Das eigentliche Interesse der Gegenwart an der antiken Schäferpoesie. Aus: Bernard de Fontenelle, Abhandlung über die Natur der Schäfergedichte (1688), deutsche Übersetzung von Johann Christoph Gottsched 1730.

Text entnommen aus: Helmut J. Schneider (Hg.), Deutsche Idyllentheorien im 18. Jahrhundert. Mit einer Einführung und Erläuterung herausgegebenen von Helmut J. Schneider, Tübingen 1988, S. 75 - 93 (78 - 80).


... Es kömmt mir ... vor, daß die Schäferpoesie keine große Annehmlichkeiten hat: wenn sie so grob ist, als es die Natur der Hirten erfodert; oder wenn sie nur von Dingen handelt, die das Landleben angehen. Von Schafen und Ziegen reden zu hören, und von der Sorgfalt, die man für diese Tiere tragen muß, das hat an und für sich selbst nichts Gefälliges. Dasjenige, was uns gefällt, ist die Vorstellung von dem ruhigen Leben derer, die Schafe und Ziegen weiden. Laßt einen Schäfer sagen: Meine Hämmel befinden sich wohl; ich treibe sie auf die beste Weide; sie fressen lauter gute Kräuter; ja er mag es in den schönsten Versen von der ganzen Welt sagen: so bin ich versichert, daß unsre Einbildungskraft nicht sonderlich dadurch vergnüget werden wird. Allein man lasse ihn sagen: Mein Leben ist frei von Unruhe! In was fur einer Stille bringe ich meine Zeit zu! Mein ganzes Verlangen geht dahin, daß meine Herde sich wohl befinde, und daß die Weide gut sei. Es ist kein Glück zu finden, welches ich beneiden könnte u.s.w. Man sieht wohl, daß dieses schon anfängt angenehmer zu werden: das macht, die Vorstellung fällt nicht mehr so genau auf das Ackerleben, sondern auf die wenigen Sorgen, damit man belästiget ist; auf die Muße, derer man genießt, und welches das Vornehmste ist, auf die Glückseligkeit, die daselbst so leicht erlanget werden kann. Die Menschen wollen ja glückselig werden, und möchten gern durch wenige Mühe dazu gelangen. Die Belustigung, und zwar die ruhige Belustigung, ist der allgemeine Zweck ihrer Begierden; und sie werden alle durch eine gewisse Trägheit beherrschet. Die allergeschäftigsten sind nicht eben aus Liebe zur Arbeit so tätig; sondern weil es ihnen so schwer fällt, sich zu vergnügen.

Weil die Ehrbegierde dieser natürlichen Trägheit gar zu sehr zuwider läuft; so ist sie weder eine allgemeine, noch sehr annehmliche Leidenschaft. Viele Leute sind gar nicht hochmütig; viele habens nicht eher angefangen zu werden, als nach gewissen Lockungen, die vor ihrer Überlegung vorhergegangen, und sie unfähig gemacht, jemals wieder zu ruhigem Neigungen zu gelangen. Ja die allerhochmütigsten beklagen sich oft, wie teuer ihnen ihre Ehrbegierde zu stehen kömmt. Das macht, ihre Trägheit ist nicht ganz ersticket, ob sie jener gleich aufgeopfert worden. Sie ist schwächlicher befunden, und hat dem Hochmute nicht die Wage halten können: aber sie hört nicht auf zu sein, und sich allezeit den Bewegungen der Ehrbegierde zu widersetzen. Solange man sich nun in zwo streitende Neigungen teilet, solange kann man nicht glücklich sein.

Nicht zwar, als wenn die Menschen sich in eine gänzliche Trägheit und Muße schicken könnten; sie müssen einige Bewegung und Beschäftigung haben; aber eine solche, die sich, wo möglich, mit der Art ihrer Trägheit zusammenreimet. Dieses findet sich nun auf die allerglücklichste Weise in der Liebe, wenn sie nämlich in einem gewissen Verstande genommen wird. Sie muß nicht mißtrauisch, eifersüchtig, rasend oder verzweifelnd; sondern brünstig, einfältig, zärtlich, treu, und, um sich in diesem Zustande zu erhalten, mit Hoffnung begleitet sein. Alsdann hat man ein zufriedenes, kein unruhiges Herz; man hat Sorgen, aber keine Bekümmernisse; man ist in Bewegung, aber nicht in Qual: und diese süße Bewegung ist eigentlich so beschaffen, als die Liebe zur Ruhe und die natürliche Trägheit sie erdulden kann.

Sonst ist es nur gar zu gewiß, daß die Liebe die allergemeinste und angenehmste Leidenschaft ist. Dergestalt verknüpfen sich in dem itzo beschriebenen Zustande zwo der stärkesten Neigungen des Menschen, die Trägheit und die Liebe. Beide werden zugleich vergnüget, und wenn man so glücklich werden will, als es durch die Begierden möglich ist: so müssen alle diejenigen, die man hat, sich ineinander schicken können.

Man sieht derowegen, was man sich in dem Schäferleben einbildet. Es leidet keinen Hochmut, noch sonst was, das so das Herz gar zu heftig beweget: und die Trägheit kann also wohl zufrieden sein. Diese Lebensart verursachet aber, durch ihre Muße und Ruhe, viel leichter die Liebe, als irgendeine andre; oder zum wenigsten ist sie derselben viel günstiger. Und was ist dieses für eine Liebe? eine weit einfältigere; denn man hat keinen so gefährlich verschmitzten Kopf: eine weit eifrigere, denn man ist mit keiner andern Leidenschaft beschäftiget: eine weit bescheidnere Liebe, denn man weiß fast von keiner Großsprecherei: eine weit getreuere Liebe, denn wo die Lebhaftigkeit des Geistes nicht so sehr geübt ist; da genießt man auch weniger Unruhe, weniger Verdrießlichkeit, weniger Eigensinn. Kurz zu sagen, es ist eine Liebe, die von allem dem gereiniget ist, was die Ausschweifungen der menschlichen Phantasie, Fremdes und Böses in dieselbe eingemischet haben.

Solchergestalt ist es kein Wunder, daß die Abbildungen des Schäferlebens allezeit, ich weiß nicht was, Annehmliches haben; und uns mehr vergnügen, als die prächtigen Beschreibungen eines stolzen Hofes, und aller Herrlichkeit, die daselbst in die Augen leuchten kann. Ein Hof gibt uns nur eine Abbildung von mühsamen und gezwungenen Ergetzlichkeiten. Darum, daß ich es noch einmal wiederhole: diese Vorstellung tut alles! Wenn man anderswo, als auf dem Lande den Schauplatz eines ruhigen, mit lauter Liebe beschäftigten Lebens antreffen könnte, so, daß weder Schafe noch Ziegen darzwischen kämen; so würde es deswegen, wie ich dafür halte, nicht schlechter werden. Die Ziegen und Schafe dienen zu nichts: wenn man aber entweder die Städte oder das Land wählen soll, so ist es viel wahrscheinlicher, daß dieser Schauplatz auf dem Lande anzutreffen sei.

Ist nun das Schäferleben das müßigste unter allen; so ist es am allerbequemsten, diejenigen angenehmen Vorstellungen zu machen, davon wir itzo reden. Es ist weit gefehlt, daß Ackersleute, Schnitter, Winzer und Jäger sich so wohl für die Eklogen schicken sollten, als Schäfer. Und das ist ein neuer Beweisgrund, daß das Annehmliche der Hirtengedichte nicht an bäurische Dinge gebunden ist; sondern an das ruhige Wesen, welches bei dem Landleben anzutreffen ist. ...


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .