Das Motiv 'Daphnis und Chloe' in der 'Idyllen'-Poesie des Rokoko. Aus: Salomon Geßner, An den Amor. Idyllen.

Text entnommen aus: Aus: Salomon Geßner (1730 - 1788), An den Amor. Idyllen. Hg. von Ulrich Berkes. Mit 25 Kupferstichen von Salomon Gessner, Leipzig 1980, S. 37 f.


Das Abendrot kam, als Chloe mit ihrem Daphnis zu dem rieselnden Bach in das einsame Weidengebüsche kamen; Hand in Hand gedrückt kamen sie ins Gebüsche; aber schon saß Alexis am rieselnden Bach, ein schöner Jüngling, aber noch nie war die Liebe in seinem Busen erwachet. Sei mir gegrüßt, du liebeleerer Jüngling, sprach Daphnis, vielleicht zwar hat itzt ein Mädchen dein Herz enthärtet, da du so einsame Schatten suchest, denn die Liebenden suchen gerne einsame Schatten. Ich komme mit meiner Chloe her, wir wollen im stillen Busch das Glück unsrer Liebe singen. So sprach er, und drückte des Mädchens Hand an seine Brust. Willst du zuhören, Alexis?

Alexis: Nein, kein Mädchen hat mein Herz enthärtet. Ich kam hierher, zu sehn, wie schön der Abend die Berge rötet, aber gerne will ich euern Gesang hören, es ist lieblich beim Abendrot einen schönen Gesang zu hören.

Daphnis: Komm, Chloe, hier laß uns neben ihm ins Gras uns Setzen, wir wollen ein Lied singen, meine Flöte soll deinen Gesang begleiten, Chloe! und du, Alexis, du bist ein guter Flötenspieler, begleite du den meinen.

Ich will ihn begleiten, sprach Alexis, und itzt setzten sie sich ins Gras am Bach, und Daphnis hub an.

Daphnis: Du stilles Tal und ihr belaubten Hügel! kein Hirt ist so glücklich wie ich, denn Chloe liebet mich; lieblich ist sie wie der frühe Morgen, wenn die Sonne sanft vom Berg heraufsteigt; dann freut sich jede Blume, und die Vögel singen ihr entgegen und hüpfen froh auf schlanken Ästen, daß der Tau vom Laube fällt.

Chloe: Froh ist die kleine Schwalbe, wenn sie vom Winterschlaf im Sumpf erwachet und den schönen Frühling sieht; sie hüpft dann auf den Weidenbaum und singet ihr Entzücken den Hügeln und dem Tal und ruft, Gespielen, wachet auf; der Frühling ist itzt da! Doch viel entzückter bin ich noch, denn Daphnis liebet mich, und ich ruf euch Gespielen zu, viel süßer ist's als der kommende Frühling, wenn uns ein tugendhafter Jüngling liebt.

Daphnis: Schön ist es, wenn auf fernen Hügeln die Herden in dunkeln Büschen irren; doch schöner ist's, o Chloe! wenn ein frischer Blumenkranz dein dunkles Haar durchirret; schön ist des heitern Himmels Blau, doch schöner ist dein blaues Auge, wenn es lächelnd mir winket. Ja, liebe Chloe, mehr lieb' ich dich als schnelle Fische den klaren Teich, mehr als die Lerche die Morgenluft.

Chloe: Da als ich im stillen Teich mich besah, ach! seufzt' ich, I könnt ich dem Daphnis gefallen! dem besten Hirten. Indes standst du ungesehn mir am Rücken und warfest Blumen über mein Haupt hin, daß mein Bild in hüpfenden Kreisen verschwand; erschrocken sah ich zurück und sah dich und seufzte, und da drücktest du mich an deine Brust. Ach! riefst du, die Götter sind Zeugen, ich liebe dich! ach! sprach ich, ich liebe dich, mehr als die Bienen die Blüten, mehr als die Blumen den Morgentau.

Daphnis: O Chloe, wenn du mit tränendem Auge, wenn dumit umschlingendem Arme mir sagst, Daphnis! ich liebe dich! Ach dann seh' ich durch den Schatten der Bäume hinauf in den glänzenden Himmel; ihr Götter! seufz' ich dann, ach wie kann ich mein Glück euch danken, daß ihr Chloen mir schenkt? und dann sink' ich an ihre Brust hin und weine, und dann küßt sie die Tränen mir vom Auge.

Chloe: Und dann küß ich die Tränen dir vom Auge, aber häufigere Tranen fließen dann mir vom Aug' und mischen sich zu deinen Tränen. Daphnis, seufz' ich dann, ach Chloe! seufzest du, und die Echo seufzet uns nach. Die Herd' erquickt das junge Frühlingsgras; der kühle Schatten erquickt bei schwüler Mittagshitze, mich, Daphnis! mich erquicket nichts so sehr, als wenn dein holder Mund mir sagt, daß du mich liebst.

So sangen Daphnis und Chloe. Glückliche Kinder, so sprach Alexis und seufzt'; ach! itzt fühl ich's, daß die Lieb' ein Glück ist, euer Gesang und eure Blicke und euer Entzücken haben's mir gesagt.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .