Vorwort

zum Skript Gizewski, Antike Geschichte im Spiegel antiker Erzählkunst.


Das WWW-Skript 'Antike Geschichte im Spiegel antiker Erzählkunst' ist aus einem Begleit-Skript für die Vorlesung und Übung 'Antike Geschichte antiker Romane' im WS 2004/2005 entstanden und wird hier zur Nachbearbeitung des Stoffs für die Lehrveranstaltungsteilnehmer, aber auch für andere Interessenten in der weiten Welt des Internet bereitgestellt.

Die Veränderung des Skript-Titels gegenüber dem der Lehrveranstaltung soll zum einen darauf hinweisen, daß es die literarische Gattung 'Roman' in der Antike noch nicht gibt, d. h. der philologischen Begriffsbestimmung nach noch nicht existiert, wohl aber als facettenreichen Typus erzählender Literatur. Zum anderen soll damit angedeutet werden, daß die antik-wissenschaftliche Geschichtsschreibung und das kunstvoll-fiktionale litererarische Erzählen, zu dem auch die romanartige antike Erzälliteratur gehört, einen gemeinsamen kultur- und geistesgeschichtlichen Ursprung in den alten Gatungen des poetischen 'Epos' und der prosaischen 'Historie' haben.

Allerdings gingen die strikt quellenbezogene, wahrheits- und beweisverpflichtete antike Weise antiker Geschichtsschreibung in eine völlig andere Entwicklungsrichtung als die romanartig-fiktionale Weise antiker Unterhaltungserzählung.

Doch sind trotz aller Unterschiede einige Gemeinsamkeiten geblieben

Das gilt z. B. für die Affinität von 'Drama' und 'Pragma' bei der antiken 'dramatischen' Kunst, der das Erzählen, wie später auszuführen ist, zugeordnet werden muß, einerseits, und der 'pragmatischen' Geschichtsschreibung andererseits.

Ferner kann die antike Romanerzählung trotz aller Fiktionalität nicht ohne Verankerung in historischer Realität - etwa der Sprache, der Religion und Geisteskultur, der Alltagskultur und auch gewisser geschichtlicher Szenarien - auskommen, nämlich überall da, wo es nicht um dramaturgische Verdichtung und Spannungssteigerung, sondern um Wiedererkennbarkeit, realitätsgerechte Typiserung, handlungsleitende Ideen und Überzeugungen geht.

Mit Rücksicht darauf war es Zweck der Lehrveranstaltung, an einem begrenzten Kreis antiker Erzählliteratur zu untersuchen und darzustellen, welchen allgemeinhistorischen Quellenwert er trotz der charakteristischen Fiktionalität des Erzählens habe.

Die Erzählliteratur der Antike, die man unter dem Oberbegriff 'romanartig' zusammenfassen kann, ist einerseits überschaubar, andererseits in bestimmter Hinsicht durchaus quellentauglich, wenn auch nur bei angemessener Quellenkritik. Sie ist wegen ihrer - in der Tradition der Komödie stehenden - Alltagsnähe einerseits eine Fundgrube für verschiedenartigste Quellenbelege antiker Alltagssprache und Alltagszivilisation, zum anderen eine besonders geeigneter Einstieg in die Gedanken- und Empfindungswelt einer antiken Romanleserschaft mit ihren einerseits anspruchsvollen, andererseits trivialen Unterhaltungs. und Selbstreflexionsbedürfnissen; sie ist insoweit also von 'mentalitätsgeschichtlichem' Quellenwert. Ein dritter allgemeinhistorisch untersuchenswerter Aspekt ist die Bedeutung antiker 'Romanliteratur' für die Tradition und Rezeption antiker Kultur in späteren Epochen.

Diesen Schwerpunkten des Interesses entsprechend wurden Lehrveranstaltung und Skript aufgebaut. Auf einen Einführungsteil (Kap. 1 und 2), folgt in Teil II die Untersuchung und Darstellung mentalitätsgeschichtlich interessanter Motivschwerpunkte antiker Romanliteratur (Kap. 3 - 7), in Teil III (Kap. 8) eine Erörterung religions-, kultur- und zivilisationsgeschichtlich interessanter Quellenaspekte und in Teil IV (Kap. 9) die Auseinandersetzung mit einigen - recht verschiedenartigen- Aspekten der Wirkungsgeschichte antiker Romanliteratur in Mittelalter und Neuzeit.

Jedes Kapitel enthält eine Übung und eine Übersicht über verwendete Literatur, Medien und Quellen. Die Übungsaufgaben sind über Querverweise stets mit kurzen Lösungshinweisen verbunden. Weitere nützliche Zusätze möge der Leser selbst entdecken.

Christian Gizewski, im März 2005.


LV Gizewski WS 2004/2005

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .