sie ihn beben; er ging zu Olympias und sprach zu ihr: "Weib, ich bewegte in meinem Herzen, dies Kindlein solle nie und nimmer großgezogen werden, hab ich es doch nicht gezeugt; doch sehe ich, die Elemente werden bei seiner Geburt gestört, und mir wird klar: ein Gott ist sein Erzeuger. So werde er großgezogen mir zum Gedenken, als wäre es mein leiblicher Sohn und als wäre es der, den mir meine frühere Frau geboren, der mir dahinstarb. Und er soll Alexander heißen."

11 Also sprach Philipp, und das Kindlein ward mit aller Sorgfalt aufgezogen. Ähnlich sah es seinem Vater nicht und nicht seiner Mutter, sondern war von eigener Art. Sein Haupthaar war wie das eines Löwen, seine Augen groß und strahlend, und das eine war dem andern nicht gleich, sondern eins schwarz und blaugrau das andre, seine Zähne waren scharf; ungestüm war er wie ein Löwe, und so sah man ihm an, was einst aus ihm werden sollte. In der Schule dann maß er seine Kräfte mit den Gefährten und war ihnen an Wissen, Beredsamkeit und Gewandtheit hoch überlegen.


*) Leo hatte seiner Übersetzung folgendes Vorwort vorangestellt; es ist von dem Bearbeiter der hier überwiegend zugrundegelegten Handschrift 'I 1' weggelassen worden:

(1) Von den Kämpfen und Siegen hervorragender Ungläubiger aus der Zeit vor Christi Geburt zu lesen und zu vernehmen ist, wiewohl diese Männer ja Heiden waren, für alle Christen - geistliche Würdenträger wie Untergebene, also Weltliche und Geistliche - gut und nützlich, weil es alle zu guten Taten antreibt.-Denn die geistlichen Würdenträger, das heißt die Leiter, können, wenn sie das lesen und bedenken, wie die vorgenannten Heiden Götzen verehrten und sich dennoch sittenrein und aufrichtig und in jeder Weise untadelig erwiesen, durch die Beispiele solch guter Werke ihr Trachten noch mehr entflammen, auf daß sie, weil doch gläubig und Glieder Christi, sich als noch vollkommener als jene in Sittenreinheit, Gerechtigkeit und Frömmigkeit erweisen. Die Untergebenen aber, das heißt Ritter, die Kriegsdienst leisten, können, wenn sie von so bedeutenden Kämpfen und Unternehmungen ihrer Kriegskameraden lesen oder hören, die doch eher für böse Geister als für Gott stritten, sich darum mühen, sich erfahrener als jene in guten Werken zu erweisen, wie es sich für Soldaten Christi ziemt. So sollen sie ihren leiblichen Herren rein und treu gemäß den Mahnungen der Apostel gehorchen; Gott aber, ihrem Schöpfer, mögen sie mit ganzer Kraft zu dienen trachten, indem sie seine Gebote halten, keinem je Gewalt tun oder fremdes Eigentum davonschleppen, sondern in seinem Wesen aufgehen, wie der Vorkämpfer und Täufer Christi, der selige Johannes, im Evangelium befahl, damit keiner - was ferne sei - im Kriegsdienst für die Welt vom Kampf für das Himmelreich lasse. Auch ist es für Geistliche nützlich zu hören, welche und wie bedeutende Kämpfe und glückliche Unternehmungen Heiden aus Liebe zum Diesseits von der Erschaffung der Welt bis zur Geburt Christi vollbrachten, und dabei bedenken, wie kluger und frommer Männer sich der Teufel bemächtigt, ihren Verstand verblendet hatte, damit sie ihren Schöpfer nicht erkennen und dem Geschöpf statt des Schöpfers dienen; und so mögen sie begreifen, wie wohlbegründet und notwendig für das Menschengeschlecht die Geburt Christi war, weil wir ja, wie die Heilige Schrift lehrt, alle für die Ewigkeit verloren wären, hätte uns unser Erlöser vom Himmel nicht aufgesucht, uns selbst den Weg des Heils zu weisen, durch den wir gerettet werden, indem wir ihn allein in seiner Dreieinigkeit anbeten und ihn selbst als den wahren Schöpfer aller Dinge erkennen. So können wir reinen Herzens mit dem Apostel in Bewunderung ausrufen: "0 welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!" Und wir können mit dem Psalmisten rufen und fragen "Wer kann die großen Taten des Herrn alle erzählen und genug verkündigen?" Aus dieser Frage hörst du die Antwort heraus: Keiner.

(2) Als nun Konstantin und Romanus, die erhabenen Kaiser der Christen, regierten und Johannes und Marinus, die vortrefflichen Herzöge und Konsuln, die Herrschaft im Herzogtum von ganz Kampanien innehatten, ergab sich für sie die Notwendigkeit, einen Gesandten nach Konstantinopel zu denselben vorgenannten Kaisern zu senden; und so schickten sie den treu ergebenen Erzpriester Leo. Als der nun nach Konstantinopel kam, begann er Bücher zu suchen, um sie zu lesen. Darunter fand er die Historie, die die Kämpfe und Siege Alexanders, des Königs von Makedonien, enthielt. Und sonder Säumen und Trägheit schrieb er sie ohne Zaudern ab und brachte sie mit nach Neapel zu seinen vorgenannten vortrefflichen Herren und zu dessen berühmtem und allerglücklichstem Weibe Theodora, Senatorin aus Rom, die Tag und Nacht über der Lektüre der Heiligen Schrift verbrachte. Sic blieb denn auch eine unermüdliche Beschützerin der Witwen, Waisen und verschiedenen Fremdlinge. In ihrer Jugend endete ihr Lebenslauf, und sie ging im achtunddreißigsten Jahre zum Herrn ein. Nach ihrem Tode beschloß der vorgenannte Johannes, der vortreffliche Konsul und Herzog, ein Mann Gottes uhd von diesem geliebt, bei sich, die Bücher ordnen und vorzüglich wiederherstellen zu lassen. Zuerst nun ließ er die Bücher, die er in seiner Herrschaft vorfand, erneuern und ausbessern, darauf suchte er sorglich wie ein Philosoph, von so vielen als möglich zu erfahren oder sie zu besitzen, und durch Bitten und Wünsche brachte er viele und verschiedenartige zusammen und ließ sie sorgsam abschreiben. Hauptsächlich kirchliche Bücher, so das Alte und Neue Testament, ließ er von Grund auf erneuern und binden. Auch historiographische oder chronógraphische Bücher ließ er fertigstellen, wie den Josephus, den Titus Livius und den Dionysius, jenen hervorragenden Prediger himmlischer Tugenden, und weitere zahlreiche und unterschiedliche Gelehrte, die zu benennen wohl zu weit führen würde.

Zu eben jener Zeit entsann sich jener äußerst scharfsinnige Konsul und Herzog, daß vorerwähnter Erzpriester Leo das schon genannte Buch besitze, die Historie von Alexander also, ließ ihn zu sich rufen und hieß ihn, das Buch aus dem Griechischen ins Lateinische zu übersetzen, was denn auch geschah, wie das Folgende lehrt, wobei alle Gelehrten und Schreiber mitwirkten und sich damit treffliche Verdienste für das Heil ihrer Seele und zum Andenken ihres Namens erwarben.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .