Die Geschichten des Wesirs von Ochs und Esel, Hund und Hahn, Mann und Frau. Aus: Tausendundeine Nacht.

Deutsche Übesetzung entnommen aus: Tausdendundeine Nacht. Nach der ältesten arabischen Handschrift in der Ausgabe von Muhsin Mahdi erstmals ins Deutsche übertragen von Claudia Ott, München 2004 6, S. 20 - 28.


... Der Autor der Geschichte spricht: Schahriyar nahm Platz auf seinem Thron und befahl seinem Wesir - dem Vater [zweier] Mädchen -, er solle ihn mit einer der Töchter der Emire verheiraten. Jener ging hin, erbat sich eine von den Töchtern der Emire als Braut für ihn, und König Schahriyar vollzog mit ihr die Ehe und tat, wozu er Lust verspürte, bis er fertig war. Sobald der nächste Morgen graute, befahl er seinem Wesir, die Frau zu töten. In der folgenden Nacht nahm er ein anderes Mädchen, die Tochter eines seiner Offiziere, vereinigte sich mit ihr und gab am Morgen darauf seinem Wesir den Befehl, sie hinzurichten. Der wagte nicht, ihm zu widersprechen, und richtete sie hin. Dann nahm er, in der dritten Nacht, die Tochter eines Kaufmanns in der Stadt, schlief mit ihr bis zum Morgen, befahl dem Wesir, sie zu töten, und der tat's.

Der Erzähler spricht: Von nun an nahm sich Schahriyar Nacht für Nacht ein neues Mädchen, eine von den Kaufmannstöchtern oder den Mädchen aus dem einfachen Volk, verbrachte mit ihnen die Nacht und ließ sie früh am nächsten Morgen töten. Das ging so lange, bis es kaum noch Mädchen gab, die Mütter alle miteinander weinten, Frauen, Väter und Mütter in Aufruhr gerieten, den König laut verfluchten und Übelstes auf ihn herabwünschten, sich vor dem Schöpfer des Himmels über ihn beklagten und Hilferufe schickten zu Dem, der jede Stimme hört und keine Bitte abweist.

Der Überlieferer erzählt: Nun hatte der Wesir, der stets die Mädchen töten mußte, selbst zwei Töchter: eine ältere mit Namen Schahrasad; die jüngere hieß Dinarasad. Schahrasad, die ältere der beiden, hatte viele Bücher, Werke der Literatur und Weisheitsschriften gelesen, auch Werke der Medizin studiert. Sie wußte Gedichte auswendig herzusagen und las mit Vorliebe Überlieferungen zur Geschichte vergangener Zeiten. Alle berühmten Zitate waren ihr bekannt, dazu die Sprüche weiser Richter und Könige, kurzum: Sie war klug, verständig, weise und gebildet, hatte gelesen und studiert.

Der Autor der Geschichte spricht: «Lieber Vater», sprach diese eines Tages, «ich habe einen geheimen Plan, in den ich dich einweihen möchte.» - «Und was wäre das?» erkundigte sich ihr Vater. «Ich möchte», sagte sie, «daß du mich mit dem König Schahriyar verheiratest. Entweder es gelingt mir, alle Welt vor ihm zu retten, oder ich sterbe und gehe zugrunde, dann ergeht es mir nicht anders als all denen, die schon gestorben und zugrunde gegangen sind.»

Als der Wesir hörte, was seine Tochter da sagte, wurde er wütend. «Du dumme Gans !» schimpfte er. «Weißt du denn nicht, daß König Schahriyar geschworen hat, mit keinem Mädchen mehr als eine Nacht zu verbringen und es am nächsten Morgen umzubringen? Wenn ich dich zu ihm führe, wird er eine Nacht lang mit dir schlafen, und am Morgen danach wird er mir befehlen, dich zu töten! So muß ich dich am nächsten Morgen mit meiner eigenen Hand töten, da ich ihm nicht zuwiderhandeln kann.» - «Doch, du mußt mich zu ihm führen, Vater, es führt kein Weg daran vorbei!» bekräftigte sie und fügte hinzu: «Dann soll er mich eben töten!» - «Was ist in dich gefahren, daß du dich so in Lebensgefahr begeben willst?» wollte er wissen. «Lieber Vater», fing sie erneut an, «du mußt mich unbedingt zu ihm führen, das ist mein letztes Wort, und ihm folgt eine entschlossene Tat!»

Ihr Vater, der Wesir, geriet in Zorn. «Mein Töchterchen», sagte er, «kennst du denn nicht das Sprichwort: <Wer die rechte Tat nicht kennt, schnurstracks in sein Verderben rennt> und: <Wer die Folgen nicht bedenkt, der kriegt vom Schicksal nichts geschenkt>? Auch wird in dem geläufigen Sprichwort gesagt: <Ich saß ruhig immerzu, doch meine Neugier ließ mir keine Ruh'.» Ich fürchte, dir wird es genauso ergehen, wie es dem Esel und dem Stier mit dem Bauern ergangen ist.» - «Was haben denn der Esel und der Stier mit dem Bauern erlebt?» wollte sie wissen. Und er erzählte:

Du mußt wissen, daß es einmal einen reichen Kaufmann gab, der viel Geld besaß, zahlreiche Arbeiter bei sich beschäftigte, Vieh und Kamele im Stall hatte und mit seiner Frau eine große Schar Kinder in die Welt gesetzt hatte. Er lebte auf dem flachen Land und betrieb Ackerbau. Er verstand die Sprache der Tiere: die der Haustiere ebenso wie die der wilden Tiere. Dies war ein Geheimnis, das ihn, wenn er es preisgäbe, sein Leben kosten würde. Sämtliche Tiersprachen beherrschte er, erzählte aber keinem Menschen davon, weil er fürchtete, sonst sterben zu müssen.

Bei ihm im Haus lebten ein Stier und ein Esel, die nahe beieinander an ihre Futterkrippen angebunden waren. Eines Tages saß der Kaufmann neben seiner Frau, und vor ihm spielten seine Kinder. Wie er so zu dem Stier und dem Esel hinüberblickte, hörte er den Stier zum Esel sagen: «He, Abu l-Yaksan, du hast es gut! Du darfst dich ausruhen, wirst noch dazu gepflegt, bei dir wird ausgemistet und frisches Stroh gestreut. Immer bedient dich jemand! Gesiebtes Getreide und frisches, kühles Wasser stellen sie dir hin. Mich dagegen jagen sie um Mitternacht schon auf den Acker, schnallen mir etwas auf den Nacken, das sie <Joch> nennen, und den Pflug dahinter, und dann arbeite ich den ganzen lieben langen Tag hindurch und pflüge den Boden. Mir wird mehr zugemutet, als ich ertragen kann, dazu muß ich noch Schläge einstecken vom Bauern und seiner Peitsche. Meine Seiten sind schon wundgescheuert, mein Nacken schält sich, und doch lassen sie mich von einer Nacht bis zur nächsten arbeiten! Nachts bringen sie mich in den Kuhstall, werfen mir Bohnen vor, die noch mit Erde beschmutzt sind, und kleingehackte Spreu. Die ganze Nacht muß ich in Mist und Jauche stehen, während du, hübsch ausgemistet und frisch eingestreut, gestriegelt, gefüttert, sauber und mit gutem Heu versorgt, ausgeruht dastehst. Nur selten kommt es vor, daß unser Herr, der Kaufmann, eine Erledigung zu machen hat, weshalb er sich auf dich setzen muß, und dann auch gleich wieder zurückkehrt. Mit anderen Worten: Du bist ausgeruht, und ich bin müde; du darfst schlafen, ich muß die ganze Nacht arbeiten!»

Nachdem der Stier geendet hatte, drehte sich der Esel zu ihm um. «He, Baghnus», antwortete er, «wer dich einen dummen Ochsen genannt hat, der hat nicht unrecht! Denn du, du Vater aller dummen Kühe, hast weder List noch Hintersinn, noch irgendeinen bösen Gedanken in dir. Offen zeigst du, wie ehrlich du es meinst, strengst dich aufrichtig an und bringst dich fast selbst um, nur um einem anderen das Leben möglichst angenehm zu machen. Hast du denn nicht gehört, daß das Sprichwort sagt: <Wem es an Erfolgen mangelt, sich hastig durch sein Leben hangelt>? Du rennst mit dem ersten Gebetsruf hinaus aufs Feld, quälst dich, pflügst und steckst dazu noch Schläge ein, und wenn der Bauer dich an der Futterkrippe festbinden will, stampfst du noch, stößt mit deinen Hörnern um dich, schlägst mit dem Huf aus und erhebst ein unglaubliches Gebrüll, bis sie dir die Bohnen hinwerfen, die du dann gierig frißt. Du mußt es anders machen! Wenn sie dir das Futter bringen, dann friß nichts davon, sondern schnuppere nur daran, und rühre es nicht an. Begnüge dich mit dem gehäckselten Heu und Stroh. Wenn du das tust, wirst du eher Erfolg haben, und es wird dir mehr nützen. Du wirst sehen, welche Ruhe du dann genießen wirst!»

Es wird berichtet: Als der Stier die Rede des Esels gehört hatte, erkannte er, daß der Esel ihm einen guten Rat gegeben hatte. Er dankte ihm in seiner Sprache, wünschte ihm Segen und daß Gott es ihm mit Gutem vergelten möge. «Mögest du vor allem Bösen bewahrt bleiben, Abu l-Yaksan», wünschte er ihm, froh darüber, daß ihm der Esel so aufrichtig geraten hatte.

Das alles, meine Tochter, spielte sich unter den Augen und Ohren des Kaufmanns ab, und dieser verstand alles, was der Esel und der Stier geredet hatten.

Als am nächsten Tag der Bauer zum Haus des Kaufmanns kam, den Stier herausholte, vor den Pflug spannte und antrieb, da arbeitete und pflügte der Stier nicht wie sonst. Der Bauer schlug ihn, doch der Stier verstellte sich mit Hinterlist denn er hatte sich die Ratschläge des Esels zu Herzen genommen - und ließ sich zu Boden fallen. Der Bauer prügelte auf ihn ein. Der Stier rappelte sich auf, um gleich wieder zusammenzubrechen, und fuhr auf diese Weise fort, bis die Nacht gekommen war und der Bauer ihn zurück ins Haus führte. Er band ihn an der Futterkrippe fest, und der Stier verzichtete aufs Brüllen, schlug auch nicht mit den Hufen aus, weder nach vorne noch nach hinten, und hielt sich von der Krippe fern.

Der Bauer wunderte sich darüber. Was war nur mit dem Tier los? Er brachte ihm Bohnen und anderes Futter, aber der Stier schnupperte nur daran, zögerte und legte sich weit weg vom Futter schlafen. Grummelnd und brummelnd schlief er in der Streu und dem Stroh bis zum Morgen. Dann kam der Bauer wieder und fand die Futterkrippe randvoll mit Bohnen und gehäckseltem Stroh. Kein bißchen fehlte, nichts hatte sich verändert. Den Stier sah er daliegen, mit geblähtem Bauch, er hielt die Luft an und streckte alle Beine von sich.

Der Bauer wurde betrübt. Mitleid ergriff ihn. «Bei Gott, er war schon gestern geschwächt. Er konnte einfach nicht mehr», sprach er zu sich selbst. Dann ging er zu dem Kaufmann. «Mein Gebieter», meldete er, «der Stier hat heute nacht sein Futter nicht gefressen. Überhaupt nichts hat er angerührt!»

Der Kaufmann, der ja schon wußte, was geschehen war, entgegnete dem Bauern: «Geh zu dem Esel, dem hinterlistigen Schlaukopf, spanne ihn vor den Pflug, und laß ihn tüchtig arbeiten. Er soll den Stier würdig vertreten!» Der Bauer ging hin, holte den Esel heraus, spannte ihn vor den Pflug und trieb ihn aufs Feld, wo er ihn schlug und drangsalierte, bis er pflügte wie der Stier. Er prügelte so lange auf ihn ein, bis seine Rippen wundgescheuert waren und sein Hals sich schälte. Erst als die Nacht kam, führte er ihn zurück nach Hause. Der Esel konnte kaum noch seinen Vorderhuf oder Hinterhuf heben. Seine Ohren hingen schlaff herab.

Wie aber war es dem Stier ergangen? Der hatte den Tag über schlafend dagelegen und sich ausgeruht. Er hatte sein Futter gefressen und das Wasser gesoffen, danach wieder geruht und sich erholt. Dem Esel hatte er den ganzen Tag lang Gottes Segen gewünscht und seinen guten Rat, den er ihm gegeben hatte, gelobt. Als der Esel an diesem Abend zu ihm hereinschlich, sprang der Stier hoch und stellte sich aufrecht vor ihm hin. «Einen wunderschönen guten Abend wünsche ich dir, lieber Abu l-Yaksan!» begrüßte er ihn erfreut. «Bei Gott, du hast mir einen so großen Dienst erwiesen, daß ich es gar nicht beschreiben kann. Mögest du immer von gutem Erfolg gesegnet sein und allezeit so freundlich bleiben. Gott soll es dir mit Gutem vergelten, Abu l-Yaksan!» Der Esel aber gab ihm keine Antwort, weil er so wütend auf ihn war. «Das alles habe ich mir durch meinen dummen Plan selbst eingebrockt!» murrte er für sich. «Mir geht es, wie das Sprichwort sagt: <Ich saß ruhig immerzu, doch meine Neugier ließ mir keine Rub'.> Nun muß ich ihn irgendwie überlisten, damit er sich wieder so verhält wie zuvor. Sonst überlebe ich das nicht!» Und er wankte zu seiner Futterkrippe und streckte sich aus, während der Stier ihm schnaubend Segen wünschte.

«Genauso wirst du, meine Tochter, an deinem eigenen Plan zugrunde gehen. Darum setze dich hin, sei still, und stürze dich nicht selbst ins Verderben. Diesen guten Rat gebe ich dir, weil ich dich herzlich liebe!»

«Mein lieber Vater», entgegnete sie, «es führt kein Weg daran vorbei, daß ich zu diesem Sultan gehe und du mich ihm als Geschenk anbietest.» «Tu's nicht!» warnte sie der Vater. «Doch, ich muß es unbedingt tun!» bekräftigte sie. Da sagte er: «Wenn du dich jetzt nicht beruhigst, dann mache ich mit dir dasselbe, was der Kaufmann, dem das Ackerland gehörte, mit seiner Frau gemacht hat!» - «Und was hat er mit seiner Frau gemacht, mein lieber Vater?» fragte sie.

Du mußt wissen - erzählte er weiter -, daß, nachdem der Esel mit dem Stier all das erlebt hatte, der Kaufmann und seine Frau beim Mondenschein hinausgingen zum Stall. Da hörte er den Esel zum Stier in seiner Eselssprache sagen: «Und was wirst du morgen tun, du Vater aller Ochsen? Höre auf mich! Wenn dir der Bauer das Futter bringt, was tust du dann?» - «Ich werde nichts anderes tun als das, was du mir geraten hast!» erwiderte der Stier. «Davon weiche ich nicht ab. Wenn er mir das Futter bringt, verstelle ich mich, tue, als ob ich krank wäre, lege mich hin und blähe meinen Bauch auf.»

Der Esel schüttelte den Kopf. «Nein, das darfst du nicht tun!» sagte er. «Weißt du, was ich unseren Herrn, den Kaufmann, habe sagen hören?» - «Was denn?» wollte er wissen. «Er hat gesagt», fuhr der Esel fort, «Wenn der Stier sein Futter nicht frißt und nicht aufstehen will, dann rufe den Metzger, der soll ihn schlachten, sein Fleisch an die Armen verteilen und aus seiner Haut einen Lederteppich machen.> Jetzt habe ich Angst um dich, und meine Religion gebietet mir, dir einen guten Rat zu geben. Also: Wenn dein Futter kommt, friß alles auf und sei wieder munter und gesund, sonst schlachten sie dich und ziehen dir die Haut ab!»

Der Stier ließ einen lauten Furz fahren und stieß ein Klagegebrüll aus. Da richtete sich der Kaufmann auf und lachte schallend über das, was er von dem Esel und dem Stier erfahren hatte. «Worüber lachst du denn?» fragte ihn seine Frau. «Machst du dich etwa über mich lustig?» - «Aber nein!» erwiderte er. «Dann sage mir, warum du so gelacht hast!» verlangte sie. «Das kann ich dir nicht sagen», entgegnete er, «weil ich Angst habe, dieses Geheimnis - nämlich, was die Tiere in ihrer Sprache reden - zu offenbaren. Ich kann es nicht», wiederholte er. «Was hindert dich daran, es mir zu sagen?» fragte sie. «Dann müßte ich sterben», erwiderte er. «Du lügst, bei Gott!» entgegnete ihm seine Frau. «Das ist nur eine faule Ausrede! Bei Gott, dem Herrn des Himmels, schwöre ich: Wenn du mir nicht verrätst und erklärst, worüber du gelacht hast, will ich nicht länger mit dir zusammenleben. Ich bestehe darauf, daß du es mir sagst!» Mit diesen Worten trat sie ins Haus, brach in Tränen aus und hörte bis zum Morgen nicht auf zu weinen. «Wehe dir! Sage mir, warum du heulst!» verlangte der Kaufmann. «Bitte Gott um Vergebung, und laß das ewige Fragen! Laß mich in Ruhe damit!» - «0 nein, ich muß es wissen!» bekräftigte sie. «Und ich lasse mich nicht davon abbringen!»

Endlich wurde der Kaufmann der Sache überdrüssig. «Muß es denn wirklich unbedingt sein?» fragte er und erklärte ihr nochmals: «Wenn ich dir sage, was ich von dem Esel und dem Stier gehört habe und was mich zum Lachen gebracht hat, muß ich sterben!» - «Ich bestehe aber darauf!» wiederholte sie. «Dann mußt du eben sterben.» - «Dann rufe deine Familie zusammen», sagte er, und sie rief ihre beiden Töchter, ihre ganze Familie, ihre Mutter und ihren Vater. Auch einige Nachbarn gesellten sich dazu.

Der Kaufmann ließ sie wissen, daß sein letztes Stündlein geschlagen habe. Da brachen alle miteinander in Tränen aus. Die Großen weinten mit den Kleinen, alle seine Kinder heulten, auch alle Landmänner und Ackerbauern und die gesamte Dienerschaft. So wurde um ihn Totenklage gehalten. Dann ließ er zuverlässige Zeugen bestellen, und als diese eingetroffen waren, setzte er ein Testament auf, in dem er seiner Frau das ihr zustehende Erbteil vermachte und seine Kinder als Erben einsetzte. Er schenkte seinen Sklavinnen die Freiheit und nahm von seiner Familie Abschied. Alle um ihn herum weinten. Selbst die Zeugen brachen in Tränen aus. Seine beiden Schwiegereltern wandten sich eindringlich an seine Frau. «Laß davon ab!» flehten sie sie an. «Wenn dein Mann nicht sicher wüßte, daß er sterben muß, sobald er sein Geheimnis lüftet, würde er sich ganz gewiß nicht so verhalten!» - «Nein», entgegnete sie, «ich verzichte nicht darauf.» Da weinten wieder alle und hielten ihre Totenklage.

Nun, meine Tochter Schahrasad - fuhr der Wesir in seiner Erzählung fort -, hielten sie in ihrem Hause fünfzig Hennen und einen Hahn dazu. Wie nun der Kaufmann so in Gedanken dasaß, traurig darüber, daß er diese Welt, seine Familie und seine Kinder für immer würde verlassen müssen, sogar schon drauf und dran war, sein Geheimnis zu verraten und auszusprechen, da hörte er auf einmal einen Hund, der bei ihm im Hause lebte, in seiner Sprache mit dem Hahn sich unterhalten. Der Hahn aber schlug währenddessen mit den Flügeln, besprang flatternd eine Henne, befriedigte sie, stieg ab und hüpfte auf das nächste Huhn.

Der Kaufmann erfaßte genau, was der Hund redete. «Verehrter Hahn», hörte er ihn in seiner Tiersprache sagen, «du hast aber wenig Schamgefühl! Wer dich einmal erzogen hat, der hat vollständig versagt! Schämst du dich nicht, an einem Tag wie heute so etwas zu tun?» «Was ist denn heute für ein besonderer Tag?» fragte der Hahn. «Weißt du denn nicht», sagte der Hund zu ihm, «daß heute Totenklage gehalten wird um unseren Herrn und Besitzer? Seine Frau besteht darauf, daß er ihr sein Geheimnis offenlegt, doch er muß sterben, sobald er es verrät. Siehst du? Da sind sie gerade dabei. Gleich wird er ihr die Sprache der Tiere erklären. Wir trauern schon allesamt um ihn. Und du schlägst mit den Flügeln, bespringst die eine und steigst von der anderen ab. Schämst du dich denn überhaupt nicht?»

«Du Tölpel, du Narr!» hörte der Kaufmann den Hahn antworten. «Dann ist unser Herr aber sehr dumm, obgleich er immer so klug tut. Er hat nur eine einzige Frau und weiß nicht, wie er mit ihr umgehen soll!» - «Was soll er denn mit ihr tun?» fragte der Hund. «Er soll einen Stock aus Eichenholz nehmen», sagte der Hahn, «mit ihr in die Vorratskammer gehen, die Tür verriegeln und sie so lange prügeln, bis er ihr Arme und Beine gebrochen hat und sie laut ausruft: <Ich will nicht mehr, daß du es sagst, ich will keine Erklärungen mehr!> Er soll sie schlagen, bis sie fast ihr Leben aushaucht und ihm nie wieder so im Wege stehen kann. Täte er das, hätte er seine Ruhe und könnte weiterleben und auf die Totenklage verzichten. Aber er versteht ja nichts davon!»

< Da, meine Tochter Schahrasad, als der Kaufmann hörte, was der Hund und der Hahn miteinander redeten, erhob er sich eiligst, ergriff einen Stock aus Eichenholz, schob seine Frau in eine Vorratskammer, ging auch selber mit hinein, verriegelte die Tür und ließ auf ihre Flanken und auf ihre Schultern Schläge niedersausen. Er prügelte sie immer weiter, und sie schrie um Hilfe und rief laut: «Nein, Nein! Ich werde nie mehr etwas von dir wissen wollen! Lag mich los! Laß mich los! Ich frage dich nie wieder irgend etwas!», so lange, bis er endlich müde wurde, die Tür aufschloß und die Frau reumütig herauskam. Da waren alle froh, und die Totenklage verwandelte sich in ein Freudenfest. Er aber hatte gelernt, wie man die richtigen Entschlüsse faßt.

«Willst du nun ebenfalls auf deinem Willen beharren, damit ich mit dir ebenso verfahre, wie es der Kaufmann mit seiner Frau getan hat?» - «Bei Gott», war ihre Antwort, «ich werde nicht davor zurückstehen. Diese Geschichten können mich von meinem Plan nicht abbringen. Wenn du willst, kannst du mir noch viele solcher Geschichten erzählen; es wird doch damit enden, daß ich, wenn du mich dem König Schahriyar nicht zuführst, allein und hinter deinem Rücken zu ihm gehe und ihm erzähle, du hättest mich einem wie ihm vorenthalten wollen und wärest knauserig gewesen gegen ihn mit meinesgleichen.» - «Bestehst du tatsächlich immer noch darauf?» fragte sie der Wesir. «Jawohl», erwiderte sie. <

Der Autor der Chronik spricht: Als der Wesir nun nicht mehr weiter wußte und nachdem alle seine Mühen vergeblich gewesen waren, begab er sich zum Sultan Schahriyar, trat zu ihm ein, küßte vor ihm den Erdboden und berichtete ihm von seiner Tochter und daß er sie ihm in dieser Nacht zum Geschenk machen werde.

Der König war erstaunt. «Hochverehrter Wesir», sagte er, «wie kann es sein, daß du mir deine Tochter anbietest? Du weißt doch selbst, daß ich, bei Gott und bei dem, der den Himmel aufgespannt hat, den nächsten Morgen nicht anbrechen lassen werde, ohne dir zu befehlen, sie zu töten. Und Wenn du sie nicht tötest, bringe ich dich um!» - «Verehrter Sultan», erwiderte er, «das habe ich ihr auch gesagt und es ihr klarzumachen versucht. Aber sie hat kein Ohr für meine Einwände. Es ist ihr Wunsch, in dieser Nacht bei dir zu sein.» Da freute sich der König. «Geh und ordne ihre Sachen», sagte er zu ihm. «Sobald die Nacht anbricht, führe sie zu mir.»

Der Wesir zog sich zurück und überbrachte diese Botschaft seiner Tochter. «Möge Gott mich nicht betrüben durch die Trennung von dir!» setzte er hinzu. Schahrasad freute sich über die Maßen und machte gleich sich selbst und alles, was sie brauchte, hübsch zurecht. Dann ging sie zu ihrer jüngeren Schwester Dinarasad. «Liebe Schwester», sagte sie zu ihr, «merke dir gut, was ich dir jetzt auftrage. Sobald ich beim Sultan bin, werde ich nach dir schicken. Wenn du dazukommst und siehst, daß der König seine Lust befriedigt hat, dann sage zu mir: <Ach, Schwester, wenn du nicht schläfst, so erzähle mir eine Geschichte!> Ich werde euch dann etwas erzählen, und das wird der Grund für meine Rettung und für die Rettung dieses ganzen Volkes werden. So werde ich den König von seinem grausamen Verhalten abbringen!» - «Einverstanden», antwortete Dinarasad.

Dann kam die Nacht. Der Wesir nahm sie und führte sie zu dem großen König Schahriyar. Der zog sie auf sein Lager und wollte mit ihr spielen, aber sie brach in Tränen aus. «Warum weinst du?» erkundigte er sich. «Ich habe eine Schwester», schluchzte sie, «der möchte ich diese Nacht noch Lebewohl sagen. Sie soll Abschied von mir nehmen, noch ehe der Morgen graut.» Da ließ der König nach ihrer Schwester schicken, und Dinarasad kam, legte sich unter das Bett und schlief ein.

Als die Nacht schon fortgeschritten war, erwachte Dinarasad, wartete geduldig, bis der König seine Lust an ihrer Schwester gestillt hatte und alle wach lagen. Dann räusperte sich Dinarasad. «Ach, Schwester», sagte sie mit einem Seufzer, «wenn du nicht schläfst, so erzähle uns doch eine deiner schönen Geschichten, damit wir uns unsere Nacht damit vertreiben können und ich dir dann noch vor dem Tagesanbruch Lebewohl sagen kann. Denn ich weiß nicht, was morgen mit dir geschehen wird.» - «Erlaubst du, daß ich erzähle?» fragte Schahrasad den König Schahriyar. «Einverstanden», sagte der. Und Schahrasad freute sich und sagte: «Dann höre zu!» ...


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .