Zur nachantiken Wirkungsgeschichte des antiken 'Alexanderromans' ('Pseudo-Kallisthenes'): Wolfgang Kirsch, Nachwort.

Entnommen aus: Historie von Alexander dem Großen. Übersetzung aus dem Mitellateinischen, Nachwort und Anmerkungen von Wolfgang Kirsch, (Leipzig 1975) Frankfurt M. 1984, S. 192 - 198.


... Das Buch des Neapolitaner Erzpriesters Leo "Geburt und Sieg König Alexanders des Großen" (entstanden zwischen 951 und 969) war die ziemlich getreue Übersetzung eines griechischen Originals, jedoch ein "hölzernes, dürftiges Werk" (Pfister) und fand zunächst kaum Verbreitung. Dann wurde es bearbeitet. Diese Bearbeitungen nennen wir ',Historia de preliis" (Geschichte der Kriege - nämlich Alexanders des Großen), und da sie jedesmal durch Interpolationen (Einschaltungen) erweitert worden sind, bezeichnen wir die Rezensionen (Fassungen) als I 1, I 2 und I 3.

Die erste Bearbeitung Leos, die interpolierte Rezension I 1, ist im 11. Jahrhundert in Italien entstanden. Ihr Bearbeiter bemühte sich besonders, den schlechten lateinischen Stil seiner Vorlage zu verbessern. Etwa ein Dutzend erhaltener Handschriften spricht davon, daß sie sich einer gewissen Beliebtheit erfreute. Doch wurde sie wiederum umgeformt, und zwar von zwei Schriftstellern, die unabhängig voneinander arbeiteten. So entstand aus I 1 einerseits im 11. oder 12. Jahrhundert I 2, andererseits im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts I 3, wobei die letztgenannte Fassung mit christlichen Sentenzen geschmückt und sprachlich stark modernisiert worden ist.

Sowohl von I 2 als auch von I 3 sind dreimal so viel Handschriften erhalten wie von I 1 - sie wurden also ungeheuer gelesen. Wenn wir uns aber ein vollständiges Bild von der Beliebtheit des Stoffes machen wollen, so müssen wir uns vor Augen halten, daß es von den genannten Texten noch vielfältige lateinische und volkssprachige Bearbeitungen gab, und zwar nicht nur englische, französische, spanische, italienische, hebräische und arabische, sondern auch tschechische, ungarische und russische (so daß den Völkern der Sowjetunion Übersetzungen der vier wichtigsten griechischen Fassungen - a, b, g und *d - des Alexanderromans zur Kenntnis gelangt sind).

Auf die deutschsprachigen Bearbeitungen sei hier genauer eingegangen:

Das ,,Alexanderlied" des Pfaffen Lampretht (etwa 1155) ist die Übersetzung eines französischen Epos des Alberic von Pisançon, dessen Quelle Julius Valerius ist. Es wurde zweimal durch Zusätze aus I 2 beträchtlich erweitert - zum "Basler" und zum ,,Straßburger" Alexander.

Die Hauptquelle des "Alexander" des Rudolf von Ems (nach 1250) ist Curtius, hinzu tritt für die bei diesem fehlenden Stellen I 2.

Curtius ist auch die Hauptquelle für die "Alexandreis" des Walter von Châtillon (1178-1182), ein Epos im Stile Vergils, das Ulrich von Etzenbach zwischen 1270 und 1287 ins Deutsche übertrug, wobei er Ergänzungen aus I 2 hinzufügte.

Seifrit folgte I 2 und vollendete sein Alexandergedicht im Jahre 1352.

I 3 war die Vorlage für das lateinische Epos des Quilichinus von Spoleto (1236), das im späten 14. Jahrhundert unter dem Titel "Der Große Alexander" ins Deutsche gebracht wurde.

Der Meister Babiloth (14. Jahrhundert) folgte in seiner ,,Alexanderchronik" zunächst I2, gegen Ende jedoch I 3.

Ziemlich unmittelbar auf Leos Text geht die letzte deutsche Bearbeitung des Alexanderromans durch den Arzt Johann Hartlieb (etwa 1444) zurück, ein Volksbuch, das im 16. Jahrhundert noch die Alexanderstücke des Hans Sachs beeinflußt hat.

Diese Beliebtheit des Werkes setzt uns heute in Erstaunen, denn seine Mängel liegen auf der Hand. Nicht allein, daß die historischen Fakten entstellt sind und vieles hinzuerfunden wurde - auch wenn wir das Werk vom rein literarischen Gesichtspunkt betrachten, ist es nicht schlüssig. Seine Hauptgestalt, Alexander, ist nicht das, was wir als Charakter bezeichnen könnten. Gründe für sein Handeln, und wären es auch nur erdichtete, werden nie genannt, ein Sinn seines Tuns nie gesucht. Von Anfang an ist er der Gottgesandte, sein Schicksal ist von vornherein festgelegt, und so ist es vermessen, sich ihm zu widersetzen, wie das die Thebaner, Athener, Spartaner, wie es Dareios und Poros tun.

Er ist ein Typus, der Typ des idealen Herrschers - nur im letzten Kapitel wird Kritik laut: Er sei von Wein und Jähzorn besiegt worden. Erlebt haben wir das im Roman an keiner Stelle. Sonst ist nur Preiswürdiges von ihm zu vermelden. Schon als Kind ist er allen überlegen,, als Jüngling übertrifft er alle - ob die Gesandten des Dareios oder die alten Makedonier - an Weisheit. So weiß er auch Dareios immer die rechte Antwort zu geben, ob dieser ihm nun Spielzeug übersendet oder Mohnsamen. Keine Situation - abgesehen von der Entdeckung seiner Identität durch Kandake - kann ihn überraschen; mögen Elefanten, mögen Hunde gegen ihn kämpfen, mag ihm der Basilisk gegenüberstehen, Schnee und Regen ihn heimsuchen - stets weiß er Rat. So hat er auch immer recht; wenn ein Friedensangebot des Dareios zu beantworten, ein Attentäter abzuurteilen ist - seine Soldaten werden nur scheinbar um Rat gefragt. Alexander weiß alles besser und handelt nach eigenem Ermessen, natürlich richtig. Dabei ist er nicht frei von List, ja von Hinterlist, etwa wenn er Nektanebos in den Graben stürzt, Poros tötet, als dieser sich umblickt, durch falsche Vorspiegelungen der Mörder des Dareios habhaft wird und sich aus den Händen der Söhne der Kandake befreit. In unserer Fassung ist aber eine Kritik an dieser Handlungsweise nicht erkennbar. - Sonst werden immer wieder die Tugenden des Königs hervorgehoben: Als ein mutiger Mann geht er allein, als Bote verkleidet, zu Dareios, überquert als erster die Pontonbrücke über den Euphrat und ist immer an der Spitze seiner Soldaten zu finden. Die hinterhältige Gefangennahme oder Ermordung des Dareios lehnt er, ehrenhaft wie er ist, entschieden ab, wie er überhaupt Verräter verachtet, auch wenn sie ihm ihre Dienste anbieten. Dagegen belohnt er die Treuen, auch wenn sie seinem Feind die Treue halten, und erweist sich stets als freigebig: Immer werden die Boten des Dareios gespeist und reich beschenkt. Mildtätig und edelmütig ist er zu allen, die im Elend sind - zu den Verwandten des Dareios, den vom Perserkönig verstümmelten Gefangenen, den Verwundeten, die er heilen, den Gefallenen, die er bestatten läßt. Pietätvoll erfüllt er die Wünsche des sterbenden Dareios und heiratet alsbald dessen Tochter Roxane. Seine Siege machen ihn nicht übermütig. Er bleibt bescheiden, ehrt die Götter, opfert ihnen stets und lehnt es ab, als Gott verehrt zu werden.

Dareios ist sein ganzes Gegenbild: Er ist überheblich, hoffärtig, teilt die Beute des noch gar nicht geschlagenen Alexander auf. Dabei flieht er immer wieder als erster aus der Schlacht. Sein Ebenbild ist Poros.

Noch viel weniger sind Alexanders Kampfgefährten als Persönlichkeiten ausgeprägt. Sie verstehen ihn nicht und treten nur bedarfsweise auf, damit vor diesem Hintergrund Alexanders Weisheit um so leuchtender erscheint.

So gewinnt, wie mehrfach gesagt wird, recht eigentlich Alexander selbst alle Schlachten. Das Volk, das in Gestalt der Soldaten entscheidenden Anteil an Alexanders Erfolgen hat, ist nur Statisterie, wird nie als Gemeinschaft mit eigenem Willen gezeichnet. Es kämpft auf Befehl, jubelt, wenn der König weise gesprochen oder einen Erfolg errungen hat, und murrt bisweilen - natürlich grundlos, wie es sich denn auch später seines Tuns schämt.

Es drängt sich nun die Frage auf, wie ein Werk yon so geringer literarischer Qualität wie der Pseudo-Kallisthenes ein Welterfolg werden konnte, kein ephemerer zudem, sondern ein Jahrhunderte anhaltender, und zwar auch bei Völkern, mit denen Alexander nie in Berührung gekommen war. Da läßt sich wohl ganz allgemein feststellen, daß der Roman in ganz besonderem Maß all den Erwartungen entsprach, die an Literatur gestellt werden. Er half, die Welt des Lesers zu erweitern, ihn Dinge erfahren zu lassen, die er nicht selbst erleben konnte, ihn in Länder zu führen, die ihm verschlossen blieben. Hierzu gehört auch die Freude an der Zauberei und am Wunderbaren überhaupt, wie denn auch immer wieder Wundergeschichten den einzelnen Fassungen beigefügt wurden. Sodann wird der Mensch offenbar nie müde, von großen menschlichen Leistungen zu hören, seinen literarischen Helden tun zu lassen, was er selbst gern vollbrächte. Und schließlich enthält der Roman auch pikante und rührselige Szenen, auf die ja auch heute noch kein wirklich populäres Buch verzichten kann: Olympias wird verführt, ein Waldmensch mittels eines nackten Mädchens gefangen, Flußweiber pflegen Verkehr mit Männern, bis diese sterben. Tränen fließen reichlich: beim Abschied Alexanders von seinem sterbenden Vater und von Dareios, der mit dem Tode ringt, und schließlich beim Hinscheiden des Königs. Wir wollen auch nicht vergessen, daß die Form des Werkes, die Reihung einzelner, im Grunde voneinander unabhängiger Szenen, vom Hörer oder Leser keine stets wache Aufmerksamkeit verlangt.

Was nun die abendländisch-mittelalterliche Geschichte des Pseudo-Kallisthenes betrifft, so kommen zu den genannten noch einige andere Umstände hinzu. Dem Alexanderroman halfen fraglos seine in ihm verborgenen vielseitigen Deutungsmöglichkeiten. Beliebt wurde er zu einer Zeit, als die volkssprachigen Literaturen sich breit entwickelten und damit auch Stoffe der griechisch-römischen Antike (Trojanischer Krieg, Alexander, Aneas) in breitere Schichten drangen. Hiermit war die Herrschaft der geistlichen Literatur im eigentlichen Sinne gebrochen, doch war es ein "Vorteil" des Alexanderromans, daß er sich auch in christlichem Sinn auslegen ließ. Man kann feststellen, daß die kynische Philosophie eine starke Affinität zur christlichen Askese besitzt; Kyniker brachten es bisweilen im ausgehenden Altertum in christlichen Gemeinden zu hohem Ansehen. Ihre Weltanschauung kommt in den Gymnosophistenkapiteln zum Ausdruck, und sie entsprach weitgehend christlichen Lehren. Den Satz des Königs Salomon, alles auf Erden sei eitel, sah man in Alexanders Leben bestätigt: Was hatten all die Anstrengungen des Königs genützt, wenn ihm, dem die Welt nicht groß genug war, nun ein kleines Fleckchen Erde, sein Grab, genügen mußte; wenn er, der Unbesiegbare, der eben noch auf dem Gipfel der Macht gestanden hatte, in die Tiefe stürzte, von einem Tröpfchen Gift dahingerafft? Lebten nicht die bedürfnislosen Brahmanen besser, christlicher, die nichts auf der Welt begehrten und daher auch nichts verlieren konnten?

Für die weltlichen Feudalherren des ausgehenden 12. und des 13. Jahrhunderts, die der Geistlichkeit das Privileg literarischer Produktion völlig entrissen hatten, war Alexander das Muster des Ritters. Sie schwelgen in der Schilderung von Schlachten und Belagerungen, versetzen den König in eine höfische Umgebung mit Frauenminne und Turnier und schmücken ihn mit allen Beiwörtern, die einem Ritter zu Ruhm und Preis gereichen. Der Makedonier hatte zudem Länder des Ostens erobert, eben jene, die durch die Kreuzzüge ins Blickfeld der westeuropäischen Feudalherren geraten waren.

Dem allmählich erstarkenden und Bildung erwerbenden, wenn auch noch von feudaler Kulturtradition abhängigen Stadtbürgertum des 14./15. Jahrhunderts, jener Klasse, die die großen Entdeckungen tragen sollte, bot die "Historie von Alexander dem Großen" einen weiten Blick über die Stadtmauern hinaus in jene Länder, die sehr verkäufliche Produkte lieferten und deren Reichtum sprichwörtlich war.

Nach dem Aufkommen historischer Quellenkritik, nach dem Bekanntwerden von Plutarch und Arrian, konnte unser Werk nicht mehr als Geschichtsquelle betrachtet, mußte als ,,rockenmärl" (Aventinus) abgelehnt werden. So hat der Roman in der Renaissance die Gebildeten als Publikum verloren, war aber auch nicht so mit dem Volke verbunden, daß er es mit Sagen, Märchen und Schwänker hätte aufnehmen können. Das selbstbewußte frühkapitalistische Bürgertum des 16. Jahrhunderts lehnte, wie wir aus Hans Sachs sehen können, den ewig Eroberungskriege führenden, Städte zerstörenden, Steuern fordernden König Alexander ab:

Bey der histori merck ein fürst,
Welchen nach frembder herrschafft thürst
Wider ehr, recht und billigkeit
Ahn noht und ursach kriegt und streidt,
Allein sein herrschafft zu erweitern,
Darunter doch offt geht zu scheitern.
Gemeiner nutz verdirbt, verschwindt
Wol drey mal mehr, wann er gewindt.
Ich schweig auch, das offt auff ein stundt
Sein landt und leut gehn drob zu grunt,
Er auch vertrieben wirt zu letzt.

So ging der Alexanderroman unter, bis er als Literaturwerk im 19. Jahrhundert das Interesse der Philologen auf sich lenkte. Seither sind viele Fassungen entdeckt, bei weitem aber nicht alle veröffentlicht und im allseitigen Zusammenhang ihrer Motive untersucht worden. Gänzlich fehlt eine Interpretation der Werke in bezug auf die Gesellschaften, die sie hervorbrachten oder aufnahmen.

Bei allem Wissen um die Schwächen unseres Romans bereitet uns seine Lektüre heute wieder Gewinn und Vergnügen. Wir vermögen weder den Zorn frühbürgerlicher Autoren zu empfinden, die den historisch falschen Darstellungen des Romans, die weithin Glauben fanden, energisch die historische Wahrheit entgegenstellen mußten, noch die Überheblichkeit der Historiker des 19. Jahrhunderts, die diese für die Geschichtsschreibung unergiebige Quelle verachteten. Wir verlangen von unserem Text nicht, was er nicht bieten kann, was gar nicht in der Absicht seines Autors lag, sondern betrachten ihn als Dokument einer überwundenen, aber jahrhundertelang gültigen Art der Geschichtsschreibung, der maßlosen Überschätzung des einzelnen und der Unfähigkeit, die hinter ihm stehenden historischen Kräfte zu erkennen. Aber wir genießen mehr als die Freude dessen, der es "so herrlich weit gebracht" hat und sich daran weidet, welchen Torheiten frühere finstere Jahrhunderte aufgesessen sind. Wir amüsieren uns über die naive Lust am Fabulieren, die dem Pseudo-Kallisthenes nahezu in der ganzen Welt wahre Volkstümlichkeit verliehen hat, wie uns nicht nur seine weite Verbreitung, sondern auch die zahlreichen Sagen lehren, die aus ihm in das Erzähigut vieler Völker gedrungen sind.

Das vorliegende Buch bietet die erste deutsche Übersetzung der drei grundlegenden mittellateinischen Texte (Ausfeld versuchte dagegen in seinem "Griechischen Alexanderroman" die Rekonstruktion der ältesten erreichbaren Fassung des griechischen Romans in deutscher Sprache). Es soll den Text leichter zugänglich und in seinen verschiedenen Fassungen, ohne deren Kenntnis man notwendig zu Fehlurteilen kommen muß, schnell überblickbar machen.

Allerdings sei hervorgehoben, daß der Text in der vorliegenden Form nie existiert hat. Der berechtigte Wunsch des Verlages, die ausgewählten wichtigeren Zusätze von I 2 und I 3 nicht im Anhang verschwinden zu lassen, wo sie wohl nur der kleine Kreis der Philologen gelesen hätte, war Veranlassung, die Interpolationen von allen Fassungen weitestgehend in den Text zu nehmen und nur Abweichungen vom Text in den Fußnoten zu bieten. ...


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .