Bukolische Landschaftsbeschreibung und Liebenslyrik bei einem Dichter der deutschen Klassik: a) J. W. Goethe, Faust, 2. Teil (1825 - 1832), 3. Akt, 9514 - 9561 (Helenas Heimat) und b) ders., Gedicht 'Schäfers Klagelied' (1801).

Entnommen aus: Goethes Werke, Auswahl in zehn Teilen. Auf Grund der Hempelschen Ausgabe neu herausgegeben und mit Einleitungen und Anmerkungen versehen von Karl Alt in Verbindung mit Robert Riemann und Eduard Scheidemantel, Berlin u. a. O. [o. D., nach 1908], 5. Teil, s. 259 f. und 1. Teil, S. 41 f.


... Dies Land, allein zu dir gekehret,

Entbietet seinen höchsten Flor;

Dem Erdkreis, der dir angehöret,

Dein Vaterland, o zieh es vor!

Und duldet auch auf seiner Berge Rücken

Das Zackenhaupt der Sonne kalten Pfeil,

Läßt nun der Fels sich angegrünt erblicken,

Die Ziege nimmt genäschig kargen Teil.

Die Quelle springt, vereinigt stürzen Bäche,

Und schon sind Schluchten, Hänge, Matten grün.

Auf hundert Hügeln unterbrochner Fläche

Siehst Wollenherden ausgebreitet ziehn.

Verteilt, vorichtig angemessen schreitet

Gehörntes Rind hinan zum jähen Rand;

Doch Obdach ist den sämtlichen bereitet,

Zu hundert Höhlen wölbt sich Felsenwand.

Pan schützt sie dort, und Lebensnymphen wohnen

In buschiger Klüfte feucht erfrischtem Raum,

Und sehnsuchtsvoll nach höheren Regionen,

Erhebt sich zweighaft Baum gedrängt an Baum.

Alt-Wälder sind's! Die Eiche starret mächtig,

Und eigensinnig zackt sich Ast an Ast;

Der Ahorn mild, von süßem Safte trächtig,

Steigt rein empor und spielt mit seiner Last.

Und mütterlich im stillen Schattenkreise

Quillt laue Milch bereit für Kind und Lamm;

Obst ist nicht weit, der Ebnen reife Speise,

Und Honig trieft von ausgehöhltem Stamm.

Hier ist das Wohlbehagen erblich,

Die Wange heitert wie der Mund,

Ein jeder ist an seinem Platz unsterblich:

Sie sind zufrieden und gesund.

Und so entwickelt sich am reinen Tage

Zu Vaterkraft das holde Kind.

Wir staunen drob; noch immer bleibt die Frage:

Ob's Götter oder Menschen sind?

So war Apoll den Hirten zugestaltet,

Daß ihm der schönsten einer glich:

Denn wo Natur im reinen Kreise waltet,

Ergreifen alle Welten sich. ...


Da droben auf jenem Berge,

Da steh' ich tausendmal,#An neinem Stabe gebogen,

Und schaue in das Tal.

Dann folg' ich der weidenden Herde,

Mein Hündchen bewahret mir sie.

Ich bin herunter gekommen

Und weiß doch selber nicht wie.

da stehet von schönen Blumen

Die ganze Wiese so voll.

Ich breche sie, ohne zu wissen,

Wem ich sie geben soll.

Und Regen, Sturm und Gewitter

Verpass' ich unter dem Baum.

Die Türe dort bleibt verschlossen;

Doch alles ist leider ein Traum.

Es stehet ein Regenbogen

Wohl über jenem Haus!

Sie aber ist weggezogen,

Und weit in das Land hinaus.

Hinaus in das Land und weiter,

Vielleicht gar über die See.

Vorüber, ihr Schafe , vorüber!

Dem Schäfer ist gar so weh.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .