Zur nachantiken Wirkungsgeschichte des antiken Romans 'Daphnis und Chloe' von Longos und generell der antiken Bukolik: Otto Schönberger, Einführung.

Entnommen aus: entnommen aus: Longos. Hirtengeschichten von Daphnis und Chloe. Griechisch und deutsch. Von Otto Schönberger, Berlin 1973 2, S. 9 - 59 ( S. 33 - 35 [Das Urteil Goethes] und S. 41 - 47 [Nachleben]).


Das Urteil Goethes.

Der Roman des Longos erfuhr schon die verschiedensten Beurteilungen. Verachtung 1 und Verehrung sind ihm zuteil geworden. Um nur bei den Philologen zu bleiben: K. Lehrs hat in seinen "Populären Aufsätzen aus dem Alterthum" (2. Aufl. Leipzig 1875, 391) Goethes Begeisterung für das Werk des Longos zu erklären versucht: Goethe und Passow hätten sich über die Natur des Longos getäuscht, weil dieser eine voll ausgebildete Sprache, die der feinsten Aussage fähig war, vorgefunden habe; diese Sprache habe für Longos gedichtet. "Übrigens ist jener Roman so läppisch und insipid als etwas nur sein kann." Dieses Urteil steht für manches andere, welches das Verhältnis Goethes zu Longos erklären will. Jedesmal wird festgestellt, Goethe habe den Roman in irgendwelchen Verzerrungen zu Gesicht bekommen und habe deshalb kein treffendes Urteil darüber fällen können. Auch Rohde (549f.) erklärte Goethes Bewunderung für den Roman aus der Freude an der Übersetzung von Courier. Den wahren Charakter des Longos würde Goethe sicherlich abgelehnt haben. Ebenso Helm (51): "Ein seltsames Fehlurteil, das nur vcrständlich wird, weil ihm der Roman lediglich durch die stilistisch wesentlich veränderte französische Übersetzung des Amyot und Courier zugänglich war" (ähnlich Schwartz i50 f. und Dörrie, Rez. 350).

Diese Erklärungen sind insofern falsch, als Goethe den Roman zwar zuerst in der Übersetzung von Amyot und Courier kennenlernte, aber später auch die deutsche Übersetzung von Passow las; sicher wird er mit Passow selbst über Longos gesprochen haben, als er ihn in Weimar traf, wenn Passow sich auch nirgends darüber geäußert hat 2. Die französische Übersetzung pries Goethe allerdings sehr: "Dieses alte Französisch ist so naiv und paßt so durchaus für diesen Gegenstand, daß man nicht leicht eine vollkommenere Übersetzung in irgendeiner anderen Sprache von diesem Buche machen wird." - Die Tagebücher von 1807 bieten auch die erste längere Äußerung Goethes über Longos: "Bei Gelegenheit von Daphnis und Chloe ward bemerkt, daß der Autor einen großen Reichtum von Motiven der Pastoralwelt auf eine höchst geschickte Weise zusammengefunden und besonders das Hauptmotiv der Retardation in der größten Mannigfaltigkeit zu benutzen gewußt." Schon diese Äußerung zeigt, daß Goethe nicht von der äußeren Form geblendet war, sondern auch das Technische, Schriftstellerische des Romans zu würdigen wußte. Besonders gerühmt wird das Moment der Retardierung, der feinsten Art der Steigerung, aber auch die Wahl des Gegenstandes findet Beifall. Goethes Interesse an Longos blieb weiterhin wach, und er war sehr erfreut über Couriers Fund, der 1810 die Handschrift mit den bis dahin fehlenden Stücken I, 13-17 fand. Goethe erkannte auch sofort die Tragweite der Entdeckung und bezeichnete die neugefundene Partie als den "eigentlichen Gipfel" des Romans (auch die Affäre mit dem Tintenflecken in der Handschrift taucht noch einigemal in Goethes Gesprächen auf).

Die wichtigste Äußerung über Longos verdanken wir aber dem alten Goethe. In den Gesprächen mit Eckermann, als er die Übersetzung Passows schon lange kannte, also nicht mehr durch den Glanz einer französischen zierlich-archaischen Übertragung geblendet war, sprach er begeistert über Longos (9., 18., 20. 3. 1831). Wir schreiben das Wichtigste aus: "Es ist darin der hellste Tag, und man glaubt, lauter herkulanische Bilder zu sehen, so wie auch diese Gemälde auf das Buch zurückwirken und unserer Phantasie beim Lesen zu Hilfe kommen." Es ist erstaunlich, mit welchem Scharfblick Goethe die Verwandtschaft zwischen den herkulanischen Bildern und Longos erkannte. Erst die Philologie unserer Tage hat diese Anregung wieder aufgenommen und die Stile römischer Wandbilder in Vergleich zu Longos gesetzt, um von den sicher datierten Bildern aus Longos zeitlich zu fixieren. - "Und keine Spur von trüben Tagen, von Nebel, Wolken und Feuchtigkeit, sondern immer der blaueste, reinste Himmel, die anmutigste Luft und ein beständig trockener Boden, so daß man sich überall nackend hinlegen möchte." Hier spricht Goethes Sehnsucht nach dem Italien seiner Manneszeit. Er fand in dem ewig klaren Himmel des Longos das Bild jenes Himmels wieder, nach dem er sich seit 1788 gesehnt hatte. Das mag zu seinem günstigen Urteil beigetragen haben.

"Alles Widerwärtige, was von außen in die glücklichen Zustände des Gedichts störend hereintritt, wie Überfall, Raub und Krieg, ist immer auf das schnelleste abgetan und hinterläßt kaum eine Spur." Auch das mochte Goethe anziehen: das Fehlen aller Härte, aller Tragik; die ungestörte, ruhige Bildung der beiden Kinder, die zurückgedrängte Außenwelt, all das mußte ihm den Roman empfehlen. Das Lebensgefühl des Longos bot ja nicht die mindeste Möglichkeit zur Tragik. Weder der Autor noch seine Geschöpfe haben Anlage und Kraft dazu. Auch ist kein Mensch im Roman des Longos ein radikaler Bösewicht. Jeder hat seine guten Seiten, und die schlechten Charaktere besitzen oft eine leise Komik.

Ein weiterer Grund, warum unser Roman Goethes Billigung erfuhr, kann sein, daß hier der Unterschied zwischen Natur und Kultur verwischt war. Der Mensch steht bei Longos nicht außerhalb der Natur, er selbst ist ein Stück von ihr, ihr Gipfelpunkt und ihre Vollendung. Ähnlich ist es auch in Goethes Weltbild. Ein Grund für Goethes Freude an Longos war zweifelsohne auch die Behandlung des Natürlich-Sinnlichen und des Sexuellen: Hier entwickelten sich Sinne und Triebin konsequenter Steigerung, und doch waren sie immer - sei es durch Hemmung, Unwissenheit oder ein innerstes Gefühl, von dem Longos allerdings nie spricht zurückgehalten und gezähmt. Hier gab es keine Prüderie, sondern eine heidnische Freude am Sinnlichen und Natürlichen, wie sie auch den "Römischen Elegien" eignete. Schließlich fand der Lebensgläubige hier das gute Ende in der Handlung, und so erschien ihm Longos als ein Dichter hohen Grades, bot er doch das, was er vom Dichterischen gefordert hatte: "Die wahre Poesie kündigt sich dadurch an, daß sie als ein weltliches Evangelium durch innere Heiterkeit, durch äußeres Behagen uns von den irdischen Lasten zu befreien weiß, die auf uns drücken." In diesem Gefühl mag Goethe auch die Verse 979f. des ',Torquato Tasso" (2, 1) geschrieben haben.

Ein weiteres Zeugnis für Gedanken über Longos aus Goethes Kreis bietet übrigens der Bericht Eckermanns von einer Unterhaltung mit Soret, mit dem Weimarer Prinzen und Goethe am 15. 3.1831. Eckermann erzählt, man habe zuerst "viel über Courier" gesprochen; dann vergleicht er Goethes "Novelle" mit ',Daphnis und Chloe", wobei wohl auch Gedanken Goethes aus jener Unterhaltung mit einfließen. Er sagt: "Unser Jahrhundert wird ... immer prosaischer werden, und es wird, mit der Abnahme des Verkehrs und Glaubens an das Übersinnliche, alle Poesie auch immer mehr verschwinden. - Dieser Glaube ist etwas so Natürliches, daß er zum Menschen gehört, daß er einen Bestandteil seines Wesens ausmacht und, als das Fundament aller Religion, allen Völkern angeboren ist. In den ersten menschlichen Anfängen zeigt er sich stark; er weicht aber auch der höchsten Kultur nicht, so daß wir ihn unter den Griechen noch groß in Plato sehen, und zuletzt noch ebenso glänzend in dem Verfasser von ',Daphnis und Chloe". In diesem liebenswürdigen Gedicht waltet das Göttliche unter der Form von Pan und den Nymphen, die an frommen Hirten und Liebenden teilnehmen, welche sie am Tage schützen und retten, und denen sie nachts im Traum erscheinen und ihnen sagen, was zu tun sei..

Damit aber dieses einem ungläubigen neunzehnten Jahrhundert nicht zu wunderbar erscheine, so benutzt der Dichter noch ein zweites mächtiges Motiv, nämlich das der Musik ..., von der auch wir uns noch täglich beherrschen lassen, ohne zu wissen, wie uns geschieht. Und wie nun Orpheus durch eine solche Magie die Tiere des Waldes zu sich heranzog, und in dem späten griechischen Dichter ein junger Hirt mit seiner Flöte die Ziegen leitet, so daß sie auf verschiedene Melodien sich zerstreuen und versammeln, vor dem Feind fliehen und ruhig hinweiden, so übt auch in Goethes Novelle die Musik auf den Löwen ihre Macht aus...".

Anmerkungen

1 Vgl. auch K. Marx und Fr. Engels, Über Literatur, Stuttgart 1971, 26: "Liebesverhältnisse im modernen Sinne kommen im Altertum nur (?) vor außerhalb der offiziellen Gesellschaft. Die Hirten ..., der Daphnis und die Chloe des Longos, sind lauter Sklaven, die keinen Teil haben am Staat, der Lebenssphäre des freien Bürgers." Freilich, die beiden werden dann Bürger.

2 Die Nachweise zu Goethes Äußerungen über Longos bei E. Grumach, Goethe und die Antike, 1. Band, Potsdam 1949, 316ff. - Vgl. meine Ausführungen in: Helikon i, 1961, 369; zur falschen Auffassung des goetheschen Urteils vgl. Antonio Ruiz de Elvira, El valor de la novela antigua a la luz de la ciencia de la literatura, Emerita 21, 1953, 91, Anm. 1.

Nachleben 1.

Die griechischen Romane entfalteten eine große Wirkung. Generationen begeisterten sich an ihnen, und zwar nicht nur das breite Publikum. Weinreich [scil.: O., Nachwort zu: Heliodor, Aithiopika, übertr. von R. Reymer, Zürich 1950] (326) zeigt, daß Boccaccio, Tasso, Cervantes, Calderón, Racine und Goethe an diesen Romanen ihre Freude hatten. Auch eine ganze Literaturgattung, der Barockroman, ist aus der Nachbildung antiker Romane, besonders des Heliodor, erwachsen (Weinreich 325). Schäferroman und Schäferdichtung sind zum Teil von Longos beeinflußt, doch wirken hier auch Vergil und Theokrit mächtig. Die antike Schäferdichtung hat ihre Wirkung als Ganzes gezeitigt, eine Wirkung, die etwa bis zum Beginn unseres Jahrhunderts reicht und die wir nun, nach Ländern geordnet, kurz skizzieren.

Das 6. bis 8. Jahrhundert war den Romanen nicht günstig; erst die byzantinischen Gelehrten des 9. bis 11. Jahrhunderts pflegten sie wieder. Der Patriarch Photios (2. Hälfte des 9. Jahrhunderts) interessierte sich lebhaft für sie, kennt aber Longos anscheinend nicht. Longos wird zum erstenmal in dem Versroman des Niketas Eugenianos (12. Jahrhundert) erwähnt. Dort (6, 439-450) wird die Geschichte von Daphnis und Chloe kurz erzählt und zwei Liebenden gewünscht, auch ihr Roman möge so glücklich verlaufen. Auch andere Zeitgenossen, Theodoros Prodromos und Eustathios Makrembolites, bilden stellenweise Longos nach 2. Die byzantinischen Romane seit 1150 stellen überhaupt die erste Wirkung des griechischen Romans dar; Longos allerdings wird nur von den genannten Autoren nachgeahmt. Longos und Achilleus Tatios waren aber zu byzantinischer Zeit in Konstantinopel beliebt, denn Psellos muß mahnen, man solle die Studien nicht mit diesen Autoren, sondern mit ernsteren Klassikern beginnen 3. Im griechischen Raum hat Longos vielleicht eine späte Blüte getrieben: im Jahre 1627 erschien in Venedig "La bella pastora" (H eumorfh boskopoula) von einem unbekannten Dichter (hrsg. von Drimytinos). Auch auf dieses Werk hat Longos vielleicht (durch Zwischenstufen) eingewirkt 4.

Welche Vorsichtsmaßnahmen übrigens im Mittelalter die Beschäftigung mit einem erotischen Autor erfordern konnte, zeigt das Beispiel der Handschrift A, die aus dem 13. Jahrhundert stammt. Nur ein stark Kurzsichtiger konnte diese winzige Schrift lesen. Das Format der Handschrift ist ebenfalls ungewöhnlich klein; man konnte sie rasch im Gewand verschwinden lassen. Auch ist die Handschrift nicht sogleich als Roman kenntlich: sie beginnt und endet mit patristischen Texten. Sicher sind das alles Maßnahmen, um ihren Inhalt nach Kräften vor Spürnasen zu tarnen.

Der Westen lernte Longos zuerst nicht im Urtext kennen, sondern durch die Übertragungen von Caro, Gambara und Amyot. Die Renaissance las die griechischen Romane mit großer Begeisterung, unter ihnen auch Longos. Wolff [scil.: S. L., The Greek Romances in Elisabethan Prose Fiction, Diss. New York 1912] (235) hat treffend gesagt, die Autoren der griechischen Romane hätten gewußt, was die Zukunft lieben werde. Hinzu traten Petrarcas "Eclogen" (1357) - diese fußen auf der Bukolik im allgemeinen, nicht auf Longos -, und nun eroberte die Schäferdichtung Italien und Europa. Das Bild einer arkadischen Traumlandschaft und arkadischer Hirten bemächtigte sich der ganzen gebildeten Welt (vermutlich hätte es übrigens ohne die Ergänzung des antiken Hirten durch den pastor angelicus den europäischen Erfolg des Pastoralromans nicht in diesem Ausmaß gegeben). Nachdem J. Sannazaro seine ,,Arcadia" geschrieben hatte, die allein im 16. Jahrhundert 59 Auflagen erlebte, gehörte die namentlich durch Theokrit und Vergil angeregte und aus ihnen gespeiste Hirtendichtung zum festen Bestand der Literatur aller Länder. Besonders zwei Werke wurden gefeiert, das Schäferspiel "Aminta" des Torquato Tasso (1573) und das Hirtendrama "1.1 pastor fido" von Guarini (1590), das Goethe noch gekannt hat. In Sannazaros Werk ist uns nun die erste Nachwirkung des Longos im Westen greifbar 5. Auch viele pastorale Dramen der italienischen Literatur sind, vielleicht in Nachahmung des Longos, auf Aussetzung und Auffindung von Kindern gegründet. - Einfluß des Longos zeigt sich auch in Boccaccios "Ninfale Fiesolano" (1344-1346).

In Spanien finden sich bereits im Amadis-Roman einzelne pastorale Züge. Eine auffallende Ähnlichkeit besteht dann zwischen dem ,,Dialogo entre el Amor y un Caballero viejo" von Rodrigo dc Cota (etwa 1405-1470) und der Philetas-Episode bei Longos 6. Der Portugiese Jorge de Montemayor (1520-1561) schrieb in der Nachfolge von Guarini und Sannazaro einen mit lyrischen Partien durchsetzten Prosaroman "La Diana enamorada" (1542? 1559); sein Werk wurde fortgesetzt von Alonso Perez (1564), bei dem ebenfalls der Einfluß des Longos spürbar ist. Montemayors Werk wiederum ahmte Cervantes in seinem Schäferroman Galatea" (1585) nach, den Dunlop [scil.: J. C., History of Prose Fiction, New edited by H. Wilson, vol. 1.2, London 1896] (2, 377) eines der langweiligsten und zugleich ergötzlichsten Bücher der Welt genannt hat; direkter Einfluß des Longos ist nicht nachgewiesen. Longos' Spuren folgt aber Lope de Vega mit seinem Roman ,,Arcadia" (15 98), dem er eine gleichnamige Komödie folgen ließ. - In der Neuzeit hat Juan Valera durch seine Übersetzung (1880) wieder zur Kenntnis des Longos in Spanien beigetragen.

In England setzte sich der Schäferroman in der Elisabethanischen Zeit durch. Philip Sidney schrieb 1580 seine ,,Arcadia" (veröffentlicht 1590), die Verwandtschaftmit dem Typ des griechischen Romans aufweist; denn Schiffbruch und Entführung gefährden das Glück des liebenden Paares. Im Jahre 1583 wurde dann Montemayors "Diana" zum erstenmal ins Englische übersetzt. Seit 1587 läßt sich die Nachwirkung des Longos in England mit Sicherheit nachweisen. In diesem Jahre gab Angel Day die Übersetzung von Amyot in englischer Bearbeitung heraus, aber in sehr breiter Form; er brachte immer dann Änderungen oder Erweiterungen an, wenn ihm eine Stelle der Ausschmückung würdig erschien 7. Er hat schon die Lücke im ersten Buch auszufüllen versucht; auch sonst ergänzte er Longos mehrfach durch eingestreute Lieder, die er Daphnis singen ließ, oder durch weit ausgesponnene Reflexionen der handelnden Personen 8. Nun war Longos bekannt, und Robert Greene hat aus dieser neu erschlossenen Quelle in seiner 1588 erschienenen Geschichte ,,Pandosto, or Dorastus and Fawnia" und in dem Roman "Menaphon" mit dem Nebentitel "Greene's Arcadia" (1589) geschöpft. Von besonderer Bedeutung ist aber das Weiterleben einiger Motive aus Longos bei Shakespeare, der Greenes ',Pandosto" und Days Übersetzung gekannt haben wird. Im "Wintermärchen" (3, 3) wird die Geschichte von der Jagd der jungen Methymnäer (Longos 2, 13) nachgeahmt, indem durch eine Jagd der Bär aufgescheucht wird, der den Antigonus zerreißt. Zugleich werden zwei Schafe von dem Hügel, auf dem sie weiden, zum Meere hinabgetrieben. Auf der Suche nach ihnen findet der Hirt das am Strande liegende Kind und die mit ihm ausgesetzten Schätze (vgl. Longos I, 2.5). Er nimmt es zu sich und will es heimlich aufziehen (vgl. Longos 1, 6). Auch die 4. Szene des 4. Aktes ist reich an Einzelparallelen, und am Schluß (5, 2) erfolgt auch hier die Entdeckung der Abkunft mit Hilfe der Beigaben im Augenblick höchster Gefahr (vgl. Longos 4, 19. 30; Einzelnachweise bei Wolff 448 ff.). - Die Hirtenspiele selbst bleiben in England noch das ganze 17. Jahrhundert hindurch in Blüte; das letzte Drama dieser Gattung, "The gentle shepherd" des schottischen Di'chters Allan Ramsay (1725), verdankt Longos die Anregung (Dunlop 1, 74).

Frankreich kannte schon früh bukolische Dichtung in den provenzalischen Pastourellen der Troubadours oder bei Adam de la Halle (13. Jahrhundert) in seinem Schiferspiel Robin und Marion ("Le jeu de Robin et de Marion", um 1283). Einfluß von Longos liegt hier nicht vor. Spuren solchen Einflusses finden sich erst in der brühmten ,,Astrée" von Honoré d'Urfé (1568-1625). Von d'Urfé an beherrscht die Schäferdichtung weite Gebiete der Literatur, und besonders gegen Anfang des I6. Jahrhunderts dominiert sie völlig. Sogar die Epistel, das Epigramm, die Romanze, kurz, alles schildert den Schäfer, alles lacht, tändelt und scherzt in arkadischer Weise (Broglé, 2 [sil.: H. Broglé, Die französische Hirtendichtung in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, Diss. Leipzig 1903, 2]). Einfluß des Longos auf diese Dichtung ist nicht unwahrscheinlich (Amyot!). - Neuen Auftrieb erhielt dann die erstarrende Pastoraldichtung in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts durch die "Idyllen" Salomon Geßners, die in Frankreich stark wirkten, so bei N. G. Leonard ("Idylles morales" 1766; "Poésies pastorales" 1771) und anderen Dichtern. Durch Geßners Vermittlung mag hier mitunter auch Longos eingewirkt haben. - In J. F. Marmontels Erzählung "Annette et Lubin" (1761) erinnern Einfalt und Unschuld der Liebenden an Daphnis und Chloe.

Rousseau war von Geßner begeistert und schrieb (24. 12. 1761), Geßner sei ein Mann nach seinem Herzen. Im 2. Teil der ',Nouvelle Héloise" (1761) schildert er eine Art von idealem Arkadien (vgl. auch August Buck, Vorromantik und Rückkehr zur Antike in der europäischen Literatur des 18. Jahrhunderts, Arcadia I, 1966, 5-18, bes. 12). So wurde er im Verein mit Longos zum Vorbild für J. H. Bernardin de Saint-Pierre. Im 4. Buche seiner "Études de la nature" schildert die Erzählung "Paul et Virginie" (1787) das einfache und natürliche Leben zweier Kinder vor dem Hintergrund einer romantischen Tropenlandschaft. Die Szenerie in südlichem Klima und die naiven Passionen der jungen Liebenden trugen der Idylle den Beinamen "Le Daphnis et Chloe francais" ein.

Das 19. Jahrhundert zeigt die Einwirkung des Longos auf die französische Literatur bei Ferdinand Fabre, der für seinen ländlichen Roman "Le chevrier" (1868) die Sprache der Longos-Übersetzung Amyots von 1559 wählte, deren Lektüre er auch die Anregung zu seiner Erzählung verdankte (Dalmeyda XLV). François Dejoux (Louis Lautrey) goß den Roman des Longos in Verse um (1895). Wie sehr Anatole France den Roman schätzte, zeigt seine Einleitung zu einer Ausgabe der Übersetzung von Amyot-Courier (1875). Schließlich weisen noch die bekannten "Chansons de Bilitis" von P. Louys (1895) Reminiszenzen an Longos auf 9.

In Deutschland hielt die Bukolik erst im Barock ihren Einzug. So übertrug Hofmann von Hofmannswaldau den "Pastor fido" von Guarini ins Deutsche (1679). Georg Philipp Harsdörffer stiftete zu Nürnberg 1644 den Orden der Pegnitzschäfer und schrieb eine Menge von geschraubten Schäferpoesien. Besonders pflegten auch Weckherlin und Opitz die deutsche Hirtenpoesie nach ausländischem Muster (Schäferliche Liebeslieder, Eklogen usw.). All das gehört aber höchstens mittelbar zum Nachleben des Longos; man bildete eben die ausländische Hirtendichtung nach. Ob die Longosübersetzung von Wolstand (1615) irgendwo gewirkt hat, kann ich nicht sagen.

In der Aufklärungszeit suchte J. Chr. Gottsched, der selbst einige Hirtengedichte und ein Schäferspiel schrieb, auch den Schäferroman zu fördern, indem er ein Exzerpt aus Longos anfertigte, das er in seiner Wochenschrift "Der Biedermann" veröffentlichte (Leipzig 1728/29). Auch Gottscheds Nachfolger trieben Hirtenpoesie, aber schon in derselben unnatürlichen Steifheit wie die zeitgenössische französische Dichtung.

Einen Höhepunkt der europäischen Schäferdichtung bedeuten aber die Prosaidyllen des Schweizers Salomon Geßner. Zu seinem ',Daphnis" (1754 anonym erschienen) gab den Stoff der Roman des Longos, den er in der Bibliothek seines Vaters in Amyots Übersetzung fand, und auch in den "Idyllen" (1756-1772) weisen die idealisierende Auffassung der Hirten und mancher Einzelzug auf Longos hin. Geßners Wirkung war bedeutend. Sein Einfluß auf die französische Literatur ist schon geschildert; von Frankreich aus wurde Geßner auch nach England, Italien, Spanien und Portugal getragen. Neben den vielen begeisterten Stimmen über Geßner steht aber schon das Verdammungsurteil Herders, der Geßner am echten Theokrit maß.

In Deutschland wies später Wieland in seinem "Attischen Museum" (1796-1803. 1805 -1811) ausführlich und sehr lobend auf Longos hin und räumte ihm programmatisch einen Platz an der Seite der attischen Schriftsteller ein. Über Goethes Hochschätzung des Romans ist schon gehandelt. Darüber hinaus kann man vielleicht auch in seinem Werke Anregungen durch Longos vermuten, so in der Idylle ,,Hermann und Dorothea" (1796-1798), im "arkadischen Lied" im 2. Teil des Faust (9526ff.)10 und im Gedicht zu Tischbeins 6. Idylle. Überhaupt ist der deutschen Klassik der arkadische Gedanke nicht fremd; Schillers Hirten z. B. sind reine "Arkadier", und das Mädchen von Orleans befindet sich anfangs in einem Arkadien (Horst Rüdiger, Schiller und das Pastorale, Euphorion 53, 1959, 229-251).

Die Romantik brachte ein neues, anderes Naturgefühl, und im 19. Jahrhundert schwinden pastorale Themen nahezu völlig aus der Literatur. Die Dorfgeschichte löst das Pastoral ab. Nicht einmal Eduard Mörike, der durch seine Theokrit-Übersetzung mit der Bukolik vertraut war und durch Hermann Kurz (Brief vom 1837) nachdrücklich auf Longos hingewiesen wurde, gönnt bukolischen Themen Eingang in das Biedermeier-Milieu seiner Idyllen. Nur Geßners "Idyllen" wirken bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts weiter. Im "Grünen Heinrich" von Gottfried Keller besteht die Bibliothek des Pfarrers aus "einigen französischen Schäferromanen und Geßners Idyllen". Wilhelm Raabe hat Geßners eingedeutschtes Ideal von "Daphnis und Chloe" zur symbolischen Mitte seines Altersromans "Hastenbeck" (1899) gemacht und die Liebe von Daphnis und Chloe unter deutschem Himmel erneut 11.

In unserem Jahrhundert hat der Roman des Longos noch L. Grommer zu einer Nachdichtung angeregt (1923), und bekannte Schriftsteller haben Übersetzungen von "Daphnis und Chloe" herausgegeben: Paul Ernst (1917), Albert Ehrenstein (1924), Alexander v. Gleichen-Rußwurm (1925). Gerhart Hauptmann ahmt in seinem "Ketzer von Soana" Longos ganz sicher in Einzelheiten wie in der Gesamtauffassung der Handlung nach; vgl. Hermann Reich, Mimus und Mysterium im antiken Roman, Die Literatur 26, 1924, 705-710 und meine Anmerkung zu 4, 14. Im übrigen hat die sentimentale Heimatliteratur und zum Teil der Film die Funktion der Schäferpoesie übernommen. In der Tat hat der griechische Film "Junge Aphroditen" des Regisseurs Nicos Koundouros (1963) den Roman des Longos wiederaufgenommen und dabei die Idyllen des Theokrit in die Handlung in einem griechischen Fischerdorf eingearbeitet. Ein moderner japanischer Roman ',Shio Zai" (1953; deutsche Übersetzung "Die Brandung" 1959) von Yukio Mishima verlegt die Handlung ebenfalls ins Fischer- und Tauchermilieu (Elisabeth Frenzel, Stoffe der Welliteratur, Stuttgart 1962, 120). Der jugoslawische Erzähler Hamza Humo schrieb eine Daphnis- und Chloe-Erzählung "Trunkener Sommer".

Auch die bildende Kunst erhielt Anregungen von Longos. So sind aus früheren Jahrhunderten namentlich folgende Darstellungen von Daphnis und Chloe bekanr, Von Paris Bordone (1500-1571), Gemälde (London, National Gallery). Aus dem niederländischen Barock 12 die Kupferstichfolge von Crispyn de Passe zur Longos-Übersetzung von Marcassus (Paris 1628); Caspar Netscher (1639-1684), Gemälde (Braunschweig, Galerie); Pieter van der Werff, Gemälde 1713 (Potsdam, Sanssouci). Mehrfach sind auch Motive aus Longos auf französischen Bildteppichfolgen 13 verarbeitet. So wurden im 18. Jahrhundert die Buchillustrationen des Regenten Philipp von Orleans und Ch. Coypels von 1714 auf vier Teppiche übertragen; eine Reihe von acht Teppichen stammt aus Entwürfen von Etienne Jeaurat (1738-1742), eine weitere Teppichfolge von Francois Roby de Fauraix (1783).

Im 19. Jahrhundert, als die Blüte der Schäferpoesie längst vorüber ist, steigt merkwürdigerweise die Zahl der Darstellungen nach Longos: François Gérard, Bildfolge zur Buchillustration (1800; öfters wiederholt), auch ein Gemälde (1824; Paris, Louvre), danach ein Stich von Richomme; besonders beliebt waren die Stiche von Prudhon zur Illustration der Didot-Ausgabe (Paris 1802), die noch oft wiederholt sind (Paris 1862; 1874 zusammen mit Eisen, 1881 mit Gérard; London 1890 mit Gérard und Philipp von Orleans); Louis Hersent, Gemälde 1817 ,,Daphnis zieht Chloe einen Dorn aus dem Fuß"; danach Kupferstiche von Laugier und Antoine François Gelée und Porzellanmalerei von E. Pastier um 1831; J. Albries ,,Daphnis lehrt Chloe die Hirtenflöte spielen" (1822), danach Stich von A. Blanchard (1825); Hamon 1847; Bonnegrace 1857; Bouterwek 1868; Emile Levy: zahlreiche Bilder (1864. 1869), Buchillustrationen zu einer Ausgabe (Paris 1872). - Corot, zu dessen liebsten Autoren Longos zählte, hat viele Motive aus ihm entnommen; Dalmeyda (XLIV) führt folgende Werke an: 1845 Daphnis und Chloe, 1846 Der kleine Schäfer mit der Flöte, 1848 Das Bad des Schäfers, 1850 Die Tänze der Schäfer usw.

An Skulpturen seien genannt die Werke von Cortot (Paris, Louvre), Chaponniêre (1831), Paul Gayrard (1833. 1847), Jos. Brian (1859), Jules Dalou (1869).

Besonders zahlreich sind natürlich die Buchillustrationen zu Longos. Hingewiesen sei auch auf die Zeichnungen Salomon Geßners mit Themen aus der Welt von Daphnis und Chloe, die den bibliophilen Ausgaben seiner "Idyllen" zur Illustration beigegeben sind. Im folgenden führen wir Illustrationen zu Übersetzungen des Longos auf: Paris 1779 (Kupferstiche); L. Barthe, 43 Stiche (Paris 1862); Eisen, Vignette (Paris 1863; zusammen mit Prud'hon, Paris 1874); H. Scott, Stiche (Paris 1878); P. Avril, Stiche (Paris 1886); L. Rossi, Aquarelle (Paris 1896; zusammen mit Conconi, Paris 1896); Raphael Collin (Paris 1890; London 1896); Ch. Shannon und Ch. Rickett (London 1893); P. Leroy (Paris 1895); H. Le Riche, Sepiastich (Paris 1895); P. Bonnard, Lithographien (Paris 1902; München 1961); John Austen (London 1925); A. Maillol, Holzschnitte (London 1938; Bremen 1966); L. Zack (Monaco 1949); Suzanne Tourte, Holzschnitte (Paris 1949); Marc Chagall, 42 Lithographien (Paris 1965); S. Papassavas, 24 Illustrationen zur Übersetzung von Ph. Sherrard (Athen 1965). - Zu deutschen Übersetzungen gibt es Illustrationen von Chr. Wild (München 1900); vier italienische Holzschnitte des 15. Jahrhunderts (Weimar 1917); Holzschnitte von Renée Sintenis (Hamburg 1939. 1946); von Hanna Nagel (Heidelberg 1947, Augsburg 1956); von Eva Schwimmer (Wiesbaden 1959).

Auch Oper und Ballett wurden durch Longos befruchtet. So vertonte Händel 1712 Guarinis "Pastor fido", und der Stoff von ,,Daphnis und Chloe" selbst wurde vielfach musikalisch bearbeitet; genannt seien: Joseph Bodin Boismortier, Ballettoper (Paris 1747); Chr. Willibald Gluck, Oper ,,Cythère assiégée" (Schwetzingen 1758), deren Libretto von Favart auf Longos beruht; Jean-Jacques Rousseau, Bruchstück einer Oper (aus dem Nachlaß, Paris 1780); Jacques Offenbach, Parodistische Operette (Paris 1860); Ferdinand Le Borne, Pastorale Oper (Brüssel 1885); Henri Paul Busser, Komische Oper (Paris 1897); C. Henri Maréchal, Komische Oper nach Libretto von J. und P. Barbier (Paris 1899); Fernando Liuzzi (1884 -1940), Bühnenmusik zu dem Schauspiel "Dafni e Cloe" von Ercole Luigi Morselli (1882-1923); Nicolai Hansen (1855-1932), Operette, daraus Trio "Pastorale"; A. Ricci-Signorini, Charakterstück für Orchester (1911); E. Nacke, Oper (1913). - Auf das Ballett sind einige weitere Bearbeitungen des Stoffes zugeschnitten: über Boismortier s. o.; Zwischenspiel "Die aufrichtige Schäferin" in P. Tschaikowskis Oper ,,Pique dame" (Moskau 1890); Maurice Ravel, Ballettmusik (Paris 1912); F. Ashton, Ballett ('95'); Leo Spies, Ballettmusik (Berlin 8).

Anmerkungen

1 In diesem Abschnitt durfte ich reiches Material (namentlich die Zusammenstellungen aus den Gebieten der bildenden Kunst und der Musik) aus einer Skizze der Pastoraldichtung von G. Perl übernehmen.

2 O. Hager, De Theodori Prodromi in fabula erotica fontibus, Diss. Göttingen 1908; Dunlop 1, 56. 80.

3 In: De operatione daemonum, ed. J. F. Boissonade, Nürnberg 1838, 48ff. (zitiert nach Schmid-Stählin 2, 824 Anm. 6).

4 D. C. Hesseling, Histoire de la littérature grecque moderne, übers. von N. Pernot, Paris 1924, 7f., vergleicht die gesuchte Einfachheit des Buches mit Longos.

5 M. Scherillo in der Ausgabe der Arcadia von Sannazaro, Turin 1888, CII f.; Zitat nach Schmid-Stählin 2, 825; zu Sannazaro vgl. Heilmuth Petriconi, Das neue Arcadien, Antike und Abendland 3, 1948, 187-200.

6 F. C. Sainz dc Robles, Diccionario de la literatura II, Madrid 1953, 273.

7 Den größten Teil des Folgenden verdanke ich der Arbeit von Wolff.

8 Der hübsche Titel lautet: Daphnis and Chloe. Excellently describing the weight of affection, the simplicitie of love, the purport of honest meaning, the resolution of men, and disposition of Fate, finished in a Pastorall, and interlaced with the praises of a most peerlesse Princesse (gemeint ist Elisabeth) etc. By Angell Daye. Altior fortuna virtus. At London, printed by Robert Waldegraue, and are to be sold at his shop in Paules Churchyard at the signa of the Crane. 1587.

9 Vgl. U. v. Wilamowitz-Moellendorff, Sappho und Simonides, Berlin 1913, 68.

10 Vgl. G. Rohde 24f. 35.

11 H. Pongs, Das kleine Lexikon der Weltliteratur, 2. Aufl. Stuttgart 1956, 344. - Übrigens kannte A. von Droste-Hülshoff den Roman des Longos, vgl. Stemplinger-Lamer, Deutschtum und Antike, Leipzig 1920, 104. - Merkwürdig auch, daß "Onkel Toms" Frau Chloe heißt.

12 A. Pieler, Barockthemcn, Bd. 2, Budapest 1956.

13 H. Gobel, Die Wandteppiche und ihre Manufakturen in Frankreich usw., Bd. 1, Leipzig 1928.


LV Gizewski WS 2004/2005

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .